Leben

„Ich bin doch schon lange wiedergeboren – in meinen Nachkommen!“ Mein Opa lächelt und lehnt sich zurück. „Ich seh’ mich ja jetzt schon aus ihren Augen an.“ Wer schaut wen an?

Wir sitzen auf dem Sofa im Wohnzimmer meiner Großeltern. Hinter ihm an der Wand hängen die Bilder seiner acht Kinder, achtzehn Enkel und zwei Urenkel. Das macht 28 Augenpaare, aus denen Opa sich selbst sieht?

„Für mich gibt es keinen echten Tod. Bei der Zeugung bildet sich aus den Zellen von Frau und Mann der neue Organismus, so leben die Stammzellen weiter. Da entsteht ein neuer Mensch und zugleich bleibt das Leben am Leben. Unsere Nachkommen haben unser Leben übernommen.“
Deshalb bin ich heute hier. Also nicht nur, weil es mich ohne meine Großeltern nicht gäbe, sondern weil ich während der Redaktionskonferenz zum Thema Reinkarnation an meinen Opa gedacht habe und an seine Auffassung von Wiedergeburt. Also bin ich nach Schwaben gereist, um meine Familie zu interviewen. Was meint Opa genau damit? Und was sagen seine Nachkommen zu der Idee, seine Wiedergeburt zu sein?
„Ich bin nicht seine Reinkarnation.“ Meine Mutter runzelt die Stirn. „Kinder sind völlig neue Geschöpfe. Auch ihr seid ganz anders zusammengesetzt und tickt anders als ich. Vielleicht habt ihr ein paar Sachen von mir übernommen, aber das ist kein Teil von mir. Ich sehe euch als eigene Personen und habe nicht den Anspruch, etwas weiterzugeben.“

 

„Meine Seele, also mein Wirken und meine Lebensinhalte, segelt als laues Lüftchen im Weltraum herum, verdünnisiert sich und ist dann weg.“

 

Während sie von meinen beiden Schwestern und mir spricht, überlege ich, was ich von ihr übernommen habe. Die Idee vom Tod ist es nicht. In ihrer Vorstellung endet damit alles. „Ich glaube nicht, dass ich irgendwo wieder auftauche nach dem Tod. Ich fliege in ein helles Licht. Von meinen Gedanken und meiner Hirnfunktion bleibt nichts. Meine Seele, also mein Wirken und meine Lebensinhalte, segelt als laues Lüftchen im Weltraum herum, verdünnisiert sich und ist dann weg. Meine leibliche Asche kommt an die Wurzel eines Baumes, der die letzte Energie daraus zieht. So habe ich am Schluss noch ein gutes Werk getan.“ Was von ihr bleibe, sei nur die Erinnerung, die noch ein, zwei Jahrzehnte in ihren Nächsten bestehe und dann verschwinde, zusammen mit den Fotos, die irgendwann auf dem Müll landen.
Das Nichts nach dem Tod? Leben als einmaliges Aufpoppen eines Bewusstseins in der Zeit ohne größeren Zusammenhang? Ich frage sie, was ihrem Leben Sinn gibt.
„Damit es nicht so trostlos wird, hab’ ich mir viel ausgedacht, was Freude macht: meine Kinder und Enkel unterstützen, anderen helfen, Neues probieren, mich an Schönem erfreuen und Zufriedenheit entwickeln mit dem, was ich habe. Ich bin rundum zufrieden. Mir geht’s gut mit dem Tod.“
Das sagt auch mein Großvater mit seinen 89 Jahren. Bei ihm ist es die Vorstellung der Wiedergeburt in den Lebenden, die seine Aussicht aufs Sterben erleichtert. Das Thema Tod rückt näher, seit Krankheiten und körperlicher Abbau den Alltag immer beschwerlicher machen.
Opa hat schon alle Geschwister und viele seiner Freunde beerdigt. Der ehemalige Landwirt, der viel gereist und im Krieg um die halbe Welt gekommen ist, hat in den letzten Jahren an Bewegungsradius verloren. Glücklich bricht er noch jeden Morgen zu einem vorsichtigen Spaziergang durchs Dorf und über die Felder auf. Eine Reise zu mir nach Wien geht nur noch in Gedanken.
Meine Großmutter legt Familienfotos auf den Tisch. Auf einem Bild aus dem Jahr 1959 sitzen die ersten sechs ihrer Kinderschar in der Badewanne. Jeden Samstag wurde der Ofen eingeheizt und alle kamen in die Wanne. Wir betrachten das alte Foto und mein Großvater erzählt von den Ähnlichkeiten, die er in seinen Kindern entdeckt. „Deine Mutter ist mir am ähnlichsten – im Körperbau, aber auch im Verhalten. Ihre Art, Kinder zu erziehen, und auch die Rechthaberei hat sie von mir.“ Er grinst. „Ich meine das positiv als ein Wissen, das sich auf Erfahrung gründet. Und sie kann sich wie ich mit schwierigen Situationen abfinden und sie überwinden.“

 

„Ich habe von meinen Eltern nur übernommen, was ich gut fand.“

 

Am nächsten Tag sitze ich mit derselben Frage vor meiner Mutter. „Ich habe von meinen Eltern nur übernommen, was ich gut fand. Von meinem Vater die Wissbegier, die Experimentierfreude und die Stärke, meinen eigenen Weg zu verfolgen, auch wenn es anderen nicht unbedingt passt. Und eine gewisse Art Diplomatie. Er konnte sich gut im Hinterkopf Schachzüge überlegen, wie er bei Verhandlungen zu seinem Ziel kommt, ohne dass die anderen es merken.“
„Ich habe nichts von Opa übernommen. Auf jeden Fall nicht seine Idee von Reinkarnation.“ Meine Schwester lacht. „Das finde ich merkwürdig, als ob wir leben, damit Opa weiterleben kann.“ Meine kleine Nichte Emilia turnt auf ihrem Schoß herum, während meine Schwester sich überlegt, dass sie nach Opas Definition dann ja auch schon wiedergeboren wäre. „Emilia bin nicht ich. Sie hat natürlich Erbanlagen von mir und Dinge, die ich ihr anerzogen habe, aber sie ist eine eigene Persönlichkeit. Ich will mich nicht in ihr wiedererkennen. Ich finde interessanter, dass sie ein neuer Mensch ist.“

 

„Die Leute glauben an Wiedergeburt, weil sie sich so toll vorkommen und sich für besonders halten.“

 

Auch meine Schwester glaubt an das Ende mit ihrem leiblichen Tod. „Ich denke, dass nur noch meine Seele herumschwirrt und meine Lieben begleitet.“ Was sie mit Seele meine? „Die Gedanken der Lebenden an mich. Wenn keiner mehr an mich denkt, dann bin ich weg.“ Mit dieser Vorstellung könne sie gut leben. Auf die Frage, warum es sie gäbe, sagt sie: „Weil Mama mich geboren hat. Das ist Zufall.“
Die beiden reden über ihre Ähnlichkeiten.
„Von dir habe ich übernommen, dass ich es immer sauber haben will, dass ich nach außen perfekt sein will und den eigenen Leistungsanspruch“, sagt meine Schwester. Es seien Mamas und sogar Omas Stimme, die sie dabei in ihrem Kopf höre. Meine Mutter erzählt, dass sie das wohl selbst unbewusst von ihren Eltern übernommen habe.

„Meine Theorie ist ja fatal für die katholischen Geistlichen. Wer sich nicht fortpflanzt, für den endet es mit dem Tod.“

Ich höre meinen Großvater wieder, der mir gestern erzählt hat, wie Eltern durch Erbgut und Vorbild die Kinder prägen. „Was meine Nachkommen von mir bekommen haben, bleibt – das Rezept in den Stammzellen und Chromosomen. Ich hatte als Bauer Hunderte Neugeborene in der Hand, Kälbchen, Ferkel, Lämmer, Fohlen, und habe mich immer gefragt, was sie schon können und wo sie das herhaben.“ Ob er deshalb acht Kinder bekommen hat, um das eigene Weiterleben in ihnen zu sichern? Auf jeden Fall wäre ein Beruf für ihn nicht infrage gekommen: „Meine Theorie ist ja fatal für die katholischen Geistlichen. Wer sich nicht fortpflanzt, für den endet es mit dem Tod. Da hilft das Heilsversprechen der Kirchen nicht.“
Meine Oma mischt sich ein: „Aber was ist mit den vielen jungen Leuten, die sterben? Die sind doch nicht einfach weg!“ „Natürlich sind sie weg“, unterbricht sie mein Großvater. „Die Welt geht verloren im Tod. Was die Welt ausmacht, habe ich von den lebendigen Sinnen. Wenn sie nicht mehr sind, verschwindet die Welt und damit ich.“
Zurück in Wien sitze ich vor den Interviews mit meinen Lieben. Eigentlich sind sie sich in vielem einig: Das eigene Bewusstsein endet mit dem Tod, Erinnerungen überleben in den Nachkommen, so lange sie erinnert werden. Elterliche Werte, Verhaltensweisen und Einstellungen bleiben in Kindern und Enkeln lebendig. Kinder sehen sich allerdings ungern als Wiedergeburt der Eltern und was mein Opa sagen würde, hätte sein eigener Vater ihn als seine Reinkarnation bezeichnet, bleibt offen. Der Urgroßvater ist vor 45 Jahren gestorben. Die kleine Emilia hat sich in meiner Recherche einer Stellungnahme enthalten. Während des Interviews mit den beiden Großen hat sie nur fröhlich gelacht und gequiekt.
Worin sich alle sicher waren – ob nun unabhängig voneinander, vererbt oder übernommen –, keiner der drei glaubt an Reinkarnation im spirituellen Sinn als ein Wiedergeborenwerden in neuem Körper und anderem Zusammenhang.

 

„Ich denke, dass nur noch meine Seele herumschwirrt und meine Lieben begleitet.“

 

„Die Leute glauben an Wiedergeburt, weil sie sich so toll vorkommen und sich für besonders halten. Ihr einzigartiges Wissen wollen sie sich woanders weiterentwickeln sehen.“ Meine Mutter schüttelt den Kopf. Und dann bringt sie Dilemma und Möglichkeit der Frage auf den Punkt: „Sollen sie mal glauben! Es weiß ohnehin keiner, wer recht hat.“

 

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