Leben

Burma, dieses wunderschöne und faszinierende buddhistische Land in Südostasien, das heute wieder den alten Namen Myanmar trägt, beschäftigt seine Freunde und die Welt in den letzten Jahren immer wieder. 1988 gab es eine breite gewaltfreie Demokratiebewegung gegen die 1962 durch einen gewaltsamen Putsch an die Macht gekommene sozialistische Militärregierung. Der Widerstand war von den Mönchen der Klosterhochburg Sagaing bei Mandalay ausgegangen, griff auf die Studenten über und erfasste schließlich die große Mehrheit des Volkes.

Im weiteren Verlauf erlangte 1990 bei einer von den Militärs zugelassenen freien Wahl Aung San Suu Kyi mit der von ihr gegründeten National League for Democracy (NLD) eine überwältigende Mehrheit. Dabei war sie erst zu Beginn der Unruhen nach vielen Jahren des Exils in England in ihre Heimat zurückgekehrt, um ihre sterbende Mutter zu pflegen. Doch ‚die Lady’, wie sie in Burma seither genannt wird, ist nicht irgendeine Person, sie ist die Tochter des Anführers der burmesischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die Briten und Staatsgründers Aung San, der 1948, ein Jahr nach seiner Amtseinführung, von rivalisierenden Militärangehörigen ermordet worden war. Mit ihrer Entschlossenheit und ihrem Eintreten für Gewaltfreiheit wurde seine Tochter in kurzer Zeit zur gefeierten Sprecherin der Demokratiebewegung. Das Militär verhinderte die Präsidentschaft Aung San Suu Kyis durch einen neuen Putsch, stellte sie unter Hausarrest und verfolgte, verhaftete, folterte und tötete viele Zehntausende Mönche, Studenten und Zivilisten.

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Für weitere 20 Jahre unterwarfen die Generäle und ihr allgegenwärtiger Geheimdienst das Land einer eisernen, totalitären Herrschaft mit zahllosen Menschenrechtsverletzungen. Während sich der abgeschlossene Zirkel der führenden Militärclans schamlos bereicherte und von obskuren Astrologen lenken ließ, verarmte die Bevölkerung immer mehr, verrottete die soziale Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung, Bildungswesen, Gesundheitsversorgung, Straßen, Telekommunikation und geriet das Land immer mehr ins politische und ökonomische Abseits. Im Jahr 2007 lief das Fass des Erträglichen über. Zehntausende Mönche gingen plötzlich in mehreren Städten stellvertretend für die leidende und rechtlose Bevölkerung auf die Straße. Als der Protest immer mächtiger wurde und die Mönche offen ihre Solidarität mit der immer noch unter Hausarrest stehenden, inzwischen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Aung San Suu Kyi zeigten, schlug das Militär auf gewohnte Weise, mit brutaler Gewalt, zurück. Erstmals wurde direkt auf Mönche geschossen, zahlreiche Klöster wurden gestürmt und zerstört, die Bhikkhus geschlagen und auf LKWs mit unbekanntem Ziel abtransportiert. Von vielen ist bis heute nicht bekannt, wo sie geblieben sind. Es ist mit Tausenden Ermordeten zu rechnen. Mit diesem Vorgehen hatten die Militärs jedoch endgültig jeglichen Rückhalt im Volk verloren. Sie hatten ein Tabu gebrochen, eine Grenzüberschreitung begangen, die ihre langjährigen Bemühungen, sich als Wohltäter und Förderer des einheimischen Theravada-Buddhismus in Szene zu setzen, Lügen strafte. Den Umsichtigeren und Liberaleren unter den Generälen muss da bewusst geworden sein, dass es so nicht weitergehen konnte.UW85SPIR-Burma im Zwiespalt2

Plötzlicher Wandel
Ein Jahr nach den Mönchsprotesten wurde Burma von einem Wirbelsturm (Zyklon) heimgesucht, der ungeheure Verwüstungen über den Süden des Landes brachte. Ganze Landstriche glichen danach einem Kriegsgebiet. Doch anstatt Hilfe für die Betroffenen zu organisieren, bemühten sich die Militärs, die Tragödie geheim zu halten und zu ignorieren, und lehnten zunächst jede ausländische Hilfe ab. Heute, im Zeitalter der lückenlosen globalen Beobachtung und Vernetzung, ist das aber nicht mehr möglich. Moderatere Kreise innerhalb der Regierung setzten sich durch und ließen in großem Ausmaß ausländische Hilfe und Unterstützung ins Land, auch solche von Buddhisten aus aller Welt. So brachte die Naturkatastrophe erstmals eine politische Öffnung in Gang. Thein Sein, ein ehemaliger General, der schon länger zu den wenigen nicht-korrupten und offeneren Vertretern seiner Zunft gezählt wurde, legte seine Uniform ab und wurde nach einer international als pseudodemokratisch angesehenen Wahl zum Staatspräsidenten einer Zivilregierung.

Im Jahr 2011 überraschte Thein Sein die Weltöffentlichkeit damit, dass er den Hausarrest für Aung San Suu Kyi aufhob und ein hochoffizielles Treffen mit ihr abhielt. Und plötzlich ging alles sehr schnell und höchst erstaunlich. Tausende politische Gefangene wurden freigelassen, die Repression wurde gemildert, Meinungsfreiheit zugelassen, ein Staudammprojekt mit China gecancelt, westliche Politiker eingeladen, wirtschaftliche Reformen durchgeführt, freie Märkte und ausländisches Kapital zugelassen, neue, unabhängige Zeitungen konnten sich gründen, das Internet und die Handy-Kommunikation durften sich entfalten, westliche Mode und Musik waren erlaubt, moderne Autos gab es zu kaufen und erstmals wurden wieder freie Wahlen angesetzt. In deren Verlauf erlangte Aung San Suu Kyi mit ihrer NLD-Partei erneut die überwältigende Mehrheit und konnte mit 22-jähriger Verspätung nun doch in das burmesische Parlament einziehen, wenn auch nur als einfache Abgeordnete. Anschließend durfte sie ungehindert ins Ausland reisen, wurde in aller Welt mit offenen Armen als die Vertreterin Burmas empfangen, hielt in Oslo ihre Rede zur Verleihung des ihr 1991 verliehenen Friedensnobelpreises. Die Mächtigen der Welt geben sich seither bei ihr und dem zum ‚Gorbatschow Burmas’ gekürten Präsidenten die Klinke in die Hand, während das Land atemberaubende Veränderungen erlebt und von allen guten wie auch schlechten Seiten des ‚Modern Lifestyle’, des globalen Marktes und des Tourismus überschwemmt wird.

Hass und Gewalt
Doch in diesem Jahr, 2013, gibt es erstmals wieder negative und erschreckende Nachrichten aus Myanmar zu vermelden. In Arakan, im Nordwesten des Landes, ereignen sich pogromartige Übergriffe seitens der ‚buddhistischen’ Mehrheitsbevölkerung auf die dortige muslimische Minderheit der Rohingya. Es wird von einer Vielzahl an Toten und Verletzten berichtet, Fotos zeigen niedergebrannte muslimische Stadtteile, zerstörte Moscheen, Prügeleien und Hetzjagden auf Moslems. Zehntausende der Verfolgten fliehen ins benachbarte Bangladesch. Die Vorgänge finden weltweit großes Medienecho. Zum ersten Mal stehen nun ‚die Buddhisten’ als Gewalttäter und religiöse Fanatiker am Pranger. Buddhistische Mönche, insbesondere einer aus einem Kloster in Mandalay, der sich äußerlich betont sanft gibt, aber als Wortführer einer obskuren antiislamischen Organisation mit der Bezeichnung ‚969’ auftritt, wird als gefährlicher Hassprediger angeklagt. Etliche große liberale westliche Zeitungen ziehen bereits lautstark den Schluss, dass das westliche Bild über den friedlichen und toleranten Buddhismus grundlegend revidiert werden müsse. Der Buddhismus sei auch nicht besser als alle anderen Religionen.

Abgesehen davon, dass diese Darstellung und Argumentation die gleiche Logik der pauschalen Verallgemeinerung und Kollektiv-Verurteilung übernimmt, der auch jene fanatischen Verfolger ‚Anderer’ und ‚Fremder’ in Burma und anderswo nachgehen, ist die Beurteilung dessen, was da in Burma geschehen ist und noch weiter geschehen kann, nicht einfach und wie immer hochkomplex und vernetzt. Die Ereignisse haben vielfältige Hintergründe und Ursachen. Einer der wichtigsten Gründe ist die Tatsache, dass Burma über 100 Jahre lang britische Kolonie war. Denn der sich etwa 400 Jahre lang über die ganze Welt ausbreitende britische Kolonialismus hinterließ in allen von ihm beherrschten Ländern ein schlimmes und lange nachwirkendes Gift. Genauer gesagt sind es drei:

UW85SPIR-Burma im Zwiespalt3Das Erbe des Kolonialismus
Das Militär
1. Die Vormacht einer gedrillten, machtbewussten und in sich abgeschlossenen Militärclique. Solche Militärkasten fanden und finden wir in allen ehemaligen britischen Kolonien (siehe Ägypten, Libyen, Jordanien, Irak, Pakistan, Sri Lanka, Burma, Afrika). Fast überall spielen sie dort die Rolle eines Staates im Staat. In Burma insofern, als sich die Militärführung vor wenigen Jahren eine eigene, abgeschlossene Stadt (Naypyidaw) bauen ließ.

Teile und herrsche
2. Das römische Herrschaftsprinzip ‚Divide et impera’ (‚Teile und herrsche’) als die wichtigste Machterhaltungstechnik: Man spalte das zu beherrschende Volk und seine Gesellschaft in gegeneinander gerichtete Kräfte, privilegiere Minderheiten, unterdrücke Mehrheiten oder umgekehrt, spiele Ethnien, Religionen und einflussreiche Gruppen gegeneinander aus und sei selber der ‚lachende Dritte’. Verharmlosend nennt man das ‚Politik der Machtbalance’. In allen Staaten, die ehemals britische Kolonien waren, finden wir heute demgemäß ethnische, religiöse und nationale Konflikte (von Nordirland über Israel, die arabischen Länder, Pakistan/Indien bis hin zu Sri Lanka, Burma, Afrika, um nur einige zu nennen). Dazu gehören auch willkürliche Grenzziehungen, die rücksichtslos alte Stammesgebiete und Identitäten durchschneiden. Zudem die Ideologie der Nation als einer homogenen Einheit von Menschen. Sie ist der europäische und britische Kulturexport des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit der Propagierung der Identität von Nation und Religion (Katholiken und Irland, Juden und Israel, Moslems und Arabien, Moslems und Pakistan, Hindus und Indien, Buddhisten und Sri Lanka oder Buddhisten und Burma ...). Das kollektive Ich-Konzept beherrscht heute mehr denn je das politische Denken vieler Menschen und ruft ständig neue Krisen, Konflikte, Kriege und Terrorakte hervor.

In Burma werden heute Nation und Religion als Einheit gesehen. Burmesen sind Theravada-Buddhisten. Wer zu einer anderen Religion gehört, ist nicht wirklich Burmese. Wer nicht ethnischer Burmese ist, ist nicht wirklich Buddhist. Dabei verfügt Burma über rund 135 verschiedene ethnische Gruppen und die Anwesenheit fast sämtlicher Religionen: Theravada- und Mahayana-Buddhisten, Konfuzianer, Hindus, Moslems, Christen, Juden, Animisten und etliche mehr. Und zumeist leben sie friedlich zusammen. Doch seit der Staatsgründung gibt es zwischen der Zentralregierung und den ethnischen und religiösen Minderheiten ständig gewaltsame Konflikte und Kleinkriege. Die zahlenmäßig Großen unter den Minderheiten verfügen seit Jahrzehnten über eigene Armeen, die sich hauptsächlich durch den weltweiten Drogenhandel finanzieren. Bei der nun in die Weltpresse gelangten muslimischen Minderheit der Rohingya im Arakan-Staat nahe Bangladesch handelt es sich um ursprünglich arabischstämmige Einwanderer der letzten 500 Jahre, insbesondere um ehemalige Händler mit eigener Sprache und Kultur. Schon seit Jahrzehnten existiert unter ihnen eine Abspaltungsbewegung für den Anschluss ihres Gebietes an Bangladesch, gegen die das burmesische Militär rücksichtslos vorgeht. Aber auch Bangladesch will die Flüchtlinge nicht aufnehmen. Die derzeitigen Ereignisse sind also keineswegs neu.

Das gleiche Schicksal trifft die buddhistische Minderheit der Shan und die christliche der Karen an der burmesischen Ostgrenze zu Thailand. Auch sie werden seit Jahrzehnten von der Zentralregierung verfolgt, bekriegt und vertrieben und finden auf thailändischer Seite kaum Aufnahme, Versorgung und Schutz. Im westlichen Nachbarstaat Bangladesch geschieht Ähnliches. Davon berichtet die Weltpresse jedoch nichts. Auch weiß im Westen kaum jemand, dass es in Bangladesch eine buddhistische Minderheit von etwa einer Million Menschen gibt, die wohl die letzten Reste des alten indischen Buddhismus darstellen. Es gibt uralte, kaum bekannte Klosteranlagen, bedeutende Meditationszentren und hervorragende Vipassana-Lehrer. Nur einer (besser gesagt: eine) wurde in den letzten Jahren prominenter: Dipa Ma, jene einfache, erleuchtete Hausfrau, die die meiste Zeit in Kalkutta gelebt hatte und Lehrerin etlicher bekannter amerikanischer Meditationslehrer war. Die buddhistische Minderheit der Chakma, Rakhain und Marma lebt vor allem in der östlichen Bergregion Bangladeschs, in den sogenannten Chittagong Hills. Sie werden seit Jahrzehnten massiv von der rasant anwachsenden moslemischen Mehrheit verfolgt und vertrieben: Dörfer werden überfallen, Häuser niedergebrannt, uralte Tempelanlagen zerstört, Buddha-Figuren geraubt und verkauft, Mädchen vergewaltigt oder entführt. Die moslemische Regierung tut nichts für ihren Schutz, sondern bedroht sie zusätzlich. Viele von ihnen fliehen wiederum nach Burma oder nach Indien. Beide Seiten spiegeln sich also gegenseitig.

Geheimdienste
3. Die durchdringende Überwachung und Manipulation des Landes durch allgegenwärtige Geheimdienste. Die britischen Geheimdienste sind berühmt. Die heutige Überwachung des weltweiten Datenverkehrs durch Tempora wurde vor kurzem als noch gigantischer entlarvt als die durch die NSA in den USA. In allen Kolonien hatten die Briten ihre Geheimdienste, auch in Burma. George Orwell, der Verfasser des berühmten Science-Fiction-Klassikers ‚1984’, der darin eine totalitär überwachte und gesteuerte Welt prognostizierte, war Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes in Burma. Und jener existiert dort bis heute fort und hatte das Land bis vor nicht allzu langer Zeit im Griff. Nun droht deren Angehörigen die Kontrolle über das Land zu entgleiten, ja mehr noch, sie werden arbeitslos. Ist es nicht naheliegend, dass sie insgeheim darauf hinwirken, ihre Macht wiederzugewinnen, und zwar mit allen Mitteln der demagogischen und manipulativen Machterhaltung, die sie gelernt und jahrzehntelang praktiziert haben? In zahlreichen Interviews Einheimischer zu den Übergriffen in Burma auf Muslime wurde angemerkt, dass die Scharfmacher und Hauptaktivisten nicht aus ihrer Gegend seien und von anderswoher kämen. Unruhen lassen immer den Ruf nach hartem Durchgreifen, Ruhe und Ordnung aufkommen. Auch das Ausland wird das gutheißen. Wer kann das besser als die alte Herrschaft? Und für 2015 sind allgemeine Parlamentswahlen geplant.

Demokratie braucht Bildung und Weisheit
Angesichts einer Bevölkerung, die bisher nie unzensierte politische Informationen oder demokratische Bildung genossen hat, stattdessen stark von Geisterglauben und brodelnder Gerüchteküche geprägt ist, ist die Gefahr, dass sich auch Menschen von Demagogen verführen und missbrauchen lassen, die in Ländern wohnen, wo der Buddhismus seit Jahrhunderten verbreitet ist, nicht weniger gering als anderswo. Niemand ist schon dadurch, dass er in einem buddhistisch beeinflussten Land lebt, ein Weiser oder Heiliger. Noch vor wenigen Jahren haben wir ähnliche Vorgänge in Jugoslawien gesehen, als sich dort eine jahrzehntelange Diktatur auflöste. Nicht Demokratie, Frieden und Toleranz waren die erste Folge, sondern Bürgerkriege, Religionskriege, ethnische Säuberungen. Dies geschah mitten in Europa. Und wir könnten noch weiter in unsere jüngste eigene Geschichte gehen, um mit unseren schnellen Urteilen bescheiden zu werden.

Umso notwendiger und dringender erscheint es, dass wir nicht in die gleiche Denkart des Fanatismus und der Gegnerschaft verfallen, sondern unüberhörbar und deutlich unsere Stimme gegen jede Art von Feindschaft, Hass, Diskriminierung, Verfolgung, Gewalt, Terror, Mord im Namen von Religion, Ethnie, Nation, Kultur erheben. All das ist völlig unvereinbar mit dem Weg des Buddha, für den die Praxis der Gewaltlosigkeit und des Mitgefühls, die Lehre der Ichlosigkeit und der Nicht-Greifbarkeit (Leerheit) der Phänomene im Mittelpunkt standen. Das geistige und emotionale Anhaften an festen Zuschreibungen und Urteilen wie darüber, was ein Moslem oder Buddhist ist, denkt und tut, zeigte der Buddha als die stärkste Quelle von Gier, Hass und Verblendung und damit von vielfachem menschlichem Leiden und Unheil auf. Burma sollte darum sicher nicht weniger, sondern noch weit mehr buddhistisch werden.

Franz-Johannes Litsch, geb. 1945, ist Initiator des deutschsprachigen Netzwerks engagierter Buddhisten sowie Autor, Übersetzer und Referent zu verschiedenen Themen des allgemeinen und engagierten Buddhismus. Er studierte Architektur und ist beruflich im Umweltbundesamt Berlin tätig. Seit 1962 beschäftigt er sich mit der Lehre und Praxis des Buddha. www.buddhanetz.org

 

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