Leben

Zu Beginn der neunziger Jahre bin ich ein paar Monate durch Indien gereist. Damals erschien eine große indische Tageszeitung mit der dicken Überschrift: ‚Dalai Lama throws a fit.' Übersetzt heißt ‚to throw a fit' etwa: einen Wutanfall hinlegen, sich tierisch aufregen, außer Rand und Band sein, sehr wütend werden und das auch deutlich zeigen.

Was war passiert? Der Dalai Lama kam zurück von einer Auslandsreise und erfuhr auf dem Flughafen, dass einige führende Vertreter seiner Exil-Regierung in Indien verhaftet worden waren, damit sie nicht den Besuch eines hohen chinesischen Würdenträgers stören konnten. Die Inder hatten sich einfach gedacht: „Die sperren wir für ein paar Tage hinter Gitter, bis der Besuch wieder abgereist ist." Ich fand es sehr beruhigend, dass der Dalai Lama in solch einer Situation seinen Ärger deutlich zeigen konnte. Er nahm offenbar nicht alles mit stoischer Gelassenheit hin.

Ein Jahrzehnt später traf ich ihn in Berlin in einer überschaubaren Gruppe von 60 Personen. Er stellte sich für Fragen zur Verfügung. Eine junge Frau bohrte mehrfach nach, konnte oder wollte einfach nicht die Antwort des Dalai Lama verstehen – ich erinnere nur noch, dass es um ihre Meditationspraxis ging. Schließlich riss dem Dalai Lama der Geduldsfaden und er fuhr sie scharf an. Auch in diesem Fall war für mich sein Ärger völlig einsichtig und es tat mir gut zu erleben, dass er nicht immer der lächelnde Meister ist. Er kann seine Güte und Bescheidenheit offenbar ebenso deutlich zeigen wie seine unangenehmen Gefühle.

Wenn jemand Ihnen gegenüber etwas falsch macht, dann können Sie durchaus in der richtigen Weise und im richtigen Maß reagieren, wie es den jeweiligen Umständen angemessen ist, ohne Ihre Geduld, Ihr Mitgefühl und Ihren inneren Frieden zu verlieren. Dalai Lama

Und noch einmal erlebte ich ihn im Kontakt mit herausfordernden Gefühlen. Bei einer kleinen Konferenz in Österreich wurde er von einer Frau mit heftigen Worten angegriffen und vor allen Zuhörern beleidigt. Uns stockte der Atem. Doch der Dalai Lama blieb vollkommen gelassen und freundlich und zeigte mit seiner Antwort ein tiefes Mitgefühl für den Schmerz, der hinter der Boshaftigkeit dieser Frau zu vermuten war.

In all diesen schwierigen öffentlichen Situationen verhielt er sich bemerkenswert wahrhaftig. Dadurch weckt er Vertrauen. Er spielt uns nichts vor, er trägt keine Maske im Amt. Der Dalai Lama schreibt: „Wenn der innere Glanz, der durch die spirituelle Übung erzeugt wurde, die Welt erhellt – wie es zu manchen Zeiten in der Vergangenheit geschehen ist –, können die großen Nationen der Welt vom Erleuchtungsgeist mit seiner Liebe und Barmherzigkeit inspiriert werden. Vielleicht verringert sich dadurch ihre Besessenheit von dem vergeblichen Streben nach immer mehr Macht."

 

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