Leben

Aus der Perspektive des erfolgreichen Abendländers ist die Sache mit dem Wiederkommen als reinkarniertes Wesen ein Unsinn. Denn wenn wir sowieso nichts davon wissen, wer oder was wir früher gewesen sind, dann können wir auch davon ausgehen, dass wir beim nächsten irdischen Aufenthalt nicht wissen werden, wer wir damals (= heute) waren.

Was also macht es für einen Unterschied, ob jemand, der keine Ahnung davon hat, dass er früher schon mal da war und wer er damals war, tatsächlich schon mal da war oder nicht? – Anders gesagt: Ist es nicht vollkommen gleichgültig, ob eine Identität, die von einer früheren Ausgabe ihrer selbst keine Ahnung hat, in Wirklichkeit eine andere ist oder dieselbe? Falls es aber tatsächlich ein Unsinn sein sollte: Wieso hält sich dann der Glaube daran so hartnäckig? Ist es der Gedanke ‚Das kann doch nicht alles gewesen sein'? Ist es die Hoffnung auf späte Gerechtigkeit? Sind es Verschmelzungsfantasien mit der mystischen Gemeinschaft alles Lebendigen? – Und falls etwas davon der Fall sein sollte: Woher kommen diese Hoffnungen, Wünsche und Fantasien? Auf diese Frage gibt es wahrscheinlich eine religiöse Antwort und eine säkulare Antwort. Die religiöse Antwort muss wohl auf die reale Existenz von etwas Überirdischem hinweisen, das sich in den Wünschen, Hoffnungen und Fantasien der Menschen abbildet. Die säkulare Antwort wird versuchen müssen, so etwas wie einen biologischen Sinn in den Gedanken ans Überirdische zu orten. Sollte es gelingen, einen solchen Sinn auszumachen, dann würde das natürlich noch lange nicht bedeuten, dass damit alle religiösen Antworten obsolet würden. Da ich mich aber für die religiösen Antworten nicht zuständig fühle, werde ich jetzt versuchen, über den biologischen Sinn des Glaubens an die über den Tod hinausgehende Existenz nachzudenken.

 

Menschen unterscheiden sich bekanntermaßen von Tieren durch ziemlich dürftige körperliche Ausstattung

 

Ein biologischer Sinn gilt in der Denkpraxis von Ethologen dann als nachgewiesen, wenn es gelingt, die Funktion für die Erhaltung des Lebens entweder von Individuen oder der Art zu zeigen. Der biologische Sinn eines besonders langen Schnabels irgendeiner Vogelart liegt darin, dass diese Vögel mit diesem Schnabel irgendeine sonst schwer zu erreichende Beute erwischen können. Der biologische Sinn der mitunter ganz schön komplizierten Jagdtechniken von Löwen liegt darin, ein Beutetier zu erlegen, das für einen einzelnen Löwen zu groß und zu kräftig ist. Ein biologischer Sinn kann also nicht nur in körperlichen Merkmalen eines Individuums gefunden werden, sondern auch in organisatorischen Merkmalen einer Gattung. Menschen unterscheiden sich bekanntermaßen von Tieren durch eine ziemlich dürftige körperliche Ausstattung. Sie sind weder besonders kräftig, noch haben sie besonders gute Sinnesorgane. Es bleibt ihnen also gar nichts anderes übrig, als ihre Überlebenschancen durch organisatorische Leistungen abzusichern. Und das haben sie auch im Laufe ihrer Entwicklung in recht beeindruckender Weise zustande gebracht. Organisatorische Leistungen sind eine umso größere Herausforderung, je größer die Anzahl der Individuen ist, die organisiert werden müssen. Mehrere Zehntausende von Jahren lang hat die Weltbevölkerung ein paar Hunderttausend, dann ein paar Millionen Individuen umfasst, die in Horden zu 30, 40, vielleicht 50 Personen durch teilweise ziemlich unfreundliche Gegenden gezogen sind. Erst seit nicht einmal tausend Jahren zählen wir die Weltbevölkerung in Milliarden und die Größen von Horden, die wir jetzt ‚Gesellschaften' nennen, in Millionen oder sogar Hunderten Millionen. Und natürlich ist es eine organisatorische Aufgabe von ganz anderer Qualität, ein paar Millionen oder ein paar hundert Millionen Menschen zu organisieren, verglichen damit, 30 Menschen zu organisieren. Dummerweise stammen aber die organisatorischen Prinzipien, die die Menschheit seit ihrem Bestehen entwickelt hat und die uns allen dank lange anhaltendem Selektionsdruck in den Knochen sitzen (vielleicht sogar in den Genen), aus der sehr viel längeren Zeit, in der die Menschheit sich mit der Organisation von Kleingruppen beschäftigt hat. Da gibt es Aufgabenteilung, einen Häuptling, Frauen, die man gut beschützen muss, weil sie und nur sie den Nachwuchs und damit frische Arbeitskräfte und Krieger sicherstellen können, Heldenverehrung, weil die Helden zum Überleben der Horde in Zeiten der Auseinandersetzung mit konkurrierenden Horden mehr beitragen als die Sammler, Viehhirten und Werkzeughersteller, und noch andere Grundelemente, die in sämtlichen alten Märchen und Mythen auftauchen.

 

Erst seit nicht einmal tausend Jahren zählen wir die Weltbevölkerung in Milliarden und die Größen von Horden, die wir jetzt ‚Gesellschaften' nennen, in Millionen oder sogar Hunderten Millionen.

 

Bleiben wir zunächst bei der Heldenverehrung: Welche Motive gibt es, ein Held zu werden? Auf der positiven Seite der Bilanz steht der bevorzugte Zugang zu Frauen, zu Ressourcen und zu Macht. Auf der negativen Seite steht die Aussicht, vielleicht getötet zu werden. Um sich zu entscheiden, ein Held zu werden, muss man offensichtlich die positiven Bilanzierungsposten höher bewerten als die negativen. In modernen Gesellschaften ist der Zugang zu Ressourcen und Macht über das Geld organisiert. Beim Zugang zu Frauen könnte es in manchen Fällen ähnlich sein. Nun gibt es aber arme Teufel, die sich für eine vermeintlich gute Sache in die Luft sprengen, nur damit andere, die ihnen als die Bösen vorgestellt worden sind, auch zugrunde gehen. Für sie liegt die Bilanzierungsfrage anders, weil sie mit der positiven Seite der Bilanz nicht rechnen können. Vielleicht ist das der Grund, dass ihnen von den Herren, die sich als geistige Führer ausgeben, im Jenseits 72 Jungfrauen (oder waren es 41?) versprochen werden. Für diese Jungfrauen wird zwar das Jenseits dann vielleicht nicht ganz das sein, was sie erwartet haben, wie ein amerikanischer Comedian unlängst erwähnt hat, aber aus der Sicht der Märtyrer spielt das offenbar keine so große Rolle.

 

In modernen Gesellschaften ist der Zugang zu Ressourcen und Macht über das Geld organisiert

 

Die Freuden – oder Leiden – des Jenseits als zusätzlicher Bilanzierungsposten zur Beeinflussung des Verhaltens im Hier und Jetzt sind natürlich keine Erfindung des Islam. Und sie finden sich auch nicht nur bei religiösen Fanatikern, sie treten bei jenen nur in besonders spektakulärer Weise auf. Hier hätten wir also eine säkulare Antwort auf die Frage, welchen Unterschied der Gedanke an die Wiedergeburt machen könnte: Die Entscheidung, das Gemeinwohl – oder das, was man dafür hält – über das eigene Wohl zu stellen, ist in der Urhorde keine Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit. Wenn Jäger gemeinsam durch Stöckeschwingen und lautes Schreien den Löwen von der soeben erlegten Gazelle verjagen, dann gefährdet der eine, der sich lieber in Sicherheit bringt, das Leben der anderen Jäger. Und falls dann der Löwe gewinnt, dann ist der einzige Überlebende auch nicht mehr lebensfähig, weil man allein bei der Jagd im Busch nicht lange überlebt. Kooperation und Koordination sind die Erscheinungsform des Altruismus in der Urhorde. Sie sind dort ein vitales Interesse und es bedarf keiner Moralsysteme und keiner Weisen, um deren Wert zu erklären. Denn wer nicht kooperiert, lebt nicht lange. Dieses Prinzip hat in menschlichen Gesellschaften viele Zehntausende von Jahren lang gegolten. Erst seit – menschheitsgeschichtlich betrachtet – sehr kurzer Zeit stehen wir vor einem gänzlich neuen Phänomen: Wir müssen den Wert altruistischen Verhaltens erklären und Motivationen dafür schaffen, weil die Gesellschaften zu groß und zu unübersichtlich geworden sind, als dass die positiven Bilanzierungsposten altruistischen Verhaltens unmittelbar erkennbar wären. Den Gedanken des Karma als Fluss alles Lebendigen, der durch egoistische Taten so gestört wird, dass andere in Mitleidenschaft gezogen werden, die dann ihrerseits wieder zu Störungen gezwungen werden, die dann irgendwann wieder zum ursprünglichen Akteur zurückkommen, könnte man auch als den Versuch auffassen, die Logik der Urhorde auf Großgesellschaften zu übertragen. Da in diesen die Kreise größer sind, die das eigene Verhalten zieht, dauert es auch länger, bis sie sich wieder auf den Akteur auswirken, und daher bedarf es der Idee des Wiederkommens.

Fazit: Karma und Reinkarnation gibt es entweder ‚wirklich' (was immer ‚wirklich' auch heißen mag) oder vielleicht auch als kollektive Fiktion. Gäbe es sie nicht, dann müssten sie jedenfalls dringend erfunden werden.

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Kommentare  
# Uwe Meisenbacher 2016-02-24 15:23
Hallo Herr Eder,
danke für Ihre Ausführungen in"Einmal reicht
nicht?"
Buddhismus ohne Wiedergeburt, wie geht das?
Ganz einfach liebe Dharma praktizierende.
Befreit Euch ( wenn Ihr noch nicht befreit sein
solltet) von den umheilsamen Aberglauben,
wie Reinkarnation.
Buddhas Pfad der Weisheit "mache das Heil-
same, lasse das Unheilsame und entwickle
deinen Geist", ist eine gut praktizierende An-
Leitung.
Mit freundlichen aberglaubensfreien
buddhistischen Grüßen.
Uwe Meisenbacher
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