Gesellschaft

In Dharamsala fanden am 9. April 2012 zwischen S.H. Dalai Lama, der tibetischen Exilregierung, einer Exil-Parlamentsdelegation und Dr. Bernhard Müller Gespräche statt, in denen erstmals der Anspruch Tibets auf Souveränität lückenlos belegt wurde.

Nachfolgende Problemkreise wurden behandelt:

Wie können umgehende Verhandlungen mit der chinesischen Regierung über folgende Ziele erreicht werden:
* Zuerkennung von mehr Autonomie innerhalb der Grenzen von 1949
* Respektierung der unterzeichneten und ratifizierten Menschenrechtskonventionen
* Zuerkennung der völkerrechtskonformen Souveränität

Dringende Notwendigkeit einer weltumspannenden Aufklärung über die völkerrechtsrelevanten Fakten des Souveränitätsanspruches Tibets. Dieser Aufklärungsprozess soll unter dem Prinzip ‚Nichts als die Wahrheit' stehen. Dazu S.H. Dalai Lama wörtlich: „Ich sehe eine derart umfassende Aufklärung auch innerhalb des tibetischen Volkes für unerlässlich an."

Was wir ganz zu Beginn dieser leidigen Tibet-Angelegenheit zur Kenntnis nehmen sollten:

Werden sich in nächster Zukunft erste Fortschritte erzielen lassen? Mit dem jüngsten Besuch in Dharamsala sollte Bewegung in die außerordentlich tragische und gleichzeitig verknarzte Situation kommen. Vor allem ging es uns auch darum, sämtliche völker- und menschenrechtsrelevanten Ereignisse während Tibets 2.000-jähriger Geschichte lückenlos darzustellen und zu versuchen, diese oder jene Ereignisse als zweideutig, unklar, nicht beweisbar oder ganz zu Chinas Vorteil ausgelegt tatsachengerecht und verständlich darzustellen. Erst wenn die damit verbundenen Geschichtsfälschungen widerlegt werden können, sollen die entsprechenden Fakten dazu verhelfen, den Souveränitätsanspruch Tibets als unumstößliche Tatsache politisch und diplomatisch zu aktualisieren.
Was uns jedoch bereits bei vorgängigen Besprechungen mit dem Dalai Lama, dessen Regierung und Parlament zu schaffen gemacht hat, ist, trotz Klarstellung der völkerrechtsrelevanten Signale Tibets, die Ignoranz und Tatenlosigkeit der zuständigen internationalen Organisationen, Behörden und Staaten.
Nehmen wir die Klärung dieses Phänomens gleich vorweg: China wird zunehmend zur aufstrebenden, beinahe alles und jedes beherrschenden Wirtschaftsmacht. So strebt etwa die Schweiz ein bilaterales Wirtschaftsabkommen an, weshalb es die wirtschaftlichen Interessen verbieten, die Tibet-Frage zu behandeln. Man reduziert sie, wenn überhaupt, auf die Verletzung der Menschenrechtskonventionen. Das Sagen hat die Wirtschaft, Politik und gar die Medien unterwerfen sich diesem Diktat, der Souveränitätsanspruch Tibets ist trotz der immer wieder vorgelegten Aufrufe der Internationalen Juristenkommission kein Thema mehr.
Und gleich ein weiteres Beispiel: Im Jahr 2000 verabschiedete das EU-Parlament in Brüssel mehrheitlich eine Resolution, wonach die Mitgliedstaaten verpflichtet wurden, innerhalb dreier Jahre für Tibet eine völkerrechtskonforme Lösung anzustreben. Könnte dieses Ziel nicht erreicht werden, so sei in Aussicht zu nehmen, den Dalai Lama, seine Exil-Regierung und das Exil-Parlament als die rechtmäßigen Vertreter des souveränen tibetischen Staates zu erklären.
Was war das Ergebnis? Keine dieser EU-Regierungen hat auch nur einen Finger gerührt!

Hat die Vergabe der Olympischen Sommerspiele an China irgendwelche Auswirkungen für Tibet gezeitigt?

Was mit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele an China hier und dort betreffend Tibet ausgemacht wurde, nämlich die Verhandlungen zwischen den Regierungen von China und Tibet wieder aufzunehmen, schlug kurz nach Ende dieses Großereignisses ins Gegenteil um: Chinas Obrigkeit ließ sich da nicht dreinreden und lehnte solche Verhandlungen strikt ab. Ja, der Dalai Lama wurde als Verräter an Land und Volk bezeichnet. Tibet stand einmal mehr allein auf weiter Flur.
Was während der Geschichte des 14. Dalai Lama noch nie der Fall war, geschah im vergangenen Jahr als ‚Akt der Verzweiflung': Der Dalai Lama berief einen neuen, sehr fähigen und dezidierten Ministerpräsidenten und übertrug ihm die oberste politische Führung, während er selbst noch als geistiges Oberhaupt Tibets fungieren und auftreten will.
Es war und ist nun abzuklären, ob das offizielle China den neuen tibetischen Ministerpräsidenten als Verhandlungspartner akzeptieren wird. Zwei mir bekannte Minister in Peking haben jedoch einmal mehr betont, dass allfällige Verhandlungen nur über die Zuerkennung von mehr Autonomie für Tibet geführt werden könnten, während die Souveränitätsfrage kein Thema sei. Der Dalai Lama würde allenfalls diesem Vorgehen zustimmen; Ziel bleibt für ihn - früher oder später – die völlige Unabhängigkeit.

Resignation in der Tibet-Frage wäre katastrophal!

In Dharamsala gelangten wir zum klaren Schluss, dass Resignation inakzeptabel wäre. So habe ich im Laufe vieler Jahre immer wieder mit erstaunlich verlässlichen und mutigen chinesischen Wissenschaftern und hohen tibetischen Würdenträgern versucht, scheinbar nicht existente oder verschollene Staatsverträge und weitere bilaterale Abkommen einzusehen und in offizielle Umgangssprachen übersetzen zu lassen. Selbstverständlich habe ich mich verpflichtet, die Namen dieser treuen Helfer und den jeweiligen Aufbewahrungsort der unschätzbaren Dokumente nicht preiszugeben. Auf diese Weise war und ist es möglich, scheinbare Lücken zu füllen und die chinesische Geschichtsschreibung punktuell zu korrigieren.

In Dharamsala haben wir bis dato immer wieder versucht, in Teamwork lückenlos zu beweisen, dass das kommunistische China dieses friedliche, unabhängige, souveräne Hochland ab dem Jahr 1949 völkerrechtswidrig überrannt, sich einverleibt und seither mit eiserner Faust fremdbeherrscht hat.
Tatsache ist, dass Tibets Geschichte alles andere als ein Buch mit sieben Siegeln ist; seine Geschichte ist so klar belegt wie beispielsweise der deutsche, österreichische und schweizerische Werdegang.

Und nun zu Tibets Königen der Jahre 127 vor Christus bis 783 nach Christus:

Wie staunten wir da, als selbst Schweizer Diplomaten, teilweise sogar im Außendienst tätig, zu verstehen gaben, dass die Geschichte Chinas und Tibets streckenweise kompliziert sei, vorhandene Dokumente würden Tibets Souveränität infrage stellen, oft würden inexistente oder unauffindbare Dokumente als Beweismittel verwendet. Zudem muss dann protestiert werden, wenn gesagt wird, China könnte Tibet als ‚ersessenes Gut' für sich beanspruchen. Dies widerspricht voll und ganz der Wiener Konvention.
Nachweisbar ist, dass der tibetische König Nyatri Tsenpo im Jahr 127 vor Christus zahlreiche Volksstämme, vor allem Nomaden, zur ersten tibetischen Nation vereinte. Und so folgten denn nicht weniger als 40 weitere Könige, es war die Yarlung-Dynastie, welche während 1.000 Jahren das Hochland regierte. Oft zerfiel das Territorium in mehrere Königreiche.
Dann aber, es war im Jahr 617 nach Christus, festigte König Songtsen Gampo die Nation Tibet. Tibet wurde in der Folge zur politischen, wirtschaftlichen und kulturell-buddhistischen Großmacht in Zentralasien, Einfluss und Autorität reichten weit über Tibets Grenzen hinaus, die Nachbarländer zollten Respekt.
König Songtsen Gampo verließ im Jahr 633 das ‚Tal der Könige' (Yarlung-Tal) und erbaute sein heute noch strahlendes Schloss auf einem Hügel im Kyi-Chu-Tal. So entstand das dominante Wahrzeichen Tibets, der Potala, zu seinen Füßen die Stadt Lhasa. Lhasa wurde zum politischen, wirtschaftlichen und kulturell-buddhistischen Zentrum.
Im Jahr 641 fand die Heirat zwischen dem tibetischen König Songtsen Gampo und der chinesischen Kaisertochter Weng Cheng statt.
Es spottet nun aber jeder Beschreibung, wenn China behauptet, diese Heirat sei als freiwillige Unterwerfung Tibets zu interpretieren. Die damalige Vormachtstellung Tibets war alles andere als geeignet, durch nachbarliche Huldigungsheiraten eingeschränkt zu werden. Allerdings nahmen Grenzstreitigkeiten zwischen China und Tibet immer bedrohlichere Ausmaße an. Hauptgrund war die plötzliche Weigerung des chinesischen Kaisers, den bei der Heirat von König Songtsen Gampo und Prinzessin Weng Cheng vereinbarten Tribut zu entrichten.
Und so eroberten die Truppen des tibetischen Königs Trisong Detsen die damalige chinesische Hauptstadt Chang'an, das heutige Xi'an! Der von Tibet eingesetzte Kaiser (!) gelobte feierlich, der Tributpflicht künftig pünktlich nachzukommen.
Im Jahr 783 folgte schließlich die Grenzbereinigung zum Vorteil Tibets. Der Text dieses Staatsvertrages kann in gekürzter Form sogar an Stupas und Tshörten bewundert werden.
China verschweigt offensichtlich diesen für das Großreich doch eher peinlichen Geschichtsabschnitt.

China und Tibet: Oh Gott, die Truppen des legendären Mongolenherrschers Dschingis Khan rücken von Norden her in bedrohlicher Art und Weise vor!

Im Jahr 1207 eroberten die ‚Reiterhorden' von Dschingis Khan das wiederum in einzelne Königreiche aufgeteilte Großtibet. Überraschenderweise kam eine für Tibet günstige, vertraglich geregelte Schirmherrschaft zustande. Im Jahr 1247 konnte das zerstrittene Tibet wieder vereint werden. Der mongolische König Godan Chan setzte den damals höchsten Würdenträger Tibets, Sakya Pandita, als Vizekönig ein. Das Verhältnis basierte auf der Gleichberechtigung beider Länder, keine Subordination also, Tibet übernahm die Einführung der mongolischen Volksstämme in den Buddhismus, dies als völkerverbindende Plattform.
Das mongolische Königreich verpflichtete sich seinerseits, Tibet vor ‚fremden Truppen zu schützen'.
Ganz anders verlief es in China. Trotz der 6.500 km langen ‚Großen Mauer' eroberten die Mongolen nun auch das Kaiserreich China! Im Jahr 1279 wurde Kubila Chan erster Mongolen-Kaiser von China. Diese Fremdherrschaft, die sogenannte Yuan-Dynastie, war jedoch von kurzer Dauer; im Jahr 1350 endete nicht nur die vertraglich geregelte Schirmherrschaft über Tibet, ebenso musste der mongolische Kaiser von China im Jahr 1358 abdanken und aus China verschwinden.
Völlig aus der Luft gegriffen ist der vom heutigen China vertretene Standpunkt, aus jener Zeit der mongolischen Dominanz über China und Tibet einen Anspruch auf das Dach der Welt ableiten zu wollen. Schirmherren über Tibet waren ganz klar die Mongolen, nicht aber die Chinesen. Diese Schirmherrschaft stellte Tibets Souveränität nicht infrage. Die im Anschluss daran unterzeichneten rechtskonformen Verträge lassen diesbezüglich keine Fragen offen.
Schade, ja, es ist sogar unverzeihlich, wenn China diese Sachlage verschweigt oder – wie schon so oft – rundweg abstreitet!

Im Jahr 1642 war Tibet als bisher souveränes Königreich bereit, von nun an den Dalai Lama als politisches und geistiges Oberhaupt Tibets einzusetzen.

Das nunmehr seit 1642 mit dem Dalai Lama an der Spitze regierte Tibet fand seine Staatsmaxime in der buddhistisch-lamaistischen Ethik, Philosophie und Religion. Armee und Polizei hatten lediglich marginale interne Schutz- und Sicherheitsaufgaben zu erfüllen. Die durch andere als militärische Stärke geförderten Staatspotenziale wiesen vor allem im außenpolitischen Bereich erhebliche Schwachstellen auf. Die auf diese Weise verfügte und staatlich vertretene Lebenshaltung führte ebenfalls zu einer Abschottung nach außen, zu einer Isolierung auch, so dass die dem Fortschritt verpflichteten Nachbarn, zumindest theoretisch und potenziell, leichtes Spiel hatten, das von der übrigen Welt abgekehrte Hochland zu erobern.

Aber das darf doch nicht wahr sein! Vom Norden her rückten nun die brandgefährlichen Heere der Mandschus vor, ein mongolenstämmiges, kriegerisches Volk aus der Völkergruppe der Tsungusen!

Und so eroberten diese Mandschuren im Jahr 1642 das Kaiserreich China, auch da gewährte der gigantische Mauerbau im Norden Chinas nicht genügend Schutz. Es entstand die Qing­Dynastie mit einem Mandschu-Kaiser an der Spitze.
Tibet blieb, zumindest vorläufig, verschont. Aber dann fielen im Jahr 1717 die westmongolischen Dsungaren in Tibet ein. Der mandschu-chinesische Kaiser bot Tibet in Form von 4.000 Soldaten Hilfe an. Der im Jahr 1720 zwischen dem 7. Dalai Lama und dem Kaiser in China abgeschlossene Vertrag dokumentierte formell und inhaltlich ein buddhistisch geprägtes Partnerschaftsverhältnis. Die Verwandtschaft zur früheren Schirmherrschaft der Mongolen ist offensichtlich.
Aber es war nun doch die tibetische Armee, welche die aufsässigen Dsungaren aus ganz Tibet vertrieb. Dem Kaiser von China wurde zugestanden, in Lhasa eine Gesandtschaft zu eröffnen, bestückt mit sogenannten Ambanen, sowie eine Schutztruppe zu platzieren. Die meist arroganten Ambanen versetzten Tibet immer wieder in Nöte.
Als in den Jahren 1788 und 1792 eine nepalesische Gurkha-Armee von Süden her in Tibet einfiel, vertrieb vorab die chinesische Garnison die berüchtigten Eindringlinge.
Das im Jahr 1793 zwischen dem Dalai Lama und dem chinesischen Kaiser abgeschlossene 29-Punkte-Programm zeigt nicht klar auf, ob es sich tatsächlich um einen De-jure-Staatsvertrag handelt. Der Mandschu-Kaiser verlor jedoch zunehmend das Interesse an Tibet; als im Jahr 1842 die islamische Dogra-Armee aus Kaschmir in Tibet einfiel, war es die tibetische Armee, welche die Eindringlinge besiegte. Allerdings musste Tibet in der Folge seinen Landesteil Ladakh, genannt Westtibet, an Indien abtreten. Indien ist seither der illegale Besitzer von Ladakh - auch das ein ungesühntes Unrecht auf Kosten Tibets!

Wenn wir jetzt den Rutsch in Tibets Neuzeit überblicken wollen, ist die Frage unvermeidlich, ob dieses dem ‚Frieden auf Erden' verpflichtete Hochland nicht doch endlich einmal in ungefährdeter Unabhängigkeit der Zukunft entgegengehen darf.

Allerdings sagte das tibetische Staatsorakel eine nähere Zukunft mit ‚schwarzen Wolken und dunklen Mächten, die aus dem Osten kommen werden', voraus, welche das tibetische Volk in Angst und Schrecken versetzen werden. Vorerst drangen erneut Gurkha-Verbände aus dem Süden in Tibet ein, doch blieb hier einmal mehr die tibetische Armee siegreich.
Aber 1903 marschierte ein britisch-koloniales Armeekorps unter der Leitung von Oberst Younghusband Richtung Lhasa. 700 tibetische Soldaten wurden schon am 5.000 m hohen Karo La getötet. Tibet wurde ein Handelsvertrag aufgezwungen. Im Vertrag anerkannten die Briten allerdings Tibet als souveränen Staat. Aber England hielt nicht Wort; im Staatsvertrag von 1906 mit China stellte England die Souveränität Tibets infrage. Und so rückte die chinesische Armee im Unglücksjahr 1906 von Osten her in Tibet ein und im Jahr 1910 wurde die Hauptstadt Lhasa eingenommen. In Tibet herrschten Angst, Ohnmacht und Verzweiflung.
Aber nochmals gab es einen Silberstreifen an Tibets sternenklarem Himmel. Im Jahr 1911 ging bekanntlich in China eine nie da gewesene Revolution los, der sogenannte Bauernaufstand. Die seit 1642 (!) herrschenden Mandschus, die Qing-Dynastie, wurden gestürzt, getötet und vertrieben. Die Republik China wurde ausgerufen, das Kaiserreich hatte endgültig ausgedient, die Guomindang-Partei mit Staatschef Kiang Kai-shek hatte von nun an das Sagen.
Der aus dem Exil heimkehrende 13. Dalai Lama schloss mit der Republik China im Jahr 1913 zwei Staatsverträge ab, welche die Kapitulation und Heimkehr sämtlicher Fremdtruppen aus Tibet regelten. Und so war Tibet de facto und de jure wieder absolut unabhängig. In diesem Zusammenhang muss festgestellt werden, dass China diese Staatsverträge zwischen zwei autonomen Staaten entweder negiert oder deren Existenz bestreitet. Es ist nun höchste Zeit, dass die ‚übrige Welt' mit aller Konsequenz gegen solche Machenschaften vorgeht.
Tibet ging nun rundum auf Nummer sicher und schloss ebenso im Jahr 1913 mit der Mongolei einen Freundschafts- und Beistandsvertrag ab. Und in demselben Jahr proklamierte der Dalai Lama die Unabhängigkeit Tibets. Das damalige China hat diese Erklärung nie angefochten.
Trotz aller Bemühungen der Kolonialmacht England flammten die Grenzkonflikte zwischen China und Tibet erneut auf. Doch endlich unterzeichneten China und Tibet 1918 ein Waffenstillstands- und Grenzbereinigungsabkommen. Tibet hatte sich zwar durchgesetzt, verzichtete indessen auf Gebiete östlich des Yangtse-Kiang. China, so schien es, musste ein für alle Mal auf Tibet verzichten.
Ja, im Jahr 1934 eröffneten vorerst Indien, China und Nepal in Lhasa Gesandtschaften, ein Beweis mehr, dass China und Tibet zwei unabhängige Staaten waren. Auch da kann man nur den Kopf schütteln, wenn ab und zu von chinesischer oder auch anderer Seite das Gegenteil behauptet wird!

Tibet verfügte von nun an über eine eigene Währung, ein staatliches Post- und Fernmeldewesen und stellte ausreisenden Bürgern tibetische Pässe aus, welche weltweit anerkannt wurden.
Aber es kam für Tibet noch besser: Im Jahr 1947 nahm Tibet an der ‚Asian Relations Conference' in Delhi teil. Die tibetische Landesfahne, heute wird deren Verwendung in Tibet mit dem Tod bestraft (!), flatterte inmitten der an der Konferenz teilnehmenden Staaten. Niemand beanstandete die Anwesenheit Tibets – ganz im Gegenteil.
Tibet öffnete von nun an die Türen zur übrigen Welt; so bereiste im Jahr 1948 eine tibetische Goodwill- und Handelsdelegation europäische Länder, so auch die Schweiz. Die Bundesbehörden stellten problemlos die entsprechenden Visa aus.
Das Glücksgefühl und die Dankbarkeit schienen in Tibet keine Grenzen zu kennen. Vom Dach der Welt strahlte Licht und Wärme gleichsam über die ganze Welt. Der 14. Dalai Lama, 13-jährig, bereitete sich intensiv auf sein Amt als politisches und geistiges Oberhaupt Tibets vor.

Ja doch, ‚die schwarzen Wolken und die dunklen Mächte aus dem Osten' bedrohten urplötzlich die Menschen auf dem Dach der Welt – das Staatsorakel hatte immer wieder gewarnt, gewarnt ...

Der im Jahr 1935 im Dorf Taktser der osttibetischen Provinz Amdo, heute ist es die Provinz Qinqhai (!), geborene Dalai Lama wurde denn auch unverhältnismäßig früh, bereits im Jahr 1939, mit großem zeremoniellem Aufwand nach Lhasa eskortiert und der erneut aus dem Osten drohenden Gefahr wegen bereits im Jahr 1949, erst 14-jährig, zum 14. Dalai Lama und implizit auch zum politischen und geistigen Oberhaupt Tibets gekürt. Und dann, im gleichen Jahr, brach das ‚Unglück aller Zeiten' über Tibet herein. Das Dach der Welt ‚versank in Orkan und schwarzen Wolken'.
Ebenso in diesem Katastrophenjahr für Tibet rief Mao Tse-tung triumphierend die siegreiche Volksrepublik China aus. Der Staatschef Kiang Kai-shek flüchtete mit seiner nächsten Anhängerschaft auf die Insel Taiwan. Die sogenannte Republik China war am Ende, der Kommunismus feierte Sieg um Sieg.
Und so nahm im Jahr 1949 auch die Eroberung Tibets ihren Anfang! Trotz dieser unbegreiflichen und ungeheuerlichen Tat, wo Völkerrecht und Menschenrechtskonventionen in brutalster Art und Weise mit Füßen getreten wurden, spricht das offizielle China auch heute noch von der ‚friedlichen Befreiung Tibets'.
Als der Bundesrat im gleichen Jahr und quasi als erster Staat die Volksrepublik förmlich und feierlich anerkannte, brach ich während einer Geschichtsstunde am Staatsseminar Bern-Hofwil in Schluchzen aus. Der landesweit bekannte Geschichtslehrer Dr. Jaggi und meine Klassenkameraden versuchten, mich zu trösten. Selbst in meiner Funktion als Nationalrat brachte ich dem Fehltritt des damaligen Bundesrates nur Verachtung entgegen.
China hat in Tibet sein Gesicht verloren. Man kann China nur immer wieder den Rat geben, das gefälschte Geschichtsbild in jeder Beziehung zu korrigieren, zu den begangenen Fehlern zu stehen – und Tibet endlich freizugeben.

Das tibetische Drama dauert nun seit 1949 an! Ist ein Ende in Sicht?

Weit über eine Million meist wehrloser Tibeter fanden in Tibet den Tod. 2,9 Millionen tibetische Bürger der osttibetischen Provinzen Amdo und Kham wurden 1965 klammheimlich und wohl endgültig in die chinesischen Provinzen Qinqhai (neu!), Sechuan und Yunnan integriert. Im sogenannten ‚Autonomen Gebiet Tibet' mit Lhasa als Hauptstadt leben gerade noch 1,9 Millionen tibetische Bürger. Über eine halbe Million Tibeter befinden sich im Exil, vorwiegend in Indien und Nepal.
Die Tibeter im eigenen Land sind zur Minderheit geworden; so leben schon in Lhasa 260.000 zugewanderte und zwangsangesiedelte Chinesen, die 40.000 Tibeter in Lhasa und im ganzen Land werden an den Rand des Existenzminimums gedrückt, die Nomaden zwangsangesiedelt. Die Menschenrechte werden mit Füßen getreten. So sind in Untersuchungsgefängnissen, Gefängnissen, Arbeitslagern und anderen unzulässigen Staatseinrichtungen Organentnahmen als Staatsmonopol an der Tagesordnung.
„Die internationale Staatengemeinschaft muss die verzweifelten Hilferufe aus Tibet hören, sich konsequent für ihre Menschenrechte einsetzen und mit Nachdruck gegen die zunehmende Unterdrückung der Tibeter protestieren", mahnt Ulrich Delius, Asienreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).
In Dharamsala haben wir soeben folgenden Aufruf formuliert:
Das ‚Hilfe zur Selbsthilfe'-Potenzial der Tibeter ist erstaunlich groß; nun braucht es aber diese Hilfe von der ‚übrigen Welt', damit dieses so hoffnungsvolle Volk auf dem Dach der Welt seine Eigenständigkeit wieder zurückerlangen kann. Immer und immer wieder passiert es, vor allem abseits der chinesischen Häscher, dass sich Tibeter aller Altersstufen, ebenso Lamas und Lominis, vor uns in den Staub werfen und uns schluchzend um Hilfe anflehen. Und täglich stellen wir an Ort fest, dass die Tibeter an den Rand des Existenzminimums gedrängt werden, die tibetische Eigenständigkeit, Identität und Kultur befinden sich in höchster Gefahr, die Sinisierung der Tibeter verläuft im Eiltempo. Hilfe tut dringend not, ‚bevor es dazu zu spät ist...'

Zusammenfassung der Tagungsergebnisse von Bernhard Müller.
Erstabdruck in Ursache&Wirkung.

 

Dr. Bernhard Müller ist Verhaltensbiologe, Ökonom, ehemaliger bernischer Wirtschaftsminister und Mitglied des schweizerischen Nationalrats. Er war Co-Chef der Schweizer Entwicklungshilfe in Nepal und in dieser Funktion viele Jahre Berater im entwicklungspolitischen Bereich insbesondere in Nepal und Tibet. Er ist Buchautor und Ehrenbürger von Nepal.
Seine Freundschaft mit dem Dalai Lama begann 1961 mit der Ansiedelung von 20.000 tibetischen Flüchtlingen in Nepal, dies im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes sowie der Regierungen Nepals und der Schweiz.

 

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben