Gesellschaft

Der Dalai Lama – Weltreisender im Dienste der Menschheit. Ein Porträt von Bruno Baumann.

Das Leben des einfachen Bauernjungen Lhamo Thondup nahm eine überraschende Wendung, als im Herbst des Jahres 1937 eine Gruppe von Fremden im Dorf Taktser auftauchte. Die Besucher, die sich zunächst als einfache Pilger ausgaben, gehörten in Wirklichkeit einer hochrangigen Delegation aus Lhasa an, die sich auf der Suche nach der Inkarnation des 14. Dalai Lama befand. Verschiedene Zeichen und Visionen hatte die Suchgruppe hierher geführt. Schon bald konnte die Freudenbotschaft nach Lhasa übermittelt werden, dass die neue Inkarnation gefunden war.

Nichts deutet im Hotel auf die Ankunft des hohen Gastes hin. In der Empfangshalle herrscht das übliche Kommen und Gehen. Einige wenige Besucher lungern an der Bar herum, nippen gelangweilt an ihren Getränken. Dazu gehöre auch ich. Seit Stunden warte ich hier im Radisson auf das angebliche Eintreffen des Dalai Lama. Doch allmählich kommen mir Zweifel, ob dies überhaupt der richtige Ort ist. „Morgen wird mein Bruder von Dharamsala nach Delhi herunterkommen", hatte mir Jetsun Pema, seine jüngere Schwester, beim gestrigen Abendessen verraten. „Irgendwann am Nachmittag wird er eintreffen und wahrscheinlich im Radisson absteigen." Genaueres konnte auch sie mir nicht sagen.

 

Er interessierte sich sehr für die Welt außerhalb seines Horizonts.

 

Wer heute das Geburtshaus des Dalai Lama in Taktser besuchen will, der braucht beinahe genauso viel Beharrlichkeit und Glück wie die Suchgruppe bei der Auffindung seiner Inkarnation. Aus Angst, der Ort könnte ein Wallfahrtsziel werden, haben die chinesischen Behörden alles darangesetzt, ihn von der Landkarte zu tilgen. Den Namen Taktser sucht man auf modernen Straßenkarten vergebens; selbst wenn er verzeichnet wäre, würde man ihn nicht erkennen, denn der tibetische Begriff wurde durch einen chinesischen ersetzt. Erst nach mehreren Versuchen gelang es mir, den Ort zu finden. Das einstige einfache Bauernhaus dürfte noch vor der Flucht aus Tibet zu einer stattlichen Residenz ausgebaut worden sein, denn traditionsgemäß wurde die ganze Familie des Dalai Lama in den Adelsstand erhoben. Zum Zeitpunkt meines Besuchs lebte noch die 70-jährige Chilosai, eine Tante des Dalai Lama. Sie führte mich durch die Residenz, die verwaist und museal wirkte. Sie trug einfache chinesische Bekleidung und ihr trauriges, verbittertes Gesicht verriet, dass sie jede Hoffnung aufgegeben hatte, den Dalai Lama wiederzusehen. Nur einmal hellten sich ihre Gesichtszüge auf, als sie ein altes Familienfoto aus der Vitrine zog, das sie mir vor die Kamera hielt.

Obwohl er gerade erst vier Jahre alt war, wurde er bereits formell als geistliches und weltliches Oberhaupt Tibets eingesetzt, doch sollte bis zu seinem 18. Lebensjahr ein Regent die Amtsgeschäfte führen.

Nur noch ein Jahr unbeschwerter Kindheit sollte dem jungen Dalai Lama bleiben, dann übersiedelte er in den gewaltigen Potala-Palast, nur noch umgeben von Erwachsenen, seinen Dienern und strengen Lehrern, allesamt aus dem Mönchsstand. Er musste sich verloren fühlen in diesem Labyrinth aus Stockwerken und Räumen, düster, kalt und trotz der Schönheit irgendwie bedrückend. Die wenigen Europäer, die den Dalai Lama in seiner Kindheit zu Gesicht bekamen, erlebten ihn nicht als die strahlende Persönlichkeit, wie man ihn heute kennt. „Er lächelte nie", notierte der britische Gesandte Hugh Richardson. Doch er interessierte sich sehr für die Welt außerhalb seines Horizonts.

Bloß um den Dalai Lama aus der Nähe zu sehen, deswegen bräuchte ich hier nicht zu warten, denn dazu würde es in den kommenden Wochen genügend Gelegenheiten geben. Schließlich bin ich in offizieller Mission für die Tibeter unterwegs, genauer gesagt für das Tibet House in Delhi, dessen Schirmherr der Dalai Lama höchstpersönlich ist. Mein Auftrag ist es, den tibetischen Buddhismus im indischen Exil fotografisch zu dokumentieren. Neben dem Besuch der wichtigsten Klöster der verschiedenen Lehrtraditionen soll ich auch den Dalai Lama bei öffentlichen Belehrungen porträtieren. Bei solchen Großveranstaltungen vor Tausenden von Gläubigen werde ich zwar gute Fotos machen können, aber keine Chance zu einem persönlichen Gespräch haben.

Aus dem Nachlass seines Vorgängers, des 13. Dalai Lama, gab es etliche, zumeist funktionsuntüchtige, technische Geräte, die ihn faszinierten. Darunter befanden sich auch vier Autos, die in Einzelteile zerlegt einstmals über den Himalaya geschafft wurden. Zusammen mit einem seiner Diener gelang es ihm tatsächlich, eines davon durch Ausschlachten der drei anderen in Gang zu bringen. Damit er ausländische Filme sehen konnte, schaffte er es, einen defekten Filmprojektor zu reparieren, und mit einem Teleskop pflegte er vom Dach seines goldenen Käfigs das einfache Leben auf der Straße zu verfolgen.

Die Begeisterung für Technik hat sich bis heute erhalten. Doch viel Zeit blieb dem Heranwachsenden für seine Passion nicht. Der tägliche Stundenplan war ganz seiner religiösen Ausbildung gewidmet. Zudem missfiel den Tutoren aus dem streng konservativen Klerus sein Interesse an der Welt draußen. Doch der interne Machtkampf um Einfluss über den jungen Dalai Lama wurde zunehmend von äußeren Bedrohungen in den Hintergrund gedrängt. Ende der 1940er Jahre erreichten sehr beunruhigende Nachrichten die tibetische Hauptstadt. Nachdem Mao Tse-tung die ‚Volksrepublik China' ausgerufen hatte, machte er kein Hehl daraus, Tibet zu erobern, zu ‚befreien', wie er es nannte. Der im Bürgerkrieg siegreichen und kampferprobten kommunistischen Volksbefreiungsarmee hatte der Mönchsstaat nichts entgegenzusetzen. Auf internationale Hilfe durfte das Land nicht hoffen, denn durch die gezielte Politik der Abschottung gab es keine Verbündeten. „Wir Tibeter reagierten nicht auf Veränderungen und Entwicklungen, die sich in der Welt, in den Nachbarstaaten und vor allem in China vollzogen", äußerte sich der Dalai Lama selbstkritisch in einem persönlichen Gespräch. Tibet hatte auf die Unzugänglichkeit seiner Bergfestung vertraut, anstatt seine Unabhängigkeit durch kluge diplomatische Verträge abzusichern. Notwendige Reformen wurden in der Vergangenheit vom Klerus blockiert und dem jungen 14. Dalai Lama blieb keine Zeit mehr dafür. Als die Annexion Tibets im Herbst 1950 begann, war er gerade einmal 15 Jahre alt und noch mitten in seinen Studien. Weltfremd, in politischen Dingen völlig unerfahren, noch ein Kind, wurde ihm eine gewaltige Verantwortung auferlegt. „Seine Zeit ist gekommen", verlautete das Staatsorakel.

Gerne würde ich meine Dokumentation durch ein Interview mit dem Dalai Lama bereichern. Jetzt hoffe ich auf einen günstigen Augenblick, um mein Anliegen vorzutragen. Am späten Nachmittag kommt Bewegung in die Hotelhalle. Zuerst erscheinen Herren in dunklen Anzügen und mit Sonnenbrillen. Das Hotelpersonal stellt sich zum Spalier auf. Kurze Zeit später fährt ein beiger Hindustan Ambassador vor, dem der Dalai Lama entsteigt. In Begleitung seiner Sekretäre und tibetischer Bodyguards schreitet er das Spalier ab, die Hände zum Gruß gefaltet lächelt er nach links und rechts. Als er mich sieht, kommt er spontan auf mich zu und begrüßt mich mit einem festen Händedruck. Ich bin so überrascht, dass er mich wiedererkennt, bei all den vielen Menschen, die er trifft, dass ich nicht mehr als ein ‚Tashi Delek' hervorbringe. Dann ist er schon wieder weg, huscht mit seiner Entourage im Schlepptau die Treppen zu seiner Suite hinauf. In den nächsten Tagen gäbe es keine Lücke im Terminkalender des Dalai Lama, versucht Tenzin Gyeche, der Senior Sekretär, mich abzuwimmeln. „Es sind nur wenige Fragen, eine halbe Stunde Zeit, nicht mehr", insistiere ich. Ich könne ja morgen auch die Mittagsmaschine nach Varanasi nehmen, vielleicht ergäbe sich im Flieger eine Gelegenheit, macht er mir Hoffnung. Aber in jedem Fall solle ich ihm meine Fragen vorher schriftlich übermitteln. Das schaffe ich zwar nicht mehr, aber ich ergattere noch ein Flugticket. Nur von den Tibetern ist keine Spur, als die Maschine am nächsten Tag pünktlich in Richtung Startbahn rollt. Ein furchtbarer Verdacht keimt auf. Wollte mich Tenzin Gyeche auf diese gemeine Art loswerden?

Am 9. September 1951 marschierten die ersten chinesischen Truppen in Lhasa ein, ausgestattet mit wehenden roten Fahnen und gigantischen Mao-Porträts. Im Sommer 1954 reiste der Dalai Lama auf Einladung von Mao nach Beijing. Es gab mehrere Treffen mit dem ‚Großen Steuermann', der auf das tibetische Oberhaupt einen durchaus positiven Eindruck machte. „Tibet ist ein großes Land. Sie haben eine großartige Geschichte. Aber jetzt sind Sie im Rückstand und wir wollen Ihnen helfen", verkündete Mao in väterlich-freundschaftlichem Ton. Im Vertrauen auf die Aufrichtigkeit solcher Worte kehrte der Dalai Lama nach Lhasa zurück. Es wurde eine bittere Lektion aus dem Lehrbuch realer Machtpolitik. Denn Mao dachte gar nicht daran, die tibetische Kultur und Tradition zu respektieren. Kaum waren die freundlichen Worte verklungen, begann der Terror gegenüber der tibetischen Bevölkerung.

Der Dalai Lama bereitete sich gerade auf die wichtigste Prüfung seiner religiösen Ausbildung vor, als die Spannungen in Lhasa im März 1959 einen Höhepunkt erreichten. Eine verdächtige Einladung an den Dalai Lama, ohne bewaffnete Begleitung ins chinesische Hauptquartier zu kommen, brachte das Fass zum Überlaufen. Nachdem offenkundig war, dass China nun auf eine militärische Lösung setzte, entschloss sich der Dalai Lama zur Flucht. Vom CIA ausgebildete tibetische Widerstandskämpfer organisierten und sicherten die Flucht bis zur indischen Grenze.

Da dreht die Maschine ab, steuert ein anderes Gate an und nimmt die ganze Clique des Dalai Lama auf. Jetzt sind auch die letzten Plätze in den vordersten Reihen voll. Nur der ‚Chef' sitzt noch weiter vorne, in der 1. Klasse. Ungeduldig warte ich nach dem Start auf meine Chance. Endlich gehen die Anschnallzeichen aus, aber nur für wenige Minuten, dann beginnt bereits der Landeanflug auf Varanasi. Die Zeit reicht gerade aus, um mich bis Tenzin Gyeche vorzukämpfen und ihm das Papier mit den Fragen in die Hand zu drücken. Wir tauschen noch schnell unsere Mobilnummern aus und er wolle sich melden, falls er für mich kurzfristig einen Termin bekomme, aber versprechen könne er nichts. Laut Terminkalender, den mir das Tibet House gab, wird der Dalai Lama vier Tage hier in Sarnath bleiben, der historisch bedeutsamen Stätte der ersten Lehrrede des Buddha, dann nach Chennai weiterreisen, von dort nach Bangalore fliegen, um das nahe gelegene Kloster Namdroling zu besuchen, und schließlich nach Delhi zurückkehren. Sowohl für die Belehrungen in Namdroling als auch für die Veranstaltung in Delhi bin ich akkreditiert. Sarnath, einer der wichtigsten Pilgerorte für Buddhisten, ist in diesen Tagen ganz in den Händen der Tibeter. Die Gästehäuser sind überfüllt mit Pilgern und auf den Straßen dominiert das dunkle Rot der Roben tibetisch-buddhistischer Mönche und Nonnen. Um ja keinen Anruf zu verpassen, lasse ich das Telefon Tag und Nacht eingeschaltet. Am vorletzten Tag ruft mich Tenzin Gyeche an. Ich solle morgen Mittag am Tor des Zentrums sein. Dort würde ich abgeholt. Meinen Fragenkatalog müsse ich wegen des knappen Zeitfensters kürzen. Am nächsten Tag habe ich Mühe, mich zum vereinbarten Treffpunkt vorzukämpfen.

Im Exil erwartete ihn jedoch eine weitere bittere Enttäuschung. Indiens Ministerpräsident Nehru hieß ihn zwar herzlich willkommen und gewährte den Flüchtlingen Exil, aber stellte zugleich klar, dass er keine politische Unterstützung zu erwarten habe. Noch während der Flucht begann die chinesische Armee den Norbulingka mit Kanonen zu beschießen, ohne Rücksicht auf den menschlichen Schutzwall. Die blutige Niederschlagung des Aufstands in Lhasa war nur der Beginn eines Vernichtungsfeldzugs gegen die tibetische Kultur. Tausende und Abertausende Tibeter flüchteten vor Terror, Folter und Zerstörung über den Himalaya, folgten dem Dalai Lama ins indische Exil. Was Nehru den Tibetern an politischer Unterstützung versagte, holte er auf humanitärem Gebiet nach. Großzügig hat die indische Regierung den Flüchtlingen unbewohntes Land zur Verfügung gestellt, das ihnen ermöglichte, zusammenhängende Siedlungen aufzubauen und auf diese Weise ihre Kultur im Exil zu bewahren. Wer heute die tibetischen Siedlungen und Institutionen in Indien besucht, bekommt eine Ahnung vom Fleiß und von der vitalen Kraft, die in diesem Volk stecken, wenn man ihm die Chance gibt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. In Tibet gibt es diese Chance nicht.

Das buddhistische Zentrum, in dem der Dalai Lama logiert, wird von Gläubigen regelrecht belagert. Am schwer bewachten Tor empfängt mich einer von Tenzins Helfern. Dann kommt die Sicherheitsschleuse. Im Vorzimmer bereite ich die Film- und Fotoausrüstung vor. Kurze Zeit später ist es so weit. Obwohl er in seiner Mittagspause zwischen den Belehrungen eine Audienz nach der anderen abzuarbeiten hat, ist die Stimmung gelassen und heiter. Trotzdem ist er vollkommen präsent. Anders als bei großen öffentlichen Veranstaltungen im Westen benutzt er hier, wenn es um komplexe religiöse Inhalte geht, seine tibetische Muttersprache. Dabei legt er großen Wert auf Präzision. Immer wieder korrigiert er den Übersetzer, wenn dieser seine Worte nicht entsprechend genau wiedergibt. Am Schluss folgt abermals eine Portion Humor. Er übermittelt einer gemeinsamen Bekannten Geburtstagsgrüße. Er wünsche ihr ein langes Leben, eine fröhliche Feier, aber nicht zu viel Alkohol, sagt er lachend in die Kamera.

Liberal, tolerant und dialogbereit, so zeigt sich der Dalai Lama gegenüber anderen Glaubensbekenntnissen. Autoritär und dogmatisch geht er zuweilen mit eigenen Glaubensbrüdern um. „Nicht jeder, der eine rote Kutte trägt, ist auch ein Mönch", schimpfte er gegen die Verweltlichung des Klerus in manchen Klöstern.

Szenenwechsel. Bylakuppe, eine knappe Woche später. Der Ort zählt zu den größten tibetischen Siedlungen im indischen Exil. Mehrere der wichtigsten Klöster des Schneelandes wurden hier neu aufgebaut, darunter Sera und Namdroling. Die Mönche sind damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen für den Besuch des tibetischen Oberhauptes zu treffen. Auf jeden Meter des Bodens, über den der Dalai Lama schreiten wird, werden Glückszeichen gemalt. Tausende von Butterlampen säumen den Weg und der Duft von verbranntem Wacholderreisig erfüllt die Luft. Auf der Hauptstraße in Bylakuppe, über die die Eskorte des Dalai Lama rollt, sind Blumen gestreut und Tausende stehen Spalier. Selbst die Internet-Cafes, in denen die jungen Tibeter an Computerspielen sitzen, sind wie leergefegt. Die größte Menschenmenge aber hat sich vor dem Namdroling-Kloster versammelt, auf der einen Seite die Mönche und Nonnen, dicht gedrängt, ein wogendes rotes Meer, auf der anderen die Laiengläubigen in ihren langen, warmen Wickelgewändern, in denen sie unter der schwülen Hitze Südindiens stöhnen und schwitzen.

 

Auch der tibetische Buddhismus kennt die verhängnisvolle Affäre von Politik und Religion und besitzt kein Monopol auf Pazifismus.

 

Den Kult um die populäre Schutzgottheit Dorje Shugden ließ er unter Androhung rigider Strafen verbieten. Die Maßnahme provozierte erheblichen Widerstand in der tibetischen Exilgemeinde, der zu Intrigen, Machtkämpfen und sogar Mord im unmittelbaren Umfeld des Dalai Lama führte. Der Bruderzwist lieferte den Machthabern in Beijing eine Steilvorlage. Ansonsten Religion eher als Gift betrachtend, fördern sie nun großzügig den Shugden-Kult in Tibet. Auch der tibetische Buddhismus kennt die verhängnisvolle Affäre von Politik und Religion und besitzt kein Monopol auf Pazifismus. Wie wir heute wissen, wurde auch die Lehre Buddhas auf dem Dach der Welt nicht nur mit der Gebetsschnur verbreitet. Es gab blutige Religionskriege, bei denen sich Mönche gegenseitig ihre kahl geschorenen Köpfe einschlugen, vier der vierzehn Dalai Lamas kamen noch vor Erreichen der Volljährigkeit auf mysteriöse Weise zu Tode. Daraus aber eine Verschwörungstheorie abzuleiten, die unterstellt, der Dalai Lama würde die Weltherrschaft anstreben, wie Kritiker behaupten, gehört dem Reich der Fantasie an. Als Beleg dafür wird das sogenannte Kalachakra-Tantra angeführt, ein Einweihungsritual, bei dem der Dalai Lama die Rolle eines Weltenherrschers einnimmt, der mit seiner Armee die Feinde der buddhistischen Lehre besiegt. Trotz hartnäckigen Nachfragens, wo sich nun die Ausbildungslager der ‚buddhistischen Taliban' befinden und welche konkreten Taten ihnen angelastet werden, hüllen sich die Kritiker bisher in Schweigen.

Alle Versuche, der Lichtgestalt des Dalai Lama einen Schlagschatten zu verpassen, sind bisher an seiner Aura abgeperlt. „Der Glanz des wunscherfüllenden Juwels wird im Westen leuchten", weissagte das Staatsorakel im Jahre 1956 und behielt recht. Der Dalai Lama konsultiert den Orakelpriester, der, mit einem 40 kg schweren Ornat bekleidet, in Trance verschlüsselte Botschaften gibt, bei allen wichtigen Entscheidungen. Für ihn bedeutet es keinen Widerspruch, einerseits einem archaischen Medium zu vertrauen und andererseits mit Harvard-Professoren über Quantenphysik oder mit Hirnforschern über die Wirkung täglicher Meditation zu diskutieren. „Ich weiß, dass Ihnen das mit dem Orakel befremdlich vorkommt", rechtfertigt sich der Dalai Lama, „aber ich habe an Wegkreuzungen meines Lebens immer das Orakel befragt und bin nie enttäuscht worden."

Die Gründe für seine Popularität hat das Orakel indes nicht enthüllt. Vielleicht liegt der Schlüssel in seinen eigenen Worten: „Ich bin zunächst Mensch, dann buddhistischer Mönch und an dritter Stelle tibetisches Oberhaupt." Es ist seine Menschlichkeit, die ihm die Herzen zufliegen lässt, seine Präsenz – Kundun eben –, die jedem einen Moment Wichtigkeit gibt. Oft sind es einfache Weisheiten, die er verkündet, die jeder versteht, aber aus seinem Mund sind sie glaubwürdig, weil er lebt, was er sagt. Damit ist er eine Art Gegenentwurf zum ‚klassischen' Politiker. „Alles nur Kalendersprüche für eine esoterisch angehauchte Klientel", behaupten Kritiker und verweisen auf die Massenveranstaltungen mit Zehntausenden von Besuchern, bunt gemischt aus Gläubigen, Tibet-Sympathisanten und Nur-Neugierigen. In ihren Augen macht er sich der Beliebigkeit schuldig, wenn er den Menschen begegnet, wo sie sich befinden, sie dort abholt, wo sie stehen. Sind es nur Fußmattensprüche, wenn er vor Managern über eine Ethik spricht, die in der Einsicht gründet, dass alle unsere Handlungen stets Auswirkungen auf andere haben und dies an den Folgen der Finanzmarktkrise festmacht?

Der Dalai Lama hat auf einem Thronsessel Platz genommen. Auf der Suche nach einem guten Fotostandort kauere ich mich auf die Steintreppen davor. Als er mich sieht, lächelt er mir freundlich zu und deutet mit der Hand, dass ich näher kommen soll. Ein indischer Fotografenkollege läuft zu ihm hoch, um ein Foto aus dem Poesiealbum zu präsentieren, das ihn mit dem Dalai Lama zeigt, und lässt sich diese Szene gleich fotografisch dokumentieren. Der Dalai Lama will nun mit seiner Ansprache beginnen, aber aus dem Mikrofon dringt nur ein unverständliches Krächzen. Ein Techniker wird herbeigerufen, der die Funkverbindung überprüft. Doch es gibt weiterhin Tonaussetzer. Als wieder einmal Funkstille herrscht, wendet sich der Dalai Lama hilfesuchend an uns ausländische Fotografen – es sind noch der Schweizer Manuel Bauer und der bekannte amerikanische National Geographic-Fotograf Steve McCurry zugegen. Doch dann wird alles vom Dröhnen eines anfliegenden Helikopters übertönt, der unmittelbar neben dem Kloster landet. Als ob ein unsichtbarer Sturmwind die Menschen erfasste, drehen sich alle Köpfe dorthin und ein Kreischen geht durch die Menge, als der indische Bollywood-Star Sharukh Khan aus dem Flugzeug steigt. Er ist kurz einmal von Mumbai hierher gedüst, um sich für seinen neuen Film, in dem er den indischen König Ashoka mimt, den Segen des Dalai Lama zu holen.

 

Mönche und Nonnen werden gezwungen, den Dalai Lama öffentlich zu beschimpfen.

 

Zweifellos ist der Dalai Lama der populärste lebende Friedensnobelpreisträger, doch in Bezug auf seine politischen Ziele ist er der erfolgloseste. Während andere Friedensnobelpreisträger wie Nelson Mandela oder Josè Ramos-Horta, ja selbst Burmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, ihre politischen Anliegen umsetzen konnten, hat sich die Situation in Tibet kontinuierlich verschlechtert. Die Tibeter stehen heute mit dem Rücken zur Wand, sind Bürger zweiter Klasse im eigenen Land. Doch auch nach mehr als einem halben Jahrhundert Repression ist es den Machthabern in Beijing nicht gelungen, ganz Tibet in eine Dalai-Lama-freie Zone zu verwandeln. Seit 1994 sind Dalai-Lama-Bilder in Tibet verboten, wird er von der chinesischen Propaganda als Separatist und ‚Wolf im Mönchsgewand' diffamiert. Jetzt hat die Staatsmacht den Druck weiter erhöht. Mönche und Nonnen werden gezwungen, den Dalai Lama öffentlich zu beschimpfen. Sie entziehen sich der äußeren Gewalt durch Gewalt gegen sich selbst. Etwa 30 Tibeter haben sich in den letzten drei Jahren selbst verbrannt. Wie immer man einen solchen Akt der Selbstzerstörung bewerten mag, ethisch und religiös, die Ursachen dafür liegen ohne Zweifel in der verfehlten Tibet-Politik Beijings. Allenthalben werden in der Welt Stimmen laut, die einen Dialog mit dem Dalai Lama anmahnen. „Wir sind grundsätzlich bereit dazu", signalisiert Beijing scheinheilig. Mehrmals reisten Emissäre des Dalai Lama zum Jasmin-Teetrinken nach China. Ergebnisse gab es keine. „Der Dalai Lama stellt unannehmbare Bedingungen", erklärt die chinesische Seite. In Wirklichkeit hat der Dalai Lama längst auf die Forderung nach Unabhängigkeit verzichtet und ist sogar als weltliches Oberhaupt zurückgetreten, um einer Verhandlungslösung nicht im Wege zu stehen. Es ist offenkundig, dass die chinesische Führung auf Zeit spielt, sie hofft auf die Biologie. Der Dalai Lama ist nun 77 Jahre alt und wenn es ihn nicht mehr gibt – so das Kalkül –, wird es auch kein Tibet-Problem mehr geben. Die Chance vertan zu haben, mit einem Mann des Dialogs, wie es der Dalai Lama ist, eine friedliche Lösung des Tibet-Problems herbeizuführen, könnte den Machthabern noch leidtun. Längst fordern junge Tibeter im Exil eine härtere Gangart gegenüber China, doch die Autorität des Dalai Lama, sein Bekenntnis zur Gewaltfreiheit, hält sie in Zaum – noch.

Weniger glamourös, aber dafür wissenschaftlich seriös geht es bei der Veranstaltung des Tibet House im Inneren des Namdroling-Klosters zu. Im kleinen erlauchten Kreis von akademischen Fachgelehrten und hohem Klerus soll über die Rolle indischer Gurus diskutiert werden, die den Buddhismus von Indien nach Tibet vermittelten. Der Dalai Lama ist gekommen, um die Veranstaltung zu eröffnen. „Ja, wir Tibeter sind den Indern zu großem Dank verpflichtet, denn ihr seid unsere Lehrer", sagt er zu den indischen Akademikern gewandt, die in einer langen Reihe sitzen. Und an seine tibetischen Landsleute gerichtet, alles ehrwürdige Mönche und Oberhäupter großer Klöster, fügt er hinzu: „Doch seit der Einführung des Buddhismus in Tibet ist die Zahl der Mönche gestiegen, aber die Bevölkerungszahl hat abgenommen." Danach bricht er in schallendes Gelächter aus.

 

Bruno Baumann, geboren 1955, studierte Ethnologie und Geschichte und lebt als Autor, Fotograf und Filmemacher in München. Er bereist seit Jahrzehnten den Himalaya und gilt als einer der besten Kenner Tibets und der Wüsten Asiens. Mit dem Dalai Lama verbindet ihn eine langjährige Freundschaft.
 
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