Gesellschaft

Im Vyagghapajjasutta des Aṅguttaranikāya (IV, 281) nennt Buddha vier Bedingungen dafür, dass jemand in diesem Leben Wohl und Glück hat, nämlich „dass er fleißig ist, dass er wachsam ist, dass er gute Freunde hat, dass er ein ausgewogenes Leben führt".

„Was bedeutet, dass er ein ausgewogenes Leben führt? Da kennt ein Sohn von Familie Einkünfte und Ausgaben und richtet sein Leben ausgewogen ein: nicht zu üppig, nicht zu karg, wissend: ‚So werden meine Einkünfte die Ausgaben übertreffen und nicht werden meine Ausgaben die Einkünfte übertreffen.' Wie ein Wäger oder ein Wägergehilfe, wenn er die Waage vor sich hält, weiß, um wie viel sie sich gesenkt hat oder um wie viel sie in die Höhe geht .... Wenn dieser Sohn von Familie, wenn er geringe Einkünfte hat, ein üppiges Leben führt, dann sagt man von ihm, dass er seinen Besitz auffrisst wie ein Feigenesser. Wenn aber dieser Sohn von Familie, wenn er große Einkünfte hat, ein miserables Leben führt, dann sagt man von ihm, dass dieser Sohn von Familie den Tod eines armen Schluckers sterben wird."

Mit dem durch redliche Arbeit erworbenen Besitz verhält es sich wie mit einem Teich:

„Es ist so, wie wenn ein großer Teich Zuflüsse und Abflüsse hat. Wenn da jemand die Zuflüsse verstopft und die Abflüsse öffnet, und kein Gott es recht regnen lässt, dann ist für diesen Teich nur Abnahme zu erwarten, keine Zunahme." (Übersetzung: Nyanatiloka)

 

„Nachhaltig wird ein Wald benutzt, wenn nicht mehr Holz gefällt wird, als die Natur darin erzeugt."

 

Damit ist alles Wichtige zu nachhaltigem Wirtschaften gesagt. Der Begriff ‚Nachhaltigkeit' kommt aus der Forstwirtschaft, einem Wirtschaftssektor, in dem oft gilt: Ein anderer sät und ein anderer erntet. Der Berner Förster Karl Kasthofer (1777-1853) definierte:

„Nachhaltig wird ein Wald benutzt, wenn nicht mehr Holz gefällt wird, als die Natur darin erzeugt."

Nachhaltigkeit ist das Gegenteil von ‚auf zu großem Fuße leben'. Der Umgang mit den Wäldern ist ein Symptom dafür, ob eine Gemeinschaft an ihre Enkel, Großenkel und Urgroßenkel denkt.

Lebt man auf zu großem Fuß, zerstört man nicht nur die Lebensgrundlagen seiner Mitwelt, sondern auch seine eigene Zukunft:

„Verschwendung zeuget Mangel: wer nicht zu sparen weiß, Sorgt nur für Augenblicke, und gibt die Zukunft preis."
(Johann Jakob Dusch: Der Tempel der Liebe, 1757)

„Dann kehrt die Zeit der Selbstbegrenzung wieder,

Die Gräber, die ihr grubt, sie öffnen sich."

(Franz Grillparzer: Fortschritt-Männer, 1847)

Beachten Sie, dass Buddha Wohlstand schätzt. Der Vater der indischen Verfassung, Dr. B.R. Ambedkar (1891-1956), nennt zu Recht als einen der Gründe dafür, dass Buddhismus die Religion für unsere Zeit ist, dass Buddha im Gegensatz zu Jesus unfreiwillige Armut nicht verherrlichte. Das Ideal Buddhas ist auch nicht die falsche Romantik des einfachen Lebens, sondern ein gesunder, auf ehrlicher Arbeit begründeter Wohlstand für alle.

Wir leben zu einem großen Teil nicht auf der Grundlage der Nachhaltigkeit, sondern nach dem Motto ‚Nach uns die Sintflut'.

Auch für uns gilt, was Franz Kafka in ‚Der Prozess' über den Angeklagten K. sagt:

„Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben, keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte."

Wir vertrauen darauf, dass Papa Staat, die Gemeinschaft unser Fehlverhalten schon irgendwie wieder ausgleichen wird wie der Herr Papa in Gerhard Bronners Kabarettnummer (1958) ‚Der Papa wird's scho richten ...'.

Eine Wurzel unserer Unmäßigkeit ist unser Allmachtswahn. In Europa glauben zwar nur mehr die wenigsten Christen an einen wirklich allmächtigen Gott. An seine Stelle ist ein anderer Aberglaube getreten. Weit verbreitet ist aber der Glaube an die Machbarkeit von allem, an die Allmacht von Wissenschaft, Technik und Medizin. Diese Überheblichkeit des Menschen ist kein modernes Phänomen. Schon Buddha musste im damaligen Indien die Überheblichkeit des Menschen anprangern. Deswegen betonte er als eines der drei Merkmale jeder Wirklichkeit anatta, die Tatsache, dass es niemanden und nichts gibt, was vollständig Herr über die Situation ist. Während die frühen deutschen Buddhisten sich bei Streitgesprächen über anatta die Köpfe heiß redeten, ist es heute dazu erstaunlich still geworden. Dabei ist die Einsicht aktuell wie nie zuvor, dass wir nicht völlige Herrschaft über uns selbst oder über eine Situation haben und dass es auch keinen irgendwie gearteten Wesenskern gibt, in dem wir ganz wir selbst werden. Verhalten wir uns doch oft wie der Zauberlehrling in Goethes berühmter Ballade (1797):

„Und mit Geistesstärke

Tu ich Wunder auch.

...

O du Ausgeburt der Hölle!

Soll das ganze Haus ersaufen?

Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.

Ein verruchter Besen,

Der nicht hören will!

Stock, der du gewesen,

Steh doch wieder still!

...

Herr, die Not ist groß!

Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los."

Es braucht leider Katastrophen wie die von Fukushima, dass wir einsehen, dass wir uns oft wie der Zauberlehrling benehmen. Doch wie lange dauert diese Einsicht? Wohl nicht lange, unsere Sehnsucht nach Allmacht ist zu groß.

Hinter unserer Unmäßigkeit steckt die Triebkraft allen Seins, die Gier:

„Selbstsucht treibt Alle, wilde Gier nach Gold,

Unersättlich Sinnengelüste."

(Wilhelm Arendt, 1885)

Die Diagnose unserer Fehler ist leichter als die Therapie. Wir können nicht erwarten, dass wir bei Buddha ein für unsere Zeit brauchbares, ausgearbeitetes Wirtschafts- oder Sozialmodell finden. Die demografischen, sozialen, technischen und wissenschaftlichen Randbedingungen sind so viel anders – und im Allgemeinen viel besser – als zu Buddhas Zeiten. Länder, in denen Buddhisten eine Mehrheit bilden, sind alles andere als vorbildlich im Umgang mit den Ressourcen. Wir haben keinerlei Grund, uns als besserwisserische Besser-Buddhis aufzuführen.

Es ist zum Beispiel einfach, Konsumerismus anzuprangern, wie es manche buddhistische Sozialkritiker tun. Dass die Konsumgesellschaft es ist, die bei uns den allgemeinen Wohlstand erst ermöglichte, bleibt dabei unbeachtet.

Es ist auch leicht, das einfache Leben zu preisen. Unsere Vorfahren, die zum ‚einfachen' Leben gezwungen waren, waren vermutlich von diesem Leben gar nicht so begeistert. So wurde mein Vater, Jahrgang 1884, in der Steiermark von seinen Eltern als Vierjähriger bei einem Bauern als Knecht verdingt. Das war damals schon gesetzeswidrig. An seinem elften Geburtstag bekam er dann rechtmäßig sein Dienstbotenbuch. Ihm, einem hochbegabten Mann, gefiel das einfache Leben als Bauernknecht gar nicht. Um sozial aufsteigen zu können, verpflichtete er sich für zwanzig Jahre beim Militär. Als er heiraten durfte, war er vierzig. Da er seinen Kindern ein ähnliches Schicksal ersparen wollte, sparte er, um ein Haus für seine Nachkommen bauen zu können. Erst als er dieses schuldenfrei errichtet hatte, zeugte er im Alter von 59 Jahren mich. ... Ich sehne mich nicht nach dem ‚einfachen' Leben, das mein Vater in der schönen Oststeiermark hatte.

All dies bedeutet nicht, dass ich zur Resignation rate. Im Gegenteil: Strengen wir unser am mittleren Weg Buddhas geschultes Denken an, um unseren bescheidenen Beitrag zu Nachhaltigkeit und allgemeinem, weltweitem Wohlstand zu leisten. Dazu müssen wir nicht plakativ den Buddhismus vor uns hertragen. Es genügt, dass wir als Menschen unter Menschen in unserem Leben und sozialem und politischem Engagement Rücksicht auf unsere Mitwelt und Nachwelt nehmen.

Dann brauchen wir uns nicht zu ängstigen wie in Ludwig Tiecks Gedicht ‚Bei der Abreise einer Freundin' (1818):

„Dann fällt die Angst auf alle unsre Sinne,
Wie wir so leicht das Teuerste verschwenden,
Wir sammeln nur die kleinlichen Gewinne,
Und streuen Schätze aus mit vollen Händen;
Dass nicht ein kleiner Augenblick zerrinne,
Dass uns Minuten Scherz, Zerstreuung senden,
Wird gern der höchste Schatz, das ganze Leben
So unbedacht und schnell dahin gegeben."

 

 

Alois Payer, 1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.
 
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