Gesellschaft

Eine nur an Gewinn, effektiver Ausbeutung und Konsum orientierte Kultur zerstört die natürlichen Grundlagen für Leben genauso wie die Bedingungen für dauerhaftes Glück. Warum Großzügigkeit anstelle von Gier nützt.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die westlichen Staaten den größten Pro-Kopf-Verbrauch globaler Ressourcen aufweisen und dass die Rohstoffe nicht für alle auf diesem Planeten lebenden Menschen, nach letzten Verlautbarungen sind es zurzeit sieben Milliarden, ausreichen. Kann es hier einen Ausweg geben?

Komplexe Gesellschaftssysteme brauchen eine institutionalisierte, unabhängige Selbstbeobachtung und gute Feedbackschleifen zur ständigen Selbstkorrektur. Es gibt zahllose Wissenschaftler, Bürgerinitiativen, Nichtregierungsorganisationen, Gremien und Institutionen, die diese Aufgabe erfüllen und sich seit Jahrzehnten mit globalen Entwicklungen und alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen beschäftigen, wertvolles Wissen gesammelt und tragfähige Ideen entwickelt haben. Manchmal gelangen diese Ideen auch in die Politik, trotz vieler Blockaden mächtiger Interessengruppen. Vor 20 Jahren war es undenkbar, dass konservative Parteien kritisch über Atomkraft und Ökologie debattieren, heute geht das.

Wie kommt es, dass moderne Gesellschaften neben dem erwünschten Wohlstand zugleich so viel Zerstörung produzieren? Dazu eine Anekdote: Ich habe einmal eine Einführungsvorlesung in BWL gehört. Sie begann mit der Lehrbuchdefinition „Der Zweck eines Unternehmens ist Profit." Als ich nachfragte, was mit all den anderen Aufgaben sei, wie die Produktion sinnvoller Dinge oder die Beschäftigung von Menschen, wurde ich müde belächelt. Auf welche Weise Profit generiert wird, sei nur ‚Randbedingung'. Kein Wunder also, wenn Manager nach einer solch eindimensionalen Ausbildung zum Betriebsegoismus nicht systemisch denken können. Die wirklichen Vernetzungen eines Unternehmens mit der Welt kommen im Modell gar nicht vor. Aus solch massenhaft aufsummierter Betriebsblindheit entstehen dann ungeplante Resultate. Soziologisch gesprochen bildet sich eine emergente Ordnung als unintendierte Folge absichtsvollen Handelns (Robert K. Merton). Nehmen wir als Beispiel einen Verkehrsstau: Niemand plant ihn und doch erzeugen ihn alle beteiligten Autofahrer gemeinsam. Hier hat es keinen Sinn, nach Schuldigen zu suchen, Feindbilder oder Verschwörungstheorien aufzubauen. Wir machen unsere Welt selbst, ausnahmslos. Ihre Verbesserung bleibt ein schwieriges, fehlerbehaftetes Geschäft der Artikulation und Auseinandersetzung, das am besten in freien, offenen Demokratien betrieben werden kann. Leider gibt es auch in Europa noch Korruption, Zwang und Gewalt, doch ‚das Böse' ist letztlich Dummheit. Werte wie Freiheit, Gleichheit und Mitmenschlichkeit sind aber universal und weder politisch noch kulturell relativierbar.

Prinzipiell ist es Aufgabe der Politik, für externe Korrekturen zu sorgen. Wenn man nicht mutig klare Vorgaben für die wirtschaftlichen Akteure macht, sondern sich von ihnen die Gesetzgebung diktieren lässt, werden die Lebensbedingungen nicht demokratisch bestimmt, sondern von ökonomisch starken Minderheiten. Mutige Rahmenvorgaben filtern die Unternehmen heraus, die sich als gestaltende Mitglieder der Gesellschaft begreifen wollen und denen es um profitables, nachhaltiges Wirtschaften zum Wohle aller geht statt um niedrigstmögliche Standards für größtmögliche Rendite auf Kosten von Arbeitnehmern, Qualität, Umwelt und Gemeinschaft: Aus dem Primat des shareholder value – der höchstmögliche finanzielle Profit der Anteilseigner – wird der stakeholder value – es profitieren alle direkt oder indirekt vom Unternehmen betroffenen Menschen, und dies nicht nur finanziell. Demokratische Regierungen haben für das Allgemeinwohl einzutreten und dem aggressiven ‚freien Spiel des Marktes', etwa dem spekulativen Finanzhandel, gemeinnützige Regeln zu verpassen.

Es geht hier um die Begrenzung der Folgen von Gier, nicht um das Habenwollen aus menschlichen Bedürfnissen, den natürlichen Motiven für alle denkbaren Wirtschaftsformen.

Wir fangen früh an, etwas zu brauchen, um uns sicher zu fühlen: die Mutter, die Milch, die Nahrung, das Zuhause. Freiheit macht uns Angst, wenn wir nicht innerlich gesättigt sind. Das Erleben von Mangelzuständen ist menschlich universal. Ein solcher Zustand drängt nach seinem Ausgleich durch Nahrung, Kontakt, Nähe oder Aktion, irrtümlich auch durch Ersatzkonsum, Konkurrenz und ichbezogenen Ehrgeiz. Bedürftigkeit kann so zu Abhängigkeit, Gier oder Sucht werden – nach einem Partner, Essen, Unterhaltung, Arbeit, Profit, Macht oder Substanzen. Wir glauben fälschlicherweise, dies könnte uns retten. Immer wollen wir irgendetwas von außen in uns hineinbringen oder über etwas verfügen. Das Ergreifen ist überhaupt der Grund für unsere Existenz. Das hat der Buddha in den Zwölf Gliedern des Abhängigen Entstehens erklärt.

Die vermeintliche (Er-)Füllung eines inneren Mangels mit Konsum, Geld, Macht oder besitzergreifenden Beziehungen ist allerdings keine dauerhafte Zuflucht, all das ist vergänglich. Nur der Geist kann glücklich sein, nicht die Dinge. Erst das Erkennen des Erlebers aller inneren Prozesse und Tendenzen kann befreien. Selbstverständlich ist die Erfüllung basaler Bedürfnisse die Grundlage für jede Arbeit mit dem Geist, darum ist unsere vergleichsweise sorgenfreie Situation in Europa so wertvoll. Wir haben den kostbaren Menschenkörper in einer guten Existenzlage. Reichtum ist also nicht schlecht. Gier allerdings ist buddhistisch gesehen ein starkes Geistesgift, eine nehmende, suchtähnliche, nie endende Form der Anhaftung, die den Nehmenden sehr unfrei macht. Er erlangt niemals Befriedigung und erzeugt Leid. Die buddhistische Überlieferung kennt neben dem Daseinsbereich der Menschen auch den der Hungergeister. Sie erleiden unendliche Qualen, weil ihre Hälse zu eng sind, um jemals Hunger und Durst stillen zu können. Dort werden geizige Menschen wiedergeboren.

Im Mangelerleben trennen wir ein feindliches Außen von uns ab. Wir fühlen uns als die Bedürftigen, Abhängigen und werden sehr wütend, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen.

In der buddhistischen Praxis kann man diese Dynamik des Nehmens umkehren: Man übt – unter anfänglicher Auflehnung des empörten Ego – ganz gezielt das Geben, z.B. Liebe in die Welt hineinzuverschenken. Damit wird man im Nu zum Reichen, der anderen Menschen nutzt. Darum ist Freigebigkeit auch die erste und unverzichtbare befreiende Handlung (paramita) auf dem buddhistischen Weg. Sie ist befreiend, weil man zum mitfühlenden Gebenden und damit unabhängig und erwachsen wird: Deine Eltern haben dir nicht genug Liebe gegeben? – Schenke ihnen innerlich so viel Liebe, wie du kannst, und du wirst frei sein. Du bist eifersüchtig? – Wünsche dem Betreffenden so viel Glück, wie du kannst, und du wirst frei sein.

Erwünschtes und auch Wohlstand werden also gerade nicht durch Begierde erlangt, sondern durch das Gegenteil, nämlich durch Großzügigkeit und Freigebigkeit.

Man sollte als praktizierender Buddhist angemessen für seinen Lebensunterhalt sorgen können, denn ideelle oder materielle Großzügigkeit entsteht eher aus Überschuss. Der Tibeter Ngulchu Thogme Sangpo (1285-1369) schreibt in ‚Die 37 Bodhisattva-Praktiken' in Vers 26: „Wenn man ohne sinnvolle gute Lebensführung nicht einmal den eigenen Nutzen erreichen kann, ist es ein Witz, anderen nutzen zu wollen. Deswegen ist es das Handeln eines Bodhisattva, ohne weltliches Streben eine gute sinnvolle Lebensführung zu bewahren." In unserer modernen Welt sind die Ablenkungsmöglichkeiten sehr groß und verhindern oft die Besinnung auf das Wesentliche. Zugleich sind Reichtum und Freiheit gute Bedingungen, sich zu entwickeln und mit dem Geist zu arbeiten. Ein großes Geschenk an Möglichkeiten. In Vers 33 warnt Sangpo aber vor dem Extrem: „Infolge von Streben nach Reichtum und Ehre kommt es zu Auseinandersetzungen und die Taten des Lernens, Nachdenkens und Meditierens verschlechtern sich. Daher ist es das Handeln eines Bodhisattva, Anhaftung an die Haushalte der Nächsten und der Gönner aufzugeben."

Wenn wir von ‚Konsumterror' oder dergleichen reden – ein Wort aus den 70er Jahren –, müssen wir uns klarmachen, dass nicht ‚die Anderen' oder ‚die Gesellschaft' für unsere Verführbarkeit verantwortlich sind. Solche Konzepte verhindern ehrliche Einsicht in unsere Tendenzen. Dennoch trägt ein Hersteller von betrügerischen oder gefährlichen Produkten (etwa Salbentuben mit Luftblasen oder giftiges Kinderspielzeug) die volle Verantwortung. Er missbraucht die Angebots- und Informationsmacht gegenüber dem Konsumenten. Hier müssen öffentliche Institutionen unmissverständlich die Kunden schützen. Und das muss artikuliert und politisch umgesetzt werden.

Man gewinnt jedoch keine Freu(n)de, wenn man im täglichen Leben ständig zwanghaft die ökologische Korrektheit von Mitmenschen und Produkten bewertet und jeden missionieren will. Jemand kann in einem Discounter einkaufen, wenn er mit wenig Geld seine Familie mit gutem Essen beschenken möchte. Karmische Eindrücke werden durch die Motivation gesetzt, nicht durch äußere, ökologische oder ökonomische Zusammenhänge. Das gilt selbst im Strafrecht: Neben der Tat bestimmt auch das Motiv die Strafe.

Was im Leben wirklich zählt, ist das persönliche, situativ konkret auf die Mitmenschen bezogene Handeln. Buddhistisch gesehen geht es um den eigenen Geist. Vermeintliche Fehler von anderen sind immer das eigene Thema und man erlebt, wofür man früher die Samen gelegt hat. Der Buddhismus als Weg der Mitte lehnt extreme Ansichten wie Materialismus oder Idealismus ab. Er versteht alle Phänomene als abhängig voneinander und vom Erlebenden permanent entstehend und vergehend, aber substanziell leer, wie ein Regenbogen, der ohne Betrachter nicht existiert. So kann man lernen, Zusammenhänge anzuschauen, so wie sie sind, ohne Urteile wie ‚gut/böse' bilden zu müssen. Es gibt keine Schuld. Außerdem heißt es, sich nicht als besserer Mensch zu fühlen, weil man politisch und ökologisch korrekte Ansichten vertritt. Die können morgen schon falsch sein. Es geht um die Befreiung von starren Konzepten. Hat man Mitgefühl statt Ablehnung, braucht man keine Feindbilder, sondern kann sinnvoll und frei entscheiden, was der jeweiligen Situation angemessen ist. Buddhist zu sein erweitert das Leben von einem Entweder-oder zu einem Sowohl-als-auch.

Die Welt ist so, wie sie sein muss. Sie ist das Ergebnis aus vergangenem Tun, Sprechen und Denken. ‚Die Welt' ist vor allem unsere Vorstellung, genau wie Vergangenheit und Zukunft. Und weil wir alles selbst gemacht haben, können wir uns nur selbst verändern und niemand anderer. Andersherum heißt das: Veränderst du den Geist, veränderst du die Welt.

Wenn man es nun besonders gut machen will, in eine asketisch-überlegene Attitüde verfällt und alles ‚Falsche' ablehnt, hat man unversehens neue Feinde und das Störgefühl Stolz erzeugt. Buddhisten können schnelle Autos fahren, laute Rockmusik lieben, gutes Essen genießen, tatkräftig handeln, wild tanzen und lieben, weil sie tiefe Freude am Leben haben, den Raum als Reichtum und Mitmenschen als gleichwertige Freunde erfahren. Eine menschliche Welt bedeutet nicht den moralinsauren Verzicht auf alles, was Spaß macht, laut oder schnell ist, wie man es in manchen ökologischen Utopien findet, die etwa Verkehr mit Radfahrtempo wünschen.

Auch hier ist Großzügigkeit der Schlüssel: Man kann nur großzügig sein, wenn man selbst inneren und äußeren Reichtum bejahen kann – statt verkrampft als Sittenwächter aufzutreten.

Großzügigkeit und Liebe kann dann auch bedeuten, sich über das große Auto des Nachbarn zu freuen, statt es moralisch zu verurteilen. Entscheidend ist, die Möglichkeiten des Reichtums zu nutzen, aber nicht an ihnen zu haften: „Weltliche Errungenschaften sind wie Salzwasser – die Begierde nimmt zu, je mehr wir davon zu uns nehmen. Es ist die Praxis des Bodhisattva, unmittelbar alle Dinge aufzugeben, die Anhaftung entstehen lassen." (Sangpo, Vers 21)

Jedoch ist es nicht das Ziel, moralisch zu werden, sondern ethisch. Man handelt nicht ‚heilig', sondern klug, mitfühlend und fantasievoll. Das ist die zweite befreiende Qualität (paramita) in Buddhas Lehre.

Buddhismus ist keine Politik. Jeder Mensch trägt die Verantwortung, Leben und Arbeit so gut, gewissenhaft und nützlich wie möglich zu gestalten und ständig an sich selbst zu arbeiten. Das gilt natürlich besonders für Führungspersonen, die dafür bezahlt werden, dass sie hohen Nutzen für die Gesellschaft bringen. Man kann aber unmöglich ‚die Welt retten', da man den anderen weder Karma noch Verantwortung abnehmen kann. Es gibt sieben Milliarden Verantwortungsträger. Man kann, was man tut, mehr und mehr für die anderen tun, das ist sehr viel. Es geht nicht immer gleich ums Überleben, ein derartiges Konzept verengt den Blick. Es geht um gutes Leben und da ist in der Tat ‚weniger oft mehr'. Die Entwicklung dahin kann nicht ohne Schwierigkeiten, Konflikte oder Krisen erfolgen. Karma kommt immer zur Reife – und wenn man positive Handlungen übt, mit dem Geist arbeitet und praktiziert, kann man es verändern. Panik ist nutzlos, man stirbt in jedem Fall. Darum kann man sich trotz allem entspannen, eine liebevolle Sicht üben und die Lebensaufgaben angehen.

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