Gesellschaft

Der Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) gilt heute als der meistgelesene europäische Autor des 20. Jahrhunderts. Nicht wenige haben durch seinen Roman ‚Siddhartha' zum Buddhismus gefunden.

Die wissenschaftlichen Expertisen zu seinem Oeuvre, das Romane, Erzählungen, Gedichte sowie politische, literatur- und kulturkritische Schriften umfasst, füllen Bibliothekswände; seine schriftstellerischen Verdienste sind in jeder Enzyklopädie verzeichnet. Wie lässt sich dieser Erfolg des von der Psychoanalyse und dem fernöstlichen Denken beeinflussten Erzählers Hermann Hesse erklären? Und welcher Bezug kann zum Buddhismus hergestellt werden?
Zunächst ein Blick auf die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Menschen: Geboren am 2.7.1877 in Calw (Württemberg) als Sohn eines deutsch-baltischen Missionspredigers und einer schwäbisch-schweizerischen Missionarstochter, galt der kleine Hermann anfangs als guter Schüler. Bereits für den Dreizehnjährigen stand fest, dass er ‚entweder Dichter oder gar nichts' werden wollte. Vorgesehen wäre jedoch eine Theologenlaufbahn gewesen, die ihren Anfang im Klosterseminar Maulbronn nehmen sollte. Doch Hesse ergriff bereits nach wenigen Monaten die Flucht. Seine verzweifelte Rebellion gegen Leistungsdruck und Anpassungszwang gipfelte damals in einem missglückten Selbstmordversuch, dem eine Zwangsinternierung in der Nervenheilanstalt Stetten folgte. Schließlich kam es zur Versöhnung mit Vater und Mutter; Hesse arbeitete fortan als Buchhändler und Antiquar.
Den ersten größeren literarischen Erfolg erzielte er mit der Veröffentlichung des ‚Peter Camenzind' im Jahre 1904. Mittlerweile konnte er vom Schreiben leben und gründete mit Maria Bernoulli, seiner ersten Ehefrau, eine Familie. Der endgültige Durchbruch gelang 1919 mit ‚Demian'; es folgten die in alle Kultursprachen übersetzten Romane ‚Siddhartha' (1922), ‚Der Steppenwolf' (1927), ‚Narziß und Goldmund' (1929/30) sowie ‚Das Glasperlenspiel' (1943). Trotz des großen Erfolgs blieb der sensible Künstler sein Leben lang krisenanfällig. Auf die schweren Kriegsjahre, in denen er sich öffentlichkeitswirksam gegen den in Deutschland grassierenden politischen Wahnsinn aussprach, folgte die Emigration nach Montagnola in der Schweiz. Dort starb Hesse 1962 im Alter von 85 Jahren.
Die Gratwanderung zwischen der gesellschaftlich geforderten Anpassung und den eigenen Individuationsbestrebungen war wohl Hesses Lebensthema. Sie findet sich als Leitmotiv in seinen Schriften wieder. „Es gibt keinen andern Weg der Entfaltung und Erfüllung als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens", antwortete Hesse in einem seiner über 30.000 Briefe, in denen er auf die Anliegen seiner Leser einging. „Sei Du Selbst", lautete stets seine zentrale Botschaft.
Für die an fernöstlicher Spiritualität interessierte Leserschaft ist zweifelsohne die ‚indische Dichtung' Siddhartha von ganz besonderem Reiz. Dabei handelt es sich um die wirkungsgeschichtlich wohl bedeutsamste Erzählung, in der Buddha als historische Gestalt auftritt. In einfacher und zugleich hochpoetischer Sprache wird darin die Geschichte eines Brahmanensohnes erzählt, der schließlich Erleuchtung erfährt. Wie der historische Buddha trennt sich auch Hesses Siddhartha als junger Mann von seiner Familie, um sich gemeinsam mit seinem Freund Govinda auf den spirituellen Pfad zu begeben. Siddhartha durchläuft in der Erzählung mehrere Phasen: Er versucht sich zunächst als strenger Asket, wird wohlhabender Kaufmann und zuletzt ein erleuchteter Fährmann. Hesse lässt die beiden Freunde auch den historischen Buddha aufsuchen. Während Govinda sich diesem anschließt, zieht Siddhartha weiter, um für eine Weile als Kaufmann den weltlichen Genüssen zu frönen. Am Ende erfasst Siddhartha, am Rande eines Flusses sitzend, die sich ständig im Fließen befindende Einheit alles Seienden. Bei der Wiederbegegnung mit seinem alten Freund Govinda verkündet er ihm eine Lehre, deren Essenz aus einer alles bejahenden Liebe besteht.
Wie viele Klassiker der Weltliteratur lässt sich auch ‚Siddhartha' auf vielfältige Weise auslegen. Christliche, buddhistische, hinduistische oder taoistische Lesearten sind möglich. Obwohl das Buch den Untertitel ‚Indische Dichtung' trägt, sollte es nicht einseitig als solche betrachtet werden. „Siddhartha ist ein sehr europäisches Buch, trotz des Milieus, und die Siddhartha-Lehre geht so stark vom Individuum aus und nimmt es so ernst, wie keine asiatische Lehre es tut. ‚Siddhartha' ist der Ausdruck meiner Befreiung vom indischen Denken", schrieb Hesse selbst über dieses Werk.
In alternativen Kreisen gilt Hesse seit den 60er Jahren als Galionsfigur der Integrationsunwilligen. Auffallend ist, dass seit damals besonders junge Menschen aus Hesses Schriften Besinnung und Kraft schöpfen. Dies liegt wohl daran, dass Hesse selbst bzw. seine ihm stets verwandten Protagonisten junge Menschen zur Identifikation einladen. Der Dichter lässt die stets männlichen Hauptfiguren um die besonders in der Jugendzeit zu leistende eigene Individuation (C. G. Jung), also um die Selbstfindung und -entwicklung, ringen. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, besteht darin, sich anderen Kulturkreisen zuzuwenden. Hesse tat dies in besonders produktiver Weise, wovon der ‚Siddhartha' eindrucksvoll Zeugnis ablegt.
Hesses Strategie wurde von Teilen der Jugend während der 60er Jahre weltweit verfolgt. Und als 1968 der ‚Siddhartha' zur Pflichtlektüre der Hippies avancierte, wuchs schrittweise auch generell das Interesse am Buddhismus im Westen. Während in den USA umstrittene Persönlichkeiten wie der Psychologie-Professor und LSD-Guru Timothy Leary für Hesse die Werbetrommel rührten, sprachen sich in Europa Literaten von Weltrang, etwa André Gide oder Thomas Mann, für ihn aus. Laut Mann ist Hesses Lebenswerk ‚bei all seiner manchmal kauzigen Einzelgängerei, seiner bald humoristisch-verdrießlichen, bald mystisch-sehnsüchtigen Abgewandtheit von Zeit und Welt zu den höchsten und reinsten geistigen Versuchen und Bemühungen unserer Epoche' zu zählen.

Leseprobe aus Hermann Hesses ‚Siddhartha. Eine indische Dichtung.'

Als Siddhartha bereits den Ruf eines Heiligen erlangt hat, besucht ihn noch einmal Govinda, der im Gesicht des Freundes das ‚Lächeln der Einheit über den strömenden Gestaltungen', die Vollendung Buddhas schaut:

„Er sah das Gesicht eines Fisches, eines Karpfens, mit unendlich schmerzvoll geöffnetem Maule, eines sterbenden Fisches, mit brechenden Augen – er sah das Gesicht eines neugeborenen Kindes, rot und voll Falten, zum Weinen verzogen – er sah das Gesicht eines Mörders, sah ihn ein Messer in den Leib eines Menschen stechen – er sah, zur selben Sekunde, diesen Verbrecher gefesselt knien und sein Haupt vom Henker mit einem Schwertschlag abgeschlagen werden – er sah die Körper von Männern und Frauen nackt in Stellungen und Kämpfen rasender Liebe – er sah Leichen ausgestreckt, still, kalt, leer – er sah Tierköpfe, von Ebern, von Krokodilen, von Elefanten, von Stieren, von Vögeln – er sah Götter, sah Krischna, sah Agni – er sah alle diese Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede der andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie vernichtend, sie neu gebärend, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich schmerzliches Bekenntnis der Vergänglichkeit, und keine starb doch, jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein neues Gesicht, ohne daß doch zwischen einem und dem anderen Gesicht Zeit gelegen wäre – und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten, flossen, erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander, und über alle war beständig etwas Dünnes, Wesenloses, dennoch Seiendes, wie ein dünnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut, eine Schale oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lächelte, und diese Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht, das er, Govinda, in ebendiesem selben Augenblick mit den Lippen berührte. Und, so sah Govinda, dies Lächeln der Maske, dies Lächeln der Einheit über den strömenden Gestaltungen, dies Lächeln der Gleichzeitigkeit über den tausend Geburten und Toden, dies Lächeln Siddharthas war genau dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche, vielleicht gütige, vielleicht spöttische, weise, tausendfältige Lächeln Gotamas, des Buddhas, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht gesehen hatte. So, das wußte Govinda, lächelten die Vollendeten.
(Hesse 1974, 119f.)

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