Gesellschaft

Soziale Verantwortung gilt in der unternehmensethischen Diskussion als ein neues Bezugssystem, an das viele Hoffnungen geknüpft wurden. Doch nicht alles, was glänzt, ist aus Gold. Eine kritisch-buddhistische Perspektive von Karl-Heinz Brodbeck.

Jakob Fugger errichtete 1523 die Fuggerei, 106 Wohnungen für bedürftige katholische Bürger in Augsburg. Anstelle einer nennenswerten Miete müssen drei Gebete für den Stifter täglich gesprochen werden – eine frühe soziale Maßnahme eines Großunternehmens, allerdings gemessen an Fuggers Vermögen keine bedeutende Ausgabe. Die heute propagierte soziale Verantwortung – bekannt unter Corporate Social Responsibility (CSR) – von Unternehmen steht ganz in dieser Tradition. Die Idee der CSR wurde von einer Reihe internationaler Initiativen vertieft, besonders im Global Compact, einer Initiative von Kofi Annan aus seiner Zeit als UN-Generalsekretär, ergänzt um die Themen Menschenrechte, Umweltschutz, Arbeitsschutz und Korruption. Auch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hat auf der Linie der CSR Leitsätze für multinationale Unternehmen entwickelt, ebenso die ILO, die Internationale Arbeitsorganisation, die zahlreiche Regeln für Arbeitsbedingungen präzisiert.

Entscheidend für das Verständnis der CSR ist die grundlegende Philosophie dieser Initiativen. Im ‚Grünbuch – Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen' der Europäischen Kommission wird CRS wie folgt definiert: ‚Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren.' Zwei in dieser Definition enthaltene Gedanken sind hier hervorzuheben: Erstens versteht man unter CSR prinzipiell freiwillige Maßnahmen von Unternehmen; hierbei, zweitens, auch nicht von Unternehmen schlechthin, sondern vorwiegend von Aktiengesellschaften, die sich in erster Linie nur ihren Anteilseignern (Shareholdern) verpflichtet sehen. In der Aktiengesetzgebung wird in den meisten Ländern fast nur diese Verantwortung betont. Andere als die Renditeinteressen der Aktionäre sind in der Regel nicht gesetzlich normiert. Soziale und ökologische Belange, also das, was man unter dem Begriff der Stakeholder – Betroffene unternehmerischen Handelns, die keine Eigentümer sind – zusammenfasst, bleibt ohne nähere Regelung. Diese Lücke soll CSR füllen.

Die Idee der CSR besagt also, dass es in der freien Entscheidung der Unternehmen liegt, ob und inwieweit sie andere Interessengruppen, die übrige Gesellschaft oder – wie in Fragen des Umweltschutzes – künftige Generationen mit in ihr Kalkül einbeziehen. Selbst wenn Unternehmen freiwillige Selbstverpflichtungen eingehen oder z.B. den Global Compact unterzeichnen, besteht für die Stakeholder kein Recht, das, was in der freiwilligen Selbstverpflichtung ausgesagt wurde, auch einfordern zu können.

 

Ziel ist es, soziales Kapital zu schaffen.

 

Um die tatsächliche Rolle der CSR zu verstehen, ist es hilfreich, sie am Beispiel der Deutschen Bank näher zu beleuchten. Die Gesamterträge der Deutschen Bank im Jahre 2009 betrugen laut Geschäftsbericht 28.112 Mio. €, also knapp 30 Mrd. Die Aufwendungen für CSR werden im selben Geschäftsbericht mit 80 Mio. € angegeben. Das sind 0,28% der Erträge; eine Größenordnung, die man mit einer berühmten Bemerkung von Hilmar Kopper, vormals Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Peanuts nennen darf. Das hindert die Deutsche Bank nicht daran zu sagen, dass sie dem Global Compact der UN beipflichte und dessen Anstrengungen nachdrücklich unterstütze. Zu den CSR heißt es – und es lohnt sich, hier den Geschäftsbericht von 2009 ein wenig genauer zu lesen: „Die Deutsche Bank versteht Corporate Social Responsibility (CSR) als eine Investition in die Gesellschaft und in die eigene Zukunft. Ziel ist es, soziales Kapital zu schaffen. Unsere wichtigste soziale Verantwortung sehen wir darin, ein international wettbewerbsfähiges Unternehmen zu sein, Gewinne zu erwirtschaften und zu wachsen." Ich habe den entsprechenden Passus hervorgehoben. Man kann der Deutschen Bank gewiss nicht vorwerfen, dass hier nebulös geredet würde. Der Begriff ‚sozial' wird eindeutig definiert: Sozial ist, was Gewinne zu steigern und im globalen Wettbewerb zu bestehen erlaubt. Auch der erwähnte Begriff ‚soziales Kapital' hat hier die Bedeutung, Ressourcen für Unternehmen zur Gewinnmaximierung bereitzustellen.

Wer nicht mit der Ideologie der Ökonomen und der oberen Führungsetagen in der Wirtschaft vertraut ist, dem erscheinen – übrigens zu Recht – solche Aussagen wenigstens fragwürdig, eher wohl einfach nur zynisch: ‚Sozial' soll das sein, was den Reichtum der Reichen, die Gewinne der Kapitalgesellschaften und der Banken erhöht. Corporate Social Responsibility wird – eben weil soziale und ökologische Verantwortlichkeit durch Freiwilligkeit definiert ist – genau so verstanden und genutzt, wie zu befürchten stand: als neues, willkommenes Instrument, das nur dem eigentlichen Ziel der Gewinnmaximierung dient.

Eine faire Debatte verlangt indes, die Argumente zu prüfen, die für diese Interpretation vorgebracht werden, die also für den Gedanken zu sprechen scheinen, dass die Gewinnmaximierung oder die Geldgier moralisch gerechtfertigt ist und als Oberziel aller anderen wirtschaftlichen Bestrebungen gelten sollte. Die hierfür immer wieder angeführte Begründung wurde von der klassischen Nationalökonomie entwickelt. Sie betrachtet den Egoismus als eine Tatsache, auch die Geldgier. Man knüpft dann daran die Frage, wie eine Gesellschaft einzurichten ist, die mit dem Egoismus leben muss. Das zentrale Argument hierzu findet sich bei Adam Smith und besagt: Wenn jeder nach seinem Eigennutzen strebt, sorgt dennoch der Wettbewerb dafür, dass schließlich das Wohl aller, das Gemeininteresse oder eben das soziale Interesse maximal gefördert werde. Was dem gewöhnlichen Verstand als ein Widerspruch erscheint, so belehren uns die Ökonomen, sei für die ‚tiefere' wissenschaftliche Einsicht vielmehr eine notwendige, wenn auch gleichsam dialektische Bedingung. Die Moral werde am besten gefördert, wenn man den Wettbewerb fördere, denn der sorge dafür, dass die egoistische Geldgier jeweils am Konkurrenten, am anderen Ego, eine Schranke finde und so – mit dem wunderbaren Wirken einer invisible hand – das Wohl aller erzeuge.

Dieses Argument ist allerdings unhaltbar. Nur vier Hinweise hierzu, mit Bezug auf CSR. Erstens wäre es, träfe das Argument zu, völlig unverständlich, weshalb nahezu alle Gesellschaften neben den Märkten soziale Institutionen unterhalten. Auch CSR wäre überflüssig. Offenbar erzeugen die Märkte also doch nicht einfach das Wohl aller; die weltweite Armut ist erschreckend und erreicht nun auch Europa und die USA. Zweitens wird in diesem Argument vergessen, dass die Märkte keineswegs nur im Wettbewerb stehen. Monopole manipulieren die Preise, zahlen Hungerlöhne, beuten Frauen und Kinder aus und senken deren Wohlstand – nachzulesen in diversen Schwarzbüchern. Drittens versagen die Märkte beim Umweltschutz, aber auch bei der langfristigen Energiepolitik. Privater Nutzen und soziale Kosten klaffen weit auseinander. Ein dramatisch aktuelles Beispiel ist die gewaltige Ölkatastrophe, die BP im Golf von Mexiko verursacht hat. Sie zeigt: Wir haben – ökologisch und ökonomisch – längst das weltweite Fördermaximum beim Erdöl erreicht. Öl zu fördern, verursacht inzwischen global für die Staaten insgesamt weit höhere Kosten, als von den Ölkonzernen privat berechnet wird – Entschädigungszahlungen eingerechnet. Dadurch wird auch langfristig mehr Energie zur Energiegewinnung in anderer Form eingesetzt, als aus solch hoch riskanten Bohrungen in tief liegenden Feldern im Meer zu gewinnen ist. Die ökonomischen und ökologischen Folgekosten sind untragbar geworden. CSR sollte ökologische Nachhaltigkeit verwirklichen. Man wundert sich deshalb schon ein wenig, wenn man in einer Online-Verlautbarung liest: „BP unterstützt den Global Compact und seine 10 Prinzipien, die Menschen- und Arbeitsrechte, die Umwelt und Korruption betreffen." BP steht nicht allein. Shell hat in weiten Teilen Nigerias durch Ölförderung eine ökologische Wüste hinterlassen und die Lebenserwartung der Menschen dort um zehn Jahre vermindert. Zugleich verkündet die Firma online: „Shell ist strikt der Social Responsibility verpflichtet." Viele Nigerianer sehen das anders. Viertens funktionieren Märkte nur über das Geld; das Geld und die Finanzmärkte aber werden in einem immer atemberaubenderen Umfang von wenigen Großbanken global beherrscht. Von Wettbewerb keine Spur – und die Politik hat sich in der Finanzkrise gegenüber der Bankenlobby als völlig hilflos erwiesen. Im Gegenteil, die Banken sind dabei, unter Mithilfe der Zentralbanken ihre ungeheuren Schulden den Staaten, den Steuerzahlern aufzubürden, von denen sie im Gegenzug fordern, radikal die Gürtel enger zu schnallen. Die Gewinnmaximierung gerade der Großbanken hat global zu einer bedrohlichen Beschleunigung der Armut geführt – von einer Förderung des Gemeinwohls als Konsequenz der Gewinnerzielung kann also beim besten Willen nicht gesprochen werden.

Wenn man nun wieder CSR ins Spiel bringt, um den Unternehmen wenigsten etwas soziale Verantwortung abzuverlangen, so wird – wie mir scheint – die Struktur des modernen Kapitalismus einfach nicht richtig erfasst. Gerade im Buddhismus sind wir darauf verpflichtet, die moralischen Forderungen nicht auf Illusionen, sondern auf wirkliche Erkenntnis zu gründen. Das Gewinnstreben ist aber nichts anderes als die Institutionalisierung eines Geistesgiftes. Wenn unter der Überschrift ‚CSR' für PR und Image der Firmen Werbung betrieben werden kann, mit der man dem eigentlichen Ziel – eine maximale Rendite – ein ethisch-soziales Kleid überzieht, so wird kein Unternehmen darauf verzichten – weder Shell noch BP, noch die Deutsche Bank.

 

Die buddhistische Wirtschaftsethik ist nicht an ein bestimmtes System, sondern an die Motivation der Menschen geknüpft.

 

Obgleich einige Dharmafreunde hier vielleicht anderer Auffassung sind, so widerspricht es wenigstens der Grundüberzeugung des Prasangika-Madhyamaka, die Ökonomie mit eigenen, ‚buddhistischen' Vorschlägen formen zu wollen. Die buddhistische Wirtschaftsethik ist nicht an ein bestimmtes System, sondern an die Motivation der Menschen geknüpft. Die Aufgabe kann eigentlich nur sein, die in der Wirtschaft handelnden Menschen auf die Irrwege der herrschenden Denkformen und ihre das Leiden der Menschen vermehrenden Irrtümer hinzuweisen. Viele sehen in CSR eine Chance, unter dem Dach dieses Modebegriffs doch wenigstens in kleinerem Umfang soziale Zielsetzungen und ökologische Verantwortung in Unternehmen stärker als bislang zu artikulieren. Wer wollte dagegen etwas einwenden? Doch wir dürfen nicht vergessen, dass die drei Geistesgifte des Nichtwissens, der Gier und der Aggression nicht einfach nur psychologische Zustände sind. Sie sind im Kapitalismus durch die Herrschaft des leeren Scheins (Geld), durch Geldgier und aggressive Konkurrenz soziale Wirklichkeit. Man kann nicht in einer Waffenfabrik mit gutem Gewissen CSR einführen, ohne das Ziel solch eines Unternehmens zu kritisieren. Man kann auch nicht die CSR-Verlautbarungen großer Banken naiv als ‚Schritt in die richtige Richtung' bezeichnen. Es sind eben diese Banken, die in ihrem alltäglichen Geschäftsgang den globalen Schuldenschwindel der Derivate betreiben und dadurch eine weltweite Krise und die Verarmung von immer mehr Menschen und ganzen Ländern wesentlich mit verursachen. Wahrhafte soziale und ökologische Verantwortung wird erst dann erreicht, wenn die Regentschaft von Geldgier und aggressivem Wettbewerb selbst im Zaum gehalten und wieder einer Moral das Wort geredet wird, die sich nicht in das Schlepptau der Gewinnmaximierung begibt. Die soziale und ökologische Verantwortung von Unternehmen sollten die Menschen und ihre Regierungen durch gesetzliche Beschränkungen einfordern, bevor Bilanzen erstellt und Geschäftsberichte geschrieben werden – als neue ethische Grundhaltung zur Verminderung der globalen Armut und der Verhinderung ökologischer Katastrophen. Ohne Bezähmung der Geldgier ist das nicht möglich.

 

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