Gesellschaft

Am 22. Oktober 2009 fand in Australien eine Ordination von vier Frauen zu buddhistischen Nonnen (bhikkhunis) statt. Ein normaler Vorgang innerhalb der buddhistischen Gemeinschaft (sangha) – sollte man meinen. Eine Analyse von Paul Köppler.

Ajahn Brahm, seit 36 Jahren Mönch, Abt eines buddhistischen Klosters in Perth, ordinierte öffentlich Frauen als buddhistische Nonnen. Unterstützt wurde er dabei von Ajahn Sujato, der seit 16 Jahren als Mönch lebt.

Obwohl es schon einige Jahre lang Bestrebungen gibt, Nonnen zu etablieren, schuf Ajahn Brahm mit diesem Akt ein als provokativ empfundenes Ereignis. Dazu wurde es, weil thailändische und westliche Mönche dieser buddhistischen Tradition die Ordination ablehnten und Ajahn Brahm und auch sein Kloster von ihrem Orden ausschlossen. Diese Tradition der Wald-Mönche des bekannten Lehrers Ajahn Chah betreibt etwa 300 Klöster mit rund 2200 Mönchen und Nonnen in Thailand und ungefähr 170 in anderen Ländern.

 

Es wurden bereits Petitionen zur Unterstützung von Ajahn Brahm und seiner Bestrebungen verfasst und einige tausend Unterschriften gesammelt.

 

In einem Schreiben vom Dezember 2009 des Senior-Mönches dieser Tradition erklärte dieser, warum die Ordination abgelehnt wurde. Dazu sollte man wissen, dass die Gemeinschaft der Theravada-Mönche vielleicht die am längsten bestehende Organisation der Welt ist (mehr als 2500 Jahre alt), die alten Regeln wurden unverändert belassen. Diese Vergangenheit ist für das Selbstverständnis des Ordens und der Tradition von großer Wichtigkeit. Im erwähnten Schreiben heißt es, dass die Folgen der Ordination und ihre Ablehnung zu einem unerwarteten Sturm geführt haben, sodass der Eindruck einer Spaltung innerhalb der buddhistischen Welt entstanden sei.

Es wurden bereits Petitionen zur Unterstützung von Ajahn Brahm und seiner Bestrebungen verfasst und einige tausend Unterschriften gesammelt. Darin heißt es unter anderem:

„Die Unterzeichneten sind enttäuscht und nicht einverstanden über den Ausschluss von Ajahn Brahm und den seines Klosters aus der Traditionslinie als Folge der Ordination von Nonnen. Wir sind enttäuscht und nicht einverstanden mit der damit verbundenen Benachteiligung von Frauen in der klösterlichen Tradition des Buddhismus, besonders im Westen, wo solch ein Vorgehen als ein Angriff auf den sozialen Status von Frauen und die Gleichberechtigung empfunden wird. Wir verlangen einen offenen und ehrlichen Dialog aller Beteiligten."

Das Thema ist allerdings nicht neu. Der Buddha selbst hatte zunächst nur Männer ordiniert und sich anfangs geweigert, einen eigenen Orden für Nonnen zu schaffen.

Erst als er zugeben musste, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten zur Befreiung haben, schuf er einen Nonnenorden. Es war für die damalige Gesellschaft so ungewohnt, Frauen als bettelnde Nonnen auf der Straße zu sehen, dass er ihnen Regeln gab, die sie den Männern unterordneten, und später empfahl er ihnen, in festen Klöstern zu bleiben.

Dennoch gab es über viele Jahrhunderte Nonnen und die Frage ist, warum sich das nun wieder ändern sollte. Wer heute in asiatischen Ländern reist, sieht Frauen in Roben und weiß nicht, dass diese im Grunde keine Nonnen sind. Das liegt daran, dass nach einigen Jahrhunderten in Indien die buddhistischen Ordinierten verfolgt und verdrängt wurden, sodass schließlich die Nonnenorden ausstarben. Die Frauen, die man heute in Roben sieht, sind nach den Regeln der Gemeinschaft nur Laien. Sie haben oft nicht den Zugang zur buddhistischen Ausbildung und dürfen viele nützliche Arbeiten verrichten, wie z.B. kochen und die Klöster versorgen, die Nonnen nicht erlaubt wären.

Warum ist es so schwierig, die Ordination wieder einzuführen? Die Regel (vinaya) sagt, dass zur Ordination von Frauen sowohl Mönche als auch Nonnen notwendig sind. Es gibt keine Nonnen mehr, daher ist keine Ordination möglich, so lautet das Credo.

Auch diese Diskussion ist nicht neu. Viele Buddhisten haben sich in den letzten Jahrzehnten für die Existenz von Nonnen eingesetzt. Schließlich kam man auf eine geniale Idee. Man stellte fest, dass es im späteren Buddhismus des Mahayana, zum Beispiel in China, sehr wohl ordinierte Nonnen gab. Also holte man diese und führte nun neue Ordinationen durch. 1998 fand eine solche Ordination mit Äbten aus Sri Lanka und Thailand in Bodh Gaya statt, bei der 135 Frauen aus 20 Ländern zu Nonnen ordiniert wurden. Es war ein großes Ereignis, das viele begeisterte. Später wurden noch mehrere solcher Ordinationen in anderen Ländern vorgenommen. Heute gibt es etwa 600 Nonnen in Sri Lanka, doch sie werden nicht von allen Mönchen anerkannt. In Burma wurden die zurückkehrenden Nonnen bestraft und ausgeschlossen und in Thailand versagte man ihnen ebenfalls die Anerkennung.

Daneben gab es von einem Mönch der thailändischen Tradition, Ajahn Sumedho, der in England ein Kloster leitet, die Bestrebung, Frauen als eine ‚Art Nonne' zu etablieren (siladhara), wodurch sie Zugang zur Ausbildung bekämen, allerdings wurde stets betont, dies sei ‚kein Schritt zur Wiedereinführung eines buddhistischen Frauenordens'.

 

Der Buddha selbst hatte zunächst nur Männer ordiniert und sich anfangs geweigert, einen eigenen Orden für Nonnen zu schaffen.

 

Ajahn Brahm wurde aufgefordert zu bestätigen, dass die von ihm ordinierten Frauen keine buddhistischen Nonnen seien. Hätte er diese Aussage getätigt, wären keine Sanktionen erfolgt. Doch er weigerte sich, das zu tun. Er betonte, dass er sich an das Wort Buddhas halte und dass es Mönche gäbe, die sagen, dass die thailändische Auslegung im Westen keine Gültigkeit hätte.

Viele Meditationslehrer und Buddhisten haben sich inzwischen zu diesem Thema geäußert. Die übliche Rechtfertigung der traditionellen Mönche besteht darin zu sagen, es sei für die spirituelle Entwicklung der Frauen gar nicht notwendig, voll ordiniert zu sein. Ajahn Chah hatte auf eine ähnliche Frage einmal gesagt: „Warum hat dann der Buddha diesen Orden geschaffen?"

Kennzeichnend für dieses ganze Dilemma ist die Reaktion eines bedeutenden westlichen Mönches und Gelehrten dieser Tradition, Bhikkhu Bodhi. Er stimmte zunächst dem Vorhaben Ajahn Brahms, Nonnen zu ordinieren, voll zu. Nach der Reaktion der Senior-Mönche schrieb er: „Ich bin gezwungen, meine Ansicht zu widerrufen." Im Weiteren drückt er aus, dass er nach wie vor im Prinzip für eine Ordination der Frauen eintrete, doch dass die Handlung von Ajahn Brahm zu hastig und unüberlegt erfolgt sei. Wenn das nicht an Verhaltensweisen unserer Politiker erinnert...

 

Kritische Journalisten in Thailand freuen sich bereits, dass mit dieser Diskussion und Unterstützung des Westens endlich die Monopolstellung der altehrwürdigen Mönchsgemeinde gebrochen werden könnte.

 

In ihrer offiziellen Stellungnahme schreiben die Senior-Mönche, dass sie nicht die Autorität hätten, die alten Regeln zu verändern. Der Orden der Nonnen wäre ausgestorben und könne nach den Regeln nicht mehr ins Leben gerufen werden. Sie sagen, das Problem wäre, dass Ajahn Brahm eigenmächtig, ohne Absprache und gegen den ausdrücklichen Wunsch der Senior-Mönche gehandelt habe. Sie meinen, ihr Handeln wäre kein Ausdruck mangelnden Respekts für die spirituellen Wege von Frauen, außerdem könnten solche Änderungen das Zusammenbrechen der ganzen Tradition bewirken. Als Beispiel für ihr Vorgehen nennen sie den Dalai Lama, der bei seinem letzten Aufenthalt in Deutschland betont hat, dass die Zukunft des Buddhismus in den Händen der Frauen liege. Auf die Frage, warum er dann nicht die volle Ordination von Frauen durchsetze, antwortete er, dass er nicht zuständig sei. Diese Entscheidung könne nur die gesamte Gemeinschaft einvernehmlich treffen.

Kritische Journalisten in Thailand freuen sich bereits, dass mit dieser Diskussion und Unterstützung des Westens endlich die Monopolstellung der altehrwürdigen Mönchsgemeinde gebrochen werden könnte. Vernünftige Stimmen wie die von Christopher Titmuss setzen sich dafür ein, den Frauen weltweit alle Unterstützung zu geben, einen Dialog in Gang zu halten, aber beide Seiten zu verstehen und keine neuen Feindbilder zu schaffen.

Quellen:
www.buddhistchannel.tv
www.insightmeditationaustralia.org
www.bhikkhuni.net
www.insightmeditation.org


 

Kommentare  
# Uwe Meisenbacher 2017-04-21 14:50
Hallo Herr Köppler,

Ihren Artikel kann ich voll und ganz zustimmen.
Im überwiegen patriarchal strukturierten Buddhismus muss
endlich eine zeitgemäße geschlechtergerechte Rolle
der Frauen praktiziert werden.
Im Buddhismus wird doch soviel von Achtsamkeit und Empathie
gesprochen: Warum wird den Frauen die Gleichberechtigung
versagt ?
Es ist längst überfällig, dieses zu tun !

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, reformierten,
buddhistischen Grüßen
Uwe Meisenbacher
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# Uwe Meisenbacher 2017-04-21 15:21
Schon der Buddha betonte, dass auch seine eigene Lehre (wie alle Dinge) dem Wandel unterliegt und stets in der Darstellungsform der jeweiligen Zuhörerschaft und ihrem spezifischen historisch-sozialen Kontext angepasst werden muss.
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