Gesellschaft

Können ökonomische Systeme existieren, die sowohl den individuellen Wohlstand wie auch das Gemeinwohl fördern, oder ist Konkurrenzdenken eine unausweichliche Konsequenz des menschlichen Daseins? Führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Neuro- und Kontemplativwissenschaften diskutierten darüber auf der ‚Mind and Life XX Konferenz' in Zürich.

Kongresshaus Zürich, letzte Reihe. Eine bescheiden gekleidete junge Frau mit Pferdeschwanz, vielleicht eine Studentin, sitzt dort im noch fast leeren Raum. Es ist der Beginn des dritten Tages des Symposiums über ‚Altruismus und Mitgefühl in Wirtschaftssystemen'. Ein sichtlich besser gestellter Mann spricht sie an. Er möchte aus einem bestimmten Grund seinen Platz mit ihr tauschen. – Sie zögert, sagt dann, ja, doch, was für einen Platz? – Reihe vier. – Verdutzt steht sie auf, packt ihre Sachen. Ohne viele Worte geht sie nach vorne, dreht sich noch einmal um, sucht Augenkontakt, lächelt ungläubig-glücklich, winkt verlegen. In Reihe vier sitzen die VIPs und Gold-Sponsoren, die mindestens 2.500 SFR fürs Ticket bezahlt haben.
Die Schreiberin hat die Situation beobachtet und fängt mit dem Mann ein neugieriges Gespräch an. Warum er den Platz tauschen wollte? – Man kann sich ‚das' nicht zwei Tage lang anhören und nichts tun. – Ob er als Sponsor da sei? – Ja, eine Freundin habe ihn auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht, deshalb sei er gekommen. Es sei schon ein Unterschied, ob man vorne sitze oder hier. – Was er mitnehme? – Eine Menge E-Mail-Adressen. – Und sonst? – Schwer zu sagen. Er habe viele Menschen getroffen, rasch die gleiche Wellenlänge gespürt, dass man eben etwas tun müsse, nicht unbedingt, um noch zu Lebzeiten für sich selbst etwas zu erreichen, sondern für unsere Kinder.

Mehr als jede andere Führungspersönlichkeit der Welt verbringt der Dalai Lama Zeit mit Wissenschaftlern.

‚Das', was man sich nicht anhören könne, ohne etwas zu tun, sind die zahlreichen Konferenzvorträge. Seit 1987 gibt es die ‚Mind and Life'-Konferenzen. Der Dalai Lama hat sie angeregt und ist jeweils Ehrengast. Sie dienen dem Dialog zwischen Wissenschaftlern, Philosophen und Meditierenden. Die bisherigen Themen reichten von Physik über Kosmologie und Neurowissenschaften bis zu destruktiven Emotionen und Erziehung. Ein besonderes Highlight war 1992 die Konferenz über ‚Traum, Schlaf, Tod', die naturwissenschaftlich-westliche und buddhistische Sichtweisen über diese noch immer rätselhaften Phänomene miteinander ins Gespräch brachte. Die XX Konferenz, mit der Universität Zürich als Co-Sponsor, fand zum ersten Mal in Europa statt, griff zum ersten Mal ein ökonomisches Thema auf und war zum ersten Mal öffentlich.

Im Kongresshaus trafen sich Spitzenleute aus den Wirtschaftswissenschaften, der Psychologie, der Anthropologie, den Neurowissenschaften und der Philosophie mit führenden Persönlichkeiten aus der Wirtschaft und mit praktizierenden Meditierenden. Die rund 1000 Teilnehmer kamen aus 31 Nationen. Was leicht zum universitären Oberseminar mit Weltverbesserungsanspruch oder zur Nachhilfe auf hohem Niveau hätte geraten können, wurde zur Lektion über die Wirtschaftskrise, darüber, welche Motivationen und Emotionen das menschliche, besonders auch das ökonomische Verhalten steuern und über Wirtschaftssysteme, die Mitgefühl und Altruismus mit der konkreten Lösung bestehender sozialer Probleme und Armut in Einklang bringen können.

Ernst Fehr ist Direktor des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich. Er forscht experimentell im Bereich neurologischer Grundlagen von Empathie und Fairness, der Evolution von Altruismus bei Menschen und von sozialem und ökonomischem Verhalten. Zu den Ergebnissen gehört die Erkenntnis, dass nur wenige ‚Freerider', die kooperatives, soziales Verhalten anderer ausnützen, ohne etwas beizutragen, in kürzester Zeit ein kooperatives System zerstören. Altruistisches Verhalten allein genügt daher nicht, um ein solches System aufrechtzuerhalten, sondern Regeln, starke soziale Normen, eine gute Erziehung und Sanktionen müssen da sein, um die Schmarotzer in die Schranken zu verweisen und zu bestrafen. Tania Singer konzipierte die Tagung mit. Aus ihrem Forschungsschwerpunkt Neurowissenschaft und Neuroökonomie berichtet sie über Hormoneinflüsse bei Motivationssystemen wie Angst, Panik, Stress oder Vertrauen. Das Hormon Oxytocin reduziert Angst, produziert Vertrauen und setzt die Schmerzempfindlichkeit herunter. Der Dalai Lama ergänzt, dass auch bestimmte buddhistische Meditationen Schmerzgefühle reduzieren, doch wird dieser Effekt erzeugt, indem der Geist auf anderes fokussiert.

Forschungsergebnisse des englischen Ökonomen Lord Richard Layard besagen, dass in entwickelten und sich entwickelnden Ländern ab einem bestimmten Standard ökonomisches Wachstum und das Glücksgefühl der Menschen nicht mehr korrelieren. Im Gegenteil: Es gilt das Paradox, dass je reicher der Durchschnitt der Bevölkerung ist, desto weniger glücklich sind die Menschen. Layard hat daher ein ‚Movement for Happiness' ins Leben gerufen. Ab September wird eine Website geschaltet. Diese Bewegung rekurriert auf mehr Respekt für andere, auf die Entwicklung innerer Werte, aber auch auf psychologische Therapie, um etwa bei Depressionen hilfreich zu sein.

Antoinette Hunziker-Ebneter, früher unter anderem bei der Privatbank Julius Baer & Co, bei Bank Leu und bei Citibank, berät heute über Anlagen, die Nachhaltigkeit, Good Governance, soziale und Umweltaspekte berücksichtigen und wettbewerbsfähig geworden sind. In den USA werden bereits 10 Prozent der Investitionen in nachhaltig wirtschaftende Gesellschaften gesteckt. Ihr Ziel ist es, 25 Prozent zu erreichen, um die Manager zu zwingen, diese Entwicklung nicht mehr zu ignorieren. Arthur Vayloyan, Private Banking-Manager bei Credit Suisse, berichtet, wie noch vor wenigen Jahren Mikrokredite als Zeitverschwendung abgetan wurden, und – zwar kein Allheilmittel – heute mit hohen Summen funktionieren.

Sanjit Bunker Roy entstammt der indischen Oberschicht. Als junger Mann ging er in Gandhis Nachfolge aufs Dorf, arbeitete mit den Armen und gründete 1972 das ‚Barefoot College' in einem Dorf in Rajasthan. Bis heute können die Leute nicht lesen und schreiben, werden jedoch als Lehrer, Zahnärzte, vor allem aber in sechs Monaten als Solaringenieure ausgebildet. Ausschließlich mit Sonnenenergie wird gekocht und Strom produziert. Um der Landflucht vorzubeugen und das Anwachsen der Slums zu verringern, sind seine liebsten Trainees Großmütter. Männer, so erklärt er lachend, kann man nicht erziehen, sie sind für sein Vorhaben verloren, denn sie wollen nur ein Zertifikat, um doch noch in die Stadt zu gehen. Großmütter aber sind stabil, zuverlässig, bewahren die traditionelle Kultur und sind als ‚Woman-Grandmother-Ingenieur' die tragenden Säulen seines in 17 Länder der Welt, einschließlich afrikanischer Staaten und Afghanistans, hinausgetragenen Modells. Tief beeindruckt engagiert ihn der Dalai Lama sofort für die südindischen Tibeterkolonien. Auch China, fügt er hinzu, könne ein solches Modell dringend brauchen. Nur ein schmaler Gürtel von Großstädten sei entwickelt, die ländlichen Gebiete seien jedoch enorm rückständig.

Der Dalai Lama vehement, dass es den Buddhismus als religiöses System brauche, um eine Gesellschaft mit weniger Gier und Neid zu schaffen.

Mehr als jede andere Führungspersönlichkeit der Welt verbringt der Dalai Lama Zeit mit Wissenschaftlern. Dieses Engagement ist in der buddhistischen Kultur revolutionär. In seiner eigenen Tradition, im 14. Jahrhundert von Tsongkhapa gegründet, waren einst in den Klöstern nicht einmal Blumen erlaubt, da deren Schönheit und Duft von der meditativen Praxis hätten ablenken können. Nun zwingt er seine Mönche und Nonnen, die Welt außerhalb der Klostermauern zur Kenntnis zu nehmen und wertzuschätzen. Mancher murrt da leise, was das mit ‚Dharma', der Lehre Buddhas, zu tun habe. Nichts, wäre wohl die treffende Antwort. Und alles. Es hängt eben alles voneinander ab.

Umgekehrt verneint der Dalai Lama vehement, dass es den Buddhismus als religiöses System brauche, um eine Gesellschaft mit weniger Gier und Neid zu schaffen. Hilfreich könnten nur einige meditative Techniken sein und buddhistisches Wissen darüber, wie der menschliche Geist funktioniere. Denn während die westliche Wissenschaft meine, der menschliche Geist könne kaum verändert werden, sei es aus buddhistischer Perspektive keine Illusion anzunehmen, dass das Denken der Menschen und damit ihr Verhalten und letztlich ihr Wohlbefinden verändert werden könnten.

Auch dem Burn-Out-Syndrom vieler Pflegekräfte, beispielsweise in der Altenpflege, könne begegnet werden. Während viele täglich mit den Patienten leiden, durch ihre Machtlosigkeit unerträglich gestresst werden und scharenweise aus dem Beruf flüchten, so der an der Universität Wisconsin-Madison forschende Psychologe und Psychiater Richard Davidson, können die irritierenden eigenen Gefühle so trainiert werden, dass anstelle des Burn-Out-Gefühls altruistische Liebe und Mitgefühl entstehen. Schließlich gibt es, wie Fehr am Ende der Tagung resümiert, auch bei Tieren altruistisches Verhalten, jedoch weitgehend auf die eigene Gruppe beschränkt. Nur der menschliche Altruismus kann sich auf gänzlich Fremde beziehen. Und je mehr Menschen auf das altruistische Verhalten anderer vertrauen, umso mehr sind sie bereit, selbst so zu handeln.

Macht Altruismus glücklich? Wie fühlt sich altruistisches Verhalten an? Der anfangs beschriebene kleine Selbstversuch in Altruismus hat jedenfalls drei Menschen glücklich gemacht: die junge Frau, die unverhofft zu einem guten Platz kam, die Schreiberin, die sich mitfreute, und nicht zuletzt den Platztauschenden selbst. Neurologische Untersuchungen belegen: Bei ihm wurden im Gehirn die gleichen Belohnungsareale angeregt wie bei selbstsüchtigem Verhalten.

Dr. Brigitte Löhr, geboren 1946, ist Dozentin an der Abteilung für Indologie und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Tübingen mit den Schwerpunkten Indische Religionen und Buddhismuskunde.

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