Gesellschaft

Die Menschheit ist besorgt: Die Enttäuschung über das Desaster der letzten UN-Klimakonferenz in Kopenhagen sitzt noch tief. Eine Lösung auf globaler Ebene ist nicht in Sicht.

Was wir ändern müssen und was notwendig wäre, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, darüber spricht der renommierte österreichische Klimatologe Dr. Reinhard Böhm von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik.

Wodurch wird der Klimawandel Ihrer Meinung nach hervorgerufen?
Der Klimawandel hat viele Mütter und Väter, die auf verschiedenen Zeitskalen ganz unterschiedlich stark wirken. Im letzten Jahrtausend waren es vor allem zwei natürliche und zwei anthropogene, also von Menschen verursachte Klimaantriebe, deren Auswirkungen die heute lebende Erdbevölkerung spürt.
Zu den natürlichen zählt erstens die veränderliche Intensität der Sonne, die das letzte Millennium mit einer Warmzeit im Mittelalter, einer darauffolgenden ‚kleinen Eiszeit' und der nachfolgenden (Wieder-)Erwärmung vom 19. Jahrhundert bis etwa 1950 regiert hat. Zweitens sind explosive Vulkanausbrüche zu nennen, die Aerosole, also schwebende Mini-Partikel in der Luft, in die Atmosphäre brachten und in Summe abkühlend wirkten.
Dazu kommen die vom Menschen erwirkten Faktoren: einerseits Aerosole, die durch die schmutzigen Technologien der Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg zu fühlbaren Abschirmungseffekten der Sonneneinstrahlung geführt haben – ein ähnlicher Mechanismus wie bei den Vulkanen. Andererseits sind die Treibhausgase zu nennen, die von uns zusätzlich zu den bereits natürlich vorhandenen in die Atmosphäre eingebracht wurden und so die Wärmeabstrahlung der Erde verminderten. Seit der anthropogene Aerosoleffekt stark reduziert wurde, können die von uns produzierten Treibhausgase unmaskiert wirken.Haben heute mehr die natürlichen oder die vom Menschen hervorgerufenen Klimaantriebe Einfluss auf die Erderwärmung?

Seit etwa 1980 – und das gilt auch für die kommenden 100 Jahre – treten die anthropogenen Treibhausgase immer stärker in den Vordergrund. Zusammengefasst: Der anthropogene Zusatztreibhauseffekt wird hervorgerufen durch die Verbrennung von fossilem Kohlenstoff, durch intensive Rinderzucht, aber auch durch Nassfeldanbau (unkontrollierte Bewässerung wie z.B. im Reisfeldanbau, Anm. d. Red.) in Zusammenhang mit intensivem Düngemitteleinsatz. Es gibt aber auch einen natürlichen Treibhauseffekt, da die meisten dieser Spurengase von Natur aus Bestandteile der Atmosphäre sind.

Wie kommt die Wissenschaft zu den Prognosen der Klimaszenarien der Zukunft?
Zunächst einmal durch ‚harte Fakten', also Messdaten aus der Vergangenheit. Uns liegen gute und systematisch analysierte Messdatenreihen für Mitteleuropa ab dem Jahr 1760 vor, global abgedeckt sind wir ab dem Jahr 1860.

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Wie lässt sich aus den gesammelten Daten eine ernstzunehmende Klimamodellrechnung erstellen?
Die Klimazukunft kann nur in Form von ‚Wenn-dann'-Szenarien vorhergesagt werden. Für das ‚Wenn' wurden vom UNO-Klimarat über 30 sozioökonomisch-politische Szenarien entwickelt, wie die Weltgeschichte des 21. Jahrhunderts verlaufen könnte. Daraus werden dann die globalen Treibhausgasemissionen abgeleitet. Diese sind der Ansatzpunkt für Klimamodellrechnungen, sogenannte gekoppelte Atmosphere-Ocean-General-Circulation Models (AOGCMs), in denen dann das Wetter von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag der kommenden 100 Jahre vorausgesagt wird.
Derartige Aussagen weisen unterschiedliche ‚Härtegrade' auf. Globale bis kontinentale Phänomene, wie zum Beispiel die Angabe der mittleren Erdtemperatur, können sehr gut mit den oben erwähnten AOGCMs berechnet werden, zunehmend weicher werden die Voraussagen in Richtung kleinskaliger, kurzfristiger Ereignisse wie Starkregen, Gewitter, Hagel, Tornados. Generell gilt, dass Berechnungen besser mit thermischen Effekten und schlechter mit solchen des Wasserhaushaltes zurechtkommen. Paradox und für mich als Naturwissenschaftler erschreckend ist, dass gerade Letztere im Vordergrund der öffentlichen Klimadebatte stehen. Ein Beispiel ist der häufig gehörte Satz: „Das Klima wird immer extremer." Dabei handelt es sich um eine polemische Verallgemeinerung, denn gerade auf dem Gebiet der Extremwerte können wir Klimatologen nur ganz ‚weiche' Aussagen tätigen.

Gibt es überhaupt noch eine Lösung für das ‚Klimaproblem'?
Die einzige langfristige Lösung ist eine völlige Abkehr von der Verbrennung fossilen Kohlenstoffs, also Kohle, Erdöl oder Erdgas, aber auch die Eindämmung der anthropogenen Methanquellen. Das Freiwerden von Lachgas in der Landwirtschaft spricht für eine Abkehr von Kunstdünger. Vereinfacht gesagt ist CO2 unser ‚Komfortgas'. Es treibt unsere Maschinen an und hält unsere Wohnungen warm. Methan und Lachgas wiederum sind eng mit der Ernährung der Erdbevölkerung verbunden. Nur nach dem völligen ‚Abdrehen' der anthropogenen Quellen würde sich – und das nur überaus langsam – der Treibhausgasgehalt der Atmosphäre wieder seinem ‚natürlichen' Zustand nähern.

Wie sollten sich unsere hochtechnisierten Gesellschaften verhalten?
Meine Konsequenz rührt aus der Überzeugung, dass nur ein rationaler Umgang mit dem Thema eine Chance eröffnet, dass unsere komplizierte globale Zivilisation mit der Herausforderung ‚Klimawandel' zurechtkommt. Emotionen und ‚Alarmismus' bringen zwar kurzfristig Aufmerksamkeit, aber kaum reale Lösungsansätze.
Es konnte außerdem gezeigt werden, dass Vermeidungsstrategien ohne Ausnahme nur im globalen Maßstab konzertiert und fair eine Chance haben. Genau daran ist ja der Kopenhagener Gipfel gerade gescheitert. Die Appelle an den Einzelnen scheitern zwangsweise an der ihnen immanenten Ungerechtigkeit und Unüberprüfbarkeit, solange nicht bindende Rahmenbedingungen für alle geschaffen sind – und das gilt sowohl zwischen Staaten als auch zwischen Individuen. Daher lehne ich es ab, mich an den üblichen Schönfärbereien zu beteiligen, bei denen die jeweils Befragten darüber Auskunft geben, was sie nicht bereits alles an ihrer Lebensweise für die Eindämmung des Klimawandels geändert haben.

Trotzdem – was bedeutet das nun für den Einzelnen? Zu welchen Verhaltensänderungen sollten wir kommen?
Es ist meiner Überzeugung nach ebenso unfair wie erfolglos, die Lösung des Weltklimaproblems dem Einzelnen aufzubürden. Natürlich sind es Beiträge wie weniger Fleisch zu essen, konsequenterweise aber auch weniger Reis, da die Nassfelderkulturen Asiens genauso zur Erhöhung des Treibhausgases Methan beitragen wie die intensive Rinderzucht; weniger Auto zu fahren, nur Bioprodukte aus der Umgebung zu essen, die Raumtemperatur im Winter nicht auf 25° zu schalten, im Sommer keine Klimaanlage zu betreiben. Wir müssen uns aber fragen, warum das nicht ausreichend getan wird. Vielleicht deshalb, weil die Freude des Einzelnen, der gerade brav seinen Apfel aus der Steiermark gekauft hat, schnell wieder getrübt wird, wenn er zusehen muss, wie ein anderer die billigeren ‚klimaschädlichen' Kiwis aus Neuseeland in seinen Einkaufskorb legt und dafür weder Sanktionen zu erwarten hat, noch mehr dafür zahlen muss?

Aktuelle Studien sprechen davon, dass Menschen einen Teil des Klimawandels gar nicht mehr wahrnehmen, weil er normal geworden ist. Was hat das zur Folge?
In Wahrheit hat niemand den globalen Temperaturtrend des 20. Jahrhunderts von 0.8°C pro 100 Jahren wahrgenommen oder gespürt. Dazu hat es schon der Statistiken von uns Klimatologen bedurft. Diese sind natürlich für Medien nicht gerade ‚sexy' und locken sicher niemanden hinter dem ‚fossil geheizten' Ofen hervor. Kurzfristig helfen natürlich die gängigen Übertreibungen der ‚Alarmisten' wie ‚das Klima wird immer verrückter', ‚Starkregen und Stürme werden immer intensiver', ‚der Meeresspiegel kann um mehrere Meter steigen'. Ich fürchte jedoch, dass langfristig ein massives Glaubwürdigkeitsdefizit entsteht, wenn sich die Fachwissenschaft ebenfalls an derlei beteiligt.
Genau deshalb schieße ich mich zurzeit als Klimatologe eher auf die ‚Alarmistenfraktion' ein als auf die ‚Klimaleugner'. Erstere tun mir mehr weh, da ich ja eigentlich auf ihrer Seite stehe. Die lupenreinen ‚Klimaleugner' vom Schlag ‚es gibt gar keinen anthropogenen Klimawandel' sind sowieso nicht diskutabel. Trotzdem: Bekämpft werden dürfen sie nur mit seriösen und damit absolut unangreifbaren Mitteln, da man ihnen ansonsten unnötigerweise Argumente in die Hand spielt.

Es heißt, dass wir bereits das Wissen und die Technologie hätten, um den Kampf gegen die Erderwärmung aufzunehmen. Wo liegt dann das Problem?
Wissen und Technologie sind schön und gut, sie müssen jedoch auch umgesetzt werden. Der Umstieg auf eine ausreichende Energieversorgung der Menschheit von fossilen auf erneuerbare Energiequellen ist rein quantitativ möglich. Wir haben genug Solar-, Windenergie- und Wasserkraft-Potenzial. Bei der oft zitierten Bioenergie wie Diesel aus Zuckerrohr oder Verwertung von forstlichen Holzresten sehe ich allerdings Probleme, denn der Anbau von Zuckerrohr für Diesel steht wegen der sich automatisch einstellenden Konkurrenz zur Ernährung keine akzeptable Alternative dar.
Was die forstlichen Holzreste betrifft, so haben wir bereits im 19. Jahrhundert einen Punkt erreicht, an dem der Verwendung von nachwachsenden Pflanzen eine deutliche Grenze gesetzt wurde. Der menschliche Verbrauch überstieg die globale Verfügbarkeit um ein Vielfaches. Genau deshalb wurden ja – beginnend mit der Kohle – fossile Energieträger forciert abgebaut.
Die Krux ist nicht das Potenzial oder der Stand der Technologie, sondern die Finanzierung des Umstieges.

Der US-Klimaforscher James Hansen sagt, dass der Klimawandel ein Thema sei, bei dem es die in der Politik sonst üblichen Kompromisse nicht geben dürfe.
Diesem Hansen-Statement wohnt ein Mechanismus inne, den ich für gefährlich halte. In letzter Konsequenz dieser Kompromisslosigkeit ergibt sich der Ruf nach einer ‚Klimadiktatur'. Es mag im Augenblick übertrieben erscheinen, aber bei mir läuten sofort Alarmglocken, wenn jemand ‚um des guten Zwecks willen' etwas totalitär durchsetzen will, auch wenn der gute Zweck ‚die Rettung der Welt' ist. Zu oft in der Geschichte wurde vorexerziert, wie schnell dann das Mittel, nämlich die Diktatur, bestehen blieb und der Zweck vergessen war.

Wie sinnvoll ist das Kyoto-Abkommen?
Sinnvoll war es meiner bisherigen Ansicht nach schon – im Hinblick auf ‚einen ersten Schritt' und ‚mit gutem Beispiel vorangehen'. Offenbar war es nur praktisch vollkommen sinnlos, da es genau in der Zeitspanne seiner Gültigkeit zu einem beschleunigten globalen Gesamtausstoß an Treibhausgasen gekommen ist. Es gibt Wirtschaftswissenschaftler, die vom sogenannten ‚Grünen Paradoxon' sprechen. Diese These besagt, dass alle nicht global gleichartig durchgeführten Eindämmungsmaßnahmen durch die Gesetze des freien Marktes, wo es nicht nur die Nachfrageseite gibt, die Kyoto eindämmen will, sondern auch die Seite der Anbieter, nicht nur wenig wirksam sind, sondern sogar zu einer Beschleunigung des Verbrauchs führen. Ich bin kein Ökonom, um das zu beurteilen, höre davon aber verdächtig wenig in der öffentlichen Debatte. Die Frage ist, ob man das Argument vielleicht herunterspielt, da man es nicht widerlegen kann.

China und Indien haben es offiziell abgelehnt, beim Klimagipfel in Kopenhagen verbindliche Ziele zur Senkung der Treibhausgasemissionen mitzutragen. Können Sie diese Haltung verstehen?
Das Problem ist die Unmöglichkeit, auf faire Art global die Senkung der CO2-Emission durchzuführen. Denn in der Praxis hätten wir, die Einwohner eines westlichen Industriestaates, mit doppelt bis mehrfach so hohen Emissionen pro Kopf an Treibhausgasen natürlich zuerst die Pflicht, auf die verschiedentlich geforderten zwei Tonnen pro Kopf und Jahr herunterzukommen. In Europa und noch mehr in Ländern wie den USA, Kanada und Australien sind wir davon noch sehr weit entfernt.

Dr. Reinhard Böhm, geb. 1948 in Wien, Dr. phil. (Meteorologie und Geophysik), Autor zahlreicher Fachbücher und nationaler und internationaler Publikationen, arbeitet seit 1973 als Klimatologe an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik

 

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