Gesellschaft

Der buddhistische Lehrer Sogyal Lakar ist mit schweren Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Buddhisten rund um den Globus sind fassungslos. Wenn Gurus Macht ausnutzen.

Was Oane Bijlsma über ihren ehemaligen Lehrer Sogyal Lakar zu berichten hat, hat wenig mit dem Idealbild eines Gurus und seinem Gefolge zu tun. Regelmäßig habe der Meister Besprechungen abgehalten, während er am Klo saß und kackte. „Er macht das bei offener Tür. Während er dasitzt, stinkt und Verstopfung hat“, erzählt sie. Regelmäßig soll er seine Schüler geschlagen haben, mit der Erklärung: Eine Umarmung von ihm sei ein Segen, aber ein Schlag ein noch größerer, so Oane. „Sogyal denkt wirklich, er sei ein allmächtiges Wesen“, sagt seine ehemalige Schülerin.

Sogyal, der seit den 1970er-Jahren in Europa die buddhistische Organisation Rigpa aufgebaut hat, soll mit Popstar-Allüren von Dharma-Zentrum zu Dharma-Zentrum gereist sein. Spätestens seit seinem Bestseller, dem ‚The Tibetan Book of Living and Dying‘ im Jahr 1992, ist Rigpa eine Millionen-Unternehmung mit 130 Zentren in 30 Ländern weltweit und Sogyal der Boss. Inklusive Allüren. Einmal, erzählt Oane, wollte Sogyal ein Samurai-Schwert, sie besorgte es. Ein anderes Mal mietete die Organisation einige Räume eines Internatsgeländes in England für ein Sommer-Retreat. Das Schulgelände stand in den Sommerferien leer. Während des Schuljahres waren die Räumlichkeiten, die Sogyal bezog, eigentlich eine Lehrerwohnung. Sogyal ordnete an, seine persönlichen Möbel gegen die des Lehrers zu tauschen – ohne das Wissen des Bewohners. Also taten es seine Schüler. Nach dem Retreat schafften sie Sogyals Möbel wieder weg, die eigentlichen Möbel kamen retour. „Als der Bewohner zurückkam, habe ich gerade die letzte Unterhose zurück in die Kommode gelegt“, erzählt Oane, selbst ungläubig, dass das passiert ist.

Sogyal, der Meister, konnte doch nicht irren? Es musste ein Test sein, des Karmas, ein Vertrauenstest. Er war weiser als sie, klüger als sie, erleuchteter als sie. Oane kennt die jungen, schönen Frauen des sogenannten inneren Kreises, die Sogyal rund um die Uhr zur Verfügung stehen, weil sie fast selbst eine von ihnen war. Sie berichtet davon, dass er Frauen dazu nötigte, vor ihm
zu strippen, während sein männlicher Assistent daneben saß und zuschaute. Oane ist nicht allein mit ihren Anschuldigungen. Im vergangenen Sommer kam ein Brief an die Öffentlichkeit, in dem acht ehemalige enge Schüler schwere Vorwürfe gegen Sogyal erhoben. „Unser Wunsch ist es, den Schleier des Schweigens, der Irreführung und des Betrugs zu brechen“, steht darin. Die Schüler berichten von schwerer körperlicher und psychischer Gewalt und von sexuellem Missbrauch an Frauen. Sogyal habe die Gewalt als ‚zorniges Mitgefühl‘ oder als ‚geschicktes Mittel‘ gerechtfertigt.

Gurus
Seit dem Brief gehen die Emotionen hoch. Die Debatte driftet zwischen Ungläubigkeit, Ergebenheit gegenüber Sogyal und Verunglimpfungen der Ankläger bis hin zu Wut und Verachtung gegenüber Sogyal. So lange kein gerichtliches Verfahren den Sachverhalt aufklärt, werden die Wogen sich wohl nicht glätten. Und sogar dann: Ist nicht die ganze Problematik, dass sich die Menschen, die sich als ‚wahre Anhänger Sogyals‘ und des tibetischen Buddhismus verstehen, als übergesetzlich sehen? Für ‚echte Anhänger‘ gilt nur ein Gesetz: Der Dharma. Und der Dharma-Begriff ist dehnbar. Bei Rigpa interpretiert ihn Sogyal. 

Die Schüler berichten von Gewalt und sexuellem Missbrauch.

Menschen wenden sich auf der Suche nach Sinn dem Buddhismus zu und finden sich in Situationen wieder, in denen sie geschlagen und ausgebeutet werden. „Ich war auf der Suche nach Weisheiten, aber vor mir war dieser lächerliche Mann“, zeigt sich Oane empört. Warum machte sie dann mit? „Du bist etwas ganz Besonderes“, flüsterte Sogyal Oane einmal ins Ohr, erzählt sie. Jetzt verzieht sie das Gesicht, wenn sie daran denkt. Sie war aber damals in einer persönlichen Krise, auf der Suche nach Halt. Oane meint, sie war selbst immer ein bisschen drinnen und ein bisschen draußen. Einerseits fühlte sie sich geschmeichelt von den Komplimenten und davon, der Shootingstar bei Rigpa zu sein, andererseits war sie angewidert von manchen Ritualen. Aber vielleicht steckte ja doch mehr dahinter? Gerade im tibetischen Buddhismus kann es passieren, dass Neueinsteiger Opfer von folgenschweren Missverständnissen werden. Geheime tantrische Lehren, geschickte Mittel oder übernatürliche Kräfte: Die Legenden, die als historisch kolportiert werden, und die esoterischen Mittel schaffen Raum für Interpretation und autoritäre Leitfiguren, kurzum: einen Raum, in dem Missbrauch stattfinden kann.

Am Anfang steht das Ego, die Hauptursache allen Leidens. Wer Erleuchtung erlangen will, muss seine Egozentriertheit überwinden. Das heißt nicht, dass man den Verstand ausschalten soll. Im Gegenteil, man soll ihn dazu benutzen, um die Vergänglichkeit der Dinge zu erkennen, und zwar am besten unter Anleitung eines Lehrers. Wenn man sich auf einen Guru einlässt, dann anerkennt man dabei implizit, dass man selbst eine falsche Wahrnehmung der Realität hat und nur der Guru die wahre Natur der Realität sieht. Darüber legt man durchaus Gelübde ab. Der Lehrer bedient sich unterschiedlicher Methoden, um den Schüler spirituell voranzutreiben. Im tantrischen Buddhismus kann dazu auch Sex gehören.
Diese sexuellen Praktiken sollten streng rituell abgehalten werden, von gut ausgebildeten Lehrern. Auch der Schüler sollte fortgeschritten sein; in der Realität schaut die Welt aber oft anders aus. Auch Sogyal stellte die sexuellen Handlungen als spirituelle Tests dar. Wer sich dagegen wehrt, ist scheinbar nicht am Weg der Erleuchtung. Im Grunde liegt das Problem darin, dass die ultimative mit der konventionellen Wahrheit vermischt und damit das Konzept über die zwei Wahrheiten auf den Kopf gestellt wird. Aus der edlen Erkenntnis über die Beschaffenheit der Welt wird ein fieses Mittel zur Verharmlosung von Missetaten. Natürlich ist ultimativ alles leer. Natürlich ist ultimativ ein Zustand anzustreben, in dem weder Missbrauch noch Zuneigung, weder Schläge noch Lob Anhaftungen erzeugen. Aber die meisten Menschen sind weit entfernt von diesem Zustand – Lehrer inklusive.

Die meisten Missbrauchsopfer in buddhistischen Gemeinschaften sind Anfänger, die sich aus einem verletzten Bedürfnis nach Zuwendung in Abhängigkeiten stürzen, die sie schwer traumatisieren. Deshalb ist es wichtig, dass konventionell ethisch korrekte Verhaltensweisen eingehalten werden. Dass Gesetze eingehalten werden müssen, sollte sich ohnehin von selbst verstehen. Leider ist Sogyal kein Einzelfall. Seit dem geleakten Brief kommen immer mehr Fälle ans Licht, in denen Schüler diverse Vorwürfe gegenüber Lehrern erheben, oft nach jahrelangem Schweigen. Die wenigsten buddhistischen Dachverbände haben bezüglich der Anschuldigungen Stellung bezogen. Eine interne Untersuchung bei Rigpa scheint nur schleppend voranzugehen. Sogyal trat noch im Sommer 2017 als Direktor Rigpas zurück und zog sich in ein Retreat zurück. Seitdem ranken sich viele Gerüchte um ihn. Bestätigt ist, dass er an Krebs erkrankt ist. Nun müssen sich die abtrünnigen Schüler den Vorwürfen aus der Gemeinschaft stellen, sie wären daran schuld.
Wie es mit Rigpa weitergeht, ist ungeklärt. Man munkelt, Dzongsar Khyentse würde den westlichen Sangha übernehmen. Er hat sowohl für die Schüler als auch Sogyal Verständnis gezeigt und dabei gegenüber den Betroffenen sexueller Gewalt wenig Fingerspitzengefühl bewiesen. Auf Facebook schlug er einen ‚Sex-Vertrag‘ zwischen Schülern und Guru vor – der Vorschlag wurde jedoch rasch wieder gelöscht. Fakt ist, dass ein Anwalt in Südfrankreich gerade eine Klage vorbereitet. 

Am Anfang steht das Ego, die Hauptursache allen Leidens.

Am 11. Januar veröffentlichten die Schüler einen zweiten Brief an Sogyal, mit der erneuten Aufforderung, ihre Fragen zu beantworten: Gewalt, Veruntreuung, Missbrauch – „Ist das im Einklang mit dem Dharma?“ Sie berichten von juristischen Schikanen und sehen in den bisher getätigten Konsequenzen reine PR-Maßnahmen. Einleitend zitieren sie einen Absatz aus Sogyals Buch: „Wahre Lehrer [...] missbrauchen oder manipulieren unter keinen Umständen ihre Schüler, sie lassen sie nie im Stich. Sie verfolgen nie ihre eigenen Ziele, sondern nur die Großartigkeit der Lehre und bleiben immer bescheiden. Echtes Vertrauen kann und sollte nur gegenüber solchen Personen wachsen, die du über die Zeit kennenlernst und die all diese Qualitäten verkörpern.“

Anna Sawerthal, geboren 1983, arbeitet als Journalistin in Wien. Sie hat Tibetologie und Buddhismuskunde in Wien, Nepal, Lhasa und Heidelberg studiert. An der Universität
Heidelberg promoviert sie über die tibetische Pressegeschichte.

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