Gesellschaft

In einer individualisierten Gesellschaft geht immer mehr das verloren, was Menschen zum Glück brauchen. Achtsamkeit und Psychotherapie können Sinn stiften.

Was haben Achtsamkeit und Psychotherapie miteinander zu tun? Können sie sich gegenseitig bestärken und falls ja, wie? Zu Beginn sollte es um eine Begriffserklärung gehen. Achtsamkeit, in Pali ‚sati‘ und in Sanskrit ‚smrti‘ genannt, hat zwei Grundbedeutungen: zum einen ‚bemerken‘, was im Moment geschieht, zum anderen ‚erinnern‘, was hilft. Wir können nicht nur etwas denken, sagen und tun, wir können nicht nur körperlich empfinden und emotional fühlen, sondern wir könnten auch aktiv bemerken, dass wir gerade etwas tun. Diese Fähigkeit haben Kinder ab dem sechsten Lebensjahr. Die frohe Botschaft des Buddhismus lautet: Wir können ‚sati‘ systematisch schulen.

Zu Lebzeiten des Buddha, vor zweieinhalbtausend Jahren in Indien, war es sehr wichtig, Menschen bei der Herauslösung aus Familie und Sippe, Kaste und Stamm zu unterstützen. Das gilt auch heute noch für viele asiatische Länder. Die Aufforderung, alleine zu üben, setzt für kollektiv strukturierte Menschen einen Individualisierungsprozess in Gang. Rät man das Menschen aus dem Westen, die alleine wohnen, privat und beruflich wenig eingebunden sind und sich keiner Gruppe zugehörig fühlen, kann Meditation eher kontraproduktiv wirken. Meditation für Menschen im Westen funktioniert aus Erfahrung nur dann, wenn sie psychisch einigermaßen stabil sind und gut eingebettet in einem Netzwerk vielfältiger und kontinuierlicher Beziehungen leben.

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Wie gut wir mit den Mitmenschen im Alltag zurechtkommen, ist immer ein Hinweis. Psychotherapie kann beim Erwachsenwerden unterstützen. Die Übung der Achtsamkeit erleichtert das Erkennen und die Verarbeitung von alten und aktuellen Konflikten.
Hilfreich können Begegnungen und der regelmäßige Austausch mit anderen Übenden sein. Fällt uns das schwer, kann uns eine psychotherapeutische Begleitung helfen, Ängste und Blockaden abzubauen.

Achtsamkeit ist eine Voraussetzung für ‚erfolgreiches‘ Meditieren. Wir sollen und können bemerken, was wir jetzt gerade erleben, und erinnern, was hilft. Dazu braucht es Stabilität und Lebenserfahrung, denn wir müssen einiges ausprobiert haben, um zu wissen, was heilt und hilft. Werden wir immer wieder überschwemmt von Gedanken und Gefühlen, kann uns Psychotherapie oder Supervision dabei unterstützen, eine konstruktive Distanz einzunehmen. Die vielen Schulen, Ansätze und Methoden der Psychotherapie wollen uns vor allem in zwei Bereichen unterstützen: Zum einen geht es darum, alte Wunden und aktuell schwierige Erfahrungen zu verarbeiten, zum anderen darum, erwachsen zu werden und Verantwortung für unser Handeln und unsere Erfahrungen zu übernehmen. So betrachtet fördert und ergänzt Psychotherapie die Übung der Achtsamkeit.

Der Buddhismus unterscheidet vier Motive, warum wir uns in Achtsamkeit und Meditation üben wollen oder eine Psychotherapie machen. Erstens: Wir suchen schnelle Befriedigung. Das heißt: Wir wollen uns entspannen und auftanken, nur leider gelingt das nicht immer.
Zweitens: Wenn wir langfristig besser mit uns und anderen umgehen lernen, haben wir mehr Geduld und Ausdauer. Allerdings entdeckt man bei der Übung der Achtsamkeit nicht nur Stärken und Sonnenseiten, sondern auch Schwächen und schlechte Gewohnheiten. An dem Punkt hören viele Menschen schnell wieder auf zu meditieren.
Drittens: Wesentlich tragfähiger ist der Wunsch nach Befreiung, denn wir wollen uns selbst besser verstehen, um dadurch reaktive Emotionen, schlechte Gewohnheiten und destruktive Gedanken erkennen und verringern zu können. Die Befreiung von Gier, Hass und Verblendung in ihren vielen Spielarten ist jedoch eine unendliche Geschichte, und so pendeln viele zwischen spirituellem Putzfimmel und Resignation.
Viertens: Als fruchtbarste Motivation gilt die Haltung, frei von Gier, Hass und Verblendung zu werden, um ein Leben zum Wohle aller führen zu können. Mit dieser Haltung kann jeder Konflikt zu einer Chance werden, sich und andere besser zu verstehen und statt Gier, Hass und Verblendung die vier heilsamen Haltungen einzuüben, nämlich Freundlichkeit und Freude, Dankbarkeit, wenn es gut läuft, und Mitgefühl und Gleichmut, wenn es einmal schlecht läuft.

Was auffällt: Psychische Beschwerden nehmen zu. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Menschen leben immer weniger in verbindlichen Zusammenhängen und sind vom Ideal der autonomen Persönlichkeit überfordert. Meditation mit dem Ziel der Selbstoptimierung kann diesen Druck noch verstärken. Ich finde es gut, dass sich immer mehr Menschen trauen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, würde mir allerdings wünschen, dass Psychotherapeuten Probleme nicht nur als individuell interpretieren, sondern ihre sozialpolitische Dimension erläutern. Das führt zu einer enormen Entlastung.

Um Krisen gut zu verarbeiten, gesund zu werden oder zu bleiben, brauchen Menschen drei Ressourcen: Freude, Beziehungen und Sinn. Erstens die Freude, die aus Dankbarkeit über die kleinen Dinge des Lebens entstehen kann. Aus buddhistischer Sicht entsteht Freude, wenn wir unsere Aufmerksamkeit für eine Weile ganz auf eine Sache ausrichten, etwa auf die fünf Sinne. Aber auch Hobbys oder Abläufe, bei denen sich Beschleunigung nicht lohnt, können Freude bringen.
Zweitens sind Beziehungen wichtig. Langfristig braucht ein Mensch stabile Beziehungen zu mindestens drei Gruppen, denen er sich zugehörig fühlt. Das kann die erweiterte Familie oder ein fester Freundeskreis sein, ein Sportverein, ein Chor, das Team am Arbeitsplatz oder eine Meditationsgruppe. Ein, zwei beste Freunde oder eine Paarbeziehung reichen dafür nicht aus. Wenn wir Interessen mit anderen teilen, befreit uns das ein wenig von persönlichen Vorlieben und Abneigungen.

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Drittens brauchen wir Orientierung oder Sinn, um ein gutes oder gelingendes Leben führen zu können. Dazu gehören Beziehungen, Arbeit, ein Zuhause, Gesundheit. Wenn wir unser Leben in einen größeren Zusammenhang stellen können, entsteht Sinn. Wichtig dabei ist, den Sinn mit anderen Menschen teilen zu können.

Achtsamkeit und Meditation sind in der modernen Welt Schlüsselbegriffe geworden. Sie scheinen auch zum Ideal der autonomen Persönlichkeit zu passen. Psychotherapie brauchen wir dann, wenn wir alleine nicht mehr zurechtkommen, wenn die Veränderungen zu schnell werden und der Lebensstil nicht passt. Sowohl Achtsamkeit als auch Meditation bergen aber auch die Gefahr, Druck zu erhöhen, wenn sie auf Selbstoptimierung im Hamsterrad des Lebens reduziert werden. Sie können und sollen uns jedoch helfen, liebevoller und mitfühlender, entspannter und klüger mit uns und anderen umgehen zu lernen, um mit dem Auf und Ab des Lebens zurechtzukommen. All das ist möglich, wenn wir uns selbst und andere nicht nur als Individuen, sondern vor allem als soziale Wesen erkennen und schätzen lernen.

Sylvia Wetzel, geboren 1949, ist Publizistin, buddhistische Meditationslehrerin und Mitbegründerin der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg sowie Pionierin des Buddhismus im Westen. www.sylvia-wetzel.de

 

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