Gesellschaft
Foto: © Simon du Vinage

Tamera ist ein Ort in Portugal, der sich der Friedensarbeit verschrieben hat. Mit einem umfassenden Konzept von Solaranlage bis Liebesschule wollen die Bewohner die Welt verändern.

Südportugal. Auf kargen Hügeln flirrt die Hitze zwischen Korkeichen und Eukalyptuspflanzungen. Schafe und Ziegen weiden zwischen den Ruinen alter Bauernhäuser. Eine karge Welt. Doch dann führt der Weg leicht bergan, macht eine Kurve und plötzlich sieht alles anders aus. Sonnenlicht glitzert auf einem See. Auf den Uferterrassen wachsen Gemüse, Obstbäume und Sonnenblumen. Beim Näherkommen erkennt man geschwungene Zeltdächer, spiegelnde Solaranlagen und eine große Halle und schließlich trifft man auch auf Menschen. Sie haben verschiedene Hautfarben, sprechen unterschiedliche Sprachen. Rund 170 Menschen arbeiten, studieren, leben hier als Gemeinschaft mit dem Ziel, ein Modell für die Zukunft aufzubauen.

Es gibt ein Testfeld für ein Solardorf, ein Experiment zur Landschaftsheilung mithilfe einer Wasserretentionslandschaft, es gibt eine Liebesschule, eine Abteilung für spirituelle Ökologie und das Angebot, hier eine international vernetzte Friedensausbildung zu absolvieren. Insofern versteht sich Tamera auch als Zentrum für konkrete Futurologie.

Ein Lebensmodell, dem es gelingt, das Zusammenleben aller Wesen heilend zu gestalten, hat die potenzielle Kraft, das Ganze heilend zu beeinflussen.

„Solange auch nur ein einziges Kind verhungert, ein Tier gequält, ein afrikanisches Mädchen beschnitten, eine Frau vergewaltigt, ein Andersgläubiger misshandelt, ein junger Mensch zum Krieg gezwungen wird, ist diese Welt nicht in Ordnung“, sagt Dieter Duhm. Er ist Soziologe, Psychoanalytiker und einer der Gründer des ‚Heilungsbiotops 1 Tamera‘. Als ehemaliger Marxist sieht er es als seine Aufgabe, die Welt von ihren unsäglichen Schmerzen zu befreien. „Wir können immer sagen, das sei eine Illusion. Aber sobald unsere Augen aufgehen, sobald wir sehen, wie die Opfer leiden, sobald wir selbst eines der gequälten Wesen werden, gibt es nur einen einzigen Schrei: den Schrei nach Erlösung“, sagt er im Brustton der Überzeugung. Er selbst hat den Zusammenhang zwischen innerem und äußerem Frieden kennengelernt und vieles unternommen, um Antworten zu finden.

‚Ein Paradies im Aufbau‘ haben Journalisten diesen ungewöhnlichen Ort in Portugal genannt. Sie hatten insofern recht, als vieles hier noch unfertig, ungestaltet und pionierhaft ist. Ungenutzte Flächen mit Brombeeren und Zistrosen erinnern daran, wie das Gelände ursprünglich ausgesehen hat. Aber überall blitzen schon die utopischen Elemente durch. Es ist ganz eindeutig spürbar: Hier zählt der Kontakt mit allem Lebendigen, hier gibt es Mut zum Ungewöhnlichen und eine Sehnsucht nach Zukünftigem. Das tägliche Leben läuft schlicht und ohne große materielle Ausstattung ab. Umso größer ist das Ziel: Tamera wurde gegründet, um Lösungsvorschläge für globale Probleme zu erarbeiten.

So oder so ähnlich hat sich das vielleicht auch Aurelio Peccei vorgestellt. Der Friedensnobelpreisträger und Mitbegründer des ‚Club of Rome‘ forderte bereits in den 1970er-Jahren, dass weltweit experimentelle Forschungssiedlungen entstehen sollen, in denen der Versuch gestartet wird, die Probleme der Menschheit zu lösen. In einer Welt der zunehmenden Spezialisierung schaffen das Experten nicht mehr. Die aktuellen Probleme der Gegenwart sind zu komplex und zu vernetzt, als dass sie innerhalb der bestehenden Wirtschafts- und Wissenschaftssysteme voneinander getrennt betrachtet werden können. Vielmehr geht es um grundlegende und tiefgreifende Veränderungen, die im Interesse der ganzen Menschheit und aller Mitwesen nur auf ungewöhnlichen Wegen gefunden werden können. Deshalb Pecceis Forderung: Die Welt braucht dezentrale Modelle.

Was ist ein Modell? Ein Modell ist ein Teil des Ganzen, das groß genug ist, um alle wesentlichen Bereiche zu repräsentieren, und klein genug, um Fehler rasch erkennen und korrigieren zu können. Ein wichtiges Instrument dafür ist ein aktives Feedback- oder Rückkopplungssystem. Auswirkungen von Eingriffen, die im Gesamtsystem schwer zu analysieren sind, können auf diese Weise einfach zurückverfolgt und korrigiert werden. Je vielfältiger die Zusammensetzung eines Modells und je größer die Fähigkeit seiner Mitglieder zur Reflexion und zur Kommunikation sind, desto eher können die Fragen des Ganzen wahrgenommen und beantwortet werden. Aufkommende Problemstellungen und Herausforderungen werden in Tamera als Menschheitsthemen wahrgenommen. In einem ganzheitlichen Modell sind alle Fragestellungen miteinander verbunden und werden in der Gesamtschau gelöst. Denn es sind gerade die Fragmentierung des Lebens und die Trennung der verschiedenen Lebensbereiche, die das Gesamtsystem aus der Bahn werfen und zu Weltwirtschaftskrisen führen.

Für den Gründer Dieter Duhm war Tamera von Anfang an ein interdisziplinäres Forschungsprojekt mit einer innigen Verbindung zwischen Natur-, Gemeinschafts- und spiritueller Forschung. Themen der Sexualität sind ebenso wichtig wie ethische und theologische Fragen. „Es ging darum, die materiellen, sozialen und geistigen Bedingungen unseres Zusammenlebens so zu gestalten, dass daraus einerseits eine funktionierende Gemeinschaft und andererseits eine verallgemeinerbare Sicht der globalen Friedensarbeit hervorgehen konnte“, erklärt Duhm. Im Zentrum der gemeinsamen Arbeit steht „ein neues Bündnis von männlichen mit weiblichen Kräften, eine neue Liebe der Geschlechter, eine neue Kooperation mit den Naturwesen und eine neue Verbindung mit den Kräften und Gesetzen der göttlichen Welt“, führt er aus. Denn, so seine Überzeugung, ein Lebensmodell, dem es gelänge, das Zusammenleben aller Wesen heilend zu gestalten, habe die potenzielle Kraft, auch das Ganze heilend zu beeinflussen.

Diese Idee gefällt auch Sabine Lichtenfels. Sie ist Theologin, Friedensbotschafterin und Mitbegründerin der ‚globalen Liebesschule‘ in Tamera. In ihrem Lehr- und Forschungsbereich geht es um Bewusstsein und Wahrheit in Liebe und Sexualität. „Liebe ist das höchste Kulturgut der Menschheit. Kein Mensch würde Gewalt gegen sich oder andere anwenden, wenn er eine Perspektive in der Liebe hätte“, erklärt sie den Grundgedanken. Hier in Tamera sei man gewillt, ein Feld für Liebe frei von Angst aufzubauen. Sexuelle Liebe ist ein Teil davon.

Parallel zur Liebesschule laufen aber sehr viele Projekte, in denen es um rein technologische Lösungen geht. Die Sommerküche zum Beispiel. Sie ist ein Testfeld für ein Solardorf und demonstriert die technischen Möglichkeiten, mit Sonnenenergie und Biogas Strom zu erzeugen, Wasser zu pumpen und Speisen zuzubereiten. Auch die Wasserversorgung ist ein großes Thema. Die Seen und Teiche, die hier angelegt sind, sind Teil eines Permakulturprojektes, die Gartenanlagen sind als Ökosysteme konzipiert.

Tamera

Nahezu die gesamte technische Infrastruktur in Tamera wird in eigenen Werkstätten gefertigt. Im Forschungsgewächshaus werden neue Technologien erprobt, die die Siedlungen der Zukunft unabhängig von zentralen Versorgungssystemen machen können. Es gibt auch modellhafte Baustellen, in denen einfache, traditionelle Bautechniken mit modernen Architekturkonzepten verschmolzen werden. Die große Chance: In Tamera studieren Menschen, die aus allen Teilen der Welt kommen.

Männer wie Frauen bringen ihr Wissen und ihre Erfahrungen bei der Errichtung der Anlagen ein und hoffen, eines Tages selbst autarke Siedlungen in ihrer Heimat errichten zu können.
Das Wichtigste bei sämtlichen Projekten ist jedem hier aber das Zusammenkommen. So arbeiten Menschen Seite an Seite, die sich in einem anderen Umfeld der Welt als Feinde wahrnehmen würden, Israelis und Palästinenser zum Beispiel. Was sie in Tamera erfahren: Die gemeinsame Arbeit wird ein Ziel, das beiden Seiten wichtiger als Konflikt ist. Für Feindschaft fehlt der Platz. Was dann zählt, ist das große Ganze und die gegenseitige Unterstützung: Es sind auch die ethischen Grundlagen für das Zusammenleben in Tamera.

Abends treffen sich dann alle. Jene, die Anlagen gebaut, gepflanzt und gekocht haben. Auch die Teilnehmer der Friedensausbildung verlassen dann ihre Seminarräume und kommen in der Aula zusammen und oft finden dann Musik- und Theateraufführungen statt. Denn auch dafür ist Platz in Tamera, jenem Ort mit einer einzigartigen Atmosphäre von Aufbruch. Hier in Portugal entsteht ein Netzwerk von Gruppen und Initiativen, die überall in die Welt ausschwärmen und ähnliche Projekte auf die Beine stellen. Es sind vor allem auch viele junge Menschen, die für diese Arbeit ihre Kraft investieren.

Und wer will und gut hinschaut, kann auch Zeichen des Aufbruchs rund um den Globus erkennen. Es gibt die Wasser-Beschützer von Standing Rock in den USA, es gibt die Friedensdörfer ehemaliger Guerillas in Kolumbien und die Freiheitscamps von Israelis und Palästinensern auf der Westbank. Es sind erste Projekte – leise, aber doch unaufhaltsam. Alle, die jemals in Tamera waren, wissen: Es entsteht gerade eine mächtige Bewegung, die das Heilige verteidigt. Was heilig bedeutet? Menschen, die Menschenrechte verteidigen, die sich für Natur, Gemeinschaften und die Zukunft der Kinder einsetzen. Eine freie Erde, das ist das große Ziel.

Das Projekt Tamera 
Tamera wurde 1978 in Deutschland gegründet. Der Umzug nach Portugal auf ein Territorium von 150 Hektar erfolgte 1995. Von April bis November gibt es für Gäste und Studenten die Möglichkeit, an Seminaren, Einführungswochen und Online-Kursen teilzunehmen. Ab 2018 wird es eine dreijährige Ausbildung zum Friedensarbeiter geben. Weitere Informationen unter: www.tamera.org
 
Leila Dregger, Agraringenieurin, Journalistin, Autorin von Büchern und Theaterstücken, Mitarbeiterin des Global Ecovillage Network und des ‚Plans der Heilungsbiotope‘.
 
Zur Vertiefung: Leila Dregger, Frau-Sein allein genügt nicht. Mein Weg als Aktivistin für Frieden und Liebe. Zeitpunkt Verlag 2017
 
Foto © Simon du Vinage
 
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Kommentare  
# Irene Schwarz 2019-04-12 09:16
Tolles Projekt, würde gerne mehr darüber erfahren!
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