Gesellschaft

Auch Skateboards können Frieden stiften: Skateistan ist ein Projekt, das Kindern in Afghanistan ein Stück Normalität ermöglicht und gleichzeitig Chancen für eine bessere Zukunft eröffnet.

Zerschossene Häuserruinen, Schlaglöcher auf den Straßen, überall Zerstörungen. Dass Kabul, die Hauptstadt Afghanistans, einst eine blühende Handelsmetropole war, daran können sich die wenigsten erinnern. Die Stadt ist von Krieg und Armut gezeichnet und Heimat von 3,6 Millionen Menschen. Trotz der Kriegswirren ist Kabul eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt, zwei Drittel der Einwohner sind Kinder und Jugendliche. Durch die andauernden Unruhen blicken sie in eine ungewisse Zukunft.

Amir sieht das nicht so. Und das liegt in erster Linie an seinem Skateboard. Er hat eine Kappe auf, seine Augen leuchten, wenn er von Skateistan erzählt. Skateistan, das ist ein Ort für Buben und Mädchen, 2007 vom Australier Oliver Percovich gegründet. Skaten als Sport ist aber nur ein Aspekt, in Wirklichkeit geht es darum, Kindern und Jugendlichen auf diese Weise wieder Zugang zu Bildung und Zukunft zu ermöglichen.

Skateboards, Skater-Rampen, Kletterwände, sogar eine Fußballhalle. Und überall fröhliche Kinder.


Doch erst einmal von Anfang an: Bevor Amir zu Skateistan kam, putzte er Schuhe, um seine Familie zu unterstützen. Bildung und Sport standen nicht auf seinem Tagesprogramm. An sich ist das in Kabul nicht außergewöhnlich. Viele Kinder müssen schon von klein an arbeiten, um zum Überleben der Familie beizutragen. Doch eines Tages wendete sich das Blatt. Eine Erzieherin von Skateistan wurde auf Amir aufmerksam, wollte ihn für das Projekt gewinnen. Sie lud Amir und die Eltern zu einem Besuch ein. „Als wir in der Skateschule angekommen sind, sah ich einen riesigen Platz. Da waren Dinge, die ich noch nie gesehen hatte. Skateboards, Skater-Rampen, Kletterwände, sogar eine Fußballhalle. Und überall fröhliche Kinder“, erinnert er sich. Aber es waren nicht nur die Sportmöglichkeiten, die den jungen Schuhputzer begeisterten. „Die Klassenzimmer waren so hell, sauber und einladend, so als ob sie nur auf mich warteten“, erzählt er. Er registrierte sich für das Programm und nimmt regelmäßig am Unterricht, der dort stattfindet, teil. Stolz trägt er seine Schuluniform.

Skateistan ist eine Non-Profit-Organisation und will Kindern über das ‚Back to School‘-Programm eine Chance geben, wieder in eine der öffentlichen Schulen zu kommen. Deshalb hält man sich auch an das staatliche Curriculum. Seit dem Ende der Taliban-Herrschaft 2001 gibt es zwar Bemühungen, den Bildungssektor wiederaufzubauen, doch es fehlt mehr als zehn Jahre später immer noch das Geld für den Wiederaufbau des Schulsystems. So ist Skateistan ein Glücksfall für alle, die es hierherschaffen, für alle, die in Bildung eine Zukunft für sich und ihre Gemeinschaft sehen wollen.

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Was Skaten und Bildung gemeinsam haben? Ehrgeiz und Mut sind Eigenschaften, die auch beim Lernen wichtig sind. Auch Amir hat große Pläne. Nach seinen ersten beiden erfolgreichen Jahren sagt er: „Ich will Arzt werden, weil ich gerne Menschen in Not helfen will.“
Was Skateistan in Afghanistan zusätzlich besonders macht, ist, dass auch Mädchen hierherkommen dürfen. Aufgrund der sehr strengen religiösen Vorschriften haben sie es überall sonst sehr schwer, am schulischen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Sogar Fahrrad fahren ist für Frauen verboten. Weil aber bis vor kurzem das Skateboard in Afghanistan unbekannt war, gab es für dieses Sportgerät keine restriktiven Vorschriften. „Vor Skateistan war ich nie auf einem Sportplatz, es gibt keine Orte in Kabul, wo Mädchen und Frauen Sport machen können, dabei macht Sport einen so glücklich“, erzählt Sabina, eine afghanische Pädagogin des ‚Back to School‘-Programms.

Und irgendwie ist es auch der Unbekanntheit des Skateboards zu verdanken, dass es diese Sport- und Bildungseinrichtung gibt. Es war 2007, als der Australier Oliver Percovich nach Kabul kam. Weil er selbst ein passionierter Skater war, nahm er sein Sportgerät natürlich mit und merkte sehr schnell, dass er in den Straßen sämtliche Blicke auf sich zog. Vor allem die Kinder waren begeistert, wollten das Skateboard ausprobieren. So folgte ihm ständig eine Traube von Kindern und irgendwann dachte sich Percovich: „Diese Faszination müsste man nutzen.“ Das Skateboard wurde zum Vehikel für Kommunikation und Absprungrampe für Bildung. Aus einer Idee wurde Wirklichkeit. Die erste Skatehalle in Kabul wurde 2009 eröffnet – als Parallelwelt zu Terror und Krieg sozusagen.

Das Skateboard wurde zum Vehikel für Kommunikation und Absprungrampe für Bildung.


Im Grau-in-Grau der zerbombten Stadt ist Skateistan leicht zu erkennen. Die Außenmauern sind in Schwarz, Rot und Blau gestrichen und wer das Zentrum betritt, steht in einem riesigen Indoor-Skatepark. Das Zentrum ist fünf Tage die Woche geöffnet und unter den Neonröhren wird ständig geübt. Nicht nur Burschen trainieren hier ihre Kunststücke, auch Mädchen in Kopftüchern und bunten Gewändern jagen über die Rampen und führen sich gegenseitig ihre Tricks vor. Erstaunlicherweise sind über 50 Prozent der Teilnehmenden hier Mädchen. Und das hat dazu geführt, dass es in Afghanistan im weltweiten Vergleich die meisten weiblichen Skater gibt.

In der Zwischenzeit gibt es in Mazar-e-Sharif, der drittgrößten Stadt des Landes, ein zweites Skateistan. Das Bedürfnis der Kinder nach Bewegung, Spaß und Unbeschwertheit ist im harten Nachkriegsalltag groß. In Skateistan können sie ihre Sorgen zumindest für ein paar Stunden vergessen. Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude und eine Aussicht auf eine bessere Zukunft – das hat Oliver Percovich hier in Afghanistan geschafft.


Die Skaterin Sabina ist seit vielen Jahren Pädagogin von Skateistan, hat einst selbst als Schülerin begonnen. „Als ich das erste Mal die Schule betrat, war ich überrascht, ich sah ein Mädchen, das Kickflips übte, und war verwirrt über diese Skateboards. Wie geht es hinauf? Und wie drehen sie das Brett?“ Sie übte, lernte und war unendlich stolz, als sie es schließlich schaffte. Selbstvertrauen und Unabhängigkeit sind für Mädchen in Afghanistan alles andere als selbstverständlich. Heute ist Sabina eine selbstbewusste junge Frau. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch, eine Jeansjacke und hat eine Brille auf. Ihre braunen Augen strahlen und stolz erzählt sie von ihrem Wirtschaftsstudium und den vielen Prüfungen, die sie eben geschafft hat. Als Pädagogin in Skateistan sieht sie es als ihre wichtigste Aufgabe, den Kindern in ihrer Klasse neue Sachen beizubringen – ‚wie eben auch Sport‘.


Skateistan kann aber auch als Friedensprojekt bezeichnet werden. Hier im Skater-Zentrum kommen viele ethnische Gruppen zusammen. Auch das ist ungewöhnlich in einem Land, in dem sich die unterschiedlichen Volksgruppen bis aufs Blut bekämpften. Hier in Skateistan lernen sie, die Ungleichheit zu akzeptieren, lernen Respekt im Umgang mit anderen. Amir bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Skateboarden lässt mich mein Leben genießen, ich kann mich dadurch ausdrücken, und ich liebe es, wenn Leute mir beim Fahren zuschauen.“

Mehr Informationen zu Skateistan: www.skateistan.de

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Foto © Skateistan

Kommentare  
# Christian 2019-04-01 12:58
Super Sache!!
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