Gesellschaft

Offenes Gewahrsein ist eine Meditationsmethode, die während eines stressigen Alltags innere Ruhe bringen kann. Der eigene Freund sein. 

Mein Meditationslehrer Godwin aus Sri Lanka war Bibliothekar in Kandy, wo er sich intensiv mit den Schriften des Buddhismus beschäftigte. Außerdem meditierte er. In Sri Lanka ist der Buddhismus eine Volksreligion, doch wenige Menschen meditieren. Die Übenden sind oft Mönche, die stark darauf ausgerichtet sind, bestimmte Stufen der vertieften Sammlung, Einsicht und Erleuchtung zu erlangen. Im Kontakt mit dem deutschen buddhistischen Mönch Nyanaponika fand Godwin einen anderen Zugang zur Meditation. Er entdeckte, dass geistige Erfahrungen den Übenden nicht halfen, das eigene Leben besser zu gestalten. Sie wurden nicht frei von negativen Emotionen und unheilsamen Eigenschaften. In der Lehre des Buddha fand Godwin jedoch die starke Betonung der inneren Arbeit mit dem Ziel, negative Eigenschaften zu überwinden und positive zu entfalten. Aus dem Studium und der Praxis entwickelte er seine Sichtweise und seinen eigenen Weg.

„Du wählst also das Objekt nicht mehr aus, sondern nimmst das, was kommt, als deine Übung.“

Drei Bereiche bildeten die Säulen seiner Vermittlung: Erstens lehrte er neben der üblichen Meditation mit festen Objekten und Konzentration die Methode mit der Bezeichnung ‚offenes Gewahrsein‘. Es ist ein wichtiger Weg, der bis heute zu wenig Beachtung findet. Zweitens legte Godwin großen Wert auf die innere achtsame Arbeit mit den Emotionen, wie sie in der Rede des Buddha über die Übungsgebiete der Achtsamkeit – Satipatthana – gelehrt wird. Besonders die Zuwendung zu den destruktiven Gefühlen, die er gerne ‚Monster‘ nannte, war ihm wichtig.
Drittens lehrte er die Entfaltung von Liebe und Wertschätzung, besonders auch für sich selbst. Sein Motto war: „Sei dein eigener bester Freund.“ In Sri Lanka fand das nicht immer Zustimmung, aber bei den westlichen Meditierenden gewann er schnell viele begeisterte Schüler und wurde oft nach Europa eingeladen.
Heute, da sich die verschiedenen Traditionen und Methoden der buddhistischen Meditation weit verbreitet haben, stelle ich fest, dass sich an den hauptsächlich vermittelten Techniken nicht viel geändert hat. Die meisten Menschen beginnen mit der Meditation, um dadurch mehr Ruhe und Stille zu erfahren und die ewig kreisenden Gedanken zum Schweigen zu bringen. Bestimmte Lehrer betonen die aus der Sammlung kommenden Vertiefungen. In vielen Schweigekursen geht das Streben der Übenden dahin, solche Erfahrungen zu machen. Sammlung, Stille, Freude und meditative Glücksgefühle sind gut, denn der Geist braucht sie, um tiefer in die Wahrheiten schauen zu können.
Doch diese allein führen oft nicht zu Änderungen des Charakters, die auf dem spirituellen Weg notwendig sind. Es ist nicht selten, dass man beginnt, außergewöhnliche Erfahrungen vom gewöhnlichen Leben abzutrennen, weil man sie nicht in den Alltag integrieren kann. Manchmal können dadurch sogar unheilsame Tendenzen wie Überheblichkeit oder Stolz verstärkt werden. Ich bin überzeugt, dass ohne eine mutige Begegnung mit ungeliebten Gefühlen ein wirklicher Fortschritt auf dem Weg zum Erwachen verhindert wird.
Was ist nun beim stillen Sitzen in der Methode des offenen Gewahrseins anders als bei der Konzentration auf ein bestimmtes Objekt? Ich möchte dazu ein Gleichnis verwenden: Du sitzt in einem Raum und ein Mensch, den du eingeladen hast, sitzt dir gegenüber. Du blickst ihn an, du hörst zu, du gibst ihm deine volle Zuwendung und Aufmerksamkeit. Du versuchst, dich nicht ablenken zu lassen. Egal, was die Person macht, ob es dir gefällt oder nicht, du bleibst bei ihr. Vielleicht erlebst du, dass du dich so vertiefst, dass alles rundum verblasst und du eine tiefe Einheit mit dieser Person fühlst. 

Was jedoch viel eher geschehen wird, ist, dass es dir langweilig wird, du auf eine andere Idee kommst oder abgelenkt wirst. Vielleicht kommt eine andere Person in den Raum, sagt etwas und automatisch geht deine Aufmerksamkeit dorthin. Was machst du dann? Du sagst: „Ich sehe und höre dich, aber im Moment bin ich hier beschäftigt, komme bitte später wieder.“ Und dann wendest du dich wieder der ersten Person zu. In der Meditation bedeutet das, dass du bemerkst, was dich von der Betrachtung eines Objektes wie den Atem abgelenkt hat. Das kann ein Geräusch sein, ein Schmerz, ein Gefühl, ein Gedanke, und dann lässt du es gehen und kehrst wieder zum Atem zurück. Bei der Methode des offenen Gewahrseins geht es anders. Wieder sitzt du mit dieser Person im Raum und wieder lenkt dich etwas ab. Wenn jemand anderer in den Raum kommt und dich anspricht, dann wendest du dich demjenigen zu, aber diesmal bleibst du bei diesem neuen Objekt. Du hörst ebenso aufmerksam zu. Wenn das nicht gelingt und wieder ein anderes Objekt deine Achtsamkeit an sich zieht, dann wendest du dich nun diesem voll und ganz zu. Du wählst also das Objekt nicht aus, sondern nimmst das, was kommt, als deine Übung. Deshalb heißt es wörtlich übersetzt ‚nicht wählende Achtsamkeit‘.

„Eine augenblickliche, volle Aufmerksamkeit kann eine sehr wohltuende und verändernde Wirkung entfalten und helfen, das Leben stressfreier zu gestalten.“

Viele Übende haben nun den Einwand oder die Frage, ob das dann nicht eher eine Einladung zum Träumen, zur Zerstreuung und Verstärkung des ziellosen Denkens ist. Diese Gefahr ist da, aber nur dann, wenn man diese Methode nicht korrekt anwendet. Um diese Gefahr zu vermeiden, ist eine Sache wichtig: Man muss sich bemühen, bei dem neuen Objekt mit gleicher Aufmerksamkeit, mit gleichem Interesse und gleicher Hingabe zu bleiben, sich zu vertiefen und auf diesem Weg ebenso zur Beruhigung zu kommen. Diese Methode kann auch zu Vertiefungen führen, doch möglicherweise mag das in bestimmten Phasen der Übung – weil mit weniger Druck und Anstrengung – sogar leichter gelingen. Es gibt noch einen anderen Vorteil: Die Übung der Konzentration auf ein Objekt ist nur selten in den Alltag übertragbar. Dazu eignen sich nur einfache und langsam durchgeführte Tätigkeiten. Die Übung des offenen Gewahrseins ist im täglichen Leben gut anwendbar. Für gewöhnlich wird man dabei nicht lange bei einem Objekt bleiben können, aber bereits eine augenblickliche, volle Aufmerksamkeit kann eine sehr wohltuende und verändernde Wirkung entfalten und helfen, das Leben stressfreier zu gestalten. Eine buddhistische Nonne und Schülerin von Thich Nhat Hanh hat mir das vor Jahren einmal eindrucksvoll demonstriert. Wir organisierten gemeinsam eine große Veranstaltung und ständig kamen Menschen, die etwas wollten. Ich fühlte mich bald gestresst, doch ich merkte, dass die Nonne völlig ruhig und freundlich blieb. Da fragte ich sie, wie sie das nur mache. Sie sagte, das hätte sie vom Meister gelernt, denn er hätte ihr gesagt, sie solle jede Anfrage an sie als eine Glocke der Achtsamkeit nehmen, das heißt, einen Moment innehalten und sich dann diesem Menschen voll und ganz zuwenden. Das gab ihr die Kraft, gelassen zu bleiben. Als ich diese Methode selbst anwendete, merkte ich, dass sich außerdem viele Probleme schnell auflösten. So kann diese Methode im täglichen Leben wirkungsvoll angewendet werden. Der Buddha gab uns viele verschiedene Objekte der Achtsamkeit, die wir auf unserem Weg alle beachten sollen. Wir können uns für eine bestimmte Zeit ein Objekt vornehmen, aber wir sollten uns auch verschiedenen Objekten zuwenden. Auch wenn wir bei einem Objekt bleiben und uns vertiefen, werden die Objekte sich von selbst ändern. Wenn der Atem unter dem Licht einer guten Sammlung nicht mehr gespürt wird, dann sollen wir uns einem körperlichen oder geistigen Gefühl zuwenden. Der Geist wird immer neue Objekte entdecken, die alten verlassen und sich so für neue Welten öffnen. In diesem Sinn ist das offene Gewahrsein eine Grundlage in der Lehre des Buddha, eine Form der Achtsamkeit, die ganz natürlich ist und uns zu einem tiefen Verständnis führt. Wohin die Reise gehen kann: Wir werden mehr und mehr unseren eigenen Charakter erkennen und uns zu einem heilsamen Handeln und Denken hinbewegen, was inneren und äußeren Frieden schaffen wird. Wir werden aber mit der Kraft dieses gesammelten und zugleich sehr flexiblen Geistes auch die grundlegenden Strukturen unseres Seins sehen und die befreienden Wahrheiten erkennen.

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