Gesellschaft

Um vom Frieden zu sprechen, müssen wir über den Krieg reden. Unser Ego und die Wirtschaft.

Es gab und gibt zum Verhältnis von Wirtschaft und Krieg zwei gegensätzliche Thesen. Radikale Verfechter des Marktes wie der österreichische Ökonom Ludwig von Mises glaubten, dass Märkte notwendigerweise zu Frieden und Verständigung führen. Das egoistische Interesse an Geld und Gewinn sorge für friedliche Vertragsbeziehungen im Interesse aller. Die marxistische Tradition vertrat dagegen den Gedanken, dass der Kapitalismus zu imperialen Bestrebungen und damit immer wieder zu Kriegen führen würde. Für beide Thesen lassen sich Indizien finden. Doch beide verkennen das, was Wirtschaft und Krieg innerlich verbindet: eine bestimmte Denkform, eine geistige Haltung, die so selbstverständlich geworden ist, dass man sie nicht zu bemerken scheint. Eine buddhistisch geprägte Sichtweise kann hier vielleicht tiefer blicken. Das Verhältnis von Krieg und Wirtschaft lässt sich unter zwei nur auf den ersten Blick völlig verschiedenen Perspektiven betrachten. Ich möchte sie auf die Kurzformel bringen: Krieg als Wirtschaft, als Geschäft, und Wirtschaft als Krieg, als Kampf, als Konkurrenz. Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf den ersten Aspekt: Krieg oder Rüstung sind ein großes Geschäft. Die USA geben 611 Milliarden US-Dollar jährlich für Rüstung aus, das ist das Doppelte des Bruttoinlandsprodukts von Österreich. Etwa 1,7 Billionen US-Dollar fließen global in die Rüstung; das entspricht etwa der Wirtschaftsleistung von Italien oder Brasilien. Den staatlichen Ausgaben für Rüstung stehen symmetrisch auf der anderen Seite Einnahmen, hohe Gewinne der Rüstungsfirmen gegenüber.

„Die Politik ist die Unterhaltungsabteilung der Rüstungsindustrie.“

Während bei gewöhnlichen Waren die Unternehmen sich um Konsumenten durch Werbung im Wettbewerb bemühen müssen, hat sich zwischen Rüstungsfirmen und den staatlichen Eliten eine fast undurchschaubare Verflechtung entwickelt: Mit rotierenden Posten und lukrativen ‚Nebenjobs‘ entwickelte sich nicht nur in den USA das, was US-Präsident Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede vom 17. Januar 1961 ‚militärischindustrieller Komplex‘ nannte. Vergleichbare militärisch-politische Eliten lassen sich in den meisten Ländern entdecken. Der Rockmusiker Frank Zappa fasste diese betrübliche Tatsache in dem ironischen Satz zusammen: „Die Politik ist die Unterhaltungsabteilung der Rüstungsindustrie.“ Ohne hier auch nur die Dimension des Problems umreißen zu können, lassen sich doch einige sehr einfache Schlussfolgerungen ziehen: Ein großer, von neuen Technologien getriebener Zweig der globalen Wirtschaft wird von militärischen Interessen getrieben. Genauer gesagt: Die Geldgier hat im Rüstungssektor eine schier unerschöpfliche Quelle für Profite installiert und das gemeinsam mit der Politik. Es liegt auch ohne tiefere Analyse nahe, dass damit ein Interesse an hohen Militärausgaben besteht – Ausgaben, die immer wieder einer neuen Begründung bedürfen. Kriege und lokale Konflikte liefern diese Rechtfertigung in teils grausamen Formen.

Hofften viele nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf einen dauerhaften Frieden, so wird durch den ‚Krieg gegen den Terror‘ und eine immer neu entfachte Feindschaft gegenüber Russland, China und anderen Ländern ein globaler Frieden laufend neu gefährdet. Wirtschaftliche Kooperation geht fast immer Hand in Hand mit militärischer Zusammenarbeit; dabei geht es darum, Feinde auszugrenzen. Unverändert bleiben in all dem Wandel nur die Einnahmen der großen, weltweit agierenden Rüstungskonzerne aus je wechselnden Quellen – pro Monat zwölf Milliarden US-Dollar investiert der US-Haushalt in den ‚Krieg gegen den Terror‘. Blickt man etwas gelassener aus einiger Distanz auf unseren Globus, so erscheint diese Situation als völliger Wahnsinn. Inzwischen sind alle Länder in Produktion, Konsum und Informationstechnologie eng miteinander verbunden. Die gegenseitige Abhängigkeit von Wirtschaft und Lebensstil bildet die reale Grundlage, auf der Gegensätze ausgetragen werden. Diese wechselseitige Verschränkung aller wirtschaftlichen Handlungen wird von zwei Herrschaftsformen dominiert: zum einen von der Herrschaft des Geldes, der Finanzmärkte mittels Eigentumsrechten, wie etwa Aktien und anderen Wertpapieren, zum anderen durch Politik und Ideologie, die an die Wirtschaft geknüpft sind. Die gegenseitige Abhängigkeit wird durch eine Vielzahl gegensätzlicher Interessen überlagert und sowohl gesteuert als auch gehindert. Die äußerste Form solch eines Zerschneidens der gegenseitigen wirtschaftlichen Verschränkung ist der Krieg und dessen ideologische Vorbereitung. Was für die Rüstungsfirmen ein großes Geschäft bedeutet, ist in seiner menschlichen Dimension ein schier nicht enden wollendes, sinnloses Leiden, das wir in Libyen, Syrien, Irak oder im Jemen beobachten können. Steuert also die Wirtschaft gleichsam von sich aus auf militärische und kriegerische Formen zu? Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich die vorherrschende Denkform, in der über Ökonomie nachgedacht wird, etwas genauer betrachten. Es geht um das innere Verhältnis von Krieg und Wirtschaft. Der heute in vielen Verkleidungen, in seinem Kern jedoch ungeschmälert vorherrschende ökonomische Liberalismus basiert ideologisch auf einer doppelten These des schottischen Ökonomen Adam Smith. Demnach besteht die menschliche Gesellschaft aus Individuen, die sich ökonomisch rein egoistisch verhalten, allerdings sind sie über Geld und Märkte miteinander verbunden. Die Egoisten treten so in einen ökonomischen Wettbewerb, in dem einer die Grenze des anderen bildet und das Gesamtsystem auf diese Weise, so die Theorie, eine harmonische Ordnung hervorbringt.

„Der Kampf egoistischer Motive gegeneinander führt keineswegs zu einer gemeinsamen Harmonie.“

Der Krieg aller gegen alle, den Thomas Hobbes noch als Resultat des Egoismus diagnostiziert hatte, führe, so sagen die Ökonomen, zu einem friedlichen Gleichgewicht der Gegensätze im Wettbewerb. Das gelte auch auf einer zwischenstaatlichen Ebene, wenn Staaten – wie auf dem Binnenmarkt – gemeinsame Spielregeln beachten und in diesem Rahmen miteinander konkurrieren. Krisen, Kriege oder ökonomisches Leiden entstünden nur, wenn sich der Wettbewerb nicht frei im Rahmen internationaler Strukturen entfalten kann. Die UNO, die Weltbank und viele andere internationale Organisationen sollen die Verwirklichung dieses globalen Traums sein. Weshalb stellt sich aber in vielen Kriegen dieser Traum als Albtraum heraus? Der Denkfehler liegt in der unzureichend untersuchten Voraussetzung, dem Egoismus. Der Kampf egoistischer Motive gegeneinander führt keineswegs zu einer gemeinsamen Harmonie. Der Egoismus wird durch Fairness oder Rechtsregeln nicht gezähmt, sie bilden nur ein ‚Hindernis‘, das überwunden werden kann. Unternehmen versuchen unaufhörlich, die Konkurrenz selbst zu beherrschen: durch heimliche Kartelle, durch die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, vor allem aber in den letzten Jahrzehnten mittels der Überlagerung einer globalen Finanzindustrie, die jedem Einzelunternehmen und den Konsumenten durch Schulden ihr Bereicherungsinteresse aufnötigt. Das ist an der immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich erkennbar – ein Verhältnis, das Adam Smith durchaus gesehen, wenn auch zynisch kommentiert hat. Er meinte, Staat und Eigentumsgesetze seien dazu da, ‚die Reichen gegenüber den Armen zu schützen‘. Dieser – kaum je zitierte – Satz wurde auf das Verhältnis zwischen Staaten übertragen. Während innerhalb der Wirtschaft die Umverteilung von unten nach oben über Lohn-Dumping, Verschuldung oder die Privatisierung sozialer Leistungen ohne physische Gewalt über den Markt abgewickelt wird, entfaltet sich der Kampf zwischen Arm und Reich durch die staatliche Politik hindurch als kriegerisches Geschäft. Wenn sich ein großer Staat in seiner Rohstoffversorgung oder der Dominanz seiner jeweiligen Finanzindustrie bedroht fühlt, so konstruiert man durch Lüge und Propaganda Anlässe, um die militärisch-wirtschaftliche Vormachtstellung durch Drohung und Krieg zu erhalten. Da die völlige Dominanz der USA zerfallen ist und in Russland, China, der EU und asiatischen oder südamerikanischen Ländern teils mächtige Konkurrenten erwachsen sind, wird die globale politische Konkurrenz immer mehr militarisiert – sehr zur Freude großer Rüstungsfirmen. Nun trägt man in den elitären Kreisen selbst keinerlei Maskerade. Neben US-amerikanischen Think Tanks ist eine französische Eliteschule dafür charakteristisch. Es ist die 1997 gegründete ‚Ecole de Guerre Economique‘ (deutsch: Schule für ökonomische Kriegsführung), an der künftige CEOs geschult werden, Konkurrenten ökonomisch zu vernichten. Es ist nicht ohne Ironie, dass der erste Direktor dieser Schule, Christian Harbulot, ein ehemaliger Maoist, die marxistische Guerilla-Taktik dazu als Modell verwendete. Übrigens sind viele hochrangige Berater in den USA gleichfalls ehemalige Linke, vorwiegend Trotzkisten. Die Marx’sche Idee des Klassenkampfes als bewegendes Prinzip der Wirtschaft wurde hier ‚kreativ‘ an die neue Begeisterung für den Kapitalismus angepasst.

„Wirtschaft und Krieg sind auf der Grundlage einer bis weit in den Alltag vorgedrungenen Geisteshaltung von kriegerischen Denkformen getrieben.“

Doch nicht nur Eliten orientieren sich an kriegerischen Denkformen. Ein Blick auf die Vielfalt neuer Computerspiele verrät diese fatale Geisteshaltung auch in einer anderen Gruppe der Gesellschaft. Sie kann nicht treffender als durch den Begriff Ego-Shooter charakterisiert werden. Die Firma Wargaming brachte vor kurzem das Spiel ‚World of Tanks‘ auf den Markt, das die FAZ in einem Artikel vorstellte und mit ‚Zur Entspannung etwas Krieg‘ titelte. Eliten und gewöhnliche Menschen scheinen sich mit diabolischem Vergnügen zunehmend in Denkkategorien von Krieg und Egoismus zu bewegen. Sie sind mittlerweile so selbstverständlich, dass sich Menschen in ihrem Selbst darin bewegen und so unaufhörlich auf Kampf, Konkurrenz und Krieg programmiert sind. Es verwundert daher nicht, dass mit einer derart veränderten Wahrnehmung Politiker populär werden, die diese kriegerische Sprache sprechen. Es zeigt sich die schlichte, aber tiefe Wahrheit, die der Buddha in den Satz fasste: „Den Dingen geht der Geist voran, der Geist entscheidet.“ Das Ego ist kein angeborenes Ding, sondern ein endlos neu aufgebauter Prozess. Es ist charakterisiert durch die drei Geistesgifte Gier, Hass und Verblendung. Bemerkenswerterweise sind einige Ökonomen ganz unabhängig vom Buddhismus zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt. Die Autoren Cynthia Arnson und William Zartman formulieren in ihrem Buch ‚Economics of War‘ eine vergleichbare Einsicht, sie identifizieren als Kriegsgründe den im Wettbewerb stehenden Bedarf, ideologische Überzeugungen und die Gier. Ideologien – nicht zuletzt religiös motivierte – sind Formen der Verblendung ebenso wie die unter Ökonomen verbreiteten Modellformen; ganz zu schweigen von eher zynischen Beratern für ökonomische Kriegsführung. Das Fazit: Wirtschaft und Krieg sind auf der Grundlage einer bis weit in den Alltag vorgedrungenen Geisteshaltung von kriegerischen Denkformen getrieben. Eine Abkehr von dem militärischen Wahnsinn, dem sich vielfach in jüngerer Zeit vermehrt ideologische, vermeintlich religiöse Wahnsysteme überlagern, ist nur möglich, wenn diese geistige Wurzel erkannt und schrittweise durch Achtsamkeit und eine friedliche Geisteshaltung gereinigt wird. Gewaltfreiheit im Denken neu zu verankern, in der indischen Tradition ‚Ahimsa‘ genannt, scheint der einzige Weg zu einer friedlichen Wirtschaft zu sein. Der Bürgerrechtsaktivist Martin Luther King hat das auf seine unvergleichlich klare Weise gesagt: „Gewaltlosigkeit bedeutet nicht nur das Vermeiden von äußerer physischer Gewalt, sondern auch der inneren Gewalt im Geist. Du vermeidest nicht nur, einen Menschen zu erschießen, du vermeidest, ihn zu hassen.“

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Kommentare  
# Uwe Meisenbacher 2019-04-13 16:09
Sehr geehrter Herr Brodbeck,

Ihr Artikel ist ein zutreffender Aufklärungsbeitrag, und das nicht nur für Buddhisten. Danke dafür!

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, achtsamen, frei von Gier nach Profitmaximierung, heilsamen, buddhistischen Grüßen, auf eine bessere Zukunft.

Uwe Meisenbacher
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