Gesellschaft

Werden wir in Zukunft per App unseren Traumroboter suchen oder bleiben wir doch dabei, mit echten Menschen ins Bett zu gehen? Ein Interview mit dem bekannten Zukunftsforscher Matthias Horx.

Wie werden zukünftige Generationen Sex haben?

Ich sehe drei Szenarien für die Liebe und Leidenschaft der Zukunft: 
1) Die techno-erotische Transformation: Dabei geht es um den Siegeszug der digitalen Erotik, um virtuellen Sex in der Extremform wie Sex mit Robotern.
2) Liquid Love – die flüssige Liebe: Es entstehen neue Partnerkontrakte, wie etwa das ‚Ehe light‘-Modell, Polyamorie, Lebensabschnittsverträge, die alle den Stress aus dem romantischen Liebesideal nehmen.
3) Die co-evolutionäre Liebe: eine neue Liebeskultur, in der wir uns als geistig, psychisch und spirituell Wachsende gegenseitig voranbringen. Wenn man so will: Achtsamkeits-Liebe. 
Alle drei Szenarien werden in der einen oder anderen Weise unsere Zukunft formen. Aber es ist klar, dass wir mehr Liebesintelligenz brauchen. Wir sind heute, nach dem Wegfall der alten Bindungs- und Moralzwänge, in gewisser Weise alle Analphabeten der Liebe.

Warum verändern sich unsere Beziehungsmodelle?

Wir leben zunehmend in sehr komplexen, reizstarken, groß-urbanen Kulturen mit hohen Individualisierungsgraden. Gleichzeitig haben wir sehr hohe Ansprüche an die Liebe, wir wollen eine romantische Erlösung. In dieser Schere kann man ziemlich einsam werden. Eine Folge davon ist die Instabilität von Beziehungen. Ein anderer Trend geht in Richtung mehr Toleranz, in der das, was früher als anders, abartig oder pervers galt, immer mehr normalisiert wird. Swingerklubs gibt es heute in jeder Kleinstadt und Schwule sind weitgehend akzeptiert. Im Vergleich zu früher gibt es heute auch eine Vielzahl von Familien-Typologien von Patchwork bis Multi-Gender. Wir konnten allerdings feststellen, dass unsere Liebeskultur sich wieder uralten Mustern nähert. Unsere Urahnen, die Jäger und Sammler, liebten ähnlich wie heutige Großstadtbewohner. Sie hatten mehrere Beziehungen im Lebensverlauf und auch die Kinderzahl war vor Erfindung der Agrarwirtschaft recht niedrig. Liebe und Lust waren viel mehr in den Alltag integriert und Frauen hatten mehr erotische Rechte. Wir erleben somit heute so etwas wie ein erotisches Neo-Nomadentum.

Was bedeuten die veränderten Beziehungsmodelle für die Kinder?

Sie könnten durchaus auch ein Gewinn sein. Die schweren psychologischen Schäden durch Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung entstehen ja in den engen, isolierten Beziehungen, in denen es keine Auswege und Freiheiten gibt. Wenn Ehen geschieden werden, kann das auch bedeuten, dass ein psychologischer Terror aufhört. Patchwork-Gesellschaft kann heißen, dass Kinder ein viel tragfähigeres, dichtes Netz an vielfältigen Bindungen haben. So wie in der alten Jäger- und Sammlergesellschaft.

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Welchen Einfluss werden Roboter oder digitaler Sex haben?

Ich halte das eher für einen momentanen Hype. Es ergibt nun mal faszinierende Bilder, wenn Roboter mit Menschen in intimen Posen gezeigt werden. Eigentlich ist das eher ein peinliches Klischee, weil wir ahnen ja, dass diejenigen, die sich einen Sexroboter nach Hause bestellen würden, eigentlich die armen Schweine sind, die ‚es‘ nicht mit Menschen machen können. In solchen technologischen Narrativen verbergen sich keine echten Zukunftsszenarien, sondern innere Spiegelungen und Selbstbefragungen. Es geht weniger darum, ob wir Roboter lieben werden, sondern vielmehr darum, ob wir selbst wie Roboter lieben. In der digitalen Erotikfantasie versuchen wir, uns selbst zu erkennen und zu verstehen, was uns von Maschinen unterscheidet. Menschen sind und bleiben aber Sinneswesen, die die unmittelbare physische Nähe zu anderen Menschen brauchen.

Was macht die ständige Präsenz von Sexualität mit unserem Liebesleben?

Wir wissen, dass junge Männer, die viele Pornos im Internet konsumieren, irgendwann nicht mehr ‚können‘, weil solche Filme die inneren erotischen Scripts besetzen, und damit wird die lebendige physische Begegnung verhindert. Das ist eine Art Suchtprogrammierung, es gibt In den USA gibt es inzwischen eine massive Gegenbewegung dazu, die heißt ‚Reboot‘ – zu Deutsch ‚Neustart‘. In Japan hat die ‚kindliche Pornografisierung‘ der Kultur dazu geführt, dass die Hälfte der Bevölkerung überhaupt keinen Sex mehr hat. Das hat aber weniger mit der Digitalisierung als mit der inneren Erstarrung der japanischen Gesellschaft zu tun, die in starren Rollenbildern verharrt und zugleich hypertechnisch aufrüstet. Gleichzeitig gibt es in unseren Breitengraden eine große erotische Experimentierfreude – Stichwort ‚Gourmet-Sex‘. Sexualität wird heute oft ganz bewusst inszeniert, verfeinert und kultiviert.

Welche Auswirkungen hat es, wenn Menschen immer weniger Sex haben?

Ein unerotisches Leben macht traurig und ängstlich. Man muss vielleicht nicht immer Sex haben, aber die Erotik repräsentiert ja jene Energie, die uns mit der Welt, mit dem Anderen und mit uns selbst verbindet. Ich denke, dass ein großer Teil des Unglücks, das wir heute in Form der populistischen Hass- und Ressentiment-Bewegungen erleben, mit der Nicht-Erotik im Leben vieler Menschen zu tun hat. Zorn und Hass sind gewissermaßen Ersatzenergien, in denen man versucht, sich zu spüren.

Verändert sich das Sexualleben durch Dating-Apps?

Manche Plattformen wie ‚Tinder‘ fördern eine ziemlich brutale Oberflächlichkeit im Werbe- und Sexverhalten. Aber das ist meist eine Phase, die man wieder hinter sich lässt. Auch die Partnerschaftsplattformen halten nicht das, was sie versprechen. Wie Helen Fisher, die US-amerikanische Liebes-Anthropologin, neulich in einem wunderbaren TED-Vortrag formulierte: „Liebe bleibt dasselbe, auch wenn sich die Art und Weise, wie wir sie beginnen und auflösen, technisch verändert.“

Schaffen wir uns immer mehr digitale Parallelwelten?

Haben Menschen nicht immer schon in Parallelwelten gelebt? Dienen nicht auch Religionen demselben Zweck? Kann man nicht auch schöne Orgasmen durch erotische Fantasien haben? Der Mensch ist von Natur aus ein virtuelles Wesen, wir sind zu unglaublichen inneren Visionen fähig. Die Frage ist, ob uns der Cyberspace da wirklich etwas Neues bringt. So sehr wir uns alle ein Holodeck (Anmerkung der Redaktion: einen Raum, in dem virtuelle Welten simuliert werden können) wünschen – wahrscheinlich würden wir es eher selten betreten. Es verunsichert uns einfach, in mehreren Realitäten zu leben, in denen wir irgendwann nicht mehr wissen, was wirklich ist.

Sehen Sie Anzeichen dafür, dass sich die Geschlechter immer mehr auflösen?

Wir können heute viele Varianten und Mischungen von Männlich-Weiblich in unserer Personalität ausprobieren. Aber die alten Archetypen des Männlichen und Weiblichen brechen immer wieder durch, auch weil wir evolutionär darauf geprägt sind. Androgynität ist nur faszinierend, wenn sie neu und rebellisch ist. Spätestens wenn alle androgyn geworden sind, sehnen wir uns wieder nach echten Kerlen und holden Prinzessinnen.

Wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten auf heilsamen Sex ein?

Sexualität ist jene Begegnung, in der wir ganz und gar unsere innere Lebendigkeit spüren können. Heilsam ist Sex immer, wenn er mit der Seele in Resonanz ist. Das kann auch bei einer schnellen erotischen Begegnung der Fall sein, wenn beide das wollen: ‚Love Fucking‘ – warum nicht? Sogar SM-Sex kann heilsam sein, wenn damit bestimmte innere Restriktionen und Vertrauensformen ausagiert werden können. Sex findet fast immer sein Tantra, außer er ist kalt, herzlos und gewalttätig.

Haben Achtsamkeit und Nähe im zukünftigen Sexualleben noch Platz?

Wir stehen am Anfang einer großen Achtsamkeitsbewegung, die gerade auch die Erotik umfasst. Wir fangen ja erst an zu lernen, wie wir lebenslang erotisch glücklich sein können. Früher ist man stillschweigend davon ausgegangen, dass die Sexualität im mittleren Alter abebbt und man dann sexlos oder in langweiligen Routinen aneinanderklebt. Heute wissen wir, dass wir ohne den lebenslangen erotischen ‚Drive‘ nicht auskommen. Dies widerspricht aber dem derzeitigen Treue-Ideal, denn die Erotik will ja immer das Neue, Frische und Abenteuerliche. Sexualität sucht das Fremde. Die co-evolutionäre Liebe ist ein Weg, dieses existenzielle Dilemma zu lösen. Co-evolutionäre Liebe heißt, dass wir die liebende Partnerschaft auf einer Vision der inneren Transformation gründen. Dass wir uns durch den Anderen ständig selbst verwandeln, zu höherer Integration. Dadurch werden wir freier und gebundener zugleich. Dann öffnet sich der Raum der Liebe nach vorne, in die Zukunft hinein.

Matthias Horx, geboren 1955, ist Publizist, Unternehmensberater und Zukunftsforscher. Er ist auch Autor zahlreicher Bücher.
 
Tipp zur Vertiefung:
Matthias Horx, Future Love – Die Zukunft von Familie, Sex und Beziehung. Deutsche Verlagsanstalt 2017

 

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