Gesellschaft

Ein kleiner Exkurs über Höhepunkte und Tiefen des sexuellen Verhaltens. Warum gibt es männliche Lebewesen?

Wieso vermehren sich nicht alle Lebewesen dieser Welt einfach durch Zellteilung, was doch ganz offensichtlich die einfachere Methode wäre, sich zu reproduzieren. Die Antwort darauf heißt Vielfalt, denn durch die Kombination unterschiedlicher Gene und der damit verbundenen Eigenschaften und Fähigkeiten von Organismen steigt die Möglichkeit der Nachkommen ganz deutlich, sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Die scheinbar logische Konsequenz daraus wäre, dass die Überlebenschancen umso stärker steigen, je mehr Individuen an der Fortpflanzung beteiligt sind. Doch die Herausforderungen, dass sich zwei Lebewesen zur rechten Zeit am richtigen Ort treffen und erfolgreich verpaaren, ist in der Praxis offenbar schon so schwierig, dass jede weitere Beteiligung eines dritten oder gar vierten Individuums an einer Kopulation die Erfolgswahrscheinlichkeit gegen null sinken lassen würde. Und deswegen gibt es auf dieser Erde dafür kein einziges Beispiel einer solchen Paarungskonstellation.

Der Gewinn einer Fortpflanzung ist für beide Geschlechter gleich groß.

Aber die Frage, warum es überhaupt so etwas wie Männchen gibt, bleibt damit weiterhin offen. Als ‚männlich‘ bezeichnen wir jene Lebewesen, die kleine Geschlechtszellen produzieren. Diese Definition klingt sehr vereinfachend, aber es gibt tatsächlich keine anderen, für alle Organismen gültigen Merkmale, um ein Männchen von einem Weibchen zu unterscheiden, das wiederum vergleichsweise sehr große Keimzellen produziert. Der Gewinn einer Fortpflanzung ist aber für beide Geschlechter gleich groß. Dieser Unterschied in der Investition setzt sich auch im Weiteren fort: Weibchen haben höhere Belastungen in der Schwangerschaft und vielfach tragen sie auch bei der Aufzucht der Jungen die Kosten. Diese Ungleichheit war vielen Biologen durchaus bewusst: Weibliche Lebewesen erscheinen fleißig und arbeitsam, während Männchen vielfach in aufwendige Ornamente, wie zum Beispiel Löwenmähnen und Pfauenfedern, investieren. Der Wissenschaftsautor Fred Hapgood stellte in seinem Buch ‚Why males exist‘ die provokante Frage, ob Männchen eine Frivolität der Natur ohne jeden praktischen Wert wären. Man kann dazu jedenfalls sagen, dass es sich in den vielen Millionen Jahren der Evolution von Lebewesen als erfolgreich erwiesen hat, wenn Männchen kleine, aber möglichst viele Spermien produzieren, die auf wenige, aber nährstoffreiche weibliche Eizellen treffen. Beide Geschlechter unterscheiden sich nicht nur in ihren Geschlechtszellen, sondern in der Folge auch in ihren Strategien und Taktiken grundsätzlich. Daraus ergibt sich aber auch eine Vielzahl von Konflikten. „Wenn ein Vogel unsere Tageszeitungen lesen könnte, würde er einen völlig übertriebenen Eindruck von der Häufigkeit der Scheidungen erhalten. Monogamie bei Vögeln und Menschen neigt dazu, in schlichtem Gewand aufzutreten, ist aber bei weitem häufiger als exotische Alternativen.“ Dies schrieb in den 1960er Jahren der angesehene britische Evolutionsbiologe David Lack. Dies ist ein schönes Beispiel dafür, wie weltanschauliche Meinungen auch in scheinbar objektive naturwissenschaftliche Studien Eingang finden. Auch der österreichische Nobelpreisträger Konrad Lorenz lobte noch die Monogamie seiner Graugänse und sah diese gleichsam als sinnvolle Regel einer von der ‚Verhausschweinung‘ unberührten Natur. Die Moralvorstellungen der damaligen Gesellschaft wirkten auch auf die Arbeiten der Forscher ein, die wiederum dann Beweise in der Tierwelt für diese ‚Naturgesetzlichkeiten‘ suchten. Ein schwerer grundsätzlicher Fehler, denn wenn man auf einem Auge blind ist, dann lassen sich die passenden Fakten viel leichter finden. Nur wer eine Theorie zu widerlegen versucht und daran scheitert, bestätigt diese.

Der österreichische Philosoph Karl Popper hatte diese Methode der Falsifikation für die Wissenschaft beschrieben. Und nicht zuletzt dank dieser wissen wir heute, dass es im Tierreich eine große Vielfalt des sexuellen Verhaltens gibt: Homosexualität ist bei einigen Tierarten, wie zum Beispiel auch unseren Hausrindern, belegt und bei manchen Fischen wie den Seepferdchen werden nicht die Weibchen, sondern die Männchen trächtig, die die befruchteten Eier in einer eigenen Bauchtasche austragen. Und auch über das Phänomen der ‚Untreue‘ bei den angeblich monogamen Arten wissen wir mehr. Weibchen erhöhen durch mehrere Partner ihre Chancen, gesunden und im Sinn der Evolutionstheorie ‚fitten‘ Nachwuchs in die Welt zu setzen. Diese Form des ‚Ehebruchs‘ wird durch den moralisch nicht wertenden Begriff der ‚extra-pair-copulation‘ in Studien beschrieben. Genetische Erbgutbestimmungen machten es ab den 1980er Jahren möglich, die Vaterschaft von Eigelegen verpaarter und gemeinsam brutpflegender Vögel zu überprüfen. Zur großen Überraschung fand man heraus, dass bis zu 20 Prozent des Nachwuchses von Stockenten von mehreren Vätern abstammten. Noch verstörender war das Verhalten männlicher Enten, die immer wieder dabei beobachtet werden, wie sie Weibchen gewaltsam zur Kopulation zwingen, also aus menschlicher Sicht vergewaltigen. Dieses Phänomen gibt es auch bei manchen Amphibien wie den Erdkröten, bei denen sich eine Vielzahl von Männchen an ein einziges Weibchen klammern und dieses manchmal dabei auch so lange unter Wasser gedrückt wird, dass es zu Tode kommt. Forscher fanden heraus, dass dieses Verhalten mit der Konkurrenz männlicher Spermien zu tun hat. Bei einigen Tierarten scheinen die Dominanzstreitigkeiten unter Männchen durch einen Wettbewerb in der Produktivität der Keimdrüsen ersetzt zu werden. Bei den mit uns nahe verwandten Menschenaffen zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen der Größe der Hoden und dem Ausmaß kämpferischer Auseinandersetzungen zwischen Männchen. Gorilla und Orang-Utan besitzen relativ kleine Hoden, die daher auch verhältnismäßig wenige Spermien produzieren. Umso größer ist aber der Aufwand der dominierenden Männchen, ihre Rivalen von den empfängnisbereiten Weibchen fernzuhalten. Die innerartlich friedfertigen Bonobos, Zwergschimpansen, sind hingegen für ihre ‚freie‘ Sexualität bekannt. Die Männchen raufen sich nicht um die Weibchen, sondern warten, bis sie an der Reihe sind. Bei ihnen entscheidet über eine erfolgreiche Befruchtung nicht die Muskelmasse, sondern die Menge und Qualität der Samenzellen.

Weibchen erhöhen durch mehrere Partner ihre Chancen, gesunden Nachwuchs in die Welt zu setzen.

Auch bei der aus unserer menschlichen Perspektive als pervertiert wahrgenommenen Fortpflanzung der Stockenten handelt es sich evolutionsbiologisch um zwei Zugänge, den Nachwuchs zu sichern. Wenn Biologen solche Vergewaltigungen als ‚erfolgreich‘ beschreiben, dann sollte man aber nie vergessen, dass wir Menschen uns mithilfe der Zivilisation über solche Gewaltakte – und diese sind es auch bei Enten – zu erheben versuchen. Nichts, was natürlich ist, muss auch gut oder für uns ein Vorbild sein. Man kann aber nicht über Sexualität sprechen, ohne das Phänomen des Orgasmus zu erwähnen. Dieser besondere Nervenreiz wurde auch bei vielen Tierarten beobachtet, wenngleich es durchaus schwierig ist, dieses Gefühl bei Menschen direkt auf andere Lebewesen zu übertragen. Für Männchen liegt der Vorteil klar auf der Hand: Anstatt faul herumzuliegen, motiviert dieses sensorische Erlebnis zu häufigerer Kopulation und legt damit die Grundlage, dieses Verhalten erfolgreich zu vererben. Doch kann man diese einfache Logik auch auf Weibchen übertragen? Da häufige Schwangerschaften oder auch nur solche zum falschen Zeitpunkt die Gesamtfitness schwächen können, könnten Orgasmen als Stimulans sich sogar als nachteilig erweisen. Für den Anthropologen David Symons ist der weibliche Orgasmus ein erworbenes Nebenprodukt. Die Entwicklung des männlichen Orgasmus und die beim Kopulationsakt vermittelte Emotion hätten seiner Meinung nach zu einer allgemeinen Sensibilität der Genitalregion bei beiden Geschlechtern geführt. Weibchen hätten diesen neuronalen Reiz einfach gelernt. Er meint dazu: „Die Fähigkeit der Frau zum Orgasmus ist ebenso wenig eine organische Anpassung wie die Fähigkeit zu lesen.“ Eine interessante Theorie, die Männer eher als triebgesteuerte und Frauen als sinnlich lernende Lebewesen versteht. Menschen haben sich jedenfalls im Lauf ihrer Entwicklung über die rein organischen Dimensionen des Lebens erhoben und können über ihr Verhalten bewusst entscheiden und bestimmen. Dennoch ist es gut, wenn man seine biologischen Wurzeln kennt.

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Kommentare  
# Johanna Stoisits 2019-01-10 13:06
Toller Artikel! Danke für den stetig guten Content!
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