Gesellschaft

Dan Siegel, Professor für Psychiatrie, erklärt, wie wir unser geistiges Potenzial ausschöpfen und über unser beschränktes Ich hinauswachsen können. Das Rad des Bewusstseins.

Wie definieren Sie den Geist?
Der menschliche Geist ist ein an Beziehungen und Verkörperung gebundener Prozess zur Steuerung des Energie- und Informationsflusses. Energie ist die Fähigkeit, etwas in die Tat umzusetzen. Information ist alles, was Symbol für etwas anderes ist. Die Worte, die Sie hören, sind mit Informationen vollgepackt. Der Geist beobachtet den Informations- und Energiefluss und entwickelt daraus die Eigenheiten, das Muster und die Richtung des Flusses. Der Geist ist insofern an Verkörperung gebunden, als die Steuerung des Energie- und Informationsflusses im Gehirn und im gesamten Körper geschieht. Er ist außerdem ein relationaler, also an Beziehungen gebundener Prozess, denn durch Beziehung tauschen wir den Energie- und Informationsfluss miteinander aus.

Was ist der Unterschied zwischen Geist, Gehirn, Psyche und Bewusstsein?
Das englische Wort ‚mind‘ impliziert all diese Dinge. Ich interessiere mich dafür, wie diese unterschiedlichen Elemente zueinander in Beziehung stehen. Also wie unser Bewusstsein und die subjektiven Erfahrungen, die wir durch unser Bewusstsein wahrnehmen, mit der sogenannten Informationsverarbeitung des Gehirns in Verbindung stehen.

Sie schildern in Ihren Vorträgen die Fähigkeit zu ‚Mindsight‘ (deutsch: Geistsicht). Was verstehen Sie darunter?
‚Mindsight‘ ist eine konzentrierte Aufmerksamkeit, die uns die inneren Abläufe des eigenen Geistes offenbart. Drei wesentliche Aspekte von ‚Mindsight‘ sind Einsicht, Empathie und Integration. Einsicht meint die Fähigkeit, nach innen zu schauen, also den Geist zu betrachten. Empathie entsteht durch die Bewusstwerdung unserer inneren Welt und jener der anderen. Integration ist die Verknüpfung differenzierter Teile. Sie ist ein Prozess, bei dem sich verschiedene Elemente zu einem funktionierenden Ganzen verbinden. Als ich ein junger Psychiater war, existierten kaum Begrifflichkeiten für die Gesamtheit dieser Fähigkeit. Um meine Patienten zu unterstützen und mit ihnen über die wesentliche Fähigkeit zu diskutieren, die uns erlaubt, die Funktionsweise unseres Geistes zu sehen, zu erkennen und zu formen, entwickelte ich den Begriff ‚Mindsight‘. Außerdem ist meine Theorie und Praxis von ‚Mindsight‘ von einem Erlebnis in einem Zen-Kloster inspiriert, wo mich ein Abt eine spezielle Form der Achtsamkeitspraxis lehrte. Es war mein bisher stärkstes Meditationserlebnis. Diese Erfahrung floss in die Technik der Innenschau ein.

Wie steht es um die geistige Fähigkeit der Telepathie? Ist sie wissenschaftlich bewiesen?
Nun, es gibt Behauptungen in der ‚Telepathie-Welt‘, für die ich nie empirische Beweise gesehen haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass derartige Phänomene nicht existieren. Wenn Sie unter Telepathie die Fähigkeit verstehen, dass ein Geist mit einem anderen mit einem Zeitabstand kommuniziert, so habe ich persönlich Menschen gesprochen, die solche Phänomene beschreiben. Derartige Erlebnisse werden allerdings oft als bloßer Zufall interpretiert. Das Potenzial für eine Kommunikation trotz unterschiedlicher Örtlichkeit ist nicht nur wissenschaftlich plausibel, sondern auch sehr wahrscheinlich.

Wie kamen Sie zu Ihren Theorien?
Ich habe das Gemeinsame in verschiedenen Wissenschaften gesucht und eine spezifische Zusammenschau entwickelt. Daraus entstand eine neue wissenschaftliche Disziplin, die sogenannte interpersonale Neurobiologie. So werden beispielsweise Mathematik, Physik, Chemie, Psychologie, Biologie, Soziologie, Linguistik und Anthropologie zu einem Forschungsfeld kombiniert.

Haben Sie auch wissenschaftliche Erklärungen für Konzepte aus dem Buddhismus gefunden?
Ich bin nicht im Buddhismus geschult, aber ich bin vertraut mit buddhistischen Lehren. Manchmal unterrichte ich auch gemeinsam mit buddhistischen Lehrern. Sie bestätigten mir, dass die Ergebnisse der interpersonalen Neurobiologie die Lehren des Buddhismus unterstützen. Im Buddhismus liegt ein Schwerpunkt auf der vergänglichen und oberflächlichen Natur eines persönlich gedachten, privaten Selbst. In der von mir konzipierten Praxis, die ‚Rad des Bewusstseins‘ heißt, erfahren Menschen unmittelbar und direkt, dass das private Selbst nur ein Teil eines größeren Ganzen ist. Diese Methode habe ich mit mehr als zehntausend Menschen getestet und die Erfahrungen und Ergebnisse analysiert. Energie ist die Bewegung entlang der Wahrscheinlichkeitsverteilungskurve, das heißt, von einer Möglichkeit zur Wirklichkeit. Wenn wir einen Gedanken haben, ist es eine Manifestation aus all den möglichen Dingen, die wir gedacht haben könnten, in eine Wirklichkeit. In der Übung ‚Rad des Bewusstseins‘ wird die Bewegung entlang der Wahrscheinlichkeitsverteilungskurve erfahrbar. Manchmal erfährt man einen spezifischen Gedanken, manchmal die Offenheit der Möglichkeiten, die mehr einer Stimmung oder Absicht gleicht. Mitunter kann man auch einen Zustand von Expansion erleben, der aus dem Ursprung des Bewusstseins entspringt. Die Identität wird dann mit einem Zustand der Ausdehnung, Weite und Offenheit umschrieben, und das private Selbst wird schließlich durch ein offeneres, weites ‚Selbst‘ erfahren. Hier nähert sich die quantenphysikalische Sicht an die buddhistische an.

Meditieren oder praktizieren Sie auch selbst?
Ich übe regelmäßig das ‚Rad des Bewusstseins‘ und achtsame Bewegung. Das stärkt meinen Geist immens.

Wie wird das ‚Rad des Bewusstseins‘ konkret praktiziert?
Stellen Sie sich das Rad eines Fahrrades vor. In der Mitte ist die Nabe, die durch Speichen mit dem äußeren Rand, der Felge, verbunden ist. Der Rand stellt alles dar, auf das wir achten können, zum Beispiel Gedanken und Gefühle, Wahrnehmungen der Außenwelt oder Körperempfindungen. Die Nabe verkörpert denjenigen Ort im Inneren des Geistes, von dem aus uns etwas bewusst wird. Die Speichen stellen dar, wie wir die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Teil des Randes richten. Ein Abschnitt am Rand könnte beispielsweise alles umfassen, was wir über die fünf Sinne wahrnehmen, über Berührung, Geschmack, Geruch, Hören und Sehen. Wir senden daher eine Speiche unserer Aufmerksamkeit zu den Sinnen. Sie holen die Außenwelt in unseren Geist. Ein weiterer Abschnitt des Randes ist das Körpergefühl, die Empfindungen in den Gliedmaßen und Gesichtsmuskeln, in den Organen im Rumpf, also den Lungen, dem Herzen, dem Bauch. Dieses Körpergefühl kann als sechster Sinn verstanden werden. Auch darauf richten wir unsere Aufmerksamkeit. Dann gehen wir über zum nächsten Bereich des Randes. Das sind mentale Aktivitäten wie Erinnerungen, Hoffnungen, Träume, Gedanken und Gefühle sowie der Raum zwischen den mentalen Aktivitäten. Die Fähigkeit, den Geist selbst zu betrachten, können wir den siebten Sinn nennen. In einem weiteren Schritt richten wir die Aufmerksamkeit auf den achten Sinn, die Beziehungsebene. Am Ende der Übung wird die Speiche der Aufmerksamkeit in die Nabe des Bewusstseinsrades geführt, das heißt, wir werden uns bewusst darüber, bewusst zu sein. Die Übung zeigt uns, dass wir die Wahl haben, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

In der Meditation streben wir einen Zustand jenseits des denkenden Verstandes an. Wie kann unser Geist über das Denken hinausgehen?
Der Geist kann ein Erzeuger von Information sein, das ist der denkende Verstand. Er kann aber auch wie ein Kanal sein, ähnlich einem Rohr, durch das Wasser in eine bestimmte Richtung fließt, dieses aber nicht erzeugt. Wenn Menschen die Fähigkeit vertiefen, ein Kanal von Erfahrungen zu sein, erleben sie eine neue Dimension des Geistes. Wenn sie mehr Zugang zu ihrer Nabe, also der Ebene offener Möglichkeiten finden, verändert sich alles, denn das Erleben der Bewusstheit über das Bewusstsein hat eine befreiende Note. Plötzlich stellt sich die Erfahrung ein, dass wir uns vom denkenden Geist unterscheiden. So befreien wir uns aus dem Gefängnis des Verstandes – und das ist äußerst bemerkenswert.

Dr. Dan Siegel studierte Medizin in Harvard und ist Professor für Psychiatrie an der University of California (UCLA). Er gründete das Mindsight Institute, dessen Direktor er heute ist. Das Mindsight Institute ist ein Zentrum zur Förderung von Einsicht, Mitgefühl und Empathie bei Einzelpersonen, Familien und Organisationen. Wir haben ihn in Salzburg im Rahmen seines Workshops ‚Mindsight‘ getroffen.
 
Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.
Kommentar schreiben

Verwandte Artikel