Gesellschaft

Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten und mehr Gelassenheit bewahren sollten.

Eines ist sicher: In 100 Jahren sind alle, die jetzt diese Zeilen lesen, tot. Wie gestalten wir unser Leben bis dahin?

Sieht man sich in Mitteleuropa, in Österreich und Deutschland um, muss man sagen: nicht gut. Da sterben pro Jahr jeweils mehr als hundert Menschen zwischen Rhein und Donau an Salmonellenvergiftung, Magen-Darm-Infektionen oder Wurmkrankheiten wie Trichinose, Listeriose oder Morbus Crohn, da grassieren Fisch- und Fleischvergiftungen in Werkskantinen und Altersheimen aller Art, von den mehr als 200.000 vermeidbaren Todesfällen pro Jahr in Deutschland und in Österreich durch zu viel Alkohol und Fett gar nicht zu reden. Aber Augen zu und weg und runter damit.


Dann torkelt eine Kuh und das Land steht kopf.


„Stimmt es, dass ich mich mit BSE anstecken kann, wenn ich lange auf meinem Rindsledersofa sitze?“, schrieb ein besorgter Leser auf dem Höhepunkt der BSE-Panik an die Rheinische Post in Düsseldorf. Diese Panik ist rund 20 Jahre her; sie hat den deutschen Steuerzahler rund eine Milliarde Euro gekostet, den österreichischen pro Kopf runtergerechnet vermutlich genauso viel. Und alle drei bis vier Jahre wiederholt sich dieses Spiel, es läuft nach einem ewig gleichen Muster ab: Eine von verantwortungslosen Medien ins Gigantische übersteigerte Gefahr durch Chemie oder Radioaktivität trifft auf ein nur allzu aufnahmebereites Publikum, das geradezu danach giert, sich aufzuregen.
Hier sei das einmal anhand der Dioxinhysterie vom Januar 2011 nacherzählt. Dioxin ist ein Sammelbegriff für eine ganze Klasse von chemischen Substanzen, die je nach Ausgestaltung tatsächlich mehr oder weniger giftig sind. Die bekannteste und giftigste ist die Variante TCDD, die auch beim Seveso-Unfall frei geworden ist. Dergleichen Dioxine entstehen bei allen Arten von Verbrennungen, mal mehr, mal weniger, je nachdem, was brennt. Von den 75 bekannten Arten sind einige, wenn auch nicht alle, hochgiftig; schon in geringen Dosen können sie Krebs erzeugen. Und da ja die Panikindustrie generell nur darauf achtet, ob Dioxin gefunden wurde, und nicht, ob die Dosis auch gefährlich ist, brach nach einem solchen Fund um Weihnachten 2010 in Deutschland die letzte einschlägige Panik aus. 

Die Inszenierung folgte den üblichen Regeln. Akt 1 – Vorspiel:
Irgendwo, in diesem Fall auf einem westfälischen Bauernhof, werden bei Routinekontrollen ‚teilweise deutlich erhöhte Dioxinbelastungen festgestellt‘. Betroffen waren Schweinefleisch und Eier. Auch die Bedeutung von ‚deutlich erhöht‘ wird – zumindest für die Eier – angegeben: „Bei einer Eierprobe hätten die ermittelten Werte um das Vierfache über dem zulässigen Grenzwert gelegen.“ Bei Fleisch dagegen ist von Grenzwerten nicht mehr die Rede, nur von Existenz – und von der Reaktion. „Die Behörden sperrten drei Ställe und weiteten die Kontrollen aus. Der Fall hat möglicherweise bundesweite Dimensionen.“

Und ob. Jetzt folgt Akt 2 – Panik:
Nach diesem vergleichsweise neutralen Auftakt, der so oder ähnlich in der gesamten deutschen Presse zu lesen war und auch in eine sachliche Diskussion des Ganzen hätte überleiten können, kommt es zu einer impliziten Übereinkunft der Medien, diesen Fall zu einem Hauptthema zu machen. Wäre etwa zeitgleich Queen Elizabeth gestorben oder im Berliner Zoo ein zweiköpfiger Pandabär geboren worden, hätte es die nun folgende Dioxin-Panik so wohl nicht gegeben. Da aber republikweit immer nur ein Thema die Emotionen anzuheizen in der Lage ist, war es diesmal eben Dioxin. Ab Anfang Januar macht jede Zeitung, jede Nachrichtensendung in Rundfunk und Fernsehen tagelang mit diesem Thema auf, vor und hinter den Kameras und Mikrofonen prostituieren sich Betroffenheitskasper aller Art, die nicht mehr wissen, wo sie ihre Frühstückseier kaufen sollen. Die forcierte Berichterstattung und das gereizte Publikum schaukeln sich zu einer Hysterieorgie empor, republikweit brechen alle Dämme der Vernunft. Wenige Tage später sind mehrere tausend Bauernhöfe in der Republik gesperrt, Dutzende von Existenzen zerstört, zahlreiche gesunde Firmen in den Ruin getrieben.

Akt 3 – Hetzjagd auf den Sündenbock:
Als Verursacher des ‚Skandals‘ wird ein Futtermittelhersteller in Schleswig-Holstein identifiziert; er hatte einem Futterfett dioxinbelastete Rückstände aus Biodiesel beigemischt und an Bauern weiterverkauft. Über das Hühnerfutter kam das Dioxin in die Eier und über das Schweinefutter auch in Schweine.
Der Volkszorn bebt, der nackte Affe reagiert, wie er das aus dem Urwald kennt. Pogromstimmung macht sich breit, Mitarbeiter der betroffenen Futtermittelfirma werden als ‚Mörder‘ beschimpft und mit den Worten „Wir machen euch fertig“ bedroht. „Eine geldgierige, kriminelle Minderheit macht diese Systeme kaputt und der Staat merkt wie immer erst etwas, wenn der Schaden schon eingetreten ist“ (aus den Netzseiten von Bayern-Radio). „Diese Verbrecher schaden dem gesamten Volk […] Exempel starten [!], Panscher im Schnellverfahren einsperren.“ „Da gibt es nur eins, und das ohne großen Prozess: Firmeninhaber in die JVA. Komplettes Vermögen einziehen und an die Geschädigten verteilen.“
Und so weiter. Das kennen wir von 1938. Exempel statuieren, Vermögen einziehen, Schnellverfahren.

Der Volkszorn bebt, der nackte Affe reagiert, wie er das aus dem Urwald kennt.

Akt 4 – Die Stunde der Politik:
Auch bei den verantwortlichen Politikern setzt das Denken aus. Beziehungsweise, was noch schlimmer ist, man läuft, wohl wissend, dass man Unsinn redet, der Wählermehrheit hinterher und schließt sich der verbalen Gewaltorgie gegen die armen Futtermittelproduzenten an: „Schonungslose Aufklärung!“ „Härteste Bestrafung der Verbrecher!“ „Lebensmittelvergifter ins Gefängnis!“

Akt 5 – Abgesang:
Alles stellt sich als heillose Übertreibung heraus. Die erlaubten Höchstwerte von 3 Billionstel Gramm Dioxin pro Gramm Fett im Ei oder 12 Billionstel Gramm (12 Pikogramm) pro Gramm Fett im Schwein etwa wurden hie und da überschritten, aber reale Gefahren für Gesundheit, Leib und Leben bestanden nie. Wie man weiter von Anfang an hätte wissen können oder sollen, war während der ganzen Zeit in regulär vermarkteten Ostseefischen pro Gramm weit mehr Dioxin enthalten als in den am schlimmsten ‚verseuchten‘ Eiern überhaupt. Und so wurde die Hetzjagd nach vier Wochen abgeblasen, Vorhang zu.
In diesen vier Dioxin-Panikwochen wurden allein in Deutschland 32 Menschen ermordet, 296 von Autos totgefahren, 740 fielen im Haushalt von der Leiter und brachen sich das Genick oder kamen bei anderen häuslichen Unfällen ums Leben, 46 starben an verschluckten Fischgräten und Schinkenscheiben, je 14 durch Ertrinken (im Januar!) und Erfrieren, 30 an Verbrennungen, mehrere hundert durch Unfälle bei der Arbeit, von den jeweils über 20.000 frühzeitigen Todesfällen durch Alkohol und fettes Essen allein in den ersten vier Wochen des Jahres gar nicht erst zu reden.
Im Theater geht man nach einer solchen Vorstellung nach Hause und – wenn sie gut war – in sich: Was habe ich daraus gelernt?
Das geht hier nicht, denn bei diesem Volksschauspiel gibt es keine Zuschauer, nur Akteure, und die Reaktion dieser Akteure erinnert mich irgendwie an die Art und Weise, wie die Bewohner der schönen Stadt Grasse in Frankreich mit der Orgie fertiggeworden sind, zu der sie sich in Patrick Süskinds Erfolgsroman ‚Das Parfum‘ durch die aufreizenden Wirkstoffe eines unerhörten Geruchsmittels hatten hinreißen lassen: „Sittsame Frauen rissen sich die Blusen auf, entblößten unter hysterischen Schreien ihre Brüste, warfen sich mit hochgezogenen Röcken auf die Erde. Männer stolperten mit irren Blicken durch das Feld von geilem aufgespreiztem Fleisch, zerrten mit zitternden Fingern ihre wie von unsichtbaren Frösten steifgefrorenen Glieder aus der Hose, fielen ächzend irgendwohin, kopulierten in unmöglichster Stellung und Paarung, Greis mit Jungfrau, Taglöhner mit Advokatengattin, Lehrbub mit Nonne, Jesuit mit Freimaurerin, alles durcheinander, wie es gerade kam.“
Wie kann man sich nach einer solchen Massenhysterie wieder in die Augen sehen?
Indem man sie verdrängt. Nach der Orgie waren die Leute von Grasse mit einem entsetzlichen Kater aufgewacht. Und sie schämten sich so sehr, dass sie beschlossen, nie wieder daran zu denken oder davon zu reden. „Wer seine Habseligkeiten und seine Angehörigen gefunden hatte, machte sich so rasch und so unauffällig wie möglich davon.“
Und so machte sich auch die veröffentlichte Meinung nach einem solchen schamlosen Schauspiel immer so rasch und so unauffällig wie möglich davon. Man spricht nicht mehr darüber. Von Entschuldigungen habe ich bisher noch nichts gehört.

Prof. Dr. Walter Krämer, geboren 1948, ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund und Autor zahlreicher Bestseller.
 
Illustrationen © Francesco Ciccolella
 
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