Gesellschaft

Wie kann es geschehen, dass aufgeklärte westliche Menschen bei der Begegnung mit bestimmten buddhistischen ‚Meistern‘ ihren gesunden Menschenverstand völlig aufgeben und offensichtlich jede Kritikfähigkeit vermissen lassen? 

Ein neuer Skandal – und gewiss nicht der letzte!

Ob Kalu Rinpoche, Thich Thien Son, Joshu Sasaki und Eido Shimano, Richard Baker Roshi oder jetzt Sogyal Rinpoche – es gibt sie, die Liste der ‚großen buddhistischen Meister‘, die mit ihren großen Verfehlungen periodisch die Öffentlichkeit erschüttern. Die Opfer solch schweren Missbrauchs von Vertrauen in eine anerkannte spirituelle Autorität sind oft für das ganze restliche Leben traumatisiert. Von offizieller buddhistischer Seite wird zumeist weggeschaut, wenn nicht gar im Sinne höherer Weisheit entschuldigt oder banalisiert. So etwa, wenn der Sprecher der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) Gunnar Gantzhorn verlauten lässt: „Sexualität zwischen Lehrern und Schülern begegnet uns nur im Vajrayana. Dort ist es ganz klar, dass es so was geben kann (…) Ob das jetzt heilsam ist oder nicht, da kann man nicht von außen ein Urteil darüber fällen.“

Über zwanzig Jahre schon quillt das Internet über mit Berichten von Mädchen und Frauen, die von Sogyal Rinpoche, dem bekannten Lehrer der tibetischen Nyingma-Tradition, in massiver Form sexuell genötigt und missbraucht worden waren, ohne dass ihren vielfach belegten Aussagen Glauben geschenkt wurde. Wir brauchen hier nicht in die Einzelheiten zu gehen. Sexueller Missbrauch ist sexueller Missbrauch und es ist ganz unerheblich, ob die Opfer dabei zu ordinärem Rammelsex oder tantrisch sublimer ‚Erotik‘ genötigt wurden. Ich finde es durchaus angemessen, den Begriff des sexuellen Missbrauchs zu verwenden, da hier das Urvertrauen in ein helfendes Gegenüber in seinen Grundfesten erschüttert wird, vergleichbar einer Therapeuten-Klienten-Beziehung in der Psychotherapie. Gegen Sogyal Rinpoche wurde bereits 1994 eine einschlägige gerichtliche Klage außergerichtlich gegen die Zahlung einer Summe von 10 Millionen Dollar an die Klägerin eingestellt – Mittel, die ganz offensichtlich aus Spendengeldern stammten. Als im Juli 2017 acht Angehörige des innersten Rigpa-Kreises endlich den Mut fanden, an die Öffentlichkeit zu gehen, und gemeinsam offenbarten, was sich da um diesen Guru herum seit Jahren abspielte, und unerschütterliche Beweise auf dem Tisch lagen, selbst dann noch weigerten sich viele, die offenkundigen Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, nahmen den ‚Ehrwürdigen‘ weiterhin in Schutz, bezichtigten die acht ‚Abtrünnigen‘ des Gelübdebruchs und mutmaßen, dass die Opfer selbst doch wohl eine gewisse Mitschuld trügen, irgendwelche Ego-Gefühle (dem großen Meister so nahe zu sein) hätten da sicherlich auch eine Rolle gespielt. Viele fragen sich nun, wie so etwas auch im Buddhismus möglich ist, einer Religion, die sonst für Friedfertigkeit und Humanität steht.

‚Vernunftreligion‘ als Gegenstück zur schwärmerischen Guru-Verklärung
Die ursprünglichen Lehren des Buddha sind in ihrem Kern streng vernunftbezogen und auf dieser Basis werden auch alle menschlichen Gefühle betrachtet. Was Buddha lehrte, speist sich vor allem aus der Vermittlung seiner Innenschau durch eine systematische Lehrdarlegung sowie den Gebrauch von Metaphern und Gleichnissen. Jeder sollte das, was er sagte, gestützt auf seine eigene Erfahrung nachvollziehen können. Erst mit der späteren Verbreitung tibetisch-buddhistischer Lehren durch Helena Blavatzky und andere Theosophen kommt ein neues Bild des Buddhismus im Westen auf, der in der Folge sehr stark als eine von einer esoterischen Aura umwehte Lehre erscheint. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein reines Wahrnehmungsproblem. Über die Jahrhunderte haben sich einige buddhistische Traditionsstränge tatsächlich in diese Richtung entwickelt. Mit dem Aufkommen des Mahayana-Buddhismus wird aus Buddha, dem konkreten Menschen, eine überweltliche Heilsgestalt. Wo früher die rationale Darlegung von Ursachen und Bedingungen im Mittelpunkt stand, um die Menschen von der Lehre zu überzeugen, werden nun immer öfter magische Heilsbeweise angeführt und um buddhistische Meister werden große Verehrungskulte zelebriert.
Im Tantrismus wird daraus schließlich ein eigenständiger Heilsweg und die alten Pali-Texte verlieren immer mehr an Bedeutung. Damit einher geht ein einseitiges Modell der Schüler-Meister-Beziehung: Einem von vornherein Erleuchteten steht ein völlig unwissender Schüler gegenüber. Buddha selbst jedoch hatte von seinen Anhängern klar und deutlich eine kritische Geisteshaltung verlangt, etwa in der bekannten ‚Rede an die Kalâmer‘: „Glaubt nicht an irgendwelche Überlieferungen, nur weil sie für lange Zeit in vielen Ländern Gültigkeit besessen haben. Glaubt nicht an etwas, nur weil es viele dauernd wiederholen. Akzeptiert nichts, nur weil es ein anderer gesagt hat, weil es auf der Autorität eines Weisen beruht oder weil es in einer heiligen Schrift geschrieben steht. (…) Glaubt nichts, nur weil die Autorität eines Lehrers oder Priesters dahintersteht. Glaubt an das, was ihr durch lange eigene Prüfung als richtig erkannt habt, was sich mit eurem Wohlergehen und dem anderer vereinbaren lässt.“
Im späteren Buddhismus und insbesondere in den tibetischen Schulen wird diese kritische Geisteshaltung durch die Forderung nach unbedingtem Vertrauen ersetzt; an die Stelle eigenen Tuns und Denkens tritt die vollständige Hingabe an den spirituellen Lehrer: „Meditiere darauf, dass der glorreiche Guru ungetrennt [von dir] über deinem Kopf verweilt. Denke an seine Güte, und öffne dich wieder und wieder für ihn. Wenn du deine Hingabe vervollkommnest und deinen Geist mit seinem vermischst, wirst du allein dadurch dein Ziel erlangen.“

Skandal-Gurus und die Befriedigung tiefster Heilssehnsüchte
Die gestrauchelten Meister unserer Tage knüpfen an genau diese neue Vorstellung an und instrumentalisieren sie für ihre Zwecke. Charisma und fernöstliche Exotik müssen her, wo Logik und Argumente ihre Dienste verweigern. Mit psychologischem Geschick lassen sie ihre Anhänger(innen) gern ins Frühkindlich-Geborgene zurückgleiten, wenn sie doch nur bereit sind, ‚Vertrauen‘ und ‚Liebe‘ zu schenken. Typisch für sektenhafte Organisationen jedweder Couleur ist das Ausnutzen der menschlichen Sexualität durch ihre Führungsfiguren. Die Tantra-Buddhisten sehen im Sex gar das große Verfeinerungspotenzial zur Erleuchtung – vorausgesetzt, da ist einer, der die Schülerin und den Schüler darin unterweist. Es ist bei vielen Leuten im Westen nicht populär, einfache buddhistische Grundtatsachen auszusprechen, die nicht in Linie mit dem sind, wie man den Buddhismus gerne für sich persönlich verstanden hätte („Buddhism as I define it“). Aber an zahlreichen Stellen des Pali-Kanons ist unzweideutig niedergelegt, dass entsprechend dem Buddha Shakyamuni – und damit immerhin dem Begründer der Lehre – nicht die ‚Probleme mit der Sexualität‘ die Schwierigkeiten bereiten, sondern die Sexualität selbst das Problem ist. Sie ist der Akt, durch den die Wesen ihre Einzelexistenz in der vergänglichen Welt beginnen. Die Geschlechtlichkeit wird zwar nicht verteufelt, aber die Texte lassen keinen Zweifel daran, dass die Askese der Ordinierten der höchste Pfad ist, denn die Leidenschaft ist das, was das Leiden schafft. Nicht ohne Grund hängen daher Lust und Schmerz so eng zusammen. Der Tantrismus entstammt nicht dem Buddhismus, vielmehr geht der für einige seiner Schulen typische Gebrauch von Sexualität im Namen religiöser Ziele auf entsprechende Kulte der Hindu-Religionen zurück und tritt überhaupt erst im dritten nachchristlichen Jahrhundert in Erscheinung, also 800 Jahre nachdem Buddha in das Nirvana eintrat.

Was einmal deutlich gesagt werden muss
Der Skandal liegt auch im jahrzehntelangen Schweigen und Wegsehen. Obwohl die Vorwürfe so lange bekannt waren und ständig durch neue, öffentlich gemachte Vorfälle an Glaubhaftigkeit gewannen, sprach der Rigpa-Zusammenschluss seinem Meister stets ‚uneingeschränktes Vertrauen‘ aus und desavouierte damit die betroffenen Opfer. Auch in anderen tibetisch-buddhistischen Gruppen war man nach dem Öffentlichwerden der Vorfälle mit dem Relativieren und Verharmlosen schnell zur Stelle. „In der moralischen Beurteilung von Fehlverhalten eines (…) Gurus sollte man sehr zurückhaltend sein“, mahnte beispielsweise ein Prof. Dr. Walschburger in ‚Tibet und Buddhismus‘ im September letzten Jahres.
Auch Meister Sogyal selbst hat bisher in keiner Weise persönliche Schuld eingestanden, ja er nimmt nicht einmal zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung, sondern spricht in seiner Erklärung lediglich an einer Stelle von ‚Turbulenzen‘. Anders als der eingangs erwähnte DBU-Sprecher Gantzhorn vermeint, geht es überhaupt nicht um irgendwelche anmaßenden Urteile von ‚außen‘, waren es doch die Betroffenen aus den Gemeinschaften selbst, die gequält und misshandelt wurden und die sich Hilfe suchend an die Öffentlichkeit wandten.

Wir leben in einer gemeinsamen Welt mit Rechtsordnungen und elementaren moralischen Grundsätzen, die von allen akzeptiert werden müssen. Es ist nicht zu tolerieren, dass subkulturelle Gemeinschaften – welcher Couleur auch immer – gestützt auf einen vermeintlich speziellen Konsens ihrer Mitglieder die Schranken einreißen, welche moderne Gesellschaften mit hohem Blutzoll dem Feudalismus abgerungen haben. Eine buddhistische Traditionsbewahrung steht nicht im Widerspruch zur notwendigen Abkoppelung von in einigen Gemeinschaften vorherrschenden Denk- und Handlungsmustern, die auf dem geistigen Nährboden orientalischer Despotien entstanden sind und mit humanen Werten kollidieren. Man muss nicht gleich der heiligen Kuh das Euter abschneiden, aber darf schon einmal die Frage stellen, warum religiöse Lehrer nicht so gesehen werden dürfen wie andere Menschen auch: In manchen Dingen stimme ich ihnen zu und folge ihrem Rat, in anderen sagt mir mein kritischer Verstand eben etwas anderes und ich gehe meinen eigenen Weg. Pluralität statt Devotionalität! Es fällt mir schwer, Leute zu verstehen, die sich stundenlang an herzerwärmenden Mitgefühls-Meditationen ergötzen, gleichzeitig aber konkreten Menschen, denen durch ihre ‚Meister‘ schlimmes Leid zugefügt wurde, kaltschnäuzig noch Geltungssucht und Ego-Befriedigung unterstellen oder sie gar ob ihrer ‚Dummheit‘ verspotten (sie hätten den Guru ja schließlich selbst gewählt). In einer freiheitlichen Gesellschaft hat niemand Einwände gegen eine tantrisch-buddhistische Praxis, solange dabei die Menschenwürde gewahrt und nicht gegen Strafgesetze verstoßen wird.

Hans-Günter Wagner ist ein traditionsübergreifender Buddhist, der im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit 15 Jahre in China beruflich tätig war und dort den chinesischen Buddhismus studiert hat. Heute ist er Chinesischlehrer und Übersetzer buddhistischer Prosa- und Lyrikwerke, die in verschiedenen Verlagen erschienen sind.

Fotos©pixabay.com

Kommentare  
# Uwe Meisenbacher 2018-03-07 15:29
Hallo Herr Wagner,

Ihr Artikel ist ein zutreffender Aufklärungsbeitrag. Danke dafür!

Wenn Buddhisten gegenüber buddhistischen „Meistern / Gurus“ keine Kritikfähigkeit besitzen,
scheinen sie die Rede Buddhas an die Kalamer nicht zu kennen, oder sie zu ignorieren,
sie praktizieren dann unheilsame Realitätsverweigerung der Lebenswirklichkeit.

Das Beste scheint zu sein, das Übel bei der Wurzel zu packen und dem ganzen Guruismus im Buddhismus keinen Nährboden mehr zu geben. Buddha selbst hat gesagt, dass dies der richtige Weg ist.
.
Mit freundlichen, aberglaubens- , guruismusfreien, heilsamen,buddhistischen Grüßen
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# Bernd Götzl 2018-04-12 20:01
Und? ... es gibt (noch) viel, viel größere "Höllen" und traurigere Dinge auf dem sprirituellen Pfad! Davon weiß man etwa nichts? Wie könnte man auch ...
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# Ulrike Hecker 2018-04-12 20:01
Danke für diese offenen Worte!
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# Torsten Strathus 2018-04-12 20:03
Ein durchaus kritischer Text. Auffällig ist,dass hier (ganz religionstypisch) ein vermeidendes,grundlegend negatives Bild von Sexualität gezeichnet wird. "......an zahlreichen Stellen des Pali-Kanons ist unzweideutig niedergelegt,dass entsprechend dem Buddha Sakyamuni..... nicht die "Probleme mit der Sexualität" die Schwierigkeite bereiten,sondern die Sexualität selbst das Problem ist." Selbst die Katholische Kirche hat einen humaneren Blick auf Sexualität.Zumindest innerhalb der Ehe. Die Sexualität selbst als "das Problem" zu sehen,ist eine Grundwasservergiftung erster Güte.Und in ihrer Auswirkung gar nicht zu unterschätzen.Dies macht von Anfang an eine unvoreingenommene,experimentell,freudig sinnliche Expedition ins Reich der Sinne unmöglich. Eine Verschiebung ins unbewusste ist da fast zwangsläufig. Das wiederum ist einer der wesentlichen Gründe für eine "dunkle" Sexualität,die sich genau aus dieser"Verteufelung" ergibt. Und auch und gerade in religiösen Kreisen häufig zu beobachten ist. Der Bericht ist ein gutes Beispiel dafür. In diesem Fall ist es hilfreich,sich noch einmal die Rede an die Kalamer in Erinnerung zu rufen : " .......akzeptiert nichts,weil es ein anderer gesagt hat,weil es auf der Autorität eines Weisen beruht oder weil es in einer Heiligen Schrift geschrieben steht." Was wir dringend benötigen,ist eine wohlwollende Atmosphäre und Kultur,die der Sexualität wieder den ihr angemessenen Platz in unserer mitte gibt. "The philosophy characteristic of our culture,in which the Body is treated as unrelated to our emotions,our sense of meaning,and our experiences,has deep implications for sexuality. Not only do we deal with sexual problems mechanically,we may well approach our lovers mechanically - without the deep engagement of the Soul and Spirit that would give Sex its depth and humanity." Thomas Moore (Soul of Sex)
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# Ju Di Ta 2018-04-12 20:04
Ich verstehe den Autor eher so, dass er auf Widersprüche zwischen der reinen und ursprünglichen Lehre und den verschiedensten Auslegungen und Interpretationen hinweist. Ohne dass der Autor die reine Lehre (Ablehnung der Sexualität oder besser gesagt Empfehlung von Askese) für richtig hält. Ich kenne mich im B nicht aus, so dass ich nicht weiß, ob das tatsächlich die ursprüngliche Lehre ist. Sollte es so sein, ist es schon fraglich, wie das alles dann zusammengeht.
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# Doris Kirch 2018-07-16 21:15
Den Menschen in unserer Gesellschaft mangelt es an einem gesunden Selbstbewusstsein. Unsere Art von „Erziehung“ und „Schule“ hat das früh zerstört.

Parallel dazu mangelt es an ethischem Verständnis und Bewusstsein. Das wurde den meisten von uns weder von den Eltern, noch in der Schule, noch von der Gesellschaft vermittelt.

Was man mir vermittelt hat, war „Moral“. Noch heute leide ich bisweilen unter den Ideen, wie ich, andere und die Welt zu sein haben.
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