Gesellschaft

Jean Ziegler kam zur Präsentation seines neuen Films ‚Der Optimismus des Willens‘ nach Wien. Ein Gespräch über den Finanzmarkt, seine Opfer und die Chance auf Veränderung.

Eine wachsende Anzahl von Menschen in unserem Land fühlt sich nur noch durch rechte Parteien vertreten. Warum ist das so?

Ich denke, es geht um eine generelle Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung. Jene Menschen, die von unserem System am meisten ausgebeutet wurden, suchen eine Erklärung für ihr soziales Elend. Die rechten Parteien liefern ihnen einen Sündenbock von außen. Marine Le Pen etwa gibt die Schuld an der Arbeitslosigkeit in Frankreich den Migranten und Flüchtlingen. Sie sagt: „Werft die Fremden aus Frankreich hinaus und alles wird gut.“ Die Alternative für Deutschland (AfD) schlägt in dieselbe Kerbe. Die Sündenbockstrategie hat schon bei Hitler gut funktioniert.

 

Wie soll die Zivilgesellschaft auf diesen Trend reagieren?

Wir müssen entschieden gegen diese Entfremdung ankämpfen. Vor allem wir Intellektuellen sind gefordert, die Weltdiktatur des globalisierten Finanzkapitals zu beenden und den Menschen zu helfen. Man muss sich nur einmal die Zahlen vor Augen halten: Die 500 größten Konzerne der Welt halten 52,8 Prozent des Weltbruttosozialprodukts. Das heißt: Diese Unternehmen haben die ganze Macht – ökonomisch, finanziell, ökologisch und politisch. Kein Kaiser, König oder Papst hatte je so viel Macht auf diesem Planeten wie diese Multis.

 

Warum ist das schlecht?

Weil sich diese Unternehmen jeder sozialstaatlichen Kontrolle entziehen und einzig und allein ihre Profitmaximierung im Auge haben. Dies führt dazu, dass auf der südlichen Hemisphäre die Leichenberge wachsen. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Dabei wissen wir, dass die Weltlandwirtschaft problemlos das Doppelte an Nahrung zur Verfügung stellen könnte. Es könnte Essen für zwölf Milliarden Menschen produziert werden. Deshalb sage ich: Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung.

 

Warum merkt das niemand?

Unser kollektives Bewusstsein in den Industrieländern ist total zubetoniert. Was zählt, sind neoliberale Werte. Marktkräfte beherrschen das Schicksal der Menschen. Aber Marktkräfte sind keine Naturgesetze. Trotzdem haben alle den Eindruck, nichts bewirken zu können. Das installiert ein Gefühl der Ohnmacht. Und es ist genau diese Ohnmacht, die zur Entfremdung der Gesellschaft führt und radikale Parteien fördert.

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Aber wir leben doch in einer Demokratie?

Stimmt, eigentlich sollte es in der Demokratie dieses Gefühl der Ohnmacht nicht geben, denn jeder hat theoretisch die Möglichkeit, etwas zu verändern. Österreich hat eine der lebendigsten Demokratien dieses Kontinents, jeder hat verfassungsmäßige Rechte und damit die Möglichkeit, die Regierung zu beeinflussen. Man könnte die Politiker zwingen, nicht an der kannibalischen Weltordnung mitzumachen.

 

Geht es uns einfach zu gut, sind wir zu träge, um gegen diese Ungerechtigkeiten zu kämpfen?

Das ist ein gefährliches Thema. Ich glaube nicht daran, dass es den Menschen zu gut geht und sie deshalb nichts unternehmen. Denn nur glückliche Revolutionäre sind gute Revolutionäre. Man muss nicht halb verhungert und elend sein, um richtig zu kämpfen. Im Gegenteil: Wir sind so unglaublich privilegiert, das verpflichtet uns dazu, uns zu erheben. Brecht sagte: „Die einen sind im Lichte, die andern im Schatten, die im Schatten sieht man nicht.“ Für diese Menschen müssen wir eine Stimme sein. Ich denke, das hat nichts mit Sattheit zu tun. Eher mit Werten und einem fehlenden kollektiven Bewusstsein.

 

Sie haben schon oft von Entfremdung gesprochen, was genau meinen Sie damit?

Das menschliche Bewusstsein ist ein Identitätsbewusstsein. Zur Erklärung: Wenn ein Hund einen anderen Hund sieht, der geschlagen wird, passiert nichts. Wenn ein Mensch, woher er auch immer kommt, ein Kind sieht, das geschlagen oder gepeinigt wird, dann passiert etwas in ihm, weil er sich automatisch sofort im Kind erkennt. Der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach sagte dazu: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich im anderen erkennt.“ Und wenn ein europäischer Bürger, ein kluger Mensch, im Angesicht menschlichen Leids aufsteht und sagt „Ich kann ja nichts tun“, dann ist etwas falsch gelaufen in seiner Bewusstseinsbildung. Er ist sich selbst fremd geworden. Das meine ich mit Entfremdung. Mir geht es darum, diese Entwicklung rückgängig zu machen.

 

Wie?

Der Hunger in der Welt ist von Menschen gemacht und kann deshalb auch morgen schon von Menschen aus der Welt geschafft werden. Wir kennen ja alle die Ursachen. Es sind die Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel, die die Preise in die Höhe treiben. Die Profiteure sind die Großbanken. Sie kaufen mit wenig Geld Lebensmittel auf und lassen dadurch die Preise in die Höhe schnellen. Wenn sich eine Bevölkerung das Essen nicht mehr leisten kann, sterben die Kinder. Das ist der kausale Zusammenhang für die Hungerkatastrophen auf dieser Erde. Wenn es das österreichische, das deutsche und das französische Volk will, könnten solche Börsenspekulationen verboten werden – und zwar auf ganz demokratischem Weg. Solche Zusammenhänge müssen wir transparent machen.

 

Was wären konkrete Schritte?

Ein wichtiger Punkt, der seit Jahren gefordert wird, ist, die Börsenspekulationen auf Lebensmittel zu beenden. Stattdessen erleben aber die rechten Parteien Zulauf. Das bedeutet: Wir Intellektuellen haben unsere Arbeit nicht gemacht. Wir haben die Entfremdung nicht durchbrochen. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Uns trennt von den Opfern nur der Zufall der Geburt. Es ginge also darum, das Identitätsbild des Menschen wieder zum Leben zu erwecken, sich des Menschseins und der Solidarität wieder bewusst zu werden. Das wären starke Kräfte gegen die Ohnmacht und gegen die neoliberale Entfremdung. Wir müssen effizienter kämpfen, dann wacht auch das Volk auf.

 

Sie sind jetzt über 80 Jahre. Wie verkraften Sie es psychisch und physisch, jeden Tag Auseinandersetzungen zu führen?

Also physisch geht es mir gut, beim Skifahren bin ich ein bisschen langsamer, die Sexualität leidet auch ein wenig. Aber schon immer sehe ich jeden Tag als ein reines Wunder an. Und immer schon habe ich auch das panische Gefühl, die Zeit rennt mir davon. Das war schon so, als ich 25 war.

 

Was gibt Ihnen Kraft?

Das Bewusstsein, verschont geblieben zu sein. Ich will nicht akzeptieren, dass der Mensch ein reines Zufallsprodukt ist, also das Ergebnis einer zufälligen Begegnung, bei der Sperma produziert wurde. Wenn ich das dächte, würde ich mich aufhängen. Ich bin ein Verschonter, das weiß ich, weil ich Tausende von Kindern habe sterben sehen. Ihr Elend gibt mir Kraft.

 

Sind Sie nie verzagt?

Nein. Wenn ich ein Kind in einem Slum in Bangladesch sehe oder eine 30-jährige, leichenblasse und zahnlose Frau treffe, die wie 90 aussieht, weil sie ihr Leben lang Hunger hatte, dann kümmert mich der psychische Zustand eines Kleinbürgers aus Genf, der ich nun einmal bin, einen Dreck. Meine psychische Verfasstheit als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen ist nicht das Problem. Worum es geht, ist das Recht auf Nahrung. Das haben alle Menschen auf dieser Welt.

 

Wie wollen Sie das erreichen?

Ich denke viel darüber nach, wie ich die Empfehlungen am Ende meiner Berichte über Bangladesch, über Guatemala oder über die vielen anderen Länder, in denen ich Missionen habe, formuliere. Wie schaffe ich es, meine Empfehlungen bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen durchzubringen und welche Allianzen muss ich dafür schmieden?

 

Werden Sie nie müde?

Manchmal bin ich schon auch am Rande der Verzweiflung, denke dann für einen Moment, dass ich es nicht mehr schaffe, die Flüchtlingslager zu besuchen. Es ist ja nicht nur gefährlich, sondern oft auch mit körperlichen Strapazen verbunden, stundenlanges Fahren in gepanzerten Jeeps bei 40 Grad Hitze. Aber dann frage ich mich: Wer statt meiner geht dann in die Flüchtlingslager in Gaza, wer besucht diese Kinder dort? Das vertreibt meine Müdigkeit und gibt mir neue Kraft.

 

Warum sind die Vereinten Nationen in manchen Kriegsgebieten nicht präsent?

Seit März 2011 ist die Hälfte der syrischen Bevölkerung geflohen. Das Land hat über 400.000 Tote zu beklagen, Tausende wurden und werden gefoltert. In Syrien gibt es keine Normalität, keinen Lebensmittelkorridor, keine Blauhelme und kein Flugverbot über Wohnquartieren! Es gibt die Vereinten Nationen dort nicht. Der Grund ist das Veto der Russen.

 

Inwiefern?

Theoretisch sieht die UN-Charta in Kapitel VII vor, in Krisengebieten wie Syrien für Sicherheit zu sorgen. Auch mithilfe der Armee. Dafür gäbe es theoretisch auch unglaubliche finanzielle Mittel. Allein, ein entsprechender Beschluss wurde von den Russen bereits acht Mal durch ihr Veto verhindert. Sie schützen damit ihre einzige Marinebasis, die sie im Mittelmeer haben. Das ist der Grund, warum Syrien unter einem blutrünstigen Machthaber leidet.

 

Wie sehen Sie die Rolle Europas?

Ich finde, dass derzeit in Brüssel die Grundwerte der Europäischen Union verraten werden. Europa geht moralisch und auch politisch langsam kaputt. Die Politiker dort putzen sich ab, sagen, nur die UN und eine multilaterale, internationale Armee könnten den Waffenstillstand herstellen und humanitäre Korridore für die belagerten Städte einrichten.

 

Gibt es Pläne, das Vetorecht zu ändern?

Das Vetorecht ist das große Problem. 2006 hat Kofi Annan am Ende seiner Amtszeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen ein Testament hinterlassen, und dieses Testament ist ein Reformvorschlag für den Sicherheitsrat. Sein Vorschlag lautet: Kein Vetorecht mehr, dort wo es Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt. Die Großmächte haben es 2006 ad acta gelegt. Die Schubladen in New York sind tief, das können Sie mir glauben. In jüngster Zeit wurden Kofi Annans Pläne wieder ausgegraben. Jetzt gibt es eine Expertenkommission, die sich über eine mögliche Umsetzung Gedanken macht. Denn mittlerweile betrifft der Krieg längst nicht mehr nur die Konfliktregion.

 

Was meinen Sie damit?

Die Dschihadisten, die in Manchester, Boston oder Paris morden, sind ein Produkt des Krieges, und keine Demokratie kann diese stoppen. Jemand, der sich selbst in die Luft jagen will, kann nicht gestoppt werden. Dazu kommt auch das Flüchtlingsproblem. Derzeit stehen drei Millionen Flüchtlinge an den Grenzen zu Europa. Man hält sie mit Stacheldraht und Polizeihunden davon ab, weiterzureisen. Und Brüssel sieht zu, hofft auf eine abschreckende Wirkung für all jene, die noch kommen wollen. Die Verantwortlichen sollten vor einen Strafgerichtshof, das ist meine Meinung.

 

Wo sehen Sie positive Kräfte?

In den Zivilgesellschaften. Sie sollten ihre Regierungen drängen, die Vereinten Nationen zum Leben zu erwecken, sie sollten darauf drängen, dass das Vetorecht fällt und Kofi Annans Pläne Gesetz werden. Das muss jetzt geschehen. Dafür müssen wir uns erheben und Druck aufbauen. Denn es ist eine reale Hoffnung, ein Plan, der jeden von uns in die Verantwortung zieht.

 

Jean Ziegler, geboren 1934, ist einer der prominentesten Globalisierungskritiker. Der Soziologe war zwischen 2000 und 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und gehört dem Ausschuss des Menschrechtsrats an. Der aktuelle Film ‚Optimismus des Willens‘ ist eine Auseinandersetzung mit Zieglers Leben und Engagement.
 
Tipp zur Vertiefung: 
Jean Ziegler ,Der Optimismus des Willens‘
Regie: Nicolas Wladimoff
Thimfilm
 
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