Gesellschaft

Der bekannte österreichische Kabarettist Roland Düringer über seine Sicht auf die Welt und warum ein Plan B für ihn so wichtig ist.

Was ist deine Lebensphilosophie?
Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Vielleicht ist es meine Lebensphilosophie, keine zu haben, sondern einfach wach und flexibel zu bleiben.

Was treibt dich an? Was lässt dich brennen?
Manchmal treibt mich zu viel an. Da gibt es den Ausdruck ‚mit einem Orsch auf fünf Kirtagen‘. Das gewöhne ich mir langsam ab, da ist man ein Getriebener. Ich probiere jetzt eher, mit dem, was gerade ist, zufrieden zu sein und mir in dieser Zufriedenheit neue Ziele zu setzen. Diese können auch ganz unspektakulär und klein sein. Ich habe so viele Interessen, dass, wenn etwas abgeschlossen ist, es für mich gelöscht ist. Zum Beispiel habe ich jetzt ein Buch mit dem Titel ‚Weltfremd?‘ geschrieben. Das Manuskript ist schon abgegeben, daher ist es für mich Geschichte. Wenn du mich jetzt fragen würdest, was im Buch steht, müsste ich genau drüber nachdenken, denn ich bin schon wieder woanders.

Du hast im Trailer zu deinem Buch die Sinnfrage gestellt. Warum?
Normalerweise müsste irgendwann der Punkt kommen, wo man denkt: Was ist das alles? Hat das einen Grund? Was mache ich da eigentlich? Wenn man an dem Punkt angelangt ist, wird man sich erstmals mit seiner inneren Welt beschäftigen müssen und die äußere nicht mehr so wichtig nehmen.

 

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Wie beschäftigst du dich mit deiner inneren Welt?
Oft durch Tätigkeiten. Für mich wäre es nicht der richtige Weg, meine innere Welt kennenzulernen, indem ich mich in eine Ecke setze und drei Stunden Om mache. Mein Weg liegt im Tun, darin gegenwärtig zu sein und dadurch mich selbst zu spüren und kennenzulernen. Meine innere Welt lerne ich immer dann kennen, wenn ich mich mit neuen Sachen beschäftige. Wenn ich auf eine mir unbekannte Situation stoße und mir dann Lösungen einfallen. Deshalb probiere ich auch so viel aus.

Welche Rolle spielt Ethik in deinem Leben?
Ich habe lustigerweise erst vorige Woche am Bahnhof ein Buch vom Dalai Lama gekauft, ein Interview, in dem er darüber spricht, dass Religionen unnötig sind. Er sagt, dass wir eine Ethik brauchen, eine gleichgeschaltete, universelle, für alle Menschen. Meine Ethik ist, dass ich so gut wie möglich versuche, Menschen oder anderen Lebewesen keinen Schaden zuzufügen.

„Mein Weg liegt im Tun, darin gegenwärtig zu sein und dadurch mich selbst zu spüren und kennenzulernen.“


Was wäre in Bezug auf das Autofahren ethisch korrekt?
Es wird gesagt, Elektroautos wären die Zukunft, weil wir die Schadstoffe und den Lärm reduzieren sollten. Als Techniker ist das für mich aber ein vollkommener Blödsinn. Die tun so, als würde es schon Elektroautos geben. Sie sind aber noch nicht da, sondern müssen erst gebaut werden. Und das braucht Ressourcen und Energie.

Welche Lösung siehst du?
Die Frage ist nicht, mit welchem Auto wir fahren, sondern: Warum fahren wir überhaupt? Das Dümmste, was dem Menschen je eingefallen ist, ist, einen Körper von A nach B zu transportieren. Es erzeugt viel Dreck, verbraucht viel Energie und richtet enormen Schaden an. Im Straßenverkehr werden jährlich weltweit 1,3 Millionen Menschen getötet – weil wir einen Körper, der selbst gehen könnte, von A nach B transportieren. Wer in der Stadt in ein Auto einsteigt, der versteht die Welt nicht, und es ist scheißegal, ob das ein Elektroauto oder ein Hybridauto ist. Wir bauen jetzt nachhaltige Dinge, investieren in Zukunftstechniken, wir denken immer über Sachen nach, die noch dazukommen sollen. Es ist ja nicht so, dass Windräder gebaut werden und dann alle anderen Kraftwerke verschwinden. Nein, die Windräder kommen dazu, weil wir immer mehr verbrauchen, weil unser Dogma Wachstum, Wirtschaftswachstum ist.

„Meine Ethik ist, dass ich so gut wie möglich versuche, Menschen oder anderen Lebewesen keinen Schaden zuzufügen.“

 
Was spricht gegen Wirtschaftswachstum?
Viele glauben immer noch, die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme liegt in mehr Wachstum. Eben nicht, weil mehr Wachstum bedeutet mehr Verbrauch. Wie es losgegangen ist mit der Flüchtlingswelle, die ja eigentlich eine Einwanderungswelle ist, haben sie im Radio eine Sendung gebracht über die Bedeutung von Flüchtlingen für die Wirtschaft. Letztendlich wurde gesagt, dass die Flüchtlinge uns wieder Wirtschaftswachstum bringen werden. Was heißt das? Doch nichts anderes, als dass wir noch mehr Dreck produzieren und noch mehr Energie und mehr Ressourcen verbrauchen. Und wo bekommen wir die her? Aus den Ländern, wo die Flüchtlinge herkommen, das heißt, wir müssen denen noch mehr wegnehmen.

Warum willst du nicht von ‚Flüchtlingswelle‘ reden?
Weil es ja nicht nur Flüchtlinge sind. Man muss es vollkommen nüchtern betrachten, was in dieser Situation eigentlich gar nicht mehr möglich ist. Jetzt geht es nur mehr um Ideologie. Die einen sagen, das sind alles arme Kriegsflüchtlinge, traumatisierte Familien, die Schutz brauchen, denen wir einfach Asyl geben müssen, weil es ja rechtlich verankert ist. Die anderen sagen, um Gottes willen, da kommen nicht nur Flüchtlinge, da kommen irgendwelche Leute von irgendwoher, möglicherweise IS-Kämpfer. Beides ist richtig. Es ist wie beim Autofahren, ich weiß, dass im Jahr 1,3 Millionen Menschen im Straßenverkehr sterben. Steige ich deswegen nicht in ein Auto? Nein, ich nehme dieses Risiko in Kauf. Wenn ich sage, ich lasse jetzt Menschen ins Land, dann muss ich das Risiko in Kauf nehmen, dass es eskalieren kann. Das kann passieren, muss aber nicht. Wir wissen es nicht.

„Das Dümmste, was dem Menschen je eingefallen ist, ist, einen Körper von A nach B zu transportieren.“

 
Wie siehst du die Einwanderungswelle?
In diesem Flüchtlingsstrom ist eine potenzielle Energie drinnen. Wenn Menschen in Bewegung sind, dann haben sie eine Energie, das merken wir, wenn wir zum Beispiel in einem Fußballstadion sind. Man kann nicht sagen, ein Energiepotenzial ist gut oder schlecht, es kann beides sein. Welche Auswirkungen die Einwanderungswelle haben wird, können wir jetzt noch nicht beantworten. Wir können menschliches Verhalten nicht vorhersagen. Es geht darum, wie Menschen auf die Situation reagieren. Für manche wird es bedeutungslos sein und keinen Einfluss auf ihr Leben haben, für andere wird es eine Katastrophe sein.

Stimmt es, dass du Flüchtlinge aufgenommen hast?
In unserer Gemeinde haben wir zwei Wohnungen zur Verfügung gestellt. Ich bekomme für meine Sendung ‚Gültige Stimme‘ keine Gage. Das Geld fließt in einen Topf und wenn ich etwas finde, wo Geld gebraucht wird, habe ich Zugriff darauf. Ich habe die zwei Wohnungen für ein Jahr finanziert. Jetzt leben zwei syrische Familien bei uns in Kasten. Das ist sinnvoll und es wird keine Probleme geben. Ein Problem wird es dann geben, wenn Flüchtlinge irgendwo geballt untergebracht sind. Dann gibt es für jeden ein Problem, egal, ob das jetzt ein Steirer oder ein Syrer ist. Viele Menschen auf einem Haufen sind ein Problem, das weiß ein jeder, der eine Großveranstaltung macht.

 

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Für wen sind Flüchtlinge eine Katastrophe?
Eine Frau hat einen Freund von mir angerufen, der in einem Waffengeschäft arbeitet. Die Frau ist vollkommen verzweifelt, weil ihre Tochter zum dritten Mal in Wien überfallen wurde, alle drei Täter offensichtlich Ausländer. Wenn dir so etwas passiert, dann möchtest du von dem Thema Flüchtlinge nichts mehr hören. Außer, dass sie draußen bleiben sollen, die Oaschlöcher, obwohl das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.
In Waffengeschäften geht es derzeit zu wie an einem Weihnachtseinkaufssamstag. Es ist einfach ein Fakt, dass die Menschen jetzt aufrüsten. Die Situation kann von einem Tag auf den anderen kippen, deshalb kaufen sich die Menschen Waffen, nicht weil sie Angst haben vor einem einzelnen Flüchtling, sondern sie haben Angst, dass die Illusion, in der wir leben, zusammenbricht. Wir sind es seit vielen Jahrzehnten gewohnt, dass wir vom Staat versorgt werden.

Die Situation momentan ist schwierig, viele Leute haben Angst.
Nein, die Situation ist ganz einfach. Man hätte sich nur vorher Gedanken darüber machen sollen. Wenn ich mit dem Cabrio wegfahre und das Fetzendach (Anmerkung der Redaktion: Verdeck) zu Hause lasse, weil ich nicht auf die Idee komme, dass es zu regnen anfangen könnte, dann stehe ich da und versuche, mit einem Nylonsackerl mein Cabrio dicht zu machen. Seit vier Jahren scheppert es in Syrien und man weiß, wo sich die Flüchtlingslager befinden und dass die Menschen dort auf Stand-by sind. Und wenn einer die Türe aufmacht, dann kommen sie logischerweise auch. Niemand hat sich darüber Gedanken gemacht. Ein Projekt wie die EU hat nicht darüber nachgedacht, was sie in so einem Fall machen wird. Es ist momentan innerhalb der EU ein Gegeneinander und kein Miteinander. Insofern hat die EU leider versagt. Jetzt können sie gar nichts mehr machen.

„Wir leben in dieser Welt, in der es den Zahlen nach auch toll ist, aber das macht Glück nicht aus.“

 
Was, glaubst du, wird sich in nächster Zeit in Europa ändern?
Es geht den Menschen in Europa sehr gut im Vergleich zu anderen Gebieten. In unserer Gesellschaft glauben die Menschen, das ist die Normalität. Wir glauben, es geht ewig so weiter, dass der Staat sich um uns kümmern wird. Ich bin 1963 in Wien geboren, das ist weltweit der Jackpot! Es gibt nichts Besseres. Mein Vater ist 1931 geboren, das war beschissen. Wer jetzt geboren wird, wird es vielleicht auch beschissen haben. Ich habe den Jackpot gewonnen und viele andere meiner Generation auch, das muss uns klar sein, das ist nicht die Normalität.

Warum sind die Menschen bei uns trotzdem so unzufrieden?
Genau das ist das Interessante. Wir leben in dieser Welt, in der es den Zahlen nach auch toll ist, aber das macht Glück nicht aus. Die Menschen stehen in der U-Bahn und die Mundwinkel hängen ihnen bis zu den Fersen hinunter. Wir sind momentan ziemlich auf dem Holzweg. Dass sich unsere Gesellschaft in diese Richtung bewegt hat, muss meiner Theorie nach wieder mit den riesigen Energievorkommen zusammenhängen. Wir haben Zugriff auf so viel Energie, wie sie der Mensch zuvor nie gehabt hat. Zuerst war es die Kohle, dann das Erdöl. Von dem Tag an, an dem wir diese Energiemengen nutzen konnten, hat sich alles verändert. Wir leben ein völlig anderes Leben als alle Menschen über abertausende Jahre zuvor – in dieser Welt, wo jeder von uns 30 Energiesklaven besitzt.

„Ich weiß, dass ich vieles nicht verstehe, aber ich akzeptiere es so, wie es ist.“

 
Was meinst du mit Energiesklaven?
Die Energie, die ein Mensch leisten kann, beträgt ungefähr 150 Watt. Wir verwenden 30 Mal so viel an einem Tag, daher brauchen wir 30 Sklaven. Wir gehen so verschwenderisch damit um, weil sie uns noch nicht teuer genug gekommen ist.

Du bist aus deinem Haus ausgezogen und lebst jetzt ressourcenschonend in einem Wohnwagen im eigenen Garten.
Ja, um auszuprobieren, wie ein einfaches Leben ist, und zu sehen, auf was ich mich reduzieren kann. Ich wohne im Wohnwagen. Wobei ich natürlich sagen muss, ich bin vier Tage die Woche nicht zu Hause, da bin ich auf Tournee. Das Haus existiert nach wie vor. Ich sage jetzt nicht, alles andere als ein Wohnwagen ist schlecht, nein, aber so zu leben ist mein Plan B. Denn wie kann ich sicher sein, dass es immer Menschen geben wird, die 25 Euro zahlen, um den Herrn Düringer sprechen zu hören? Ich muss damit rechnen, dass irgendwann keiner mehr kommt. Ich habe Schweine, ich baue mein Gemüse an, es gibt sauberes Wasser, ich habe Holz und ich schaue, dass ich meinen Körper, ich bin 52, und meinen Geist fit halte.

Glaubst du an Gott?
An Gott, nein, weil ich mit dem Gottesbild nicht wirklich was anfangen kann. Ich weiß, dass ich vieles nicht verstehe, aber ich akzeptiere es so, wie es ist. Unser Gott ist etwas, das wir im Kopf erzeugen, es ist kein Naturereignis. Der Mensch braucht Gott zur Orientierung, das ist auch nicht zu verurteilen. Wenn ich aber sehe, was die Menschen jetzt anbeten, dann sind das meistens Dinge wie Macht, Geld und Karriere und dafür opfern die Menschen irrsinnig viel, ihre Gesundheit oder ihre Familie. Ich frage mich oft, ob es nicht das geringere Übel wäre, irgendeinen Berggott anzubeten. Dann können wir wenigstens keinen Schaden anrichten.

Wie funktioniert in deinen Augen eine ideale Gesellschaft?
Für mich wäre es ein kleiner Stamm, eine kleine, naturverbundene Gemeinschaft. Ich glaube, dass viele Dinge zu groß geworden sind. Das Globale, das alles regiert, ist nicht menschengerecht. Eine kleine, regionale Gemeinschaft, wo man sich untereinander kennt, das hat eine ganz andere Qualität. Ich sage nicht, dass in einer kleinen Struktur alles gut ist, es ist aber menschengerechter als in einer großen.

Was kann jeder Einzelne machen?
Seine Bedürfnisse überprüfen, Netzwerke gründen – nicht auf Facebook, sondern mit realen Menschen: Was kannst du? Was brauche ich, wenn es eng wird? Wie können wir uns gegenseitig helfen? Ich bin ja nicht alleine, es gibt viele, die schon einen Plan B haben.

Roland Düringer, geboren 1963, ist ein österreichischer Kabarettist, Schauspieler und Autor.
Tipp zur Vertiefung: Roland Düringer, Weltfremd?, edition a, 2015.
 
Das gesamte Interview finden Sie hier.
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Foto © Michael Nagl

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