Gesellschaft

„Mi nimit mai?" wurde ich von Buddhistinnen und Buddhisten immer wieder gefragt, als ich 1978 in Nordthailand buddhistischer Mönch war. Damit frug man mich, ob ich beim Meditieren Visionen oder andere veränderte Wachbewusstseinszustände hätte.

Ich verweigerte immer eine Antwort mit dem Verweis auf die vierte Ordensregel: Ein Mönch sagt nicht einmal, dass er gerne an einem einsamen Ort ist. Wenn er aber wissentlich und fälschlich behauptet, dass er veränderte Wachbewusstseinszustände erreicht hat, dann schließt er sich damit selbst unmittelbar und lebenslang aus dem Orden aus. 

Wenn ein Mitglied des buddhistischen Ordens nämlich durchsickern lässt, dass er außergewöhnliche Bewusstseinszustände bewirkt hat, dann hat er für den Rest seines Lebens ausgesorgt und lebt im buddhistischen Schlaraffenland. Buddhisten sind wie andere Menschen nicht gefeit gegen die Sucht nach heiligen Menschen und Meistern (Gurus). Die Versuchung für Ordensmitglieder – und nicht nur diese - ist groß, sich diese Sucht zunutze zu machen.

In Thailand waren zu meiner Zeit, und wohl auch noch heute, gläubige Buddhisten geradezu süchtig nach durch meditative Techniken bewirkten veränderten Wachbewusstseinszuständen. Dies, obwohl Buddha im Brahmajālasutta des Dīghanikāya zeigt, wie veränderte Wachbewusstseinszustände zu Irrtümern führen können. Wenn man nämlich die Erfahrungen des ungewöhnlichen Bewusstseinszustands, den man erreicht hat, verabsolutiert, bekommt man eine falsche Ansicht, da man einen Teil für das Ganze, Letzte und Absolute nimmt. Im Brahmajālasutta wirft Buddha den „Irrlehrern" nicht vor, dass sie Wirklichkeit erfinden, sondern dass sie meinen, die von ihnen erfahrene, beschränkte Wirklichkeit sei die letzte Wirklichkeit.

Veränderte Wachbewusstseinszustände sind nicht nur durch Meditation bewirkbar. Neben Herabsetzung der Veränderungen des Wahrnehmungsfeldes, wozu auch die meisten Meditationsverfahren gehören, können solche Bewusstseinszustände auch hervorgerufen werden durch: erhöhte Rhytmizität und Variabilität des Wahrnehmungsfeldes (z.B. Trommeln, Diskothek), Fasten, Hyperventilation, Geschlechtsverkehr und exzessive Masturbation, völlig absorbierende Beschäftigung mit Kunst, Extrembergsteigen, Drogen usw.

In seiner wunderbaren Arbeit mit dem fürchterlichen Titel „Ätiologie-unabhängige Strukturen veränderter Wachbewußtseinszustände : Ergebnisse empirischer Untersuchungen über Halluzinogene I. und II. Ordnung, sensorische Deprivation, hypnagoge Zustände, hypnotische Verfahren sowie Reizüberflutung." (1985) kommt der Zürcher Psychologe Adolf Dittrich aufgrund experimenteller Untersuchungen zum Ergebnis, dass mit beinahe allen von ihm untersuchten Methoden im Extremfall Folgendes bewirkt werden kann:

„Dieser Extrempol ist charakterisiert durch eine [...] Veränderung des Gedankenablaufs mit subjektiven Konzentrationsstörungen oder auch umgekehrt dem Gefühl, klarer und schneller als sonst denken zu können. Widersprüche können konfliktfrei nebeneinander stehen. Das Zeiterleben ist verändert, indem die Zeit langsamer oder schneller als sonst ver­geht. Es tritt ein Gefühl der Zeitlosigkeit auf, einer punktuellen Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft. Es kommt zu einer Selbstentfremdung, einem Gefühl des Verlustes der Selbstkontrolle, welches mit intensiven positiven und negativen Emotionen einhergeht, die sich während eines veränderten Wachbewusstseinszustands nicht ausschließen. Die Stim­mung fluktuiert stark und ist durch Ambivalenz gekennzeichnet. Das Körperschema ist verändert. Dies reicht bis zu subjektiven Levitationsphänomenen und einem Ge­fühl der Körperlosigkeit. Es kommt zu einem Verschwimmen der Ich-Grenzen und einer Einswerdung des Ichs mit der Umwelt. Veränderungen der Wahrnehmung im Sinne von halluzinatorischen Phänomenen bzw. Visionen treten vor allem im opti­schen und nur rudimentär [...] im akustischen Bereiche auf. Die halluzinatori­schen Phänomene reichen von einfach strukturierten Phänomenen wie dem Sehen von Helligkeit, Farben oder Mustern bis zu szenischen Halluzinationen bzw. Visio­nen. Auch Synästhesien gehören hierher. Schließlich umfasst der Extrempol unserer Gesamtskala ein verändertes Erleben der Bedeutung von Gegenständen der Umge­bung, deren übliche Figur-Grund-Verhältnisse verändert sind. Gegenstände und Zusammenhänge zwischen ihnen erscheinen fremdartig, gefühls- und bedeutungsträch­tiger als sonst. Es kommt zu überwältigenden "Aha"- und Evidenzerlebnissen."

All dies sind hochinteressante Phänomene; mit dem Ziel der Buddhalehre, der Beendigung des Leidens, haben sie wenig zu tun. Treten solche Erscheinungen währen der Meditation auf, sollte man sie zur Kenntnis nehmen und feststellen, dass auch sie nur vergänglich, herrschaftslos und darum leidvoll sind. Bleibt man an solchen Phänomenen haften, dann sind sie ein Hindernis auf dem Weg zur Befreiung vom Leiden.

500mal250 der einzige weg

Buddhaghosa nennt im Visuddhimagga (5. Jhdt. n. Chr.) vierzig Methoden der Ruhigwerdemeditation. Diese Aufzählung ist offen für Weiteres. Diese Methoden können je nach Charakter des Meditierenden hilfreich, ja Voraussetzung für die zur Erlösung führende Einsichtsmeditation (Vipassanā) sein. Es scheint, dass es im alten Buddhismus einen Streit darüber gab, ob Ruhigwerdemeditation eine notwendige oder nur eine förderliche Bedingung für den Erlösungsweg ist. Ruhigwerdemeditation kann zu verschiedenen Versenkungszuständen (jhāna, dhyāna) führen, wie sie auch aus der Mystik verschiedener Religionen bekannt sind. Schon dies zeigt, dass man solche Versenkungszustände nicht mit der Erlösung verwechseln sollte. Auf alle Fälle kann Ruhigwerdemeditation in ihren verschiedenen Formen zum Stressabbau führen und damit eine gute Grundlage zum geduldigen Versuch des Erlösungswegs bilden.

Glaubt man der Einleitung zum Satipaṭṭhānasutta des Majjhimanikāya, dann gibt es nur einen einzigen „meditativen" Weg zur Befreiung vom Leiden, nämlich die vier „Aufrichtungen von Achtsamkeit (sati)":

„Dies ist der einzige und einlinige Weg zur Reinheit der Wesen, zur Überwindung von Kummer und Klage, zum Untergang von Leid und Unzufriedenheit, zur Gewinnung der rechten Methode, zur Verwirklichung des Nibbāna, nämlich die vier Aufrichtungen von Achtsamkeit."

Danach kommt alles darauf an, dass wir das Satipaṭṭhānasutta richtig interpretieren und zu verwirklichen versuchen. Leider haben wir weder für Interpretation noch Praxis eine durchgehende Überlieferung vom alten Buddhismus bis heute. Schon der Kommentator Buddhaghosa (5. Jhdt. n. Chr.), lässt uns im Stich: er hat das Sutta eindeutig nicht richtig verstanden. Auch die verschiedenen birmanischen Methoden der Praxis beruhen nicht auf zu den Ursprüngen zurückreichender Überlieferung. Dies zeigt die Geschichte einer dieser Methoden, die ich hier im Anschluss an Nyanaponika (Geistestraining durch Achtsamkeit, Kap 6) zusammenfasse: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchte ein burmesischer Mönch, U Narada (1868 – 1957), nach einer Meditationsmethode. Er ging zu einem Mönch, der im Rufe stand Sotāpanna zu sein. Dieser verwies U Narada auf Satipaṭṭhāna im Tipitaka und den Kommentaren und Subkommentaren. Aufgrund seiner Studien entwickelte Narada Meditationsübungen. Viele Schüler des U Narada, Laien und Mönche, verbreiteten durch Meditationskurse diesen neu entdeckten Übungsweg. Viele glauben, dass U Narada ein Arhant war. Besonders erfolgreich und bekannt unter den Schülern des U Narada war Mahasi Sayadaw (U Sobhana Mahathera, 1904 - 1982). 1949 wurde er vom damaligen Ministerpräsidenten U Nu eingeladen, nach Rangoon (Yangon) als Meditationslehrer zu kommen. Die Methode Mahasis ist also ein Rekonstruktionsversuch. Nach ausführlichem Studium habe ich begründete Zweifel, dass U Narada das Satipaṭṭhānasutta richtig verstanden hat. Ich habe zwar selbst eine Interpretation dieses Sutta versucht, aber auch diese kann selbstverständlich irrig sein. Ob die Praxis gemäß dem Sutta, in welcher Interpretation auch immer, zur Beendigung des Leidens führt, kann ich nicht sagen.

Kommentare  
# Uwe Meisenbacher 2017-11-15 15:54
Wenn dann dadurch mehr Ethik, Moral und Gemeinwohl praktiziert wird und die Menschen
weniger Leiden müssen, ist das doch auch schon mal was.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, buddhistischen Grüßen
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