Gesellschaft

Die Arbeit hat im Leben der meisten Menschen einen hohen Stellenwert. Sie kann einen Beitrag zur Identität und zum Selbstwerterleben leisten. Sie kann uns, da wir am Arbeitsplatz in der Regel mit anderen Menschen zu tun haben, soziale Verbundenheit erleben lassen.

Vor allem aber kann sie die Grundlage dafür sein, dass wir unseren Lebensunterhalt bestreiten, für uns und unsere Angehörigen sorgen und autonom leben können. Die positiven Potenziale der Arbeit sind also beachtlich. Ebenso bedeutsam sind jedoch ihre Risikopotenziale. Arbeitsbedingungen können überfordernd, ausbeuterisch, sozial demütigend sein und den Menschen krank werden lassen.UW84GES Ich arbeite1

Ein Rückblick auf die Arbeitsbedingungen des 19. Jahrhunderts mit täglichen Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden, Kinderarbeit, unmenschlichen körperlichen Belastungen und ausbeuterischen Löhnen verdeutlicht die fundamentalen Verbesserungen, die in
den letzten 150 Jahren erkämpft worden sind. Bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts konnte sich eine Mehrheit der ArbeitnehmerInnen in den westlichen Ländern geregelter Arbeitszeiten, durch Tarifvereinbarungen garantierter Löhne, halbwegs sicherer Arbeitsplätze und einer funktionierenden Alterssicherung erfreuen. Vor etwa 20 Jahren setzte jedoch eine Entwicklung ein, die Richard Sennett als ‚Die Kultur des neuen Kapitalismus' bezeichnet hat. Diese Entwicklung ist dabei, unsere Arbeitswelt grundlegend zu verändern und liebgewordene Sicherheiten abzuschaffen. Sie ist noch nicht zum Abschluss gekommen. Die langfristig angelegten Ausbildungs- und Berufswege früherer Zeit werden zunehmend durch zeitlich begrenzte, schlecht bezahlte, sozial wenig oder gar
nicht abgesicherte Beschäftigungsverhältnisse (Sennett spricht von ‚McJobs') abgelöst.

ArbeitnehmerInnen sind heutzutage überwiegend von psychomentalen Belastungen betroffen.

Früher war die Arbeit vor allem körperlich belastend. Im Vordergrund standen das Heben von Lasten und die Exposition gegenüber Hitze, Kälte, Lärm oder chemischen Gefahrenstoffen. Diese Aspekte spielen im heutigen Arbeitsleben in den entwickelten westlichen Ländern nur noch in wenigen Bereichen eine Rolle. Inzwischen sind ArbeitnehmerInnen überwiegend von psychomentalen Belastungen betroffen: Im Vordergrund stehen heute die Beschleunigung der Arbeitsabläufe, die Verdichtung der Arbeit, die gleichzeitige Erledigung mehrerer Aufgaben, das Multitasking, die damit einhergehenden laufenden Unterbrechungen bei der Arbeit, die sogenannte Fragmentierung und der an vielen Arbeitsplätzen zunehmende Druck, auch außerhalb der Arbeitszeiten erreichbar und bei Bedarf verfügbar zu sein, die Entgrenzung.

Moderne Arbeit belastet, wie wissenschaftliche Studien belegen, vor allem die seelische Gesundheit. Das Seelenleben, unser Erleben und Verhalten sind neurobiologisch ‚geerdet': Was Menschen – auch am Arbeitsplatz – erleben oder tun, hat Auswirkungen, die sich nicht nur seelisch fühlen lassen, sondern auch einen neurobiologischen Niederschlag hervorrufen. Dass das Gehirn – salopp gesprochen – aus Psychologie sozusagen Biologie macht, dass es seelische beziehungsweise soziale Erfahrungen in biologische Prozesse umwandelt, lässt sich gerade auch in der Welt der Arbeit nachweisen. Vor diesem Hintergrund war es meine Absicht, in meinem neuen, vor kurzem veröffentlichten Buch mit dem Titel ‚Arbeit' einen Überblick darüber zu geben, was passiert, wenn Arbeit und Gehirn sich begegnen.

Wo Menschen sich an die Arbeit machen, kommen zwei Fundamentalsysteme des Gehirns – samt ihren Botenstoffen – ins Spiel, das Motivationssystem und das Stresssystem.

Wo Menschen sich an die Arbeit machen, kommen zwei Fundamentalsysteme des Gehirns – samt ihren Botenstoffen – ins Spiel, das Motivationssystem und das Stresssystem. Anerkennung, Wertschätzung und soziale Verbundenheit aktivieren das
Motivationssystem des menschlichen Gehirns. Die von diesem System produzierten Botenstoffe wie Dopamin, körpereigene Opioide und Oxytozin erzeugen nicht nur Motivation und Anstrengungsbereitschaft, sondern stabilisieren auch unsere körperliche Gesundheit. Berufliche Herausforderungen, die sich bewältigen lassen und uns die Chance geben, unser Können erfolgreich unter Beweis zu stellen, sprechen das Motivationssystem an. Hoher Leistungsdruck, permanente Hetze, schlechtes Arbeitsklima, Angst und Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren, aktivieren das Stresssystem. Die von diesem System ausgeschütteten Botenstoffe, unter anderem Glutamat, Cortisol und Noradrenalin, erhöhen das Risiko für Herz und Kreislauf, für psychosomatische Erkrankungen und Depression.

Univ.-Prof.DrJoachim BauerDie evolutionären Vorfahren des Menschen lebten über Millionen von Jahren in Biotopen, in denen sie vor Gefahren verschiedenster Art auf der Hut sein mussten. Das Überleben erforderte eine permanente, breit gestreute Wachsamkeit nach allen Seiten, eine Art Urzeit-Multitasking. Permanent auf der Hut oder für Aufgaben bereit sein zu müssen, von denen im Vorhinein nicht absehbar ist, welcher Art sie sein werden, aktiviert im Gehirn ein erst vor wenigen Jahren entdecktes ‚Unruhe-Stresssystem', welches in der Fachsprache als ‚Default Mode Network' (DMN) bezeichnet wird. Jede Umgebung, die es dem Menschen nicht erlaubt, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, die ihm stattdessen eine breit gestreute Aufmerksamkeit abverlangt, aktiviert das DMN. Untersuchungen zeigen, dass eine häufige Aktivierung des DMN-Systems die Fähigkeit des Menschen, fokussiert und sorgfältig zu arbeiten, nachhaltig stört. Zudem liegen Hinweise darauf vor, dass eine Überaktivierung des DMN dem Gehirn schaden und die Entwicklung einer Demenz begünstigen kann. Vor diesem Hintergrund sollten wir das an immer mehr Arbeitsplätzen um sich greifende Multitasking-Unwesen kritisch reflektieren.

Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen hat in den letzten Jahren massiv zugenommen, wie die von Krankenkassen und Rentenversicherungen erstellten Statistiken zeigen. Psychische Störungen haben sich darüber hinaus in Deutschland inzwischen zur wichtigsten Ursache für Frühberentungen entwickelt. Die Erforschung von spezifisch mit der Berufstätigkeit verbundenen, auf den Arbeitsplatz bezogenen Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit und seelischen Gesundheit reicht zurück bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Kurt Lewin war der Erste, der bereits damals – noch vor seiner Emigration in die USA – das Phänomen der ‚psychischen Übersättigung' am Arbeitsplatz beschrieb. Ich habe Kurt Lewins Pionierarbeiten zur Gesundheit am Arbeitsplatz in meinem Buch ‚Arbeit' ausführlich gewürdigt.

Das Überleben erforderte eine permanente, breit gestreute Wachsamkeit nach allenSeiten, eine Art Urzeit-Multitasking.

Den Begriff des ‚Job Burnout' prägte Jahrzehnte nach Kurt Lewin der New Yorker Psychologe und Psychoanalytiker Herbert Freudenberger. Kurz darauf war es dann die kalifornische Psychologieprofessorin Christina Maslach, die das Burn-out-Konzept operationalisierte, indem sie klare Kriterien definierte und den bis heute eingesetzten Fragebogen entwickelte.

Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen hat in den letzten Jahren massiv zugenommen.

Die drei Merkmale des Burn-out-Syndroms sind 1. emotionale Erschöpfung, 2. ein in früherer Zeit nicht vorhandener, nicht überwindbarer Widerwille gegen die Arbeit oder gegen diejenigen, für die man beruflich tätig ist und 3. Ineffizienz und das Erleben von Sinnlosigkeit bezüglich der ausgeführten Arbeit. Christina Maslach hat wiederholt darauf hingewiesen, dass das Burn-out-Syndrom keine medizinische Diagnose ist, sondern eine spezifisch auf den Arbeitsplatz bezogene Störung der Leistungsfähigkeit. In der von der WHO herausgegebenen Internationalen Krankheitsklassifikation (ICD) findet sich das Burn-out-Syndrom nur als Ergänzungsdiagnose.

Während es Christina Maslach vor allem auf eine präzise Beschreibung der bei der Person auftretenden Leistungsstörungen ankam, waren spätere, unabhängig voneinander durchgeführte Untersuchungen von Robert Karasek und Johannes Siegrist darauf ausgerichtet, Burn-out begünstigende Merkmale des Arbeitsplatzes wissenschaftlich zu erfassen. Den beiden Forschern gelang es, mit objektiven Krankheitsrisiken einhergehende Kriterien der Situation am Arbeitsplatz zu beschreiben. Als Risiko für Burn-out, Herz und Kreislauf sowie für Depression wies Robert Karasek eine Dysbalance von Arbeitsbelastung versus Gestaltungsspielraum (‚Demand-Control-Imbalance') nach. Johannes Siegrists Untersuchungen belegen, dass eine Dysbalance von Verausgabung und Anerkennung beziehungsweise Wertschätzung (‚Effort-Reward-Imbalance') das Krankheitsrisiko signifikant erhöht. Beide Konzepte ergänzen sich ausgezeichnet.

Den Begriff des ‚Job Burnout' prägte Jahrzehnte nach Kurt Lewin der New Yorker Psychologe und Psychoanalytiker Herbert Freudenberger.

Im Herbst des Jahres 2011 starteten einige deutsche Psychiater eine Initiative, die zum Ziel hatte, das Burn-out-Syndrom als nicht existent zu erklären. Wer an einer tatsächlichen Störung seiner Arbeitsfreude und Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz leide, habe in Wirklichkeit eine Depression. Wer am Arbeitsplatz ernste Leistungsprobleme hat, die Kriterien einer Depression aber nicht erfüllt, wäre demnach den Simulanten zuzurechnen. Angesichts der nachgewiesenen engen Verbindungen der Psychiatrie zur Pharmaindustrie ist zu befürchten, dass – nachdem ein erheblicher Teil der Kinder inzwischen mit ADHS-Medikamenten abgefüttert wird – Psychopharmaka nun auch an den Arbeitsplätzen auf breiter Front zum Einsatz kommen sollen.

Tatsächlich steht die Sichtweise, das Burn-out-Syndrom sei entweder eine Depression oder eine Fata Morgana, im krassen Widerspruch zur wissenschaftlichen Datenlage. In hochrangigen Journalen publizierte Arbeiten zeigen, dass die Mehrheit derer, die an einem Burn-out-Syndrom leiden, keine Depression hat. Deshalb müssen ÄrztInnen bei jedem Einzelfall, der ihnen mit dem Etikett eines ‚Burn-out' präsentiert wird, selbstverständlich das Vorliegen einer Depression (oder einer anderen psychischen Störung) prüfen. Tatsächlich haben die meisten PatientInnen, die zu mir kommen, weil sie wegen einer nicht mehr erträglichen Situation am Arbeitsplatz krank geworden sind, in der Regel eine Depression (wobei ich je nach Einzelfall durchaus auch antidepressive Medikamente verordne). Die meisten dieser PatientInnen hatten sich aber, bevor sie schließlich in die Depression abrutschten, über viele Monate, manchmal sogar über Jahre durch eine lange Burn-out-Phase hindurchgequält. Nichts anderes belegen auch alle dazu durchgeführten Studien. ÄrztInnen und TherapeutInnen sollten nicht erst dann aktiv werden, wenn eine Krankheit wie die Depression bereits eingetreten ist. Stattdessen sollten wir den Blick auf die Vorphase richten und dem Abrutschen in eine Depression vorbeugen. Das Burn-out-Konzept ist unverzichtbar, weil es uns ermöglicht, diese Vorphase zu erkennen.

Tatsächlich steht die Sichtweise, das Burn-out-Syndrom sei entweder eine Depression oder eine Fata Morgana, im krassen Widerspruch zur wissenschaftlichen Datenlage.

Die Arbeit des Menschen kann – und sollte – eine Quelle der Befriedigung und des Glücks sein. Doch sie kann uns auch krank werden lassen. Dies angesichts der an vielen Arbeitsplätzen zunehmenden Belastungen zu verhindern, ist die in den kommenden Jahren vor uns liegende Aufgabe. Die richtige Therapie gegen Beschleunigung und Verdichtung der Arbeitsabläufe, gegen permanente Hetze bei der Arbeit und Multitasking, gegen Überstunden und jederzeitige Erreichbarkeit, gegen schlechte Arbeitsatmosphäre und Mängel in der Personalführung, gegen Arbeitsplatzunsicherheit und schlechte Bezahlung ist nicht in Psychopharmaka zu sehen, sondern in einer Begrenzung der Belastungen am Arbeitsplatz. Dafür müssen sich Betriebsräte und Gewerkschaften engagieren. Auch Arbeitgeber stehen in der Verantwortung. BetriebsärztInnen sollten sich künftig auch auf dem Gebiet der psychosomatischen Medizin auskennen, denn sie spielen bei der Gestaltung gesundheitsdienlicher Arbeitsplätze eine zentrale Rolle. Menschen sollten ihre Arbeit gerne tun. Auf Dauer leistungsfähig können jedoch nur diejenigen bleiben, die auch jenseits der Arbeit ein Leben führen, das ihnen Freude macht.

Die richtige Therapie gegen Beschleunigung und Verdichtung der Arbeitsabläufe, gegen permanente Hetze bei der Arbeit und Multitasking ist nicht in Psychopharmaka zu sehen, sondern in einer Begrenzung der Belastungen am Arbeitsplatz.

 

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer ist Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut. Er lehrt am Uniklinikum Freiburg, wo er als Oberarzt an der Abteilung Psychosomatische Medizin tätig ist. Bauer publizierte vielbeachtete Sachbücher. Zuletzt erschien im April 2013 sein Buch ‚Arbeit'.
 
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