Gesellschaft

Der buddhistische Psychologe und Psychotherapeut Matthias Ennenbach, 50 über den Unterschied zwischen herkömmlichen Therapieformen und der Buddhistischen Psychotherapie. Wofür eignet sich diese ganz besonders und muss man dazu Buddhist sein?

Was ist Buddhistische Psychotherapie?

Sie ist eine Verknüpfung der buddhistischen Lehre und Praxis mit einigen westlichen Wissenschaftsdisziplinen wie den Neurowissenschaften und verschiedenen Therapiemethoden. Die buddhistischen Themen werden vollkommen unreligiös genutzt. Zum Beispiel können wir die ‚Vier Edlen Wahrheiten' als therapeutische Strategie betrachten, als universell gültige Verständnis- und Handlungshilfe. Aus den westlichen Therapieverfahren werden auch schulenübergreifend viele bewährte Techniken aus der Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, klinischen Hypnosetherapie, um nur einige zu nennen, genutzt.

Was ist der Unterschied zwischen Buddhistischer und herkömmlicher Therapie?

In der Buddhistischen Psychotherapie (BPT) werden weder Fälle noch Störungen, sondern Menschen behandelt. Behandler und Hilfesuchende sind gleichwertige Wesen, die beide auf ihrem Weg sind. Vorhandene Probleme werden als ein natürlicher, also universeller menschlicher Vorgang erachtet und nicht als individueller Fehler. Das zeigt uns ja die ‚Erste Edle Wahrheit', die besagt, dass wir ausnahmslos alle immer wieder mit Problemen und Leiden konfrontiert werden. Es ist eine im guten Sinne bodenständige und auch spirituelle Therapie. Die spirituelle Seite fehlt heute in den Behandlungsmodellen fast vollkommen.

Warum soll ich eine Buddhistische Psychotherapie machen?

Stellen Sie sich folgende Fragen: Sind Sie wirklich glücklich, wenn Ihre Probleme nur kurz- oder bestenfalls mittelfristig gelindert werden? Oder spüren Sie, dass wir als Menschen mehr benötigen als Problemlinderung und materielle Absicherung?Dazu kommt, dass wir hinter vielen Symptomen weitere Ebenen erahnen, die wir würdigen und wahrnehmen sollten. Vielleicht praktizieren Sie schon länger Yoga, Meditation oder etwas anderes und merken, dass die Anfangserfolge nachlassen, dass Sie stagnieren. Aber warum ist das so?

Die Buddhistische Psychotherapie liefert differenzierte Einsichtsmöglichkeiten mit den Worten unserer Kultur und unseres modernen Verständnisses. Sie liefert vor allem konkrete Anleitungen zur Selbsterfahrung und natürlich auch zur Selbsthilfe.

Ist sie bei allen psychischen Störungen angebracht?

Ja. Es findet anfangs immer eine fundierte Anamnese statt, also ein klinisches Interview. Hier werden alle Aspekte der Persönlichkeit, mit allen Stärken und Schwächen, gewürdigt. Die folgenden Instruktionen sind dann vollkommen auf das Wohl des Hilfesuchenden angepasst. Bei sehr instabilen Menschen wäre die sofortige Tiefen-Meditation unangebracht, hier werden die Grundlagen der Geistesschulung lange trainiert: Körper- und Geisteshaltungsübungen und spezielle Atemübungen, um die körperliche Achtsamkeit zu stärken und damit im Hier und Jetzt bleiben zu können.

Was ist der Vorteil der Buddhistischen Psychotherapie?

Wenn Sie einen Therapeuten fragen „Was soll ich denn nur tun?", antworten viele immer noch: „Was würden Sie denn gerne tun?" Diese Hilfe zur Introspektion kann sinnvoll sein, aber dennoch müssen Therapeuten konkrete Hilfestellungen geben. Wir als BPT-Therapeuten gehen oft so vor: „Bitte stoppen Sie dieses Verhalten und probieren Sie für die nächsten vier Wochen einmal Folgendes aus. Danach schildern Sie mir, was sich verändert hat." Aber das ist nur eine Ebene. Sich Hilfe holen zu müssen ist immer noch mehr oder weniger schambesetzt. Hier einen Therapeuten, eine Therapeutin vorzufinden, der/die sich nicht drüberstellt, sondern der/die das Menschliche sieht, ist schon eine Wohltat. Aber auch der offene Rahmen, dass kleine Zipperlein ebenso gewürdigt werden wie ein spirituelles Vakuum, wird oft sehr geschätzt.

Für wen ist diese Form der Therapie geeignet?

Für Menschen, die sich interessieren und bereit sind, sich nicht nur behandeln zu lassen, sondern die Verantwortung für sich selbst übernehmen möchten. Ansonsten gibt es kein Ausschlusskriterium. Der Dalai Lama wiederholt oft, dass wir keine Buddhisten sein müssen, um vom Buddhismus profitieren zu können. Die Buddhistische Psychotherapie ist also für jeden geeignet, aber wie sehr jeder profitiert, hängt natürlich nicht nur von der BPT ab.

Wie funktioniert die Buddhistische Psychotherapie?

Der erste Schritt besteht darin, dass die Hilfesuchenden umfassend darüber informiert werden, wie der aktuelle Zustand verstanden werden kann und welche logischen nächsten Schritte folgen müssen. Ich habe schon erstaunt festgestellt, wie machtvoll das Erkennen sein kann. Oft können wir wohl zweifeln am menschlichen Verstand, aber dennoch kann uns ein Aha-Effekt zu einem Quantensprung verhelfen. Der zweite Schritt ist aber gleichwertig wichtig: geduldiges, regelmäßiges, wiederholtes Üben. Viele meinen, die BPT würde mittels buddhistischer Wunderkraft etwas bewirken, was sie selbst jahrelang nicht erreichen konnten. Die (Ent-)Täuschung lautet: keine Magie, sondern tägliches Einüben von heilsamen Techniken. Alles, was wir wiederholen, wird sich festigen. Das Unheilsame wie das Heilsame. Und hier finden wieder einmal die buddhistischen mit den westlichen Wissenschaftslehren zusammen: Wir können uns fundamental wandeln. Aber nur mit dem eigenständigen Erfahren und Üben.

Machen das nur Sie? Oder auch andere Therapeuten?

Es gibt sehr viele Buddhisten, die therapeutisch arbeiten. Aber nicht jeder benennt es so. Viele lassen ihr buddhistisches Wissen in ihre Arbeit einfließen. Interessanterweise gibt es unzählige Therapeuten, die buddhistisch arbeiten, oft, ohne es zu wissen. Entweder nutzen sie bereits Achtsamkeitsübungen oder MBSR-Techniken (Mindfulness-Based Stress Reduction nach Jon Kabat-Zinn; Anmerkung der Redaktion), die ihren Ursprung im Buddhismus haben, oder aber sie sprechen vom Unbewussten, von der Bedeutung des Hier und Jetzt, sie führen Lehrer-Schüler-Dialoge, arbeiten mit Meditation und Trance oder mit Träumen und Ähnlichem, ohne zu realisieren, dass alle diese Themen aus der buddhistischen Lehre stammen. Buddha kann als einer der ersten Therapeuten bezeichnet werden. Er wollte keine Götter finden, sondern unser menschliches Leiden lindern und lösen. Darauf basiert die Buddhistische Psychotherapie.

Wer hat diese buddhistische Behandlungsform entwickelt?

Die Ursprünge liegen im sehr alten Asien. Viele Menschen im Westen versuchen, die buddhistischen Lehren eins zu eins zu übernehmen, um sie ‚rein zu halten'. Aber der Buddhismus hat sich immer der jeweiligen Kultur angepasst, in der er sich einpflanzen wollte. Deshalb sieht der tibetische Buddhismus auch anders aus als zum Beispiel der japanische. Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, dass ich die buddhistischen Lehren für die Menschen, die zu mir kommen, in ihre Sprache übersetze. Dafür habe ich mittlerweile eine bestimmte Form gefunden, die Buddhistische Psychotherapie. Ich nutze viele Skizzen und Bilder, um unsere inneren Abläufe transparent zu machen und plakativ darzustellen. Das geschieht auf der Basis der Verknüpfung von Buddhismus und Neurowissenschaften. Diese spezielle Herangehensweise ist auch deshalb besonders effektiv, weil wir alle Bilder wesentlich besser aufnehmen können als lange Erklärungen. Und dieser von mir geschaffene Weg wird oft als neues Dharma-Tor (Dharma = Buddhistische Lehre; Anmerkung der Redaktion) empfunden, also ein moderner Weg, wie die buddhistische Lehre von uns Westlern verstanden werden kann.

Ist das eine anerkannte Methode?

Bei Amazon gibt es über 25.000 Bücher zum Thema Psychotherapie. Die Bücher der Buddhistischen Psychotherapie sind seit Erscheinen auf den ersten Plätzen zu finden. Also werden sie offensichtlich anerkannt.Aber die Krankenkassen – und das ist wohl gemeint mit der Frage – zahlen diese Methode nicht. Zurzeit finden Langzeitstudien zur Effektivität der Methode im Vergleich zu anderen Therapieverfahren statt. So kommt wohl in der nächsten Zeit zumindest die wissenschaftliche Anerkennung.

Inwieweit beziehen Sie sich auf Buddha und die frühbuddhistische Psychologie?

Für die verschiedenen Behandlungssituationen wähle ich eine buddhistische Weisheit aus und beschreibe sie mit Worten, die auch verstanden werden können. Die ‚Vier Edlen Wahrheiten' nutze ich zum Beispiel besonders oft. Es sind ja die Wahrheiten über das Leiden und unsere Möglichkeit, das Leiden zu beenden. Mit den Hilfesuchenden zusammen konkretisiere ich die buddhistische Lehre, um für die aktuelle Problematik einen Weg zu finden. Es geht nie um Mission und Lehre, sondern immer um konkrete Hilfe.

Muss man Buddhist sein?

Definitiv nicht. Nicht selten ist es sogar eine kleine Hürde. Viele Buddhisten meinen, die Lehre wäre schon Heilslehre genug und eine Psychotherapie daher fast schon Verrat am Buddhismus. Es gibt auch nicht wenige Fundamentalisten unter den Buddhisten. Oft stehen dann die Lehre, der Dalai Lama oder ein Symbol auf einem sehr hohen, unerreichbaren Podest. Das sind alles Zusatzprobleme. Buddha soll gesagt haben, die Lehre sei nur ein Floß, um zum Ufer der Befreiung zu kommen. Wir benötigen also keine Spezialisten für Floßbau. Wir benötigen eine klare Sicht auf das Ufer, das wir erreichen möchten. Und diesbezüglich sind eigentlich alle Menschen Buddhisten, denn wir möchten doch wohl alle nicht leiden, sondern glücklich und frei sein.

Sind Sie Buddhist? Welcher Richtung?

Ich verstehe mich als unreligiösen, aber spirituellen Buddhisten. Ich konnte in Asien und Deutschland viele Seminare, Retreats, Vorträge und Tagungen besuchen, aber ich fühle mich keiner Schule zugehörig. Ich durfte von sehr unterschiedlichen Menschen in meinem Leben lernen. Auch meine eigenen Leidenserfahrungen sind für mich prägend gewesen. Ich habe für mich selbst in meinen Krisen die unterschiedlichsten Techniken genutzt. Aber nichts davon kommt auch nur im Entferntesten an die heilsame Wirkungskraft der buddhistischen Lehre und Praxisübungen heran, die ich selbst für mich erfahren durfte. Da ich versuche, mich nicht mit bestimmten Vorstellungen zu identifizieren, kann ich deshalb auch nicht behaupten, Buddhist zu sein. Der buddhistische Lehrer Jack Kornfield hat kürzlich gesagt, es käme nicht darauf an, Buddhist zu sein, sondern Buddha zu sein.

Nennen Sie Ihre Therapie immer buddhistisch?

Es war für mich ein Weg des Lernens, bis ich es verinnerlichen konnte, meine Worte so zu wählen, dass sie von meinen Zuhörern verstanden und angenommen werden.Für manche Menschen wähle ich Begriffe wie Geistestraining, Üben, Ist-Analyse, Bilanz, Konzentrationstechnik, um nur einige zu nennen. Bei anderen nutze ich Begriffe wie Meditation, Achtsamkeit, buddhistische Weisheit. Aber das sind nur Worte. Das Verständnis ist wichtiger. Generell kann ich aber sagen, dass ich Sanskritbegriffe vermeide.

Welche Rolle spielen buddhistische Methoden wie Meditations- und Achtsamkeitspraxis?

Ein sehr bedeutsamer buddhistischer Pfad zur Befreiung verläuft dreistufig: Erkennen, Verinnerlichen, Verwirklichen. Wir müssen nicht nur die Ist-Situation erkennen, sondern auch heilsame Techniken wie die Meditations- und Achtsamkeitspraxis. Diese müssen wir zur Verinnerlichung regelmäßig üben, um sie dann zu verwirklichen. Zuerst stehen diese zentralsten Übungen der Meditations- und Achtsamkeitspraxis neben unserem Alltag. Das läuft eine Weile parallel, aber irgendwann müssen wir uns entscheiden: Entweder es bleibt so oder wir gehen in der Entwicklung weiter und lassen unseren Alltag mit unserer Meditations- und Achtsamkeitspraxis verschmelzen. Meditation ist ja keine Dauerentspannung, sondern im Gegenteil, achtsame Klarheit und Gewahrsein, was ist. Das Ziel ist nicht die Perfektion der Übungen, sondern die Integration in unser Leben. Dann wird alles, was wir tun, achtsam sein und alles wird Meditation.

Dr. Matthias Ennenbach, geboren 1963, arbeitet als approbierter und promovierter Psychotherapeut seit rund 20 Jahren in klinischen Kontexten, eigener Praxis sowie als Seminarleiter und Ausbilder für Buddhistische Psychotherapie.
 

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentare  
# Uwe Meisenbacher 2016-12-18 21:35
Sehr guter Beitrag! Auch für nicht Buddhisten.

Buddha sein Anliegen war, uns Menschen im Umgang mit dem alltäglichen Leiden zu helfen.
Darauf basiert auch die Buddhistische Psychotherapie.
Buddhas Pfad der Weisheit, "Mache das Heilsame, lasse das Unheilsame und ent-
wickle deinen Geist. Ist ein gut zu praktizierender Weg.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, heilsamen, buddhistischen Grüßen

Uwe Meisenbacher
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
Kommentar schreiben

Verwandte Artikel