Diskurs

Was haben Zen und Buddhismus gemeinsam? Erklärungsversuch einer Zen-Lehrerin.

Ich sitze auf meinem Meditationskissen und beobachte den Rauch des Räucherstäbchens, der Kringel und Spiralen in die kühle Abendluft zeichnet. Wie war doch gleich das Thema, über das ich schreiben sollte?
Ist Zen buddhistisch? Das klingt nach einer komplexen Frage. In meinen frühen Jahren als Wissenschaftlerin hätte ich mich begierig auf diese Frage gestürzt, hätte die Pros und die Kontras gegenübergestellt und mit großer Ernsthaftigkeit diese komplexe Frage bearbeitet. Aber es hat sich viel verändert. Unlust steigt in mir hoch. Was bringt es, über ein ‚künstliches Problem‘ nachzudenken, darüber zu schreiben?
Ist es wichtig für Menschen zu wissen, ob Zen buddhistisch ist, bevor sie anfangen, Zen zu üben? Oh ja, ich erinnere mich vieler, die schon gut Bescheid wussten und viele Bücher über Buddhismus gelesen hatten, bevor sie zu einer Schnupperstunde in unser Zentrum kamen, um Zen kennenzulernen. In einer Schnupperstunde wird nur das Nötigste erklärt. Danach wird gleich meditiert.
Die meisten kommen nie mehr wieder. So habe ich mit der Zeit gelernt, all jene, die Fragen zum Buddhismus hatten, sofort auf die Matte zu setzen. Dann waren sie entweder vom Nachdenken geheilt oder sie kamen nicht wieder und lasen weiterhin Bücher über Buddhismus – aber zu Hause. War in ihren Augen Zen zu wenig buddhistisch? Hatten sie sich etwas anderes erwartet?
Ich tue ihnen vielleicht Unrecht. Menschen sind verschieden. Buddhistische Gruppen auch. So werden Suchende eine Zeit lang zu spirituellen ‚Hoppern‘, die von einer Gruppe zur anderen hüpfen und prüfen, ob sie zu ihnen passt. Zen war eben nichts für sie.
Fragt man jemanden auf der Straße, was Buddhismus ist, kommen verschiedene Assoziationen: „Leben ist Leiden“, ist eine der Antworten, die Kurzfassung der sogenannten ‚Vier Edlen Wahrheiten‘. Viele denken an gelb gekleidete Mönche, an den Dalai Lama als eine Art buddhistischen Papst, an tibetische Gebetsfahnen, an Buddha-Statuen oder dass man als Regenwurm wiedergeboren werden kann. Damit hat Zen nichts zu tun.

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Der Weg nach innen
In unserem Zen-Zentrum Mishoan in Wien fehlt die Buddha-Statue. Sie sind schön, diese Statuen. Sie sehen so friedlich aus, die vollkommen Erleuchteten, in Holz geschnitzt oder in Bronze gegossen. So wollen wir doch alle sein. Deshalb stehen sie da. Oder doch nicht? Sollen sie Verehrungsobjekt sein wie der heilige Blasius und der heilige Antonius in unseren katholischen Kirchen? Heilige Gestalten, die uns beistehen in Not? Oder Identifikationsfiguren, die uns Vorbild sein sollen?
Nein, im Zen nicht. Schließlich hat der erste chinesische Zen-Patriarch, Bodhidharma, auf die Frage des Kaisers Wu-Ti gesagt, was die Essenz des Buddhismus sei: „Offene Weite, nichts von heilig.“ Er wandte sich gegen die Verehrung äußerer Objekte und Personen und gegen die Dualität von Heiligkeit und Profanem.
Seit Jahren frage ich mich, ob das puristische Zen zu den bunten Ritualen, Gesängen und Niederwerfungen vor Buddha-Statuen anderer buddhistischer Gruppen passt.

Am Anfang steht Buddha
Beginnen wir von vorne. Zen geht auf den historischen Buddha zurück. Die Linie der Zen-Patriarchen, die die Lehre durch die Jahrhunderte mündlich weitergegeben haben, beginnt mit Buddha. In China wurde Zen ganz klar als Teil des Buddhismus verstanden, auch wenn die Zen-Klöster weniger unter den Buddhistenverfolgungen mit ihren Schriftenverbrennungen zu leiden hatten als andere Klöster, da Zen durch mündliche Überlieferung weitergegeben wird. Auch in Japan sind heute Zen-Tempel Teil der buddhistischen Landschaft. Jeder japanische Zen-Roshi sieht sich eingebettet in die buddhistische Tradition.
Und doch: Hat einer meiner Zen-Lehrer die ‚Vier Edlen Wahrheiten‘ gelehrt? Nein. Die zwölfgliedrige Kette des abhängigen Entstehens, Pratityasamutpada? Nein. Nicht einmal den ‚Achtfachen Pfad‘. Alles Lehren, die in anderen buddhistischen Richtungen zentral sind.

„Offene Weite, nichts von heilig.“


Wie man meditiert, welche Haltung richtig ist, wie man sich im Zendo verbeugt: Das wird gelehrt und vorgezeigt. In manchen Fällen werden Koans – das sind Zen-Geschichten – zur Schulung herangezogen. Es geht immer um die Praxis, um das Hier und Jetzt. Es geht um den individuellen Menschen, nicht um Prinzipien. Die Welt wird nicht erklärt, keine fremden Bilder sollen den Geist vernebeln. Jeder und jede bemüht sich um seine oder ihre ureigene Sicht der Welt. Es wird praktiziert und die Sichtweise dadurch ‚poliert‘, berichtigt. Eigene Ansichten und Vorurteile werden blasser.
Wenn Zen allgemein anerkannte buddhistische Inhalte nur rudimentär lehrt, dann könnte man, statt zu fragen „Ist Zen buddhistisch?“, auch die Gegenfrage stellen: „Sind viele, die auf der Suche nach Buddhismus sind, nicht vielmehr auf der Suche nach ihrem Bild des Buddhismus?“
Menschen, die lange Zen üben, verändern sich. Auf das Tierleid achten, achtsam mit der Umwelt umgehen, mehr mit der Bahn und mit dem Fahrrad fahren, bewusster leben, Vegetarier oder Veganer sein: All das ergibt sich nahezu von selbst, ohne dass es Regeln gibt, ohne den erhobenen Zeigefinger. Insofern ist Zen ‚buddhistisch‘. Die Zen-Praxis führt zu einem Leben im Geiste des Buddhismus. Die Praxis hat Vorrang, die ‚Lehre‘ entsteht von selbst aus ihr.

Eine Frage der Systematik
Die Silbe -ismus steht oft für eine Lehre. Als die ersten Nonnen und Mönche nach Japan kamen, erforderte nicht nur der neue, sondern auch der einheimische Kult einen neuen Namen. Die einheimischen Kulte fassten sie unter ‚Der Weg der Götter‘ (kami no michi) zusammen, bei uns als Schintoismus bezeichnet. Die neue Religion hieß die Lehre des Buddha – bukkyo. Beide sind schon sprachlich keine -ismen.
Die Bezeichnung ‚Buddhismus‘ und die ‚Lehre des Buddha‘ – ich frage: Ist das nicht ein Unterschied? Meine Gedanken verzweigen sich. Warum heißt es Christentum und nicht Buddhatum? Christologie ist die Lehre über die Person und die Bedeutung von Jesus Christus. Buddhologie wäre demzufolge nur die Erforschung des historischen Gautama Buddha.
Nun merke ich, dass sich in meinem Kopf Gedankenwirbel bilden. Sind nun Lehre des Buddha und Buddhismus ident?
Was zeichnet denn alle -ismen aus? Davon gibt es ja einige in Europa. Es gibt den Sozialismus und den Kapitalismus, den Liberalismus und den Islamismus. Halt, das ist doch etwas ganz anderes, oder?
Alles wehrt sich in mir, Zen in diesem Zusammenhang als ‚Ismus‘ zu sehen. Haben ‚Ismen‘ nicht Dogmen? Ein Lehrgebäude wie ein Modell, das die Welt aus einem ganz speziellen Aspekt interpretiert? Wie kann sich Zen einem ‚Ismus‘ unterordnen?
Schließlich merke ich, dass diese Gedanken mir Kopfweh bereiten. Sie zielen auf Definitionen und Zerteilungen ab – und gerade nicht auf Erkenntnis. Ach, was soll’s, ist es nicht völlig egal, ob Zen buddhistisch ist oder nicht?
Nun ist wirklich Zeit, sich Wichtigerem zuzuwenden. Ich setze mich auf meinem Meditationskissen zurecht.

Die Schlussfrage:
Sie, die diesen Artikel lesen, hatten sich für die Frage interessiert: „Ist Zen buddhistisch?“ Hier ist meine Antwort: „Haben Sie heute schon meditiert?“

Tipp zur Vertiefung: Fleur Sakura Wöss, Innehalten, Kösel Verlag 2017

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