Diskurs
Der deutsche Soziologe Werner Vogd von der Uni Witten/Herdecke und Hendrik Hortz, Herausgeber der Ursache\Wirkung, diskutieren über Chancen und Gefahren einer Lehrer-Schüler-Beziehung im Buddhismus.
Ich treffe heute Werner Vogd. Er ist Soziologe, Biologe und Anthropologe und lehrt an der Universität Witten/Herdecke. Werner Vogd ist Autor des Buches „Der ermächtigte Meister“, in dem er den Skandal um den buddhistischen Lehrer Sogyal Rinpoche systematisch beleuchtet. In jüngster Vergangenheit erschütterte nicht nur dieser Skandal die buddhistische Community, auch viele weitere Gruppen fielen durch Affären auf. Vor diesem Hintergrund wollen Professor Vogd und ich uns über das traditionelle Guru-Konzept im Buddhismus unterhalten. Die Bindung an einen spirituellen Lehrer kann enger sein als an die Familie. Viele Emotionen sind im Spiel. Sie lassen sich nutzen, aber auch ausnutzen. Eine Frage, die ich mir schon lange stelle, ist, ob das aus Asien stammende Konzept der engen Lehrer-Schüler-Beziehung nicht überholt ist, beziehungsweise überhaupt für den Westen taugt.
 
Hendrik Hortz: Lieber Werner Vogd, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Wir sitzen bei einer Tasse Tee zusammen. Leider nicht persönlich, aber per Skype verbunden.
 
Werner Vogd: Ich freue mich auch auf das Gespräch. Es ist ein weites Thema.
 
Es gab in jüngster Vergangenheit eine ganze Reihe trauriger Ereignisse in westlichen buddhistischen Gemeinschaften. Der Shambala-Leiter Sakyong Mipham ist nach Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten. Noah Levine, Gründer von Against the Stream, ist mit dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs konfrontiert. Der Skandal um den kürzlich verstorbenen Sogyal Rinpoche, Leiter des spirituellen Netzwerks Rigpa, erschütterte die Szene. Jüngst nun werden Vorwürfe gegen Dari Rinpoche, einen angesehenen Lehrer, wegen sexueller Belästigung bekannt. In all diesen Fällen wurde viel Leid geschaffen. Kann es sein, dass Menschen mit bestimmten psychischen Konditionen anfällig sind, sich in solchen destruktiven Strukturen wiederzufinden?
 
Das würde ich, glaub ich, nicht sagen. Es sind meiner Meinung nach völlig durchschnittliche Menschen aller Bildungsschichten betroffen. Den Leuten wird schon gesagt, dass der Lama, der Lehrer, etwas ungewöhnlich ist, und dann erwartet man auch etwas dementsprechend Ungewöhnliches. Das ist wie in einer Firma, deren Chef immer wieder Dinge tut, die schwer zu verstehen und gutzuheißen sind. Irgendwann wird das Ganze dann so groß, dass es schwer ist, da auch wieder auszusteigen. Gerade wenn es ein berühmter oder in anderen Bereichen erfolgreicher Mensch ist, möchte man das auch nicht aufgeben. Dann schaut man vielleicht zu lange weg. Am Ende ist man selber verstrickt. Ich glaube, das kann eigentlich jedem passieren. Ich finde, dass es auch falsch ist, zu sagen, das könnte Ihnen oder mir nicht passieren, weil wir ja so aufgeklärt sind.
Buddhismus
 
Häufig wird den Menschen von Gurus versprochen, „bei uns findest du den schnellsten Weg zur Erleuchtung“. Das habe ich vom Shambala genauso gehört wie von Rigpa. Die eigene Tradition wird als authentisch bezeichnet und andere buddhistische Traditionen nicht nur implizit herabgesetzt, sondern häufig auch offen. Und natürlich ist der Guru erleuchtet. Er kann deshalb nicht kritisiert werden. Aber dann sind da die offensichtlichen Unzulänglichkeiten des erleuchteten Meisters. Da fehlt Mitgefühl, da ist Sex- oder Drogensucht. Ich habe bislang keine Erleuchteten in diesen Gruppen finden können. In den Gemeinschaften geschieht aber nicht nur Missbrauch, sondern er wird auch geleugnet. Den Leuten wird gesagt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
 
Genau. In der Recherchephase zu meinem Buch haben wir einen Mann interviewt, der zehn Jahre bei Rigpa mit Herz und Seele dabei war. Er zog sogar mit seiner Frau in die Nähe des Hauptzentrums nach Frankreich. Dann bemerkte er, dass es dort auch „Frauengeschichten“ gab. Am Anfang hat er das noch alles abgelehnt und seiner Wahrnehmung nicht getraut: „Das kann ja nicht sein, dass mein Lehrer sich nicht korrekt verhält.“ Die Vorfälle waren dann jedoch so offensichtlich, dass er sie nicht mehr verdrängen konnte. Die Gemeinschaft forderte ihn auf, an sich selbst zu arbeiten. Er sehe die Dinge aufgrund seiner unreinen Sicht im verkehrten Licht. Der Lehrer ist absolut rein! Da merkte er, dass er alleine war. Wäre seine Frau nicht auch ausgestiegen, hätte er wohl, wie viele andere, massive psychische Probleme bekommen und wäre unter Umständen in einer psychiatrischen Klinik gelandet.
 
Ja, Menschen können sexsüchtig oder alkoholsüchtig sein, auch buddhistische Lehrer. Ich denke da etwa an Chögyam Trungpa, Gründer der buddhistischen Gemeinschaft Shambhala. Man wusste, dass er Alkoholiker ist. Es ist immer noch eine unheilvolle Situation, aber sie wurde immerhin nicht verschleiert.
 
In der systemischen Fachsprache würde man sagen, es sind doppelte Botschaften. In der Eigenlogik des Crazy Wisdoms (Der Begriff bezieht sich auf unkonventionelles und unvorhersehbares Verhalten eines spirituellen Lehrers, das bewusst eingesetzt wird, um einem Schüler eine Lektion zu vermitteln, Anm. d. Red.) wäre es so, dass solche Zumutungen zur Erleuchtung führen. Wenn allerdings alles so durcheinander ist, dass die Leute nicht mehr wissen, was oben und unten ist, springen sie eben nicht in die Erleuchtung rein, sondern in Chaos, Traumatisierung und Abwehr – das können wir empirisch sagen.
 
Wie geht es diesen Menschen?
 
Wir treffen dann nicht auf Leute, die einen klaren Geist haben. Im Gegenteil, sie sind vollkommen durcheinander. Zudem ist es ja ein zentrales Ziel der buddhistischen Praxis, Mitgefühl zu entwickeln. Die an solchen Sucht- oder Machtdynamiken Beteiligten entwickeln aber kein wirkliches Mitgefühl. Das lässt sich daran sehen, dass sie sagen, die Kritiker sowie Opfer sind verrückt oder lügen. Da gibt es kein mitfühlendes Verständnis für ihr Leiden. Es gibt auch kein Mitgefühl dem Lama gegenüber. Wenn er sexsüchtig oder verwirrt ist, dann müsste man ihm doch helfen. Aber das geschieht nicht. Man will ihn nicht als einen leidenden Menschen sehen und verklärt ihn stattdessen zu einem Gott.
 
In solchen Gruppen wird Erleuchtung versprochen, aber im schlimmsten Fall gehen Menschen da traumatisiert raus. Es soll ja auch Suizide gegeben haben. Ich nehme wahr, dass gerade im Mahayana, im tibetischen Buddhismus und im Zen eine Augenhöhe zwischen Schüler und Lehrer oft nicht gegeben und auch nicht gewollt ist. Wir haben, der Aufklärung geschuldet, ein völlig anderes Menschenbild als Asien. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, schrieb Kant. Wir sind gewohnt, ohne Bevormundung auf die Suche nach Erkenntnis zu gehen. Bei Rigpa wurde den Kritikern aber gesagt, dass sie durch das offene Ansprechen der dortigen Missstände ihre Gelübde gebrochen haben, dass sie nun in die Vajra-Hölle kommen. Ihnen wurde sogar die Schuld gegeben an der Krebserkrankung Sogyals.
 
Das ist natürlich magische Verblendung. Die Bindung zum Lehrer hat ja nur einen methodischen Sinn, nicht einen absoluten. Man übt sich darin, selbst so zu sehen, wie der Meister und nimmt ihn als Vorbild. Die buddhistischen Lehren zielen in der tiefsten Dimension darauf hin, zu erkennen, dass wir Menschen vergänglich, verletzlich, schwach, leidend, unwissend und unperfekt sind. Erst wenn wir das sehen, können wir uns so annehmen, wie wir sind. Dies ist der Schlüssel zur Befreiung, sich als Mensch so sehen zu können, wie man ist – mit all seinen Schwächen. Nur auf diese Weise können wir unsere Gegenwart, wie sie ist, akzeptieren. Das können wir von Sogyal Rinpoche oder Chögyam Trungpa lernen: Auch sie sind schwach, vergänglich, möglicherweise traumatisiert. Selbst Menschen, die lange die buddhistischen Lehren praktizieren, haben nicht unbedingt ihre Schwächen überwunden und brauchen entsprechend weiterhin Hilfe und Unterstützung.
 
Was wäre ein optimaler Weg?
 
Wenn wir die Lehrer- Schüler-Beziehung in diesem Sinne nutzen, können wir uns selber in unseren Bedingtheiten und Schwächen akzeptieren lernen, was uns hilft, uns selbst und anderen weniger zuschaden. Wenn wir dem gegenüber glauben, der Lehrer kann uns in den Himmel führen, wenn wir ihm blind folgen oder uns bestrafen, wenn wir uns von ihm abwenden, dann unterliegen wir einer magischen Projektion. Zudem verführen wir verwirrte Lehrer auch selbst dazu, zu glauben, sie wären allmächtig und alles, was sie tun, wäre richtig.
UW 110 Interview Vogd 4 
Da gab es furchtbare Beispiele.
 
Der promiske Ösel Tenzin, der Nachfolger von Trungpa, warder festen Überzeugung, dass seine Aids-Erkrankung beim Geschlechtsverkehr nicht übertragen wird, da er durch tibetische Mantren und die assoziierten Schutzgeister geschützt ist. Was für eine Verblendung! Das zeugt von einem großen Ego, ebensowie die Auffassung, einen besonders mächtigen Lama zu haben.
 
Welche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler haben Sie erlebt?
 
Die ganze tantrische Übung zielt eigentlich darauf, mit dem Lehrer auf Augenhöhe zu kommen. Der Sinn der ganzen Praxis ist, zu erkennen: Der ist genauso Mensch wie ich, genauso bedingt, genauso vergänglich, wie jedes andere Wesen auch.
 
Was folgt daraus?
 
Ich nehme das als ein Kriterium für Erleuchtung. Man schafft es, auf Augenhöhe zu kommen.  Das ist, was die buddhistischen Lehren anbieten. Sie bieten an, zu erkennen, dass alle Wesen gleich sind. Dazu gehört vor allem die Einsichtin in die menschliche Bedingtheit. Wie jedes Wesen hat auch jeder Mensch Schwächen und Stärken, auch ein buddhistischer Lehrer. Zu wissen, ich bin Zen-Meister, habe aber dennoch diese oder jene Schwäche – wenn das jemand verkörpert und erfahren hat, ist er psychoanalytisch gesehen raus aus der Übertragung. Für ihn gibt es niemanden mehr, der höher ist oder niedriger. Das ist für mich als Soziologe ein Indiz für Befreiung oder Erleuchtung.
 
Das alles ist so bei Rigpa aber nicht aufgetreten.
 
Ja, leider. Mich hat erstaunt, dass Leute selbst nach einem Dreijahresretreat nicht die Reife erlangten, diese Beziehungsdynamiken zu durchschauen. Sie sollten an diesem Punkt eigentlich bereits selbst zum Lehrer geworden sein. Sie konnten nicht sagen: „Sogyal ist nicht besser, weiß auch nicht mehr als ich. Vielleicht kennt er sich besser in den Schriften aus. Er ist aber nicht befreiter. Er ist weder weniger noch mehr als ich selbst.“ Es hätte eigentlich der Punkt kommen müssen, wo eine Symmetrie eintritt. Sogyal behauptete, das sei bei den Westlern so schwierig, deswegen habe er noch keinen Nachfolger benannt.
 
Was zeigt dieses Beispiel?
 
Dass man aus solch einem System des überzogenen Lehrerkults nicht so leicht herauskommt. Vielleicht ist das auch gar nicht gewünscht, denn im tibetischen Buddhismus geht es dann oft auch um weltliche Macht. Ich denke, gerade der tantrische, tibetische Buddhismus ist letztlich nicht gut für den Westen. Die Tibeter – zumindestdie Mitglieder des Klerus – wissen genau, dass nicht wenige von ihnen das Tuku-System für eigene Bedürfnisse ausnutzen. Der Dalai Lama versucht, Reformen durchzuführen. Das Tantrische ist allerdings so mit Missverständnissen beladen, man rutscht in eine magische Welt hinein. Da liegt dann der spirituelle Materialismus sehr nahe, in dem sich westliche Schüler verfangen. Man möchte Kontrolle über die spirituelle Welt haben, dabei geht genau das nicht zusammen mit der mitfühlenden Teilhabe an einer Welt, die so ist, wie sie ist, und deshalb gerade nicht kontrolliert werden kann.
 
Es scheint, dass sich in vielen Gruppen des tibetischen Buddhismus ähnliche Strukturen zeigen. Da sind dann die Tulkus aus Tibet, sie gelten als Reinkarnation eines früheren Meisters, und niemand im Westen kann mit ihnen auf Augenhöhe agieren. Wenn es dann einen westlichen „Lama“ gibt, wie Ole Nydahl beim Diamantweg, dann scheint sich dasselbe zu reproduzieren. Alles ist auf den Guru zugeschnitten.
 
Dennoch bin ich aber der Überzeugung, dass man das Lehrer-Schüler-Modell im Buddhismus nicht streichen kann. Man braucht immer wieder Leute, in die man sich erst mal hinein projiziert, um sich dann irgendwann zu lösen. In der Psychotherapie ist das auch so. Den buddhistischen Pfad gehen, ist, als würde ich eine Psychoanalyse machen – nur viel tiefgründiger. In so einem Prozess gehe ich rein und reflektiere mich selbst mithilfe eines Lehranalytikers. Die ersten zwei Jahre ist es klar, dass es der tollste Analytiker der Welt ist. Wenn ich aber ins dritte Jahr komme und die Lehranalyse abgeschlossen ist, dann müsste ich eigentlich den Sprung machen, dass ich verstehe, dass der Analytiker auch nicht anders ist als ich. Er hat auch ähnliche Probleme.
 
Ernüchterung als Element der Befreiung?
 
Oder der Gedanke, dass ich mich weiter entwickelt habe, weil ich loslassen kann. So eine Beziehung ist gut. Das gilt auch für den buddhistischen Lehrer. Bei einem gesunden Menschen müsste man annehmen, dass er nach fünf Jahren zu sich kommt. Passiert nach zehn Jahren nichts, müsste man sich vielleicht Sorgen machen. Mein Fazit ist: Ein Lehrer hat eine wichtige Funktion im Buddhismus, sofern es in einem überschaubaren Zeitrahmen zu einer Emanzipation des Schülers kommt. Es ist immer ein Warnsignal, wenn das nicht passiert.
 
Danke für diese Perspektive.
 
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Kommentare  
# U Abhaya 2019-12-28 18:57
Sehr guter Artikel! Danke an Herausgeber und Interviewten.
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# Johannes 2020-01-05 16:35
"Ist der Guru noch zeitgemäß?"
Das müssen Sie den Guru fragen.
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