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Es war keine Entscheidung, ein politischer Mensch zu sein. Ich habe mich immer für das Zusammenleben in der Gesellschaft interessiert und auch meinen Beruf dementsprechend gewählt. 2005 kam ich erstmals mit Flüchtlingen in Kontakt.

Ich dachte zwar immer, ich wüsste, was Flucht bedeutet, in Wahrheit hatte ich aber keine Ahnung, wie das ist und wie wir in Österreich mit diesen Menschen umgehen. Leute, die laufen müssen, die alles hinter sich lassen, die alles verlieren, um zu überleben, haben immer Schreckliches hinter sich. Folter, Verfolgung und Krieg: Die meisten hier bei uns können sich das gar nicht vorstellen. 


Als Psychologin habe ich das Privileg, diesen Menschen zuzuhören. Viele sind schwer traumatisiert. Die Schrecken liegen zwar hinter ihnen, doch werden sie immer wieder von dem erlebten Grauen eingeholt. Sie sehen etwas, hören ein bestimmtes Geräusch oder riechen einen bestimmten Geruch – es gibt viele Auslöser für diese sogenannten Flashbacks, die Flüchtlinge von einer Sekunde auf die andere ihre traumatischen Erlebnisse aus der Vergangenheit wiedererleben lassen. Auch tagsüber, sie kippen einfach weg. Viele werden nachts in ihren Träumen gepeinigt. Posttraumatische Belastungsstörung ist der Fachbegriff dafür.

Heute, als Geschäftsführerin des Betreuungszentrums Hemayat, haben wir uns zur Aufgabe gemacht, Folter- und Kriegsüberlebende, die in Österreich Zuflucht suchen, psychologisch und psychotherapeutisch zu betreuen. Wir hören jeden Tag die furchtbarsten Schicksale, auch nach Jahren bin ich jedes Mal wieder aufs Neue erschüttert, was Menschen anderen Menschen antun können.

zuhören

Was mich motiviert, ist, wie einfach diesen Menschen in Wirklichkeit geholfen werden kann. Auch wenn die Krankheitssymptomatik dramatisch ist, lässt sich mit Psychotherapie bei posttraumatischen Belastungsstörungen in relativ kurzer Zeit unheimlich viel erreichen. Es ist fantastisch, mit welch einfachen Mitteln man helfen kann. Zuzuhören und die Geschichten auszuhalten ist ein ganz wesentlicher Teil. Auch die Versicherung, dass die Symptome, die sie erleben, eine normale Reaktion des Gehirns sind, wirkt für Betroffene erleichternd, viele haben einfach Angst, dass sie verrückt geworden sind. Es gibt zwar unterschiedliche Grade von Traumatisierung, aber im Durchschnitt reichen zehn bis 15 Stunden Psychotherapie aus, um Traumatisierte aus der permanenten Alarmsituation, in der sich ihr Organismus befindet, zu befreien. Derzeit haben wir 415 traumatisierte Flüchtlinge, darunter 88 Minderjährige, auf der Warteliste von Hemayat. 850 Euro für jeden würden genügen, sie von ihrem Leid zu befreien. Es geht nicht um Milliardenbeträge, aber trotzdem werden uns die entsprechenden finanziellen Mittel nicht gewährt.

Eine wichtige Erkenntnis aus der Forschung ist, dass für Traumatisierte ein sicheres soziales Umfeld und ein geregelter Tagesablauf entscheidend für die Überwindung ihrer Erlebnisse sind. Was wir in Österreich derzeit allerdings sehen, ist, dass die Asylverfahren lange dauern und die Betroffenen in einem permanenten Zustand der Unsicherheit gehalten werden.

Auch die Möglichkeit, einer geregelten Beschäftigung nachzugehen, wird erschwert. Hemayat ist Arabisch und bedeutet Schutz. In meiner Arbeit mit Flüchtlingen erlebe ich jeden Tag wieder, wie essenziell Schutz und Wertschätzung sind, um mit den Folgen des Schreckens leben zu lernen. Ich weiß, dass Psychotherapie dabei hilft. Das lässt mich weitermachen.

Cecilia Heiss ist Geschäftsführerin von Hemayat, dem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende in Wien. www.hemayat.org.

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