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Unbewusstsein: wenn die Kundalini-Schlange schlummert. Kundalini wird durch eine eingerollte Schlange versinnbildlicht, die am untersten Ende des Rumpfes im menschlichen Körper schläft. Aus diesen Tiefen säuselt sie manchmal kaum hörbar zu uns. 

Diese verborgene Kraft sucht nach endgültiger, nicht nur temporärer Befreiung aus den Engen unseres Daseins, so dass sich das vollständige Potenzial jedes Einzelnen entfalten kann.
Die Kundalini-Kraft wird schlafend dargestellt, weil wir im Alltagsbewusstsein nur einen sehr begrenzten Teil unserer unendlichen Möglichkeiten ausschöpfen. Eingerollt hat sich die Kundalini-Schlange, weil sie sich nicht aus ihrem Versteck am untersten Ende der Wirbelsäule traut, solange wir nicht selbst kompromisslos an unser Potenzial glauben. Die Kundalini-Schlange will mit Mut und Selbsterkenntnis gefüttert werden, um einen guten Grund zu haben, ihre kuschelige Couch zu verlassen. Tun wir das nicht, tut sie es auch nicht. Ein fairer Deal.
Die Hauptursache, warum es uns nicht gelingt, die Kundalini-Kraft zu entfalten, liegt darin, dass wir unsere Energien auf den falschen Spielfeldern verpulvern. Im unbewussten Zustand plagen uns zwei verschiedene Arten von Konflikten, die derart viel Energie benötigen, dass für die Schlange nicht mehr viel übrig bleibt.

1. Energieverlust durch das Erfüllen von Erwartungshaltungen
Im gewohnten Zustand des Unbewusstseins verfallen wir häufig in eine starke Form der sozialen Anpassung. Nachdem jeder unbewusste Mensch von externem Zuspruch und externer Bestätigung abhängig ist, um Glücksgefühle zu entwickeln, geht viel Energie durch Reibung verloren.
Reibung entsteht immer dann, wenn unsere eigenen Bedürfnisse und Interessen sich nicht mit gesellschaftlichen Bedingungen decken.
Anforderungen alteingesessener Beziehungsrollen sind beispielsweise meist schon in sich nicht besonders schlüssig, wenn man Wunschvorstellungen wie die der ‚heiligen Hure‘ als Frau und den ‚abenteuerlustigen Familienversorger‘ als Mann hernimmt. Auch Chef, Mutter, Kind und Freunde haben ihre eigenen Bilder von uns entwickelt, denen wir gar nicht immer entsprechen wollen, es aus einem Gefühl von Zwang aber dann doch tun.
Als wenn diese Erwartungen nicht schon gegensätzlich genug wären, steht irgendwo dazwischen auch noch ein Mensch. Du. Das ist ungefähr so, als wenn ein einziger Kellner fünfzig Tische im Sternelokal bedienen müsste: sehr energieaufwendig, wenn man es allen recht machen will. Wirtschaftlich formuliert, betreiben wir dann ein Outsourcing unserer Kernkompetenzen, indem wir extern definieren lassen, wer wir zu sein haben. Jeder, der mit diesen Worten etwas anfangen kann, weiß, dass das kein gutes Geschäftsmodell ist.
Das daraus entstehende Reibungspotenzial erschwert es uns, Energien sinnvoll einzusetzen und in Frieden mit uns selbst zu kommen. Wenn wir uns durch Unbewusstheit nicht im Klaren darüber sind, wer wir wirklich sind, geht ein Großteil unserer Energie auf der Suche nach unserer Identität verloren.
Wir sind uns alle einig, dass wir deswegen nicht in eine Berghöhle ziehen wollen, um uns Reibungsenergie durch soziale Kontakte zu ersparen. Das ist auch gar nicht nötig. Ab und zu genügt es, sich zu fragen:
• Tue ich das, was ich tue, für mich oder für jemand anderen beziehungsweise weil es von außen erwartet wird?
• Oder anders gefragt: Bin ich der Pilot, der entscheidet, wohin mein Flugzeug fliegt, oder ist es nur der Wind, der mich dahin trägt, wohin es ihm gerade passt?
Wenn wir dazu ganz eindeutig sagen können „Ja, ICH sitze fest im Pilotensattel meines Lebens!“, dann aktivieren wir unsere Kundalini-Energie. Es gibt aber noch einen weiteren Konflikt, der uns Energien von dort abzieht, wo wir sie gut gebrauchen könnten:
2. Energieverlust durch den Kampf zwischen unverwirklichtem und verwirklichtem Potenzial
In der Bhagavad Gita dreht sich alles um unsere inneren Kämpfe. Einer davon spielt sich zwischen der Energie der Selbstverwirklichung ab, die bereits Gestalt angenommen hat, und jenem Teil, der noch unverwirklicht ruht. Es handelt sich um einen Konflikt zwischen bewusstem und unbewusstem Potenzial. In uns herrscht dadurch ein permanenter Ausnahmezustand, der die Wurzel vieler Probleme ist.
C. G. Jung hat das Thema ausführlich behandelt und übersetzt Kundalini mit ‚Anima‘, dem göttlichen Drang, der das Unterbewusstsein erweckt. Das Unterbewusstsein ist neben unseren unendlichen Möglichkeiten auch das Zuhause von einer Vielzahl an unterdrückten (negativen) Elementen. Der verwirklichte Teil versucht, so wenig wie möglich davon zutage zu fördern. Das erspart uns viele unangenehme Auseinandersetzungen mit uns selbst. Jener Teil von Kundalini, den wir durch das Unbewusstsein nicht im Leben manifestieren, ist allerdings destruktiv. Demgegenüber ist der Teil, den wir in Erscheinung bringen, schöpferisch und kreativ. Letzteres umfasst positive wie negative Elemente gleichermaßen. Das Erwecken der Kundalini ist nämlich mit der Erkenntnis verbunden, dass es diese Unterteilung von positiven und negativen Elementen in uns gar nicht gibt. Vielmehr ist diese Kategorisierung aus den oben erwähnten gesellschaftlichen Erwartungshaltungen entstanden.
Geraten diese Energien (verwirklichte/unverwirklichte) in Konflikt, wollen sie sich wie eine Gewitterwolke entladen. Dann suchen wir Erleichterung und müssen uns von der Last abreagieren.
„Mit dem Bewussten wirst du fertig, aber mit einer Explosion des Unterbewussten verlierst du allen Halt. Du kannst es nicht im Zaun halten.“ Osho
Jeder hat so seine Methoden, mit solchen Situationen umzugehen. Der eine entlädt sich durch ein wohltuendes lautes Schreien, der andere durch exzessive Bewegung. Der gebräuchlichste, aber auch schwierigste Fall ist, wenn wir gleichzeitig Vollgas geben und auf die Bremse steigen. Im schwarzen Dunstkreis stehen dabei oft die Menschen, die wir lieben. In unserer Art zu kommunizieren, lassen wir negative Energien raus, mit denen wir selbst nicht umgehen können. Wie soll es dann aber erst dem Gegenüber gelingen, uns zu verstehen? Häufig entstehen dadurch (wenig verwunderlich!) Konfliktsituationen.
Wir werfen unsere Energien zum Fenster hinaus, als würden wir welche zu verschenken haben, beschweren uns gleichzeitig aber, ausgelaugt zu sein. Die Energie fließt in solch einem Fall von innen nach außen. Das, was uns innerlich an Kraft zur Verfügung steht, lassen wir ungenutzt verpuffen. Unser tatsächliches Energiepotenzial bleibt ungenutzt. Es verpufft gemeinsam mit unseren Träumen. Die Bewegung von innen nach außen ist permanent mit Erwartungen und Hoffnungen an andere verbunden. Sie bringt abwechselnd Gefühle von Vergnügen und Erschöpfung – je nach Erfüllungsgrad. Da um uns herum keine Stabilität herrscht, sondern ein stetiger Veränderungsprozess, kann diese Herangehensweise niemals zu einem dauerhaften Zustand von innerer Ruhe und Zufriedenheit führen.
Im Optimalfall fließt die Energie daher umgekehrt: von außen nach innen. Sie wird dann fruchtbar für die schönen Dinge des Lebens, um die es im folgenden Abschnitt geht.

Fortsetzung folgt am 19.10.17.

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