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Kürzlich hat mich Richard besucht – nein, seine Aussage über mein Rekrutierungsproblem hat uns nicht dauerhaft entzweit. Auch wenn ich immer noch nicht seiner Meinung bin, haben wir doch eine sehr anregende Verständigungsebene gefunden. Das Rekrutierungsproblem hat er übrigens auch, aber das ist eine andere Geschichte.

Sommer in Salzburg bedeutet immer viiiel Musik, viiiele Promis, viiiel Tamtam. Und weil diese Zeit des Jahres eben einzigartig ist, kann man die Stadt ruhig einmal so zwischendurch besuchen. Das hat Richard getan, und wir haben sogar noch Konzertkarten ergattert. Die Vorgaben von Richard: „Irgendwas Zeitgenössisches und Mozart.“ Seit ‚wir‘ einen neuen Intendanten haben, geht das immer, denn er verkauft das Atonale ja stets zwischen den Klassikern, um den modernen Komponisten auch ein Publikum zu verschaffen. Geschenkt. Und nicht immer hat man den Drang, sich die Ohren abschrauben zu wollen.

In diesen Tagen mit Richard war es allerdings schon so, zumindest an einem Abend. Wunderbarer Aufführungsort, avantgardistisches Publikum und in der Pause bekam Richard Lust auf einen Nussbecher. Ich nicht, dafür aber auf alles andere, was mit einem Ortswechsel verbunden war. Die Karte war nicht teuer, das schlechte Gewissen hielt sich also in Grenzen. Das zweite Konzert war eher nach unserem Geschmack, am Pult stand eine junge Französin, die Debussy, Pesson (die zeitgenössische Füllung) und Mozart im Rahmen eines Wettbewerbs dirigierte. Das Bild im Programmheft zeigte sie mit längeren schwarzen Haaren, die Realität entsprach diesen Insignien von Weiblichkeit mitnichten. Die Mähne war in vielen Zöpfen ums Haupt geflochten, der restliche Körper steckte in einer Uniform aus grauen Hosen, schwarzem Gehrock und hochgeschlossener Bluse. Ganz abgesehen davon, dass es selbst im leicht klimatisierten Konzertsaal brütend heiß war, stellte ich mir während des zeitgenössischen Teils (wenn ich nicht einschlafe, schweifen meine Gedanken ab – kannste nix machen) die Frage, warum sich eine Frau diesem Konformitätszwang unterwerfen muss/soll/will.

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Richard fand die Uniform und das Androgyne der Französin ganz großartig und deshalb diskutierten wir im Anschluss auch darüber. Denn meiner Meinung nach müsste es doch in Zeiten von Transgender-Diskussionen erst recht möglich sein, Individualität auch am Dirigentenpult auszuleben. Natürlich fände ich einen Mann an dieser Stelle, der einen gelben Overall trägt, ebenso prickelnd wie eine Frau in Bunt. Nur, damit ich das gesagt habe. Richard meinte, die Kleidung müsse der Funktion als Orchesterführung entsprechen. Was natürlich weiter meinen Widerspruch anheizte, denn wenn Führungsqualitäten nur an der Kleidung festgemacht werden, wage ich die Kompetenz dann doch zu bezweifeln. Warum hätte das Dirigierpersonal in einem lebensfrohen Outfit weniger Führungsqualitäten? Ich verstehe ja noch, dass ein Kilt oder ein Minirock eventuell weniger Bewegungsfreiheit zulässt, weil dann doch gewisse Intimitäten offengelegt würden. Selbst die Preise in der ersten Reihe beinhalten zweifelhafte Goodies dieser Art in keiner Weise. Doch es müsste doch möglich sein, etwas mehr Kreativität walten zu lassen.

Vor einigen Jahren war ich in einem Konzert, bei dem der Dirigent seinen gesamten Anzug nass geschwitzt und das über die gesamte Spielzeit durchgehalten hat. Obwohl einer der Großen, schien er keinen zweiten im Gepäck zu haben, denn nach der Pause trug er die nasse Uniform immer noch. Ist das der Grund für die modische Tristesse am Dirigentenpult? Dass man SEHEN will, wie sich der Mann oder die Frau abarbeitet im Dienst an der Musik? Oder ist es noch immer so, wie Friedrich Nietzsche sagte, nämlich dass der Anzug die Norm des gereiften Mannes ausdrückt, der über die Eitelkeit des Höflings und die Gefallsucht gegenüber Frauen erhaben ist? Und Frauen da einfach mitmüssen, wenn sie mitspielen wollen?

Natürlich steht bei einer Veranstaltung wie dieser die Musik im Mittelpunkt. Doch sie wird meiner Meinung nach in keiner Weise schlechter, wenn das Orchester von Menschen geleitet wird, die dem Schwungvollen, dem Rhythmischen auch persönlich Gestalt verleihen. Denn sie alle drücken den Noten von Mozart, Scelsi und Tschaikowsky ihren individuellen Stempel auf. Das ist erlaubt, ja sogar gewünscht, gefordert. Nur bitte in Schwarz. Eine Freundin von mir ist seit Jahren dem Schwarz-Weiß verfallen, doch sogar sie entdeckt langsam die Farbe in ihrem Leben. Vieles beginnt mit dem ersten Schritt und ich freue mich schon auf den Tag, wo ich in einem klassischen Konzert einen Dirigenten im Outfit von James Last beobachten darf. Frauen haben in dieser Branche ja noch wenige Vorbilder, aber wallende Gewänder in spritzigen Farben wären ein Anfang. Ganz zu schweigen davon, dass die Erste, die das macht, ein wunderbares Alleinstellungsmerkmal hätte. Kleidung als Selbstmarketing am Dirigentenpult – warum nicht? Wenn der Rest stimmt ... Richard und ich kamen überein, dass die Toleranz wachsen müsse – gegenüber und unter allen Menschen. Wir schieden in der Gewissheit, dass wir noch viele differenzierte Unterhaltungen vor uns haben.

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