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Obwohl erst vor kurzem entstanden, kann ich schon jetzt sagen: ‚Die Kunst des letzten Augenblicks‘ ist ein Lieblingsbuch.

KunstEs sind Todesgedichte japanischer Zen-Meister beziehungsweise Sterbegedichte von Haiku-Dichtern. Diese Verse, geschrieben im Bewusstsein des nahen Todes, berühren auf einer sehr, sehr tiefen Ebene. Es sind immer nur ganz wenige Worte über Leben und Streben und den Tod. Das schafft Essenz.
Es ist Poesie, die die Leser auffordert, sich zu befreien vom Rucksack der Ich-Identifikation. Vielleicht kann die Schlichtheit der Gedichte angesichts der Größe des Themas aber auch verwundern.

Wenn es kommt – einfach so!
Wenn es geht – einfach so!
Kommen und gehen ereignen sich jeden Tag
Die Worte, die ich jetzt spreche – einfach so!
- Musho Josho

Ich weiß nicht, ob es einer spirituellen Vorbereitung bedarf, hilfreich ist eine Zen-Vertrautheit dafür ganz bestimmt. Die Worte ‚Einfach so‘ können als Aufforderung verstanden werden, die ‚Dinge zu sehen, wie sie sind‘. Der Tod vernichtet nur den Glauben an ein abgetrenntes Selbst, nicht das Leben.
Einen Großteil des Buches nehmen Haikus ein. Ein Haiku ist eine aus drei Zeilen mit 17 Silben bestehende japanische Gedichtform. Die Haiku-Sterbegedichte sind oft persönlich gefärbt, diese konzentrierte Kürze, ihre Unmittelbarkeit und Bildlichkeit eignen sich für tiefe Kontemplation.

Er scheint auf
So leicht, wie er verblasst:
der Leuchtkäfer
Chine
(Gestorben am fünfzehnten Tag im fünften Monat 1688 im Alter von achtundzwanzig Jahren.)

Ein Haiku hat aber immer auch etwas Unvollendetes an sich. Der Leser soll die Möglichkeit haben, nachzufühlen, was unausgesprochen, vielleicht sogar unaussprechbar, mittransportiert wird. Ein Haiku zu schreiben heißt, eine Knospe hervorzubringen, ein Haiku zu lesen bedeutet, die Knospe zur Blüte zu entfalten.

Auf einer Reise, krank:
Meine Träume irren
über vertrocknete Felder.

Wie Yoel Hoffmann, Spezialist in japanischer Poesie, in der Einleitung betont, pendelt Sterbepoesie in der Kulturgeschichte Japans zwischen Ernst und Humor. Zudem war die Tradition der Sterbegedichte unter Zen-Praktizierenden nicht immer unumstritten und provozierte satirische Kommentare, wie etwa: „Nach der Genesung verbessert er den Stil seines Sterbegedichtes.“ Deshalb kommt in diesem Buch auch ein Sterbeversager zu Wort:

Ein ganzes Leben lang habe ich mein Schwert geschärft,
Und jetzt, Aug in Auge mit dem Tod,
Zieh ich es aus der Scheide, und da –
Ist die Klinge zerbrochen –
Ach!

Aus meiner Sicht gibt es kein anderes Thema als den Tod, der die Verbundenheit aller lebenden Wesen stärker ins Bewusstsein rückt. Denn die tödliche Diagnose teilen alle Menschen ab ihrer Geburt. Das alles verliert jedoch seine Dramatik mit der Ahnung, dass die Dinge gar nicht so sind, wie die Menschen denken. Für mich erschließt sich aus der Lektüre, dass es eine bedingungslose Hingabe an das Leben als Ganzes braucht, um schließlich sagen zu können: Ende gut, alles gut. 

Werner Kodytek baut Stupas, gestaltet zeitgenössische Musik zu buddhistischen Inhalten und vertont Sterbe- und Erwachungsgedichte koreanischer Zen-Meister. www.kodytek.at
 
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Kommentare  
# Johanna Pfister 2019-12-10 10:24
Auch schon gelesen - eins meiner Lieblinge.
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