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Es muss 1980 gewesen sein, als ich ‚Geistestraining durch Achtsamkeit‘ von Nyanaponika entdeckte. Das spirituelle Lieblingsbuch von Autor Thomas Hohensee.

LieblingsbuchUnd zwar durch das Buch ‚Haben oder Sein‘ von Erich Fromm. Darin bezieht er sich wiederholt auf Buddha und seine Lehre. Ich war von der Lektüre fasziniert. Im Literaturverzeichnis empfiehlt Fromm dann nachdrücklich das Buch von Nyanaponika. Auf diese Weise kam ich zum ersten Mal mit der Buddha-Lehre in Berührung. Dass ich das ‚Geistestraining durch Achtsamkeit‘ nun unbedingt kennenlernen wollte, war klar. Aber wie sollte ich an das Buch gelangen? Buddhismus war damals ein völlig obskures Thema und ich zu schüchtern, um in einen x-beliebigen Buchladen zu gehen und es zu bestellen. Schließlich fand ich im Branchentelefonbuch (das Internet gab es ja noch nicht!) eine Buchhandlung für ‚Okkultismus, Esoterik und Buddhismus‘. Das Ganze stellte sich als ein ziemlich düsterer Laden mit einer ausgestopften Eule im äußersten Deckenwinkel heraus. Aber sie hatten nicht nur das gewünschte Buch auf Lager, sondern auch noch den Kommentar dazu. Seither hat sich viel verändert. Buddhistische Bücher führt inzwischen nahezu jedes Buchgeschäft. Zeitschriften schreiben regelmäßig über das Thema und die Verbreitung von Buddha-Figuren ist geradezu inflationär. Nyanaponikas Buch habe ich seit jener Zeit immer wieder studiert. Es ist heute noch mein Referenzpunkt, wenn ich über die Buddha-Lehre schreibe. Sein Gegenstand ist die buddhistische Satipatthana-Methode. Nyanaponika wurde 1901 als Siegmund Feniger in Hanau geboren. 1935 emigrierte er nach Sri Lanka, wo er buddhistischer Mönch wurde und bis zu seinem Tod im Jahr 1994 lebte. Als Leiter der ‚Buddhist Publication Society‘ trug er wesentlich zur weltweiten Verbreitung der ursprünglichen Lehre des Buddha bei.
Als ich sein Buch zum ersten Mal las, wusste ich noch nicht, dass es verschiedene Richtungen im Buddhismus gibt. Daher verwirrte es mich, in anderen buddhistischen Büchern ganz andere Konzepte zu finden, die mir mit der Buddha-Lehre völlig unvereinbar schienen. Erlösung auf dem Gnadenweg? Niemals! Eine Art buddhistisches Paradies? Sehr merkwürdig! Aber mit der Zeit klärte sich das. Toleranz kann man besonders gut durch den Buddhismus lernen, und der Erleuchtung ist es sowieso egal, wie man sie erlangt. Nyanaponika glänzt als bedeutender Interpret der ursprünglichen Buddha-Lehre, indem er beispielsweise sagt: „Satipatthana ist frei von Dogmen, vom Glauben an eine göttliche Offenbarung oder an irgendeine äußere Autorität, die ein ‚Opfer des Intellekts‘ fordert.“ Wer sich an diese Worte hält, ist geschützt vor falschen Gurus, wo immer sie auftreten mögen. Eine gelbe oder rote Robe ist keine Garantie für einwandfreies Verhalten. Sie ist auch kein Gütesiegel. Die Satipatthana-Methode als Weg des Selbstvertrauens und der Selbsthilfe: Ist es nicht genau das, was der Buddha vorgelebt hat? Mit der Zeit war mein erstes Exemplar durch Markierungen und Randnotizen so zerlesen, dass ich ein neues brauchte. Das wiederholte sich einige Male. Die Aufmachung des Buches änderte sich mit jeder Auflage. Schließlich wollte ich wieder jene Ausgabe bestellen, die ich 1980 erstanden hatte und die mir so vertraut war. Ich versuchte es im Internet. Erst fand ich ein von Nyanaponika signiertes Exemplar, dann das gesuchte. Der Kreis hatte sich geschlossen.

 Thomas Hohensee, geboren 1955, ist als Autor im deutschsprachigen Raum sehr erfolgreich. Seine Themen sind Glück, Gelassenheit und Liebe. www.thomas-hohensee.de

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