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Langsam gruselt es mich vor mir selber. Doch nur genau in dem Moment, wo ich mich vergleiche – mit mir selbst vor einigen Monaten. Dann siegt die Neugierde darüber, was der Wandel noch alles in mir wandeln wird.


Wie letzte Woche angekündigt, habe ich meinen Claudia-Tag auf einem Schiff verbracht. Nicht genau auf dem, das ich ursprünglich entern wollte. Denn beim Frühstück überkamen mich Zweifel ob der Bedingungen dieses Ausflugs. Ich hätte mich im Vorhinein entscheiden müssen, welche Art von Sitzplatz ich wählen möchte. Ich wäre hüben wie drüben an fixe Abfahrtszeiten gebunden gewesen, und die Zeit dazwischen auf unbekanntem Terrain erschien mir plötzlich unangenehm lang. Was, wenn es mir am Zielort nicht gefällt, fragte ich mich, während ich mein orientalisches Frühstück in der Sonne genoss. Jetzt zähle ich normalerweise nicht zu den Reiseskeptikerinnen – geneigte Leser dieser wöchentlichen Zeilen werden das bestimmt schon bemerkt haben. Man setze mich auf eine Fähre im Indischen Ozean, und ich wäre die Letzte, die an Piraterie denkt. Und selbst wenn ich in Kontakt mit Piraten käme, wäre ich ziemlich neugierig, mich mit ihnen zu unterhalten. Dass mich die Zweifel in Mitteleuropa anfielen, überraschte mich.
Und während ich an einer Gurkenscheibe herumkaute, kämpfte ich mit mir selber. Denn normalerweise tue ich, was ich sage – im Allgemeinen, aber auch in meinem eigenen Leben. Und das gerät offensichtlich ins Wanken, denn die Tatsache, dass ich plötzlich nicht mehr tun wollte, was ich angekündigt hatte, machte mich unrund wie die Gurkenscheibe nach einem Biss. Dann erinnerte ich mich an eine Erkenntnis, die ich vermutlich letztes Jahr hatte: Wenn du dich nicht entscheiden kannst, entscheide nichts. Okay, dachte ich mir, dann frühstücke ich jetzt einfach weiter und tue so, als würde der ganze Tag völlig leer vor mir liegen.
Gesagt, getan. Zwischenzeitlich kamen Nachrichten auf mein Handy, unter anderem auch auf Facebook. Und damit einige Veranstaltungstipps für diesen Tag. Und während ich mich durch die verschiedenen Vorschläge wischte, kam mir plötzlich die Idee, dass ich ja vielleicht auf ein anderes Boot steigen könnte. Und siehe da, ein zeitnaher Termin war vorrätig, und schon war ich unterwegs. Ich musste mir keinen Platz für Dutzende Euro reservieren, sondern konnte mir einen am Bug aussuchen und dort genüsslich mein Gesicht in die Sonne halten. Ich bemerkte vom Deck aus Kunstwerke, die ich mir im Anschluss genauer anschaute, und einen Strand mit Liegestühlen, wo ich meine Füße in den Sand stecken konnte. Wer hätte das gedacht?

IntuitionSpäter machte ich mich zu einem Straßenmusikanten-Festival auf und traf mich mit meinem Onkel, der die Seele eines Pfadfinders hat und allzeit bereit ist, wenn ich mich melde. Anschließend noch ins Museum und den Tag mit einem warmen Ziegenkäse auf Fruchtsalat beschlossen. Auf das alles hätte ich verzichten müssen, wenn ich meinem ursprünglichen Plan gefolgt wäre, meine Stier-Sturheit ausgelebt hätte. Doch da ich vor einiger Zeit den Vorsatz gefasst habe, meine Intuition mehr zu respektieren, wenn ich sie wahrnehme, fiel es mir leicht, mich in das zu fügen, was das Leben mir an diesem Tag bot.
Normalerweise sind meine Claudia-Tage ja weniger ereignisreich, um nicht zu sagen, ereignislos. Doch dieser Sonntag hatte alles, was mir Freude macht. Und auch die Geschwindigkeit der Großstadt, die mir – egal wo – mit zunehmendem Alter zu schaffen macht, hat mich mitnichten angesteckt oder getrieben. Alles easy! Am Abend saß ich auf dem Balkon meines kleinen Apartments bei einem Tee und stellte fest, dass die Abenteuer dort sind, wo man gerade ist. Wenn man die Augen aufsperrt und offen ist für die Informationen, die einem geschickt werden. Von wem auch immer – Litfaßsäule oder Facebook, egal. Hauptsache, dem Bauchgefühl gefolgt und reich belohnt worden. Mein Leben ist schön.

Weitere Beiträge von Claudia Dabringer finden Sie hier.

Kommentare  
# Olaf Rendler 2019-09-13 10:59
Welch weiser Satz: "..., dass die Abenteuer dort sind, wo man gerade ist." Chapeau!
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