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Grundsätzlich halte ich das Internet für einen Segen. Dass ich das mache, was ich mache, ist ausschließlich diesem Segen zu verdanken. Und dass Sie das lesen können, ist ebenfalls eine Konsequenz davon. Doch manchmal bringt es mich auch zum Nachdenken.


Wenn ich in der Berliner Nacht den letzten Bus verpasse oder an einem Tag in Kapstadt keine Lust habe, Stunden auf ein öffentliches Verkehrsmittel zu warten, bediene ich mich einer Taxi-App. Das ist wirklich praktisch, vor allem weil man kein Bargeld dabei haben muss, um an sein Ziel gebracht zu werden. Vor allem wenn ich unterwegs sein will, freue ich mich über die Möglichkeiten, die mir das Internet bietet: Flug- und Hotelbuchungen, Sehenswürdigkeiten, Kontakt zu den Menschen zuhause halten.
Doch ich beobachte auch die Schattenseiten. Beispielsweise wenn das Internet dazu beiträgt, dass sich schlechte oder falsche Nachrichten schneller verbreiten, als man zwinkern kann. Und das Schlimme daran ist: Es wird alles so schnell zur Tatsache. Wenn man es auf Facebook, Instagram und vielleicht auch noch auf Twitter liest, muss es ja wahr sein. Und das Hirn setzt aus, damit die Urteilskraft und die Neugierde, selbst herauszufinden, ob das jetzt stimmen kann oder „fake“ ist. Mir verderben ja meist schon die analogen Medien die Laune, weil ich kaum mehr unterscheiden kann, ob ich sachlich informiert oder mit einem Kommentar gefüttert werde. Während des Studiums wurde uns nahe gelegt, mindestens fünf Medien nach der Wahrheit zu durchforsten; mit weniger Input sei eine eigene Meinungsbildung einfach unmöglich. Und jetzt frage ich Sie: Haben wir heutzutage noch so viel Zeit? Eher nicht. Da ist es dann schon praktisch, wenn man alles auf das Smartphone geliefert bekommt und sich in jeder freien Minuten scheinbar updaten kann. Man kann dadurch mitreden, aber Wissen und Meinung geht anders.
Als Journalistin sollte ich wissen, was läuft. Doch von diesen Erwartungen habe ich mich inzwischen weitestgehend befreit. Das hat zwei Gründe. Erstens bekomme ich auch ohne analog oder digital zugeführte Information alles mit, was ich brauche. Wenn bei mir ums Eck ein Fußballspiel ansteht und die ganze Stadt wieder einmal zwecks (gewaltbereiten) Fanmärschen verstopft ist, könnte ich das über Facebook erfahren. Tatsächlich ist es aber so, dass ich zum richtigen Zeitpunkt im Bus ein Gespräch belausche, wo ich das mitbekomme. Oder jemand aus meinem Bekannten- und Freundeskreis lässt die Info fallen. Das hat mein Vertrauen immens gestärkt, eh mit allem versorgt zu werden, was wichtig für mich ist.

Nachdenken
Zweitens: Es hängt mir zum Hals raus, dass immer nur „bad news good news“ sein sollen. Weil das wirklich dazu führt, dass man Angst bekommt, und zwar eine, die ziemlich diffus ist. Den Unterschied habe ich kürzlich bei einem Besuch meiner Tochter gemacht. U-Bahnhof Alexanderplatz. Eine Horde junge Männer, fast noch Buben, rennen durch die Station. Meine Tochter nimmt mich am Ellbogen und schiebt mich zum nächsten Ausgang, den wir ursprünglich gar nicht benutzen wollten. Wäre ich jetzt alleine unterwegs gewesen, hätte ich meine Richtung beibehalten. Weil ich mir ja immer denke, dass Menschen unterschiedlich schwingen. Und wenn man unaufgeregt seiner Wege geht, tangiert einen ein kleiner Flashmob nicht im geringsten. Meine Tochter allerdings reagiert aufgrund von Nachrichtenkonsum ängstlich. Sie hebt in Neu-Kölln auch nicht den Blick, um nach einem Restaurant Ausschau zu halten, sondern sucht im Internet nach einer Gaststätte mit guten Bewertungen in der Nähe. Und weil sie bald nach China fliegt, hat sie herausgefunden, dass sie in einem jener Flieger sitzen wird, der kürzlich vom Himmel gefallen ist. Auch dazu verleitet das Internet.
Leider kann ich sie aufgrund der wenigen Zeit, die wir seit ihrer studienbedingten Übersiedlung miteinander verbringen, nicht von einer schönen Welt überzeugen. Doch ich versuche es immer wieder. Weil ich daran wirklich glaube. Kritiker könnten mir jetzt wieder einmal Naivität vorwerfen, aber in meiner Welt zieht man an, was man ausstrahlt und denkt. Deshalb habe ich auf Facebook und Instagram nur positive Seiten abonniert, deshalb suche ich mir Restaurants, die gemütlich sind, deshalb konzentriere ich mich auf das Gute in Menschen. Denn in allen schlummert es, auch wenn sie es zu verbergen suchen. Natürlich: Shit happens. Andererseits: Shift happens too. Nicht nur die Hoffnung, sondern auch der Optimismus stirbt eben doch zuletzt.

Weitere Beiträge von Claudia Dabringer finden Sie hier.

Kommentare  
# Martina 2019-03-27 15:35
Jedem der sprachlich ein wenig begabt ist, oder einfach 2 Sprachen oder mehr spricht kann ich nur empfehlen: Lesen Sie die selben Nachrichten in 2 verschiedenen Sprachen (daher 2 verschiedene magazine, newspaper, was auch immer). Es ist immer spannend wie sich manche Nachrichten über die Grenze hin verändern...
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