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Neulich brachte ich in meinen 5-tägigen Schreib-Workshop mal wieder die Dichterin Hilde Domin ein: Jüdin, Übersetzerin, Schriftstellerin und viel mehr.

Mehrmals schon sah ich mir den Film an, der von einer jungen, sensiblen Filmemacherin mit der schon betagten Dichterin gedreht wurde, im Dialog sozusagen. Dialog ist die Stärke und Leidenschaft von Hilde Domin, und ich teile beide Passionen.
Der Film hat denselben Titel wie eines ihrer Gedichte: „Ich will dich.“ Wann hat jemand aus der Generation meiner Eltern - ich bin Jahrgang 1952 - derart direkt und offen vom Begehren geschrieben, nämlich dem menschlichen Begehren nach Begegnung! Wieviel wissen wir (noch) darüber über diesen Hunger nach Intimität, tiefem intuitiven Verstehen jenseits vom und auch im Wort? Dieser herzberührenden Freundschaft und dem Gleichklang der Seelen, die auch erlebbar ist mit der Natur, mit Tieren, Pflanzen, den Elementen?
Diese Dichterin, so diskret und verschwiegen, so belesen und gelehrt und so hinreissend direkt und im besten Sinne barmherzig, trennt nicht zwischen unserer menschlichen Natur und der vermeintlich „anderen“, uns umgebenden...

Ich habe ihre Gedichte stets wie Gebete empfunden. Von ihr, wie von einigen anderen, die ich hier nicht nennen möchte, um Hilde Domin einen Ehrenplatz zu geben, habe ich gelernt, meine ureigene Stimme zu gebrauchen, frohgemut sozusagen, und voller Vertrauen. Ich weiss von ihr, dass sie auch auf langen Bahnfahrten nicht zögerte, ihren oder einem Mitreisenden ein Gedicht vorzutragen. Sie wusste um unsere Berührbarkeit durch Schönheit, Echtheit, Wahrheit und ging generös damit um.
Im Film wird deutlich, dass ihr ihr eigenes Judentum nicht wichtig gewesen war. Ihren Eltern wohl auch nicht, die ihre Tochter zu einer mutigen, sozialen und eigenständigen Frau erzogen haben. Wie tragisch und furchtbar, dass sie erleben musste, dass die Religion, die ihr nichts oder wenig bedeutete, dann zum Anlass führte, von Italien nach Santo Domingo zu fliehen! Diesen unermesslichen Schmerz sowie den Schmerz über den Tod der Mutter, während sie in der Fremde lebte, meint man, in ihrem Gesicht, destilliert zu ihren Gedichten, zu spüren.
Ich habe mich ebenfalls nie als individuell christlich gefühlt, weil wir als Kinder nur Weihnachten in die Kirche gingen, wenn Vater oder Stiefvater das Weihnachtszimmer herrichteten. Allerdings hegte ich einen liebevollen Kinderglauben an Jesus, der mich mehr stärkte, als mir bewusst war, während mir das Göttliche eher bedrohlich erschien, tödlich sogar. Letzteres hat sich mit den Jahrzehnten ins Gegenteil verwandelt.
Erst, als ich selber zu denken begann, mit genau 28 Jahren, und mein erstes Meditationswochenende besuchte, das in eine asiatische Richtung tendierte, begriff ich, nach und nach, meine und unseren christlichen Wurzeln, die sich in Musik und Malerei, Dichtung und Philosophie deutlich spiegelten.
Wo war die jüdische Kultur, der ganze unglaubliche Reichtum, geblieben? Konnte, durfte man an ihm teilhaben, als Deutsche zumal, und wie stellte man es an, beim Genuss zum Beispiel an den Werken eines jüdischen Schriftstellers NICHT an die Ermordeten, Gefolterten, im Rauch „Aufgegangenen“ zu denken?!
Erst bei stetig intensiverem Studium der Shoah sowie des Antisemitismus begreife ich mich demütig, wie oben beschrieben, als zu den Christen gehörig, obwohl ich längst Zuflucht zu Buddha, Dharma, Sangha genommen habe und zwei Laienordinationen erfahren durfte.
Ich wurde in einem bestimmten Geist, einem Parfüm, erzogen, bin in Deutschland, Nachkriegsdeutschland in den Kindergarten und zur Schule gegangen, wurde konfirmiert und machte meine spirituellen Reisen durch Kirchenaustritt, Leben und Abitur im katholische Spanien, Kircheneintritt (ich wollte, dass meine Tochter getauft wird), Theologie der Befreiung, feministische Theologie, Kirche von unten, Umzug ins katholische Rheinland, Heirat eines Katholiken.
Meine Praxis ist Zen-Peacemaker-Praxis und Zen. Mein Herz schlägt interreligiös und für die Poesie. Meine Schamanentrommel liegt im Kleinen Tempel, und mein Krafttier ist die Krähe.
Vor einigen Wochen trat ich dem Christlich-Jüdischen Verein für Zusammenarbeit e.V. bei. Am letzten Freitag rief ich den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde an, um darum zu bitten, am Shabbat-Gottesdienst teilnehmen zu dürfen. Dies wurde mir gewährt.
Das tiefe Unglück, das Nazis, zu denen meine Grosseltern in gewisser Weise gehörten, indem sie Sklavenarbeiter beschäftigten und Familienfeste in einer grossen Villa, die einem Juden gehört hatten, in Gross-Cammin in Westpolen, feierten. Indem ich nie ein Wort des Bedauerns gehört, keine Träne der Trauer und Scham, keine Geste des Entsetzens gesehen habe. Diese Unterlassungssünden haben mich zutiefst beschämt neben den konkreten, unermesslichen Abscheulichkeiten, die ich als 14-Jährige in einem Film im Fernsehen sah: Mutterseelenalleinegelassen. Auch von den Lehrern.
All dies und noch viel mehr befindet sich auf dem Heilungsweg. Und wenn Juden wieder verfolgt werden sollten, wovor G‘tt, Tara und alle Heiligen dieser Welt sie - und uns -, obwohl es schon geschieht, an den Grabsteinen wieder und den Wänden, sie davor bewahren mögen, dann gehe ich mit ihnen.
Bin ja schon auf dem Weg. Schon längst.

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Kommentare  
# Sandra W. 2018-12-05 14:04
Danke für deine schönen Worte.
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