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Soeben las ich auf einer bemerkenswerten Website den Vorschlag, auf den Begriff ‚SchülerIn‘ zugunsten eines oder einer ‚Lernenden‘ zu verzichten. Und schon hatte ich mein Thema für heute.

Genau. Ich finde es unumgänglich zu lernen, denn das ist es, was mich jung erhält: Es sind weniger die Pillen aus dem Reformhaus, sogar weniger als das Rennen in freier Natur. Kennen wir nicht alle jemanden, der oder die wild und besessen läuft, in der Natur, oder schon ganz vegan lebt oder nachweislich den Zehnten des Gehaltes bei Oikocredit parkt ... – und uns beschleicht das Gefühl, dieses Wesen könne wirklich davon profitieren, einmal etwas ganz anders zu machen und die Komfortzone des ‚Anders-Seins‘ zu verlassen?
Alles, was wir unüberlegt, ungeprüft und routinemäßig tun, auch das sogenannte Gute, kann uns trennen: von uns selber, vom Nächsten, von der Realität.
So leicht können wir abhängig werden von irgendeinem Wohlgefühl. Von der Illusion, gut zu sein, besser als andere. Wir vergessen, dass es Situationen geben kann, in denen es krass unhöflich wäre, den angebotenen Hühnerschenkel zurückzuweisen, wenn die Mahlzeit Ausdruck orientalischer Gastfreundschaft ist. Wir vergessen, dass, wenn Menschen und Kinder Hunger leiden, und das ist in den meisten Ländern dieser Erde der Fall, NICHT darauf geschaut werden wird, ob das angebotene oder im Müll gefundene Gemüse ökologisch angebaut wurde. Wir vergessen zu leicht, zu gerne, zu vieles.
Ich glaube, wenn wir Lernende sind, dann lernen wir von jeder und jedem jederzeit und überall. Dann bin ich vielleicht bereit, für eine Zeit von einem bestimmten Menschen etwas zu lernen, aber ich folge diesem nicht unkritisch. Sondern bin mir bewusst, dass dieser Mensch, von dem ich lerne, gleichzeitig, wenn er ehrlich, offen und weise ist, auch von mir lernt. Dass wir beide Co-Lernende sind, wo wir das zu Lernende beide neu erschaffen.
Dort, wo Lehrerinnen und Lehrer sich selber so benennen und auf ihrem angeblichen Mehr-Wissen oder Mehr-Sein beharren und daraus Ansprüche an Gefolgschaft ableiten, dort wird etwas schief. Und allzu oft geht es dann schief, sehr schief. Gefolgschaft führt zu Gehorsam, und Gehorsam führt zu dem nicht ausgesprochenen Dogma, dass ich nicht meiner eigenen tiefen Wahrheit gegenüber loyal sein darf, man könnte dafür auch Gott sagen oder göttliche Präsenz, heilige Gegenwart oder Höheres Selbst, sondern dem Lehrer, der Lehrerin. Meist sind es Lehrer, die der Krankheit Hybris verfallen.
Damit sind dem weiten Feld von Machtmissbrauch und allen Spielarten seiner Manifestation Tür und Tor geöffnet. Ich verlasse mich nicht mehr auf mich, sondern verlasse mich im Gegenteil. Meine Intuition, mein Spürsinn werden geopfert auf dem Altar von angeblicher Weisheit, angeblicher Erleuchtung, angeblichem Erwachen.
Ein Mensch, dessen Weisheit mir erstrebenswert erscheint, mir also ein-leuchtet, dieser Mensch ist integriert. Ganz überwiegend jedenfalls. Überwiegend bewusst. Überwiegend selbst-kritisch. Überwiegend unabhängig im Denken und Fühlen. Überwiegend geschult und trainiert in Selbsterkenntnis und Gruppendynamik, falls er oder sie mit Gruppen arbeitet. Vertraut mit östlicher und westlicher Psychologie.
Ein solcher Mensch ist selten ganz jung und hat viele Irrtümer begangen. Diese können freimütig bekannt werden sowie das, was daraus gelernt wurde.
Wenn ein solcher Mensch Fehler macht, kleine, mittlere, große, und darauf aufmerksam gemacht wird, dann gibt er oder sie diese sofort zu. Und fragt, was zur Heilung der Wunden gebraucht wird. Dies bestimmen nie die LehrerInnen, sondern die Verwundeten. Auch hier erkennt man, wer wirklich weise und erwachsen ist. Erwacht.
Er oder sie überprüft immer wieder, im Kreis mit den anderen, ob er oder sie noch das volle Vertrauen hat, andere zu führen. Falls nicht, dann bieten sich verschiedene Strategien an, die ich hier nicht aufführen möchte.
Ein solch weiser Mensch ist selber ein lernender Mensch. Nur einen solchen könnte ich gegebenenfalls als LehrerIn anerkennen. Im vollen Wissen, dass ich auch deren oder dessen Lehrerin bin.
Und wir beide würden Hand in Hand durchs Leben reisen: Auf Augenhöhe.

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