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Vor einigen Tagen las ich in meiner Lieblingszeitung ‚DIE ZEIT‘, dass 90% aller Feldlerchen verschwunden seien. Requiem auf das Verschwinden der Feldlerche.

Und mit ihnen der betörende Gesang, der von Dichtern und anderen Künstlerinnen beschworen und besungen wurde, ihnen zur Muse wurde, den sie ersehnten und dessen Fehlen nun schmerzlich offenbar wird. Zumindest den Älteren, Achtsamen und/oder Profis unter uns, die eine wache, warme Beziehung zu den Tieren unserer Heimat pflegen.
Der Autor des Textes ist ein Sachkundiger und so wusste er zu berichten, ohne Sentimentalität und ohne Anklage, welche großen Veränderungen es in Feld und Flur gegeben hat und wie diese nicht nur zum Bienensterben, sondern auch zum Genozid an Vögeln führten. Ja, der Verfasser benutzte den Begriff des Genozides und mir schnürte sich der Hals zu.
Vermisst hatte ich sie selber noch nicht, dafür war ich, besonders in den vergangenen Jahren, zu oft im Ausland, zu wenig aufmerksam und empfänglich in Wald und Flur meines Landes unterwegs gewesen. Aber jetzt, nachdem ich von dieser Tragik weiß und sich eine feine Erinnerung einstellt, wie die Lerche singt, jetzt vermisse ich sie. 90%! Wie hat das geschehen können?
Ein kleiner Exkurs: In derselben Woche, als ich diesen mehrseitigen Bericht las, sah ich, die seltene Kinogängerin, einen Film mit dem Titel ‚Akong – Ein bemerkenswertes Leben‘. Der Protagonist war der tibetische Rinpoche Akong, der nach einer dramatischen, langen Flucht aus Tibet zuerst nach Indien, später nach England, noch später nach Schottland reiste, um dort der Aufforderung Seiner Heiligkeit, des XVI. Karmapa, Folge zu leisten und ein Kloster zu errichten.
FeldlercheIn diesem Zusammenhang interessiert mich, wie einfühlsam Rinpoche den meist westlichen Meditierenden begegnet ist und seine Angebote auf sie zuzuschneiden bemüht war. Er erkannte, dass westlich geprägte Menschen ganz andere Konditionierungen mitbringen, als er es kannte, und oft therapeutischer Hilfe bedürfen. Ebenso erschloss sich ihm, nach Jahren und Jahrzehnten oft engen Zusammenlebens und gemeinsamen Wirkens und Meditierens, wie ungünstig sich die Kindererziehung im Allgemeinen auf das gesamte Leben seiner Schülerinnen und Schüler und vieler anderer auswirkte.
So war er mit einer kurzen Rede zu hören, gegen Ende des Films, in der er betonte, wie anders und freier tibetische Kinder aufwüchsen, wie viel Zeit man ihnen ließe, von sich aus zu wachsen, in die Richtung, die ihnen gemäß sei. Dabei verwendete er zur Veranschaulichung das Bild von Pflanzen, die gedüngt und überdüngt würden und dabei ihre natürliche Kraft verlören. Ganz zu schweigen von der behandelten Erde und ebenso zu schweigen von Pestiziden. Er, Akong, sei überhaupt kein Befürworter von Düngemitteln.
Kehren wir also zurück zum unabsichtlichen, aber fahrlässigen und in Kauf genommenen Verschwinden unserer Feldlerche: Die schleichende Zunahme von Monokulturen hat zu einer starken Veränderung der Lebensräume, vielfach zu ihrer gänzlichen Vernichtung geführt. Düngemittel, Unkrautvernichtungsmittel sollen den mühevollen Arbeitseinsatz von Menschen sparen und darüber hinaus aus den Böden und Pflanzen herauspressen, was nur irgendwie geht.
Kommt uns das bekannt vor? Wie Kinder, die Empfindlichsten der Menschenwesen, schon früh auf spätere Verwertbarkeit getrimmt werden. Wie die arbeitenden Menschen angehalten werden, mehr als genug zu geben. Wie die kostbaren Elemente Erde, Wasser, Luft, aus denen alles Leben besteht, und auch wir ignorant und brutal ihrer/unserer besten Eigenschaften beraubt werden.
Wann wird es so weit sein, dass wir bis in die Haarwurzeln spüren: Als Nächstes sind wir dran? Oder sterben wir schon längst?
Unseren Kindern und aller Kreation zuliebe: Mögen wir wach werden, so wach wie noch nie, und das Verschwinden jeder einzelnen Feldlerche betrauern.

Zum letzten Blog von Monika Winkelmann geht es hier.

 

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