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„Bitte helfen Sie mit, und zeigen Sie Zivilcourage bei Gewalt gegen Frauen“. 'Mein Anliegen' von Sozialarbeiterin Andrea Brem. 

Eine klare Ursache für Gewalt an Frauen sehe ich im weltweiten Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen ist zentral – denn Abhängigkeit in Beziehungen fördert Gewaltstrukturen. Wir haben in den letzten 30 Jahren einerseits die Frauenhausbewegung ins Leben gerufen. Diese ist in Österreich aus einer kleinen Gruppe von Frauen entstanden, die mit vielen Widerständen zu kämpfen gehabt hat: Am Anfang hat man uns abgesprochen, dass das Thema Gewalt in der Familie überhaupt existiert. Mittlerweile gibt es österreichweit Frauenhäuser und darüber hinaus viele Initiativen und Kampagnen der Frauenhausbewegung, aus denen auch Gesetze entstanden sind. Zum Beispiel gab es anfangs nur die Frauenhäuser, in die Frauen mit ihren Kindern flüchten konnten. Das heißt, die Opfer mussten flüchten, während die Gewalttäter daheim in der Wohnung bleiben konnten. Als Reaktion darauf ist durch unsere Initiative das Gewaltschutzgesetz entstanden: Es gibt der Polizei die Möglichkeit, gewalttätige Menschen für eine bestimmte Zeit aus der Wohnung zu verweisen. So können die Opfer in der Wohnung bleiben und der gewalttätige Partner wird weggewiesen. Gleichzeitig gibt es Frauen, die so sehr um ihr Leben fürchten, dass eine Wegweisung nicht reicht. Bei uns leben viele sehr gefährdete Frauen – die Frauenhäuser sind also trotzdem weiterhin dringend nötig. Die Frauen bekommen einen sicheren Wohnplatz mit ihren Kindern und Beratung in jeder Hinsicht.

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Es gilt oft, viele Problemlagen parallel zu lösen, etwa Finanzen, Wohnungsfrage und eben die Sicherheit. Ganz wichtig sind auch die Kinder – diese darf man im Kontext familiärer Gewalt niemals vergessen. Wir haben in Wirklichkeit zwei Zielgruppen: die Frauen und ihre Kinder. Viele dieser Kinder haben selbst Gewalt erfahren. Es ist wichtig, den Kindern eine klare Botschaft zu vermitteln: den Burschen, damit sie in ihren künftigen Beziehungen nicht selbst Gewalt ausüben, und den Mädchen, dass sie sich in ihren zukünftigen Beziehungen nichts gefallen lassen müssen. Mein Fazit der letzten Jahre ist: Die Situation der Opfer von Gewalt in Österreich hat sich verbessert, es gibt mehr Hilfestellungen als früher, es haben sich verstärkt Bewusstsein und Achtsamkeit entwickelt – aber Gewalt gegen Frauen per se wird so lange Thema sein, bis die ökonomischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen aufgehoben sind. Gänzliche Gewaltfreiheit wird es wohl nie geben, aber ich bin überzeugt davon, dass ökonomische Unabhängigkeit ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist: Unabhängige Frauen können sich schneller befreien und werden nicht jahrelang in folterähnlichen und sklavenähnlichen, demütigenden Beziehungen verweilen. Frauengewalt ist ein globales Thema – es gibt kaum ein Land, das keine Schutzräume für Frauen zur Verfügung stellt, und trotzdem werden auf der ganzen Welt Frauen von ihren Männern getötet. Könnten wir exakte Zahlen erheben, ich denke, wir würden erschrecken über das Ausmaß des Femizids, der weltweit vor sich geht.

Andrea Brem, 53, lebt und arbeitet in Wien. Die diplomierte Sozialarbeiterin und Supervisorin knüpfte bereits als Praktikantin erste Kontakte zu den Wiener Frauenhäusern. Seit 2001 leitet sie als Geschäftsführerin den Verein Wiener Frauenhäuser, zu dem vier Frauenhäuser in der Bundeshauptstadt gehören. Als überzeugte Feministin setzt sie sich auch auf politischer Ebene für die Rechte der Frauen ein.

Foto © Apollonia Bitzan

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