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Überraschungen haben es ja so an sich, dass sie einen meistens überfallen, wenn man am wenigsten damit rechnet. Doch wenn meine Mutter mit mir webcamen will, dann hat sie sehr oft einen überraschenden Grund dafür.


Verstehen Sie mich nicht falsch – meine Mutter würde mich gerne öfter sehen. Doch durch die geographische Distanz ist das eben immer nur in Portiönchen möglich, was den Vorteil hat, dass man dann die gemeinsame Zeit intensiver nutzt. Doch sie hatte immer schon einen starken Impuls zur Überraschung. Ich erinnere mich noch an meine Sponsionsfeier, für die ich ihr eine Liste mit Adressen hinterlassen hatte (damals schickte man noch Briefe, und ja, ich bin nicht mehr die Jüngste!), um die Einladungen zu verschicken. Und es waren auch alle da, auf die ich mich während eines regnerischen Erholungsurlaubs in Schottland gefreut hatte. Plus noch eine Person, die ich schon lange aus meinem Leben verbannt hatte. Jetzt war es aber so, dass meine Mutter genau das bedauerte und sich eben eine gewisse Freiheit bei der postalischen Beschickung nahm. Es endete relativ unschön, weil mich dieser Mann daran erinnerte, dass ich doch einen BH tragen möge, weil man sonst alles sehen könnte. Dazu muss man wissen, dass ich erst im Alter von 30 Jahren damit anfing, meine Brüste in ein Korsett zu packen. Der Grund dafür ist eine andere Geschichte. Auf die Aufforderung zur Verhüllung reagierte ich verschnupft, das Wiedersehen nach diesem Vorfall dauerte mehr als 20 Jahre und ist auch eine andere, wenn auch schon hin und wieder in meinen FREITAG-Beiträgen durchscheinende Geschichte.

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Heute also kam wieder die Nachricht von meiner Mutter: „Wollte Dich sehen, wo gehst Du um?“ Und da mein Vater gerade rekonvaleszent ist und ich deshalb in leichter Alarmbereitschaft, drückte ich trotz Zeitnot auf „Anrufen“. Hätte ich nachgedacht, warum diese Aufforderung gekommen ist, wäre ich achtsamer damit gewesen, doch mein Arbeitspensum ist aktuell derart hoch, dass ich etwas verschiebe, wenn es nicht von immanenter Wichtigkeit ist.
Und wichtig war es tatsächlich nicht, was mir aus dem Handy entgegen schaute – aber höchst erfreulich. Es blickte mir nämlich mein Lateinlehrer entgegen, der meinen Eltern einen Besuch abgestattet hatte. Und obwohl meine Gedanken ganz woanders waren, erkannte ich ihn sofort wieder. Tausend Bilder waren blitzartig da. Wie er mit uns politisiert hatte statt zu übersetzen, wie er die 16jährige Claudia auf ihrem Sprachaufenthalt begleitet hat (er unterrichtete auch Englisch) und wie er vielen ein nachhaltiges Trauma zugefügt hatte, weil sie mit seiner geraden, manchmal ruppigen Art einfach nicht zurande kamen. Ich habe das auch beobachtet, war allerdings nie wirklich davon betroffen – selbst in jenen Situationen nicht, wo ich ihm strickend lauschte. Zum Zuhören braucht man seine Hände ja nicht, hätte ich ihm bei einer Ermahnung gesagt. Doch das blieb aus.
Und als ich nun mit ihm gesprochen habe – länger, als ich eigentlich Zeit gehabt hätte - , wurde mir eine Erkenntnis aus dem „Kurs in Wundern“ in den Sinn. Da heißt es nämlich, dass man sich schon in der Früh überlegen sollte, wie man einen Tag verbringen möchte. Und keine zusätzlichen Entscheidungen fällen soll. Dann nämlich passiert folgendes: Alles, was trotzdem ins Leben kommt, gehört dorthin und macht Freude. Und genau das ist mir heute passiert. Ich kann das nur empfehlen, denn diese Herangehensweise an das daily life schenkt eine Seelenruhe, von der ich immer geträumt habe. Am Sonntag hatte ich sie das letzte Mal, heute wieder. Es wird schon...immer öfter.

Kommentare  
# Jo Andrea 2018-03-30 09:07
Ach, Mütter und generell Verwandte sind doch immer schwierig :)
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# magclaudiadabringer 2018-04-27 14:06
sie sind ganz grossartige spiegelungen dessen, was man oft vor sich selbst verstecken moechte. abgesehen davon lebt es sich leichter, wenn man dem gegenueber stets gute absichten attestiert - doch zu dieser einstellung kommt man auch erst mit der zeit. danke fuer ihren zuspruch & alles liebe
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