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Ich entdeckte diesen Zusammenhang schon früh, benennen konnte ich ihn allerdings erst, als ich begann, gezielt zu schreiben, und den Abschluss als Poesiepädagogin am Institut für Kreatives Schreiben in Berlin anstrebte und 1992 auch vollzog.

Dies war das erste (Fern-)Studium und damit Berufsziel, was ich aus ganzem Herzen bejahte. Ich war 100 % motiviert und bin es auch heute noch – nach 26 Jahren beruflicher Praxis als Schreibgruppenleiterin, Poesietherapeutin, Schulgründerin und Coach. Noch immer fasziniert mich der Schreibprozess, besonders der intuitive, also der, den ich vorher nicht plane. Ich rege dazu an, und das sagt sich leichter, als es getan ist, sich beim Schreiben vom Stift leiten zu lassen, vom Herzschlag, vom Atem. Tatsächlich hängen Atemrhythmus und Diktion/Schreibfluss/Text unmittelbar zusammen. Feinsinnige HörerInnen und LeserInnen können am Atemrhythmus den Schreiber identifizieren: Das heißt, es handelt sich um etwas im höchsten Maße Subtiles, kaum in Worte Fassbares. Und dann gibt es Menschen, die glauben, Maschinen könnten Übersetzungen anfertigen, die den lebendig atmenden, sich auf die Sprache des Autors einschwingenden Übersetzer überflüssig machten? Nie im Leben – und Gott sei Dank – wird das möglich sein, nicht jedenfalls für diejenigen von uns, die Literatur erkennen können und lieben.
Der Lehrer, der das Kreative Schreiben in Deutschland erforschte, selber betrieb (in seinen Büchern) und lehrte, Prof. Lutz von Werder, wusste, was er selber so schätzte: Schreiben verlangsamt das Denken. Herrlich! Welch befreiende Botschaft! Daher kommt es, dass meine beiden am meisten geschätzten amerikanischen Schreiblehrerinnen sagen (auf einer Kassette, im Dialog), dass Schreiben die westliche Art der Meditation sei. Wie interessant! Die, die das behaupten, sind beide Workshopleiterinnen des Kreativen Schreibens und Buchautorinnen: Natalie Goldberg und Julia Cameron.
Wenn Menschen wie ich, die tägliches Schreiben gewohnt sind, die also über Schreibpraxis verfügen, nicht genügend Raum haben, um dies zu pflegen, dann werden sie unleidlich. Auf der einen Seite erfordert Schreiben ein gewisses Maß an sozialem Rückzug, bei manchen mehr, bei anderen weniger, andererseits sind sie dann wieder sozial verträglicher, diese schreibenden Wesen, wenn sie aus der Schreibstube heraustreten. Wie oft habe ich dergleichen gehört, von Berufsschriftstellern wie auch von ‚Nur-für-mich-Schreibenden‘! Schreiben stellt Intimität her, zu mir, zum Leben, zum Göttlichen (wenn ich dafür offen bin), steigert also die eigene Lebendigkeit, die Verbindung (re-ligio) zu dem, was zählt. Und da Schreiben auch Kommunikation ist, die Meditation der Kommunikation, stifte ich eventuell noch eine besondere Beziehung, indem ich das gerade Geschriebene an eine Freundin verschenke oder es an ein anonymes Publikum richte.
Texte wie dieser und viele andere vermögen wiederum eine andere Seele – oder mehrere – tief zu berühren, sie emporzuheben. Ich erlebe diese Intensität in allen meinen Schreibgruppen.
Was daran ist nun kontemplativ? Ich weiß es nicht. Bitte hilf mir, es zu erforschen: Das Geheimnis des Schreibens.

Fotos©pixabay.com

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