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Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen. Haben Sie diesen Spruch schon gelesen? Wie privilegiert sind wir doch, ob uns die Zeilen gefallen oder nicht, etwas so harmlos, schulterzuckend auszudrücken, was für andere Menschen zum bitteren Existenzkampf werden kann!

> Liebe ist der Wunsch, dass alle empfindsamen Wesen sich des Glücks erfreuen und nie ganz vom Glück getrennt sein mögen < Dalai Lama
Er saß bewegungslos und blickte auf das Wasser hinaus. Von dort war er gekommen, in einem kleinen Boot, das eher einer Nussschale glich. Es war ein Wunder, dass er die Küste erreicht hatte. Alle hatten es nicht geschafft. Sein Herz krampfte sich zusammen, wenn er daran dachte.

– aushalten – durchhalten – weitermachen –

Früher, in der Heimat, hielt ihn die Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Leben gefangen. Er wollte dem Elend und der Barbarei entkommen. Lange musste er warten, ehe sich eine Möglichkeit bot, ehe er das notwendige Geld beisammenhatte.

– aushalten – durchhalten – weitermachen – 

Er wusste, dass es gefährlich sein würde, wappnete sich und war doch nicht vorbereitet auf die Ungeheuerlichkeiten und die Entbehrungen, die seine Odyssee mit sich brachte, erlebte Dinge, die in seinen Träumen nicht vorgekommen waren. Manche Bilder brannten sich für immer tief in seine Seele ein.

– aushalten – durchhalten – weitermachen –

Bei seiner Ankunft im fremden Land gab man ihm eine Decke, fragte ihn nach seinen Papieren, die er längst verloren hatte. Man hieß ihn nicht willkommen, doch erhielt er einen Schlafplatz in einem großen Zelt, inmitten anderer, deren Sprache er nicht verstand.

– aushalten – durchhalten – weitermachen –

Er bekam Magenschmerzen von dem ungewohnten Essen und sehnte sich nach den Speisen seiner Heimat. Er fror und erhielt aus einer Kleiderkammer eine abgetragene Jacke. Sie wärmte seinen Körper, aber nicht die Kälte in seinem Inneren. Sein wertvollster Besitz war ein altes Handy. Wenn er mit seiner Familie sprach, weit entfernt von ihm, hörte er die Angst in ihren Stimmen und unterdrückte seine eigene, zeigte sich zuversichtlich, sie bald nachholen zu können. In seinen nächtlich wiederkehrenden Albträumen hörte er sie verzweifelt nach ihm rufen.

– aushalten – durchhalten – weitermachen –

Und er suchte weiter nach den freundlichen Menschen, die ihm im Fernsehen zugewinkt hatten. Irgendwo mussten sie doch auf ihn warten!
Die Zeit verstrich, ohne dass sich viel änderte. Er spürte, wie sich Schmerz und Zorn in seinem Inneren vermählten, während er von einer Unterkunft zur anderen geschickt wurde, von einer Behörde zur nächsten.

– aushalten – durchhalten – weitermachen –

Wenn er es nicht mehr aushalten konnte, das Durchhalten, ging er zum Hafen und schaute über das Wasser, über das er einst gekommen war, und zweifelte am Sinn des Weitermachens.


Wo finden wir diesen Mann? Es könnte überall sein, leicht abgewandelt zu allen Zeiten. Doch wir finden ihn vor allem im Hier und Jetzt!
Lassen wir ihn nicht umsonst warten und heißen wir ihn bei uns willkommen. Auf dass sein Schmerz und sein Zorn zurückfließen wie das Meer bei Ebbe und mit der aufsteigenden Flut nicht wieder zurückkehren. Dass schließlich das Aushalten, das Durchhalten, das Weitermachen nicht umsonst gewesen sind und sich – wer weiß – eines Tages als Segen erweisen werden.

Fotos © pixabay.com

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