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Die Faschingszeit nähert sich und vielerorts werden Menschen in unterschiedlichsten Verkleidungen und Masken unterwegs sein. Doch hat es nicht manchmal den Anschein, als trügen wir, ohne uns dessen bewusst zu sein, auch außerhalb der närrischen Zeit eine Maskerade?

Leichtfüßig tritt sie aus der Tür, eilt die steinernen Stufen zum alten Brunnen hinab. Sie trägt ein zartes, weißes Kleid und ihre Füße scheinen über das Pflaster zu fliegen. Ihr Gesicht liegt zur Hälfte hinter einer hellen Maske verborgen. Etwas Geheimnisvolles umgibt sie. Ihr Mund kann nicht aufhören zu lächeln. Ihr ganzes Wesen sprüht vor freudiger Erwartung. Als sie am Brunnen angelangt ist, lässt sie ihre Hand spielerisch in das Wasser gleiten und springt mit einem kleinen Aufschrei zurück, als sich eine plötzlich aufsteigende Wasserfontäne mit sanftem Strahl über sie ergießt. Funkelnde Tropfen zerstäuben im Sonnenlicht. Lachend dreht sie sich mit ausgebreiteten Armen im Kreis. „Welch herrliche Erfrischung!“, ruft sie. „Wie liebe ich das Leben und alles, was es mit sich bringt!“

Die Hoffnung trägt sie durch die engen Gassen. Ihre Blicke gleiten über die Menschen, die ihr begegnen. Die Augen hinter der grünen Maske erscheinen unruhig, suchend.
Warum ist er nicht gekommen? Was hat ihn aufgehalten? Er wird bestimmt noch kommen! In freudiger Erwartung streicht sie über die Falten ihres grünen Kleides. Sie läuft weiter, lässt die Häuser hinter sich. Auf einer Anhöhe sinkt sie auf eine Bank. Ein knorriger Baum spendet ihr Schatten. Von hier aus bietet sich ein guter Ausblick über die Stadt und den Weg, den er früher oder später entlangkommen muss. Ruhe breitet sich in ihr aus. Die Gewissheit, dass sich alles zum Besten wenden wird. Sie weiß es genau! Die Rastlosigkeit ist verschwunden. Sie dreht den Kopf, das Gesicht hinter der Maske verborgen, hoffnungsvoll in die Richtung, aus der er herbeieilen wird. 
Ihr Herz ist in Aufruhr, hämmert in der Brust. Sie kann kaum atmen, Seufzer über Seufzer fließt aus ihrem Inneren. Dass man so glücklich sein kann! Sie streicht sich die Haare aus dem von einer roten Maske bedeckten, erhitzten Gesicht. Die Augen dahinter scheinen zu sprühen, der Mund ist leicht geöffnet. Von Liebe und Leidenschaft überwältigt, bewegt sie sich wie im Traum. Von Ferne erklingt Musik, sie ergreift den Rock ihres roten Kleides und tanzt mit einer Wildheit, die sie nie in sich vermutet hätte und die sie noch atemloser werden lässt. In Gedanken spürt sie dem Geliebten nach, wiegt sich noch einmal in seinen Armen, vergegenwärtigt sich erneut sein Lächeln, seine Küsse, seine Zärtlichkeiten. Ein Schauer durchfährt sie und Leidenschaft und Sehnsucht erfüllen sie.

Unten am Strand denkt sie: „Wie schön das Meer heute aussieht!“ In ihrem blauen Kleid hebt sie sich kaum von seiner Farbe ab. Sie lässt sich auf dem hellen Sandstrand nieder und der Stoff breitet sich wie ein See um sie aus. Das Gesicht, hinter einer blauen Maske verborgen, hält sie dem frischen Wind entgegen. Sie fühlt sich ruhig, zuversichtlich. Am liebsten flöge sie mit den Möwen um die Wette, hin zu ihrem Liebsten, der fortmusste. Sie vertraut auf seine Treue und seine Rückkehr. Träumend malt sie sich das Wiedersehen aus und ihr wird heiß vor Freude. Barfuß will sie mit ihm über den Strand laufen, atemlos niedersinken, sich an ihn schmiegen, einfach glücklich sein. Sie kann nicht länger warten, springt auf und eilt zu ihm.

Bitterkeit erfüllt sie, steigert sich zu Hass und Wut, lässt sie die spitzen Steine unter den nackten Füßen kaum spüren. Übelkeit breitet sich in ihr aus. Hilfesuchend greift sie ins Leere. Am liebsten risse sie ihr gelbes Kleid in Stücke, besser noch ihn, der sie betrogen hat. Doch er ist fort. Wie schnell war er mit der Anderen davongegangen, ohne sich noch einmal umzusehen! Eifersucht hält sie mit spitzen Krallen gepackt. Neid auf die Andere würgt sie gallenbitter. Ihr Gesicht hinter der gelben Maske ist verzerrt, die Lippen sind zusammengepresst, die Mundwinkel herabgezogen. Sie kann kaum atmen, schreien möchte sie, nein, laut kreischen! Sie weiß nicht, wohin sie sich wenden soll. Tränen der Wut schießen in ihre Augen und blind irrt sie umher.

Im Park wird es langsam kühl. Graziös verneigt sich der Tag, überlässt dem Nachttau das Revier. Ermattet liegt sie im Gras. Ihr Gesicht ist nicht mehr hinter einer Maske verborgen. Es wirkt verletzlich, zeigt wechselnde Gefühlsregungen. Ein zitterndes Lächeln liegt um ihren Mund, auf den Wangen kann man Tränenspuren erkennen. Sie erhebt sich, streicht den Rock glatt, fährt sich durch die zerzausten Haare. Ihr Gesicht fühlt sich nackt an ohne Maske, aber auch frei. Sie kann sich kaum daran erinnern, warum sie das Gesicht verborgen gehalten hat. Nun kann man ihre Gefühle offen erkennen. Es ängstigt sie nicht mehr und beschämt sie auch nicht. Mit erhobenem Blick tritt sie der Welt entgegen und die Farben ihrer Kleider wechseln sich ab. 

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