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In der kalten Jahreszeit treffen wir wieder vermehrt auf sie, sitzend oder liegend suchen sie Schutz vor der Kälte.

Hell schimmert der Euro auf der schwieligen, schmutzigen Handfläche. Selbst für den billigsten Kaffee reicht er nicht. Das Gesicht der jungen Frau, die ihm die Münze geschenkt hat, blitzt vor ihm auf. Sie hat gelächelt, Mitgefühl im Blick. Für einen kurzen Moment fühlte er sich wieder wie einst, vor lange zurückliegender Zeit. Nun kennt er nur noch Verachtung, vielleicht Mitleid, am häufigsten Gleichgültigkeit. Die Erinnerung an den Blick wärmt ihn für einen Sekundenbruchteil, dann sinkt er wieder in die gewohnte Dumpfheit zurück.
Es ist Dezember. Die Menschen haben es eilig. Sie wollen ihre Einkäufe erledigen. Wie durch eine unsichtbare Wand getrennt hasten sie an ihm und seiner bittend ausgestreckten Hand vorbei. Ihm ist kalt. Er schlingt den durchlöcherten Schal fester um den Hals, zieht die Mütze mit den Ohrenklappen tiefer ins Gesicht.
Umständlich sucht er mit geschwollenen Fingern in seiner Manteltasche nach den übrig gebliebenen Cent-Münzen vom Vortag. Das müsste für einen Kaffee reichen. In den viel zu großen und kaputten Schuhen müht er sich mit schleppenden Schritten zum Kiosk an der Ecke. Widerwillig brummend nimmt der Besitzer sein Geld in Empfang. Die gemurmelten Worte „Mit viel Milch und viel Zucker“ überhörend, reicht er den dampfenden Becher Kaffee mit jeweils einer Portion von beidem durch das Fenster. „Und nun hau ab, du vertreibst mir die Kunden.“ Der Mann, dem die Worte gelten, registriert sie kaum, zu gewohnt klingen sie. Den Pappbecher mit dem Kaffee in der einen Hand geht er schwerfällig davon. Mit der anderen zieht er eine abgenutzte Einkaufstasche auf Rädern hinter sich her. Plastiktüten sind notdürftig mit Kordeln an ihren Seiten festgebunden. Hier ist sein ganzer Besitz verstaut.
Er findet eine Parkbank. Sie ist mit Taubendreck beschmutzt, die Farbe ist abgeblättert. Sein abgetragener Mantel saugt alles auf. Zusammengesunken sitzt er da, den Becher fest umklammert. Der Kaffee tut gut, wärmt die Finger, weckt aber auch ein bohrendes Hungergefühl.
Plötzlich liegt ein Duft nach Tannen und Harz in der Luft. Ein Mann schleppt schwitzend einen großen Weihnachtsbaum vorbei. Flüchtig spürt der Alte eine Erinnerung aufsteigen, um sie gleich wieder zu vergessen.

In seiner Nähe befindet sich ein kleines Café. Brennende rote Kerzen im Fenster verbreiten ein warmes Licht. Hinter den Scheiben sieht er die anderen sitzen, lachend, essend, trinkend. Menschen, mit denen er sich nicht mehr verbunden fühlt. Menschen, die Glück gehabt haben im Leben. Nicht so wie er. Früher hat er einmal dazugehört. Erinnern kann er sich kaum, wann das war. Immer wieder öffnet sich die Eingangstür und mit Tüten und Päckchen beladene Gäste kommen heraus oder gehen hinein.
„Mit Schnee wird’s wohl nichts werden dieses Jahr“, sagt eine Frau zu ihrem Begleiter, als sie den Blick schnell abwendend an seiner Bank vorbeieilen. „Hast du eigentlich das Fleisch bestellt?“ „Natürlich habe ich das!“, sie klingt beleidigt. „Kümmere du dich mal lieber um die Getränke.“ Ihre Stimmen verlieren sich im Gedränge.
Auf der anderen Straßenseite drücken Kinder ihre Nasen an den Fensterscheiben des weihnachtlich geschmückten Kaufhauses platt. „Mama, schau, das will ich. Und das und das und das!“ Ungeduldig ziehen die Erwachsenen die Kinder weiter. Hören nur mit halbem Ohr auf die nicht enden wollenden vorgebrachten Wünsche. Zu sehr sind sie mit ihren eigenen beschäftigt, bleiben oftmals selbst vor den Auslagen stehen. Wie wunderschön und verführerisch alles glitzert! Über Lautsprecher erklingen die bekannten Weihnachtslieder, auf die keiner mehr hört. Das Reisebüro wirbt mit Flügen in die Karibik. Der Buchladen nebenan bietet die passende Reiselektüre. Oder sollte man doch lieber in den Schnee fahren? Das ist immer so romantisch. Mit den Kindern? Die geben wir zu Mutter. Einmal im Jahr darf man wohl ohne sie ausspannen. So mag es manchen Erwachsenen durch den Kopf gehen. Dann bleiben sie meist doch zu Hause, sorgen sich um das Festessen, kaufen Geschenke in letzter Minute. Obwohl sie sich viel Mühe beim Auswählen geben, werden diese oft gleichgültig zur Seite gelegt. So fragen sich viele zum wiederholten Male: „Warum beschenke ich eigentlich Menschen, die schon alles haben?“
Den Alten kümmert das nicht. Mit schlurfenden Schritten macht er sich wieder auf den Weg – zu einer Obdachlosenunterkunft oder zur nächsten Parkbank. Er trottet in die aufkommende Dunkelheit hinein, ist bald nicht mehr zu sehen. Wie ausgelöscht, als hätte es ihn nie gegeben.
Es ist der 23. Dezember. Die Nacht vor dem Heiligen Abend.

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