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Spiritualität ist eine Lebensform, also etwas, das mich und meinen Alltag bestimmt, dachte ich, als ich vor dem Bücherkasten auf der Suche nach meinem spirituellen Lieblingsbuch stand.

Nachdenklich musterte ich die ziemlich vielen und vielfältigen Buchrücken, die da aufgeteilt auf die verschiedenen religiösen Traditionen auf mich warteten. Sollte es die „Wolke des Nichtwissens“ sein, eine Meditationsanleitung eines anonymen englischen Kartäusers aus dem 14. Jahrhundert? Oder „Zen- Geist, Anfänger-Geist“, die unübertroffen einfache und tiefgründige Anleitung zur Zen-Praxis des zeitgenössischen Zen-Meisters Shunryu Suzuki? Oder „Spiritueller Materialismus“ von Tschögyam Trungpa, dem kontroversen tibetischen Rinpoche? Die Liste ließe sich fortsetzen, denn es gibt eine ganze Reihe von Büchern, die mich im Laufe der Jahre inspiriert und begleitet haben. Wenn allerdings Spiritualität das ist, was meinem Leben dauerhaft die Ausrichtung und den Takt vorgibt, dann taugen alle Bücher nichts. Spiritualität ist eine dauerhafte Praxis des Loslassens, des Selbstlos-Werdens, die einem niemand und auch kein Buch abnehmen kann. Mein Blick glitt über die Ecke mit den Romanen und dann zur Abteilung Philosophie. Wer vermutet, dass es sich um einen umfangreichen Bücherkasten handelt, hat Recht. Doch nirgendwo fand ich ein Buch, das „mein spirituelles Lieblingsbuch“ wäre. Etwas entmutigt ging ich zum Schreibtisch, um diese Erfahrungen aufzuzeichnen. Mein Blick fiel auf eine kleine, von Amnesty International herausgegebene Broschüre: „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, einfach eine Auflistung der 1948 von der UNO beschlossenen Menschenrechte. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ - so beginnt Artikel 1. Artikel 2 verbietet die Diskriminierung aufgrund irgendwelcher Unterscheidungen - seien es Religion, Rasse, Geschlecht oder Herkunft. Die Erklärung der Menschenrechte schreibt fest, wonach sich privates und öffentliches Handeln orientieren sollen, damit Menschen miteinander menschenwürdig und in Freiheit leben können. Das betrifft auch das Recht auf Arbeit und gerechte Entlohnung, das Recht auf Asyl, auf soziale Sicherheit usw. Ich lese die Erklärung der Menschenrechte als eine Ethik der Spiritualität. Weil sich klassische spirituelle Praktiken aus historischen Gründen auf die „Innerlichkeit“ konzentrieren, kann aus einer spirituellen Praxis leicht eine Kuschelecke werden. Die Erklärung der Menschenrechte zeigt die Dimensionen auf, in denen heute spirituelle Praxis gelebt werden muss, wenn sie nicht pervertieren soll.

Dr. Ursula Baatz, ORF-Redakteurin, Religionslehrerin, Lehraufträge an der Universität Wien, Mitherausgeberin von „Polylog - Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren“, Autorin mehrerer Fachwerke, unter anderem von „H.M. Enomiya-Lassalle. Ein Leben zwischen den Welten”.

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