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Mein Leben ist wie ein Fest. Es kommen viele geladene, gern gesehene Gäste. Doch kommen auch die anderen, nicht geladenen, mir im höchsten Maße unerwünschten. Sie behaupten, dass sie zur Familie gehören, einen Anspruch haben, dabei zu sein. Ich werde sie nicht los. Sie sind hartnäckig. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich mit ihnen abzufinden, sie hereinzubitten zu meinem Fest.

Da sitzen sie an meiner Tafel! Die Eifersucht hat sich in der Nähe der Liebe einen Platz gesucht. Freizügigkeit und Geiz rücken lieber auseinander. Ungeduld und Gleichmut schauen sich prüfend an. Wer hält es länger aus? Hunger und Gier balgen sich um das Dessert.
Die Langeweile gähnt die Unruhe an, die längst einen Stuhl weiter rücken möchte. Mitgefühl und Mitleid treten in Konkurrenz. Die Zufriedenheit sitzt mit der Stille eng zusammen; sie mögen sich, das kann man sehen. Die Wut kann sich nicht beherrschen und brüllt der Sanftmut ihre Untreue ins Gesicht.
Die Hoffnung flüstert der Verliebtheit zärtlich ins Ohr: „Oh, wie gut steht dir dein rosarotes Kleid. Ich werde dich lieben alle Zeit!“ Die Gleichgültigkeit zeigt Desinteresse und reicht der Empathie nicht mal die Hand. Das Leid sieht niemand gerne kommen, keiner möchte sein Nachbar sein. Dann erbarmt sich die Verlassenheit und hüllt es ein in Schweigen.
Ich sehe die Verletztheit mit der Empfindlichkeit diskutieren, wer denn wohl die Sensiblere sei. Unwissenheit und Dummheit streiten, wer von beiden die Klügere wäre. Die Schwäche ergreift die Hand der Kraft. Zusammen betreten sie den Raum, alleine hätte sie es nicht geschafft.
Die Kälte wärmt sich am Kerzenlicht. Der Kummer, ganz verstummt, pflegt keinerlei Unterhaltung. Sein Bruder Schmerz versucht sich zu verbergen, doch die Teilnahme hat ihn bereits entdeckt und den Trost gleich mitgebracht.
Der Jähzorn schaut mal hier, mal dort vorbei und fürchtet sich vor Unterdrückung. Hass und Neid verbrüdern sich verdeckt, vor allen Blicken. Die Begierde kann ihre Augen nicht von der Lüge lassen, so hübsch wirkt sie in ihrem schillernden Gewand.
Der Mut tanzt mit der Verrücktheit einen schnellen Reigen. Die Feigheit dagegen lehnt mit dem Zweifel an der Wand. Die Ausgelassenheit bekommt vom vielen Lachen Schluckauf. Die Enthaltsamkeit sitzt mit der Traurigkeit am Rand.
Toleranz und Brüderlichkeit umarmen sich erfreut. Ehrlichkeit und Offenheit gehen Hand in Hand. Die Vernunft beklagt sich bitterlich über kalte Füße. Die Spontaneität tanzt wie ein Wirbelwind, um alle zu begrüßen.

Der Stolz zeigt mit der Tapferkeit erworbene Medaillen. „Betrug, Betrug!“, ruft lautstark der Verrat. Die Freundschaft fühlt sich einer Ohnmacht nahe. Der Verlust bricht in Tränen aus.
Die Angst fürchtet sich vor dunklen Ecken, vor Krankheit, Tod und vielem mehr. Die Freundlichkeit erscheint, um sie zu necken. Die Güte und der Edelmut sprechen von vergangenen Zeiten. Die Trauer trägt ein schwarzes Kleid und hat sehr schmale Wangen.
Die Eitelkeit spiegelt sich in bewunderndem Entzücken. Der Hochmut sitzt nicht weit von ihr, verschlingt sie mit den Blicken. Die Einsamkeit trifft die Geborgenheit, nach der sie sich lang sehnte. Die gute Laune und die Fröhlichkeit, die trinken Brüderschaft.
So langsam verliere ich den Überblick. Das sind noch längst nicht alle Gäste! Da streift mich zart die Sehnsucht, nimmt liebevoll meine Hand und zieht mich hin zur Freude. Sie steht dicht neben der Dankbarkeit, die hatte ich ganz vergessen. 
Und da sehe ich auch das Glück, entspannt zurückgelehnt, im Sessel sitzend. Es wartet ohne Eile darauf, entdeckt zu werden. Ich winke ihm kameradschaftlich zu.
So will ich mit dem Fest beginnen, alle Gäste mögen mir willkommen sein! Doch manche sehe ich lieber, die anderen mögen es mir verzeihen.

Kommentare  
# Wanchai Ngamboonjit 2017-11-29 14:09
High and low , the life is so !
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