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Ich weiß noch, dass ich den Inhalt keineswegs verstand, aber dass er mich in einer seltsamen Weise anrührte, und durch etliche Zeit hindurch, als ich das Gelesene immer noch nicht genau verstand, verschenkte ich dieses Buch an Menschen, die mir teuer waren.

In meiner Bibliothek ist das kleine, schlicht gehaltene Bändchen auf Anhieb kaum zu finden. Unauffällig verraten schmale goldene Buchstaben auf seinem Buchrücken: Herrigel / Zen in der Kunst des Bogenschießens.
Wie das Büchlein zu mir gelangt ist, weiß ich nicht mehr. Es ist aber meiner Erinnerung nach das erste, das ich zum weiten Themenkreis Bewusstsein und Spiritualität gelesen habe. Ich hatte, als ich es las, weder in meiner Familie, die solchem Gedankengut katholisch-bigott gegenüberstand, noch sonst wo von Themen dieser Art etwas gehört, wusste nicht, was das Zen bedeutet, war noch von keinem geistigen Lehrer hingeführt worden. Ich weiß noch, dass ich den Inhalt keineswegs verstand, aber dass er mich in einer seltsamen Weise anrührte, und durch etliche Zeit hindurch, als ich das Gelesene immer noch nicht genau verstand, verschenkte ich dieses Buch an Menschen, die mir teuer waren. Später, als ich spirituellen Lehrern und Themen begegnet war, begann sich mir der Inhalt zu erschließen, und bis heute gehört das Buch zu den Wenigen, die ich von Zeit zu Zeit wieder hervorhole, um passagenweise darin zu lesen.
Der Inhalt dieses Klassikers darf vorausgesetzt werden: Deutscher Philosophieprofessor auf unbefriedigender Suche nach Mystik und in der Erkenntnis, „dass es keinen anderen Weg zur Mystik gibt und geben kann, als den des eigenen Erfahrens und Durchleidens, und dass, wenn diese Voraussetzung fehlt, alle Rede davon bloßes Wortemachen ist“, nimmt Mitte der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts das Angebot, an der Kaiserlichen Tohuko-Universität in Japan die Geschichte der Philosophie zu lehren, an und beginnt, quasi als Vorschule und Annäherung zum Erkennen des Zen, beim berühmten Bogenmeister Kenzo Awa die Unterweisung in der sogenannten Kunst des Bogenschießens. Und um nichts anderes als um die Darstellung dieser Kunst will es dem Autor dabei gehen, bis „an die Stelle, von der aus jene fernsten Horizonte sichtbar zu werden beginnen, hinter denen das Zen atmet“.
So schildert dieser Bericht, oberfächlich gesehen, die Verwirrungen, die Überwindung von Widerständen, die Lösung von Hemmungen, bevor es dem Autor gelingt, in den Geist der Großen Lehre einzudringen, und dabei schuf Herrigel eines der wichtigsten Bücher über das Unsagbare, und immer neu erstaunt mich dabei die Zeitlosigkeit des Buches und seine nachgerade verblüffende Aktualität und Nähe zu den brennenden Themen der Gegenwart.
Dazu mag auch die etwas altertümlich anmutende und fast literarische Sprache beitragen, die in heute ungewohnter Genauigkeit und Verständlichkeit innere Vorgänge zu schildern, vom Meister selbst für unbeschreibbar Gehaltenes in die Nähe von Begreifbarkeit zu rücken imstande ist - etwa die harmonische Angleichung des Bewusstseins mit dem Unbewussten, die absichtslose Zielgerichtetheit, die Kunst des Sich-selbst-Vergessens bei gleichzeitig geschärftestem Geisteszustand, die absichtsvolle Absichtslosigkeit, die Zielgenauigkeit, ohne gezielt zu haben.
Ein Lebensbuch!

Miguel Herz-Kestranek ist Autor und Schauspieler. Im Jahr 2011 erschien sein Buch 'Die Frau von Pollak oder: Wie mein Vater jüdische Witze erzählte. Mehr erfahren Sie unter: www.herz-kestranek.com

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